„Für Schalke kriegst du immer frei“

(rk/cr) Zweiundvierzig ist laut Douglas Adams die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Zweiundvierzig Jahre ist es auch her, daß die Saison 1957/58 begann, die bislang letzte Saison, in der Schalke 04 Deutscher Meister wurde. SCHALKE UNSER sprach aus gegebenem Anlaß mit den beiden Meisterspielern Willi „der Schwatte“ Koslowski und Heiner Kördell, als Überraschungsgast schaute der Altinternationale Herbert „Budde“ Burdenski vorbei.

SCHALKE UNSER:
Die heutigen Fans wissen zwar gut Bescheid über den UEFA-Cup-Sieg, aber vieles aus Ihrer Zeit ist ein bißchen in Vergessenheit geraten. Es gab damals noch keine Bundesliga…

WILLI KOSLOWSKI:
Nein, es gab die Oberliga West, dann gab es die Oberligen Nord, Südwest und Süd. Vorteilhaft waren die kurzen Entfernungen zu den Spielorten, insgesamt war es auch alles etwas lockerer damals. Die Spieler waren nicht Profis im heutigen Sinn, sondern Vertragsspieler. Man hat also schon einen Vertrag unterschrieben, aber die Bezahlung war doch eher amateurhaft. Fußball war kein Beruf wie heute, trainiert wurde nach Feierabend. Der westdeutsche und deutsche Fußballverband schrieben ein anderweitiges Arbeits- oder Angestelltenverhältnis zwingend vor, zum Glück hatten wir damals ja noch Vollbeschäftigung, dadurch war das kein Problem. Ich bin 1937 geboren und wohnte hier direkt gegenüber vom heutigen Parkstadion. Dort war damals noch ein kleiner Militärflughafen. Beim Buddeln für die Arena „Auf Schalke“ wurden ja auch noch einige Bomben gefunden. Ich wurde evakuiert, da der Flughafen und das Benzinwerk Gelsenberg stark bombardiert wurden. 1952 kam ich zurück, und mein Traumberuf stand schon lange fest: Ich wollte Bergmann werden. Mit 15 habe ich dann hier auf der Zeche Hugo angefangen und drei Jahre gelernt.

SCHALKE UNSER:
Gab es da denn keine Probleme mit dem Arbeitgeber?

WILLI KOSLOWSKI:
Ein wenig schon, eines werde ich nie vergessen. Wir waren vier Auswahlspieler, Sahner, Kunkel, Hannes Nowak und ich, alle auf der Zeche unter Tage, im dritten Lehrjahr. Wir waren in der deutschen Jugendauswahl und hatten eine Einladung bekommen zu einem FIFA-Turnier in Italien. Unser Trainer war Dettmar Cramer, ich war inzwischen 18 und von Buer 07 als Jugendspieler zwei Jahre zuvor nach Schalke gewechselt. Ich ging also zum Reviersteiger, und der sagte sofort: „Du kriegst keinen Urlaub.“ Ich sagte: „Das gibt es nicht! Das ist doch für mich ein großes Erlebnis, 14 Tage nach Italien und da so ein Weltturnier spielen!“ Da habe ich mich mit dem Steiger auch gar nicht mehr lange unterhalten und bin direkt zum Betriebsführer hin. Der meinte: „Sprechen Sie mit dem Steiger.“ Ich war zwar erst im dritten Lehrjahr, aber ich habe sofort gesagt: „Passen Sie mal auf – machen Sie meine Papiere fertig.“ Ich kündigte, hörte sofort auf und fuhr nach Italien. Danach habe ich auf „Glas und Spiegel“ angefangen, wo ich dann fast 30 Jahre als Versandmeister gearbeitet habe. Also auch die zehn Jahre, die ich als Außenstürmer in Schalke gespielt habe. Da habe ich immer frei bekommen, auch der Heiner bekam frei für Schalke, das war überhaupt keine Frage gewesen.

HEINER KÖRDELL:
Es gab schon mal Sonder- oder Einzeltraining. Ich kann mich erinnern, daß der Trainer das eine oder andere Mal sagte: „Ich hätte dich gerne morgen um zehn Uhr hier.“ Ich war bei „Grillo Funke“, und da waren die leitenden Angestellten auch informiert. Wenn Schalke sagte, ihr habt Training oder ihr müßt weg, dann ruhte da die Tätigkeit solange. Von meinem Arbeitgeber bekam ich die Stunden bezahlt, die ich laut Stechuhr anwesend war. In der Zeit, wo ich unterwegs war, hat Schalke die Kosten übernommen.

WILLI KOSLOWSKI:
Noch so eine Geschichte: Ich arbeitete von morgens sechs bis halb drei. Wir sollten zu einem Freundschaftsspiel nach Bremen. Das hieß: wegfahren, nachts nach Hause kommen und morgens wieder arbeiten. Ernst Kuzorra war unser Obmann, und der war ja hier praktisch der liebe Herrgott für alle, zu ihm bin ich hin und sagte: „Herr Kuzorra – ich kriege kein frei!“ Ich habe natürlich gelogen, ich wollte nur nicht am anderen Tag wieder raus. „Wie, du kriegst kein frei? Paß mal auf, mein Freund!“ Er rief den Direktor Eggers an und sagte: „Heinz, ich hab hier den Willi. Wir haben morgen ein Spiel in Bremen, und der kriegt kein frei.“ „Das gibt es nicht! Der soll mal kommen.“ Ich mußte also zum Direktor, und der sagte: „Hör mal, für Schalke kriegst Du immer frei! Du kannst sogar am anderen Tag zuhause bleiben!“ Ab da habe ich dann auch nie mehr gesagt, daß ich nicht mitfahre.

HEINER KÖRDELL:
So funktionierte das gut mit den Vertragsspielern, nur Beamte durften das nicht. Manfred Kreuz zum Beispiel, der war Finanzbeamter in Borken und durfte keinen Vertrag unterschreiben. Also wurde er „Amateurspieler“.

WILLI KOSLOWSKI:
Es gab mit Sicherheit auch mal die eine oder andere Mark auf die Hand. Denn damals bekamen Amateurspieler gerade mal sieben Mark zuhause und 14 Mark auswärts, das waren nur Spesen. Ich hatte auch erst Amateurstatus: Man mußte damals erst zwei Jahre im Verein spielen, bevor man einen Vertrag unterschreiben konnte. Von 1963 bis 1965 habe ich auch noch zwei Jahre in der Bundesliga gespielt, selbst da gab es noch kein offizielles Profitum. So waren diese ganzen Bestimmungen, die dann auch immer wieder umgangen wurden. Genauso hieß es ja zuerst, ausgewechselt wird nur bei Verletzungen. Also fing einer, der einen schlechten Tag hatte, auf einmal an zu humpeln – auch wenn jeder im Stadion wußte, daß er kaum einen Zweikampf hatte. Von außen ist ein Wink gekommen, „du bist schlecht, du mußt runter“, und dann wurde markiert. So war das wahrscheinlich vorher schon mit allen aus der Mannschaft abgesprochen. Das war blanker Unsinn und wurde dann gottseidank später geändert.

HEINER KÖRDELL:
In England hat man das viel früher den Vereinen überlassen, und die Bezahlung war abhängig von der Leistung. Diese Klarheit wurde vom DFB lange nicht zugelassen, und so kam dann so manche Verrenkung zustande.

SCHALKE UNSER:
Vor der Meisterschaft gab es noch den WM-Titelgewinn 1954 in Bern. Welche Erinnerungen haben Sie an das Endspiel?

WILLI KOSLOWSKI:
Ich hab auf der Devesenstraße gewohnt, da war ich 17 und habe in der A-Jugend hier in Schalke gespielt. Ganz wenige hatten Fernsehen, schwarzweiß natürlich. In der Wirtschaft Pöppinghaus, an der Horster Straße oben, bei mir um die Ecke, hatten sie einen Saal, oben in der Ecke einen Fernseher und davor um die fünfzig Stühle rundrum aufgebaut. Ich weiß nicht mehr genau, wann das Spiel anfing, nachmittags irgendwann, aber ich weiß, daß ich fünf, sechs Stunden schon in der ersten Reihe gesessen habe. Immer, wenn einer reinkam, habe ich mich wieder hingesetzt. Ich wollte ja unbedingt so nah wie möglich am Fernsehapparat sitzen.

HEINER KÖRDELL:
Ich kam ja erst mit 24 Jahren zu Schalke, im Gegensatz zu Willi. Bei der Weltmeisterschaft war ich noch beim SV Röllinghausen. Es gab jedes Jahr einen Sport- und Kulturaustausch mit der damaligen Ostzone. SV Röllinghausen ist jedes Jahr in die Gegend um Merseburg gefahren, auch eine Arbeiterhochburg. Ich wußte gar nicht, daß das Spiel im Fernsehen gezeigt wurde, und wir haben dort die Rundfunkreportage verfolgt. Nicht die von Herbert Zimmermann, da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut. Das war ein Erlebnis, und ich habe ja auch nie gedacht, daß ich selbst mal in der Lage sein würde, in einer höheren Klasse zu spielen, geschweige, daß wir vier Jahre später selbst deutscher Meister würden – ich war ja Amateur. Der Reporter, den wir hörten, war von der DDR und war natürlich für Ungarn, nicht für den verhaßten westdeutschen „Klassenfeind“. Beim Siegtor sprangen wir begeistert hoch, wunderten uns aber dann, daß keiner von den anderen mitmachte. Daß die uns das damals nicht gönnten, obwohl sie selber Deutsche waren. Keiner von denen hat applaudiert, im Gegenteil, sie waren beschämt, daß ihr Ostblock verloren hatte.

WILLI KOSLOWSKI:
Ich muß aber auch sagen, wir fahren mit der Traditionsmannschaft zwei-, dreimal im Jahr nach Ostdeutschland; der Heiner fährt ja auch immer mit – ich habe die Mannschaft nach ihm übernommen. Wir waren jetzt in der Nähe von Cottbus und in Suhl. Mit welcher Herzlichkeit uns die Leute da begegnen, obwohl sie immer nur von uns gehört, uns aber nie gesehen haben, das ist einmalig.

SCHALKE UNSER:
Bei der WM wurde ja auch der spätere Meistertrainer verpflichtet. Er hatte mit der österreichischen Mannschaft als Außenseiter einen hervorragenden dritten Platz erreicht.

HEINER KÖRDELL:
Das war ja auch das Sprungbrett für ihn. Edi Frühwirth hat sicher einen großen Anteil, daß Schalke so schnell wieder Meister wurde. Wir kamen aus Amateurvereinen und haben in den Jahren vorher noch zweit- und drittklassig gespielt. Nicht nur Willi und ich kamen aus kleinen Vereinen, von Buer 07 und Röllinghausen, auch Manni Ozessek aus „Unser Fritz“, Kalli Borutta aus Wanne, Manni Kreuz aus Hassel. Uns hat doch keiner auf der Rechnung gehabt. Aber der Trainer hat sich bestimmte Spieler herausgepickt und diese Mannschaft geformt. Ich war bei der Eintracht Gelsenkirchen, wo du später gespielt hast, Willi. Da wurde ich entdeckt, da kam einer rein und sagte: „Heiner, da draußen stehen der Edi Frühwirth und der Ernst Kuzorra, und die wollen dich mal sprechen.“ Da habe ich gesagt: „Verarschen kann ich mich alleine.“ Ich war 24 und spielte in einer drittklassigen Amateurmannschaft, das war für mich doch unvorstellbar. Aber sie haben mich bedrängt, und da bin ich halbnackt raus, sehe tatsächlich den Ernst da stehen: „Hier, unser Trainer will dich mal sprechen!“ Da habe ich es erst geglaubt, und drei Jahre später hat er uns zum Deutschen Meister gemacht. Heute wie Bayern München mit einem Etat von 70 Millionen Mark Spieler zu kaufen und Meister zu werden, das ist kein Kunststück. Aber bei uns hat das keiner erwartet.

SCHALKE UNSER:
Wie war denn das Training unter Edi Frühwirth?

WILLI KOSLOWSKI:
Der Edi Frühwirth war ja immerhin Nationaltrainer, und der hat ein ganz modernes Training gemacht, also, da waren unsere Trainer noch lange nicht so weit. Früher hatte man immer so sechs, sieben junge Burschen und dann die Älteren, die das Sagen hatten. Der Frühwirth hat sehr viel Fingerspitzengefühl für junge Spieler gehabt, vor allem dann, wenn die mal schlecht gespielt haben. So junge Burschen, die haben schon mal Schwankungen in der Leistung. Die kommen und wollen die Welt abreißen, dann spielen sie einmal bombig und plötzlich fallen sie in so ein Loch rein. Dann fallen viele Trainer über den Spieler her, aber der Edi konnte einen genau dann aufbauen, wenn man es brauchte.

HEINER KÖRDELL:
Ist da nicht der Herbert Burdenski? Alt-Internationaler, der über alles Bescheid weiß. Komm, Budde, setz dich!

WILLI KOSLOWSKI:
Warte, Budde, ich will nur noch kurz über den Edi Frühwirth erzählen. Er hat mit den Jungen gesprochen und ihnen die Angst genommen, schlecht zu spielen. Man war nervös da in der Glückaufkampfbahn, es gab ja noch keine Gitter, und da waren die Zuschauer praktisch einen Meter neben dem Platz, ne, Budde, die Vortribüne da? Der hat uns dann so stark gemacht, daß auch die jungen Spieler unter den Alten aufgenommen und anerkannt wurden. Wir hatten sehr viel Respekt, ich weiß noch, wie ich 18, 19 war: Am Anfang hatten wir nur einen Masseur, nachher kam erst der zweite dazu. Wenn du da geguckt hast, oh, Zwickhofer da, Eppenhoff, Berni Klodt, bleibst du mal lieber weg, die müssen ja erst massiert werden. Ja, so ist das heute nicht mehr. Da liegt der 18jährige, der sagt dem Älteren unter Umständen sogar: „Komm, geh mal runter von der Liege.“ Man hat Respekt vor den Älteren gehabt, aber der Trainer hat viel dazu beigetragen, daß die älteren Spieler uns sehr gut aufgenommen haben. Wir sind unter Frühwirth zu einer Mannschaft gereift, es hat niemand so sehr auf sich selbst geschaut wie heute.

HERBERT BURDENSKI:
Die waren früher auch nicht abgehoben. Aber wenn man den heutigen Fußball mit damals vergleicht, sagen viele, daß das Spiel langsam war. Guckt euch doch mal an, wieviele Fehlpässe es heute gibt. Von Leuten, die Millionen verdienen. Das steigt denen in den Kopf, dann spielen sie alle verrückt. Oder wenn der Schiedsrichter früher gepfiffen hat, blieb der Ball selbstverständlich liegen, man zog zurück. Heute gehen sie hin und wollen den Schiedsrichter noch beleidigen. Und das in der Öffentlichkeit! Solche Arschlöcher sind das doch. Das sind doch keine Fußballer mehr. Die sind alle überspannt und haben alle zuviel Geld. Eigentlich müßten sie noch Geld mitbringen.

HEINER KÖRDELL:
Das waren früher ganz andere Spielertypen als heute. Der Paul Matzkowski, der hatte einen Schuß wie eine Kanone. Er hat geballert damals, in jungen Jahren. Ich habe selten einen Spieler gesehen, der sich einfach den Ball hinlegte und sagte „da oben hau‘ ich ihn rein“, und dann hat er ihn oben reingehauen, der Paul hatte einen unheimlich harten Schuß.

SCHALKE UNSER:
Schalke wurde 1958 Meister der Oberliga West und spielte dann um die Deutsche Meisterschaft.

HEINER KÖRDELL:
In der Endrunde gab es damals wegen der WM in Schweden nur drei Spiele auf neutralem Platz, in zwei Gruppen mit je vier Mannschaften. Die Gruppensieger haben danach das Endspiel bestritten. Wir gewannen gegen Braunschweig, Karlsruhe und Tennis Borussia Berlin. In der anderen Gruppe siegte der HSV mit Uwe Seeler, um dann im Endspiel 3:0 gegen uns zu verlieren. Das einzige Gegentor, das wir bekamen, war das 0:1 gegen Braunschweig. Da haben wir in der zweiten Halbzeit mit zehn Mann gespielt, der Willi Soya ist verletzt raus, Auswechseln ging ja noch nicht. Und wir haben das noch zu einem 4:1 umgebogen.

SCHALKE UNSER:
50.000 Fans empfingen die Meistermannschaft am Hauptbahnhof in Gelsenkirchen, 300.000 sollen insgesamt mitgefeiert haben, da war praktisch die ganze Stadt auf den Beinen, oder?

HEINER KÖRDELL:
Daß man uns empfängt und Feiern vorbereitet, wußten wir ja. Aber daß das so bombastisch wird, hätten wir uns nicht vorgestellt. Nach dem Bankett hatten wir erstmal in Hannover übernachtet. Auf der Rückfahrt mit dem Sonderzug haben wir auf vielen Bahnhöfen angehalten und wurden überall von den Schalke-Fans gefeiert. Je weiter wir zum Westen runterkamen, desto mehr war natürlich los. In Dortmund standen sogar Spieler der Borussia am Bahnhof, die uns die Hand schüttelten und Blumen überreichten. Zu unserer Zeit hat natürlich unter den Westvereinen keiner dem anderen etwas geschenkt. Aber so, wie die Profis heute miteinander umgehen, das ist eine Schweinerei hoch drei. Sie haben keine Achtung vor der Gesundheit des Gegners. Die wissen doch nie, wie so ein Zweikampf endet: Der eine haut dem anderen was auf die Socken, da kann dem die Achillessehne reißen, oder er bricht ihm das Bein, und beim nächsten Spiel ist der andere der Betroffene. Daß man so dumm, so doof sein kann – ich begreife das nicht. Damals hat es allemal auch Fouls gegeben, aber nie in der Art. Ohne Absicht, das war wichtig für uns, auch wenn man sich im Zweikampf mal weh getan hat.

Ob wir am Borsigplatz waren oder hier bei Tibulski, nach dem Spiel waren wir eine Stunde oder zwei zusammen. Nicht extra eingeladen, das war einfach so: „Da gehen wir hin.“ Und da wurde vieles ausgeräumt, was auf dem Platz nicht in Ordnung war – „Komm, Heini, wir trinken noch ein Schlückchen.“ Und wenn wir uns heute, nach vierzig und mehr Jahren, oben auf der Tribüne sehen, dann fallen wir uns um den Hals. Ob das der Heini Kwiatkowski oder der Burgsmüller ist, das ist sowas von toll. Okay, neunzig Minuten lang – da war das Feuer in den Augen, da hat keiner einem was geschenkt. Aber wenn Schluß war, sind wir aufeinander zugegangen, und dann war alles – spätestens beim Bier danach – vergessen. In einem Jahr haben die Dortmunder uns hier vier Stück eingeschenkt, das wollten wir denen natürlich zurückzahlen. Aber nicht mit Gemeinheiten oder so etwas, wir haben dann eben das Rückspiel bei denen 4:0 gewonnen. Eine gesunde Rivalität muß sein, aber spätestens nach dem Spiel die Entschuldigung annehmen, das mußte auch sein.

SCHALKE UNSER:
Nach der Meisterschaft durfte Schalke im Europapokal spielen.

WILLI KOSLOWSKI:
In der ersten Runde spielten wir beim „Bolt Klubben Kopenhagen“, da haben wir 0:3 verloren. Beim Bankett haben die gesungen, die haben uns richtig verarscht, auf Deutsch gesagt. Die haben gesagt, „euch haben wir doch schon im Sack.“ Das Rückspiel haben wir dann aber 5:2 gewonnen – mit dem Abpfiff macht der Günter Brocker noch ein Kopfballtor. Da gab es noch nicht die Regelung mit den Auswärtstoren, also gab es ein Entscheidungsspiel in Enschede. 3:0 gewonnen, und wir waren weiter. Dann haben wir die englische Mannschaft Wolverhampton Wanderers bezwungen. 2:1 hier und 2:2 auswärts. Zu Hause hat der Heiner ein Tor gemacht, in Wolverhampton ich, kurz vor Schluß, das 2:2. Da war der Karl Loweg im Tor, der hat da gehalten wie ein Weltmeister. Das war schon ein bißchen glücklich; die wollten uns da überrennen, aber wir konnten uns wehren.

SCHALKE UNSER:
Das Spiel gegen Athletico fand dann im Stadion von Real Madrid statt?

