Wir schlugen Herne, wir schlugen Arnheim…

(cr) Dieses Freundschaftsspiel war nicht irgendeine Ersatzdroge für die Winterpause. Gleich 1500 Fans der Blauen nutzten die Gelegenheit, mit elf von Schalke als Dank an die Anhänger finanzierten Bussen, aber auch mit Pkw ins nah gelegene Arnheim zu reisen, um das real existierende Vorbild der zukünftigen Arena in Gelsenkirchen zu begutachten.

Vitesse Arnheim gründete sich 1892 als Cricket-Club und wurde schon kurz darauf um eine Fußball- und Leichtathletik-Abteilung erweitert. Bis 1984 spielten Profis und Amateure in derselben Mannschaft, aufgrund drohenden Bankrotts teilte man sich fortan in AVC Vitesse und die Profiabteilung SBV. Seit der Einführung des Profifußballs in Holland 1954 hatte man zweimal die erste Liga erreicht, der Arnheim nunmehr zehn Jahre ununterbrochen angehört. Seitdem erreichte der Verein in jedem Jahr einen Platz unter den ersten Sechs, scheiterte jedoch international ’90 in der dritten Runde an Sporting Lissabon, ’92 ebenfalls in der dritten Runde knapp an Real ‚wo ist das Tor‘ Madrid sowie jeweils in der ersten Runde ’93, ’94 und ’97 an Norwich City, Parma und Braga.

Im Freundschaftsspiel am 27. Januar, einem Abschiedsspiel für zwei langjährige Arnheimer, Edward Sturing und Theo Bos, traf Schalke auf den Tabellenzweiten der ersten Liga in Holland. Der Erfolg in dieser Saison wird hauptsächlich auf das neue Stadion zurückgeführt, in dem Arnheim noch kein Ligaspiel verloren hat. Seit 1950 spielte man im Nieuw-Monnikenhuize Stadion, das ursprünglich 20.000, zuletzt aber nur noch 10.600 Zuschauern Platz bot. Die dort erfolgreich eingeführte VIP-Lounge ist heute im erweiterten Maßstab Geschäftsgrundlage des neuen Stadions Gelredome. Die Miete erbringt zusammen mit den Sponsorengeldern 46% des diesjährigen Etats von 37 Mio. Gulden, die restlichen Eintrittsgelder erwirtschaften noch 29%. In der Saison 94/95 wurden gerade 9,8 Mio. umgesetzt. Auch Parkgebühren von 8,50 Gulden pro Auto verbessern die Einnahmen wohl nicht unerheblich. Durch den herausfahrbaren Rasen können jede Woche beliebige Veranstaltungen wie Konzerte durchgeführt werden, was natürlich ebenfalls Geld einbringt und Arbeitsplätze schafft. Das zweiteilige, schließbare Dach vervollständigt die klimatisierte, multifunktionale Arena, die Vorbild für das neue Stadion in Gelsenkirchen ist.

Wie fühlt es sich an?

Von außen erinnert der supermoderne Gelredome erstmal an ein Hallenbad, kein Vergleich mit einem Tempel wie Guiseppe Meazza in San Siro. Aber was soll’s, unser Bau wird die dreifache Kapazität aufweisen und entsprechend imposanter ausfallen. Dazu gehört dann hoffentlich auch eine ordentliche Anzeigetafel und nicht so ein holländischer Sehtest. Auch die Gestaltung der vier Ecken sollte möglichst vom Vorbild abweichen und Blöcke bieten wie im Ruhrstadion, denn die Arnheimer Betonmauern verstärken den Hallencharakter. Vom verschenkten Platz abgesehen, fühlt man sich eher wie im Parkhaus als im Stadion. Zu diesem Eindruck trägt auch der Ausschluß der Witterungseinflüsse bei. „Klimatisiert”, das hört sich erst hervorragend an, wenn man aber bei Außentemperaturen um 0° mit entsprechender Kleidung unter den bollernden Heizstrahlern Platz nimmt, ist das nur noch unangenehm.

Die Brille beschlägt, die Glatze glüht, und wenn man sich vor dem Spiel per Schluckimpfung gegen das im Stadion angebotene wäßrige Gerstensurrogat gewappnet hat, hat man spätestens zur Halbzeit einen in der Kirsche. Der Gelderländer scheint das zu mögen, und das Dach wurde bisher bei keinem Ligaspiel geöffnet. Rudi scheint das aber ebenso unnatürlich zu finden wie wir und gab bekannt, daß wir weder mit künstlichen Höhensonnen noch mit geschlossenem Dach rechnen müssen, denn „zum Fußball gehört einfach, daß der Rasen auch mal glitschig ist”. Auf Zustimmung stieß der mobile Bierausschank durch fliegende Händler im Block, bezahlt wiederum per Chipkarte.

Nicht nur wir fühlten uns bei etwa 25° unwohl, auch unsere Akteure wie Yves und Youri konnten dem nichts abgewinnen, denn auch auf dem trockenen Rasen herrschten noch für die Jahreszeit klar untypische Temperaturen um 18°. Aber man sollte nicht nur meckern, es hat auch sein Gutes, in der Halbzeit im Trockenen zwischen Frikandel-, Getränke- und Fanartikelshop zu wandeln. Auch die hellen, freundlichen und sauberen Orte für unvermeidliche Bedürfnisse hinterließen einen äußerst positiven Eindruck. Ist man in Holland ansonsten die Vorwegnahme der Währungsunion im vereinten Europa gewöhnt, indem man beliebig mit DM oder Gulden bezahlt, wie es gerade paßt, muß man sich im Gelredome auf den nach einem Sponsor benannten „Ohra” umstellen. Diese nur im Stadion gültige Valuta erwirbt man, gespeichert auf Chipkarten, im Tausch gegen Gulden oder per Abbuchung von seiner ec-Karte an Automaten. Oder auch nicht, wenn der – scheinbar intakte und unverknitterte – Geldschein vom Computer als nicht maschinenlesbar wieder ausgeworfen wird. Kurzweil, auf die wir dringend verzichten wollen. Am Ende steht man zu dritt mit sechs häßlich-schwarzgelben Karten in der Hand herum und überlegt, welche Teilbeträge jeweils noch im Speicher der Karten schlummern und welche Einheit noch zu erwerben ist, damit man nicht am Kassenterminal mit hochrotem Kopf feststellt, daß ein oder zwei Ohra fehlen, um die Fressalien vor der Nase mitnehmen zu können – Firlefanz, Zurücktauschen gegen Geld kostet dann auch noch 1 Ohra (einen halben Gulden) Wechselgebühr.

Insgesamt läßt sich nach diesem Besuch ein erfreuliches Fazit ziehen. Mit 16.000 Besuchern war die Arena nicht ausverkauft, und im Spiel ging es eigentlich um nichts, trotzdem kann man erahnen, welche Stimmung in diesem Stadion möglich ist. Dazu trägt sicher auch das Fehlen der Zäune und Gräben bei, man ist nah am Geschehen und kann die Gesänge aus allen anderen Blöcken gut hören. Zum Abschied der beiden Vitesse-Spieler entzündeten die Fans reichlich bengalische Feuer und ein Mordsfeuerwerk in der Halle – in Deutschland wohl undenkbar. Die Sitze sind bequem, allein der Abstand der Reihen reichte mir nicht, ich mußte meine langen Beine doch etwas zusammenfalten. Aber wir werden „Auf Schalke” ja auch Stehplätze bekommen. Die Integration der Logen ist weitaus gelungener als in Anderlecht; damit die VIPs sich nicht hinter Glas verstecken, befinden sich Sitzreihen vor der Loge im Innenraum, diese Zuschauer sind somit mehr in das Gesamtpublikum integriert.

Die klimatisierte Opernhausatmosphäre möge uns erspart bleiben, ebenso der Mangel an Platz für die Befestigung von Transparenten. Ein letztes verbesserungswürdiges Detail ist der Zufahrtsweg der Busse – auf dem Weg zum Parkplatz direkt vor dem Stadion nur schrittweise im Stau voranzukommen, ist einfach nervtötend. Abschließend bitten wir alle Hardcore-Arnheimer um Verständnis, daß wir uns in dieser Folge unserer Serie über auswärtige Vereine schwerpunktmäßig mit dem für uns interessantestem Aspekt, dem neuen Stadion befaßt haben – der Stolz auf euer Schmuckkästchen sei euch gegönnt, bis wir es mit der großen Ausgabe ausstechen können.