Die Arroganz des Geldes

(dcm) In England passieren fußballmäßig die Dinge immer einige Jahre früher als anderswo. Dies gilt auch für die Umwandlung der Vereine in Aktiengesellschaften. Der einzig entscheidende Effekt einer solchen Umwandlung ist es jedoch, dass einige wenige schlagartig steinreich werden und die angestammten Fans jeden Einfluss auf den Verein verlieren. Sie stehen vor der Wahl, sich entweder als Konsumvieh immer wieder bevormunden zu lassen oder den Stadien fern zu bleiben. Der (im doppelten Sinne) Fall von Newcastle United ist besonders erschreckend.

Es ist Samstag, der 7. August 1999, erster Spieltag der englischen Premier-League: Newcastle United trifft auf Aston Villa. 70. Spielminute im St. James Park: United-Star Alan Shearer springt im Kopfballduell mit angewinkelten Armen schulmäßig zusammen mit seinem Gegenspieler hoch zum Ball – ein Pfiff, und Shearer erhält von Schiedsrichter Uriah Rennie die rote Karte. Nur vier Minuten später fällt gegen die bis dahin immer stärker aufspielenden „Geordies“ aus Newcastle das 0:1 für Aston Villa. Die Verwirrung wegen des überraschenden Verlusts eines Schlüsselspielers war zu groß. Von den zumeist in gedeckten Farben gekleideten Zuschauern wird die Aktion mit freundlichem Beifall versehen, nachdem man gerade vom Buffet hinter der Tribüne einige Lachshäppchen verