Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 2

(rk) Nachdem wir in unserer letzten Ausgabe über die Sperre der ersten Schalker Mannschaft im Jahre 1930 und den Selbstmord des Schalker Schatzmeisters Willi Nier berichteten, wollen wir heute Licht ins Dunkel des zweiten großen Schalke-Skandals bringen. Nach dem bisher letzten Meistertitel im Jahre 1958 zogen dunkle Wolken über den Schalker Markt…

Meister und Kohlekrise

Die Jahreszahl 1958 steht auf den Schalke-Wimpeln für die bisher letzte errungene Meisterschaft. Die Knappen um Mannschaftskapitän Berni Klodt mußten im Endspiel im Niedersachsenstadion zu Hannover gegen den Hamburger SV antreten. Doch die Truppe um Uwe Seeler hatte nicht den Hauch einer Chance. Als es bereits zur Halbzeit durch zwei Treffer von Berni Klodt 2:0 hieß, wurde in St. Joseph, Schalke, von Pfarrer Kohle sogar die nachmittägliche Andacht unterbrochen, um das Ergebnis durchzugeben. Und am Ende stand es durch einen Treffer von Manni Kreuz sogar 3:0. Zum siebten Male war Schalke Deutscher Meister und zog mit dem damaligen Rekordmeister 1. FC Nürnberg gleich.

Das Jahr 1958 steht aber auch für den Beginn der Kohlekrise. Durch das Vordringen billiger Kohle aus Amerika und wegen der Umstellung auf das günstigere Erdöl kam es zur Absatzkrise; 40 Mio. Tonnen lagen bereits 1959 auf Halde. Erste Zechen mußten stillgelegt werden, das gesamte Revier bekam dies zu spüren. In den kommenden dreißig Jahren wurden über hundert Zechen stillgelegt. In Gelsenkirchen wurde 1959 die erste Feierschicht gefahren. Nicht nur auf Schalke waren die Zechen immer weniger in der Lage, als Sponsor des Vereins aufzutreten. Immer mehr nahmen die Funktionsträger der Städte die Rolle der Zechenvertreter ein.

100 Meter in 11 Sekunden

Auch bei Schalke war dies der Fall. Seit 1958 war mit Dr. Georg König der Stadtkämmerer Vereinsvorsitzender des FC Schalke 04. Dr. König war ein sehr geschätzter und einsichtiger Mann, dem man es durchaus zutraute, Schalke in eine gute Zukunft zu führen. Außerdem war er selbst alter aktiver Sportler, guter und begeisterter Handball- und Fußballspieler und zu seiner Zeit ein talentierter Leichtathlet (als 17jähriger lief er die 100 Meter in 11,0 Sek.). Als dem Oberleutnant der Fallschirmtruppe bei der Ardennenoffensive allerdings ein Unterschenkel abgerissen wurde, waren weitere sportlichen Träume ausgeträumt. Bei seiner Wahl zu Schalkes Vorsitzenden gab es Schwierigkeiten, da er selbst gar nicht anwesend war. Man hatte ihn durch eine Panne gar nicht benachrichtigt. Manch einem Schalker war sicher weh ums Herz geworden, als er einsehen mußte, daß niemand aus dem eigenen Verein das Zeug hatte, den Klub in die Zukunft zu führen.

„Lang genug Wiener Schnitzel gefressen”

Trotz des neuen Mannes an der Vereinsspitze konnte Schalke sportlich das Niveau der Meistersaison nicht halten. Hansi Krämer, zeitweise als Nationalspieler im Gespräch, ging zurück nach Duisburg. Zwar kam mit Hans Nowak (ursprünglich Nowaschebski) von Eintracht Gelsenkirchen auch ein späterer Nationalspieler hinzu, aber am Ende der Saison 1958/59 stand Schalke auf einem enttäuschenden elften Platz. Der Österreicher Edi Frühwirt, der erste Schalker Trainer, bei dem die Psychologie eine Rolle spielte, wurde wegen Erfolglosigkeit gefeuert. „Wir haben lange genug Wiener Schnitzel gefressen”, soll Ernst Kuzorra gesagt haben. In seiner Doppelfunktion als Vorsitzender des Vereins und Kommunalbeamter mußte König dafür sorgen, daß Schalke 04 der Stadt in vorzüglicher Verfassung erhalten blieb. Die Zeiten, in denen die Königsblauen unter Szepan und Kuzorra dem kleinen Mann durch die Erfolge der Mannschaft eine Art ideeller sozialer Befreiung von den Alltagssorgen gab, waren aber vorbei.

Die gemeinsame Überwindung der Nazi-Zeit, des Krieges und der Kriegsfolgen hatte dem Wirtschaftswunder Platz gemacht, Hunger und Not waren überstanden – doch Schalke war schließlich Gelsenkirchens Aushängeschild geworden. Die Stadt hatte mit dem Verein Schalke 04 ihre einzige Fremdenattraktion. Das gilt im übrigen auch noch heute uneingeschränkt. Schalke 04 mußte also, koste es was es wolle, mit seiner Tradition als Basis kommender Leistungen erhalten bleiben. Im Augenblick aber war die Mannschaft wieder mal im Umbau. Hermann Eppenhoff, Walter Zwickhofer, Paul Matzkowski, die das Rückgrat der Schalker Nachkriegself bildeten, waren längst abgetreten. Berni Klodt, inzwischen weit über dreißig, wollte und konnte nicht mehr. Er hatte inzwischen eine Wirtschaft am Schalker Markt übernommen, die für die Spieler und Schalker Anhänger ein Ersatz für „Mutter Thiemeyer” wurde.

Im Doppelpack

Wenn die anstehenden Aufgaben gelöst werden sollten, dann mußte Dr. König im trüben Teich des deutschen Fußballs mitfischen. Und er fischte mit. Zunächst war da in Wattenscheid, im unmittelbar an Gelsenkirchen grenzenden Vorort Günnigfeld, ein Amateur-Nationalspieler namens Willy Schulz aufgetaucht. Dr. König erfuhr, daß der damalige BVB­Trainer Max Merkel, oft genug in der elterlichen Kneipe von Willy Schulz verkehrte. Also bot er 25000 Mark, 5000 mehr als die Borussia, und Willy Schulz unterschrieb bei den Königsblauen. Daß aus diesem schlaksigen, leicht o-beinigen Kicker später „Worldcup-Willy” wurde, konnte damals noch niemand ahnen. Der zweite Streich ging um den Karlsruher Herrmann, ein ausgezeichneter Sturmführer, ein Reißertyp mit großer Übersicht. Da er aber für die vom DFB gestattete Ablösesumme von 50000 Mark nicht zu bekommen war, ging man auf Schalke einen neuen Weg. Man erfand das „Kopplungsgeschäft”, das heißt, man bezahlte für zwei Stürmer und wollte nur einen. Mit Herrmann übernahm man den Durchschnittsspieler Lambert und bezahlte für den „Doppelpack” 100000 Mark. Dieser Coup löste einen ungeheuren Wirbel aus. Er verstieß zwar nicht gegen die DFB­Statuten , wurde aber dennoch als eine glatte Schiebung angesehen. Der DFB bestrafte Schalke später dafür auch mit einem Abzug von vier Punkten, war aber gezwungen, die Strafe in der Berufung wieder zurückzunehmen. Ähnlichen Wirbel gab es um den Aschaffenburger Stopper Horst, um dem sich etliche weitere Vereine bemühten. Als er endlich bei Schalke unterschrieben hatte, versteckte man ihn, bis der Termin der Ablösemöglichkeiten verstrichen war. Schalke mimte den Unschuldigen.

Die Bundesliga kommt

Inzwischen hatte die Einführung der Bundesliga feste Formen angenommen. Man mußte dafür sorgen, daß man in der Oberliga einen guten Platz fand, um sicher in der Bundesliga zu landen. Dr. König war zwar gezwungen, in der Vereinsverwaltung zu sparen, aber trotzdem mußte die Mannschaft intakt bleiben. Man hatte sich weiter verstärkt oder glaubte es getan zu haben. Aus Berlin kam der Ex-Nationalrechtsaußen der DDR, der Oberleutnant der Volksarmee Horst Assmy, und aus Köln der Stürmer Klaus „Zick Zack” Matischak. Im letzten Oberligajahr erreichte Schalke den sechsten Platz. Nach jahrelangem Hickhack beschloß der DFB­Bundestag schließlich die Einführung der Bundesliga.

Praktisch änderte sich überhaupt nichts, obwohl die Ablösesummen verdoppelt und die gestatteten Spielerbezüge höher wurden. Außer den Prämien für Sieg oder Unentschieden sollte ein Lizenzspieler nicht mehr als 2000 Mark verdienen. Auch die Handgelder wurden beschränkt, aber das stand alles nur auf dem Papier. Die Vereine, die sich um die Bundesligateilnahme bewarben, mußten ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 35000 Zuschauern, eine Flutlichtanlage, 300000 Mark Jahresumsatz und ein Betriebsvermögen von 200000 Mark vorweisen. Über 40 Bewerbungen lagen dem DFB vor. Es wurde ein Schlüssel gefunden, der alle Erfolge und Tabellenplätze der letzten 13 Jahre berücksichtigte, um zu erreichen, daß die bekanntesten Klubs in die Bundesliga kommen. Ohne diesen Schlüssel hätten sowohl Schalke als auch der 1. FC Nürnberg Schwierigkeiten gehabt, in die neue Liga zu gelangen. Aber eine erste Liga ohne diese beiden Vereine war schier undenkbar.

Die Vorbereitung auf die Bundesliga hatte es in sich. Der Kölner Schnellinger und der Lüdenscheider Schütz waren für sagenhafte Gehälter nach Italien gewechselt, so daß auch die Preise der übrigen Spieler in die Höhe schnellten. Am Schalker Markt war man gehörig in der Klemme, die finanzielle Lage wurde immer bedenklicher. Für Matischak, Horst, Herrmann und Lambert mußte man 200000 Mark aufbringen. Es wurde ein Freundschaftsspiel gegen den brasilianischen Meister FC Santos in Essen auf dem Rasen von Rot-Weiß organisiert. Hiermit wollte man Geld verdienen, doch der Schuß ging nach hinten los, man fiel jämmerlich rein und mußte am Ende sogar noch 70000 Mark draufzahlen.

Griff in die Intrigenkiste

Doch das war alles nichts gegen die damaligen ewigen Anfeindungen und Streitigkeiten innerhalb des Vorstands. Einige, die nicht so recht an den Drücker kamen, machten Schwierigkeiten. Es bildete sich in erster Linie eine Front gegen Dr. König. Da man dem Stadtkämmerer aber mit sachlichen Argumenten nicht beikommen konnte, griff man in die Intrigenkiste. Anstatt in diesen schweren Zeiten wie Pech und Schwefel zusammenzuhalten – wie es bei der Sperre der ersten Mannschaft 1930 der Fall war – erschien der zweite Schalker Kassierer Wilhelm Nittka am 21.9.1961 mit der Abrechnung des Spiels gegen Hamborn 07 beim Gelsenkirchener Stadtdirektor Hülsmann und erklärte, daß Schalke 04 laufend Steuergelder unterschlagen habe und auch sonst nicht seinen öffentlichen Verpflichtungen nachgekommen wäre. Alle Vergehen seien durch Dr. König gedeckt worden. Zunächst gab Nittka an, „die Last der Lüge nicht länger tragen zu können”. Obwohl Nittka seine Behauptungen am nächsten Tag schriftlich zurücknahm, blieb Oberstadtdirektor Hülsmann nichts anderes übrig, als den Fall der Essener Staatsanwaltschaft zu übergeben.

Im Dezember 1961 begann die Steuerfahndung zu ermitteln. Und im Laufe der Zeit kam heraus, daß Dr. König und der erste Schalker Kassierer Asbeck spätestens seit 1959 aus einer schwarzen Kasse 42900 Mark Prämie, 71500 Mark Handgelder und Möbelrechnungen in Höhe von 36300 Mark gezahlt hatten. Das Geld war u. a. durch nicht abgerechnete Eintrittskarten und mit Hilfe von „Stundung” der Vergnügungssteuer durch die Stadt „zusammengespart” worden.

Weil die Stadt diese Manipulation an der Vergnügungssteuer gedeckt hatte, wurden Dr. König und der zuständige Finanzbeamte Wiescherhoff, der noch nie ein Fußballspiel gesehen hatte, vom Dienst suspendiert. Die Verpflichtungen von Schulz und Co. wären ohne diese unerlaubten und unversteuerten Handgelder nicht möglich gewesen. Und auch Handgelder mußten sein, „sonst hätten wir keine Spieler mehr auf den Platz locken können”, gestand Asbeck.

Der Prozeß

Das anschließende Gerichtsverfahren schlug wie eine Bombe ein. Die Denunzianten wußten genau, daß König, um Schalke wieder auf normale Bahnen zu bringen, Kopf und Kragen riskiert hatte. Im übrigen Fußball-Deutschland bekam man etwas kalte Füße, da alle anderen Vereine ihre schwarzen Kassen genauso gefüllt hatten wie Schalke: nicht abgerechnete Eintrittskarten, übertünchte Ausgaben, falsche Belege und Steuerhinterziehung. Etwas anderes blieb den Vereinen auch gar nicht übrig, wenn sie oben mitspielen wollten. Man staunte aber, daß beim berühmten Schalke 04 eine solche Niedertracht innerhalb des Vorstands möglich war, und vor allem wunderte man sich, wie Vorstandsmitglieder so dumm sein konnten, die schwarze Kasse der Staatsanwaltschaft auf dem Präsentierteller zu servieren.

Der Prozeß überschattete den Einzug Schalkes in die Bundesliga. Es dauerte über zwei Jahre, bis die Verhandlung in Essen stattfand. Die Anklage warf sechs Schalker Vorstandsmitgliedern und dem städtischen Steueramtsleiter Wiescherhoff Steuerhinterziehung, Betrug, Urkundenfälschung und Untreue im Amt vor. Eine respektable Liste, wobei

allerdings den Angeklagten bescheinigt wurde, für sich selbst keinen Pfennig veruntreut zu haben. Alles geschah, um Schalke zu helfen. Im Prozeß sagte Nittka dann aus, doch nicht wegen seiner Gewissensbisse ausgepackt zu haben. Vielmehr behauptete er, von seinem ehemaligen Vorstandskollegen und Schlachterbedarf-Großhändler Karl Stutte, Vereinsarzt Dr. Weiler und einem Parteigenossen Königs, Rübenstrunk, dazu erpreßt worden zu sein. Spielobmann Stutte habe sich über König geärgert, weil er seinem Schwiegersohn Otto Laszig keinen neuen Spielervertrag gegeben habe. Der damalige Landtagsabgeordnete Rübenstrunk wäre selbst zu gern Vorsitzender von Schalke geworden, weil er damit im Landtag besonderes Gewicht bekommen hätte, und Weiler war wütend, weil König seine finanziellen Bezüge kürzen wollte. Nittka selbst wollte sich rächen, weil ihm als ersten Schatzmeister Hans Asbeck vor die Nase gesetzt worden sei.

König konnte vor Gericht geltend machen, daß er von vielen Manipulationen nicht unterrichtet war, was auch nachweislich stimmte. Nach allen Entlastungen zugunsten von König fiel das Urteil auch einigermaßen milde aus. Er wurde zu einer Geldstrafe von 3400 Mark verurteilt, Asbeck zu 2000 Mark und Nittka, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, zu 200 Mark. Nach dem Urteil erhielten die Angeklagten Blumen vom Oberbürgermeister. Die „Zeit” resümierte nach dem Urteilsspruch: „Niemand hätte auch nach dem Prozeß an der Ausstrahlung des Goodwill gezweifelt, wären nur Steuerhinterziehung und Kartenabschöpfung zur Sprache gekommen. Selbst die Untreue im Amt, die das Gericht den Beamten Wiescherhoff und König vorgeworfen hat, wäre an Theken und Tresen als Kavaliersdelikt abgetan worden. Die schmutzige königsblaue Wäsche jedoch, die vor dem Tribunal ausgebreitet worden war, erschütterte die Stadt. Die Jungfrau Schalke ist geschändet.”

Wieder Selbstmord

König legte nach dem Urteil sofort seinen Vorsitz bei Schalke nieder, wurde aber später wieder ins Amt gesetzt und 1968 sogar zum Oberstadtdirektor gewählt. Asbeck war wohl einer der sympathischsten Männer im Schalker Vorstand, gewandt, liebenswürdig und gescheit. Als Kaufmann zunächst erfolgreich, verkalkulierte er sich aber und schied wenig später freiwillig aus dem Leben. Mit Schalke hatte sein Freitod – im Gegensatz zu dem des Schatzmeisters Willi Nier 1930 – aber nichts zu tun. Asbeck hatte wohl ziemlich voreilig gehandelt, denn bei einem möglichen Vergleich wäre für ihn immer noch so viel übrig geblieben, um gut leben zu können. Eine Frage aber blieb: Was muß das für ein Verein sein, für den selbst pflichtbewußte Beamte ihren Ruf, ihre Zukunft und sogar ihre Existenz aufs Spiel setzen? Wer die Verhältnisse auf Schalke nicht kannte, konnte dies nicht nachvollziehen. Doch es sollte nicht das letzte Mal sein, daß man über Schalke den Kopf schüttelte.