WILLI KOSLOWSKI:
Ja, im Bernabeu-Stadion. Als der Kalli Borutta nach 20 Minuten vom Platz geflogen ist und wir mit zehn Mann spielen mußten. Italienischer Schiedsrichter. Was sie den da mit Geschenken zugeschüttet haben, ach…

HEINER KÖRDELL:
Also, der Kalli nimmt den Ball in der eigenen Hälfte. Das war kein Foulspiel, aber der Schiri Lobello hat gepfiffen. Über 110.000 im Stadion, da war ein Lärm, wir haben ja noch nicht einmal die Zurufe untereinander gehört. Er hat zwei-, dreimal nachgepfiffen, Kalli ist weiter in die gegnerische Hälfte gelaufen, daraufhin hat er ihn vom Platz geschmissen. Da stand es noch 0:0. Dann hat er ein Tor gegeben, da waren wir mit acht Mann im Netz, vier von uns und vier von denen, und der Ball lag irgendwo über der Linie. Keiner weiß, wie der da hingekommen ist. So ein Tor darf man normalerweise überhaupt nicht geben. Da sind wir also mit 3:0 bestraft worden, mit zehn Mann. Und im Rückspiel haben wir mit 1:0 geführt und dachten, das Ding können wir noch umdrehen. Dann haben die nur die Bälle in die Zuschauer gedroschen, so ein unattraktives Spiel im Europapokal! Der Brasilianer Vava machte ein Tor kurz vor Schluß, und wir haben resigniert. Die haben ja jeden Ball nur auf die Tribüne gekloppt und das Spiel kaputtgemacht. Aber das war immerhin dritte Runde, also für damalige Verhältnisse und für uns, die wir wenige Jahre zuvor in Amateurvereinen gespielt haben, ganz ordentlich. Wir waren ja Nobodys.

WILLI KOSLOWSKI:
Wir haben sieben Spiele gemacht, drei in der ersten Runde, dann je zwei gegen Wolverhampton und Athletico. Da mußte nicht unbedingt Schluß sein, wenn der Schiri Lobello uns nicht so verpfiffen hätte. Schon alleine einen Mann nach zwanzig Minuten vom Platz zu stellen, wegen so einer Lappalie!

SCHALKE UNSER:
Gab es damals auch schon viele „Schlachtenbummler“ auswärts, die unsere Mannschaft begleiteten wie die Fans heutzutage?

HEINER KÖRDELL:
Da waren immer eine Handvoll Leute um uns herum, so 20 oder 30 Leute. Nicht wie heute, von 70.000 in Mailand waren ja 30.000 Schalker, das gab’s damals nicht. Wir haben uns schon ziemlich einsam gefühlt da, Anfeuerung in auswärtigen Staaten haben wir nie erleben dürfen. Zuhause war das natürlich anders. In Madrid, vor 110.000 fanatischen Zuschauern, davon hundert Deutsche, da hast du keine Chance gehabt, da warst du wirklich der einsamste Mensch auf dem Platz.

HERBERT BURDENSKI:
Das Geld war damals einfach nicht da, nach dem zweiten Weltkrieg. Die Not war groß. Aber dafür paßten mehr Leute ins Stadion, wenn da drei nebeneinander standen, nahmen die soviel Platz weg wie heute einer, so dürr waren die.

SCHALKE UNSER:
Ihre Verbindung zum Verein Schalke 04 ist ja immer noch sehr intensiv.

HEINER KÖRDELL:
Ja, seit gut sieben Jahren gehöre ich dem Ehrenrat an, jetzt sind bald wieder Wahlen. Heute nachmittag spielen Willi und ich wieder mit der Traditionsmannschaft, da darf ich auch noch mit dabei sein. Auch sonst stehe ich eigentlich ständig mit dem Verein in Verbindung. Und Willi ist ja Angestellter von Schalke 04 und betreut zusätzlich die Amateurmannschaft. Der Budde sitzt bekanntlich im Aufsichtsrat. Ich bin jetzt seit gut neun Jahren Rentner und mache das eigentlich hobbymäßig. Der Verein ist mein Hobby, sozusagen. Die brauchen mich für verschiedene Dinge, ich bin aber auch bei allem zugegen, ob das Feiern sind oder Fahrten, ich werde immer eingeladen und bin auch immer dabei, und das ist eine schöne Sache.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Interview, hoffen wir, daß sich Ihr damaliger Erfolg in dieser Saison wiederholt. Glückauf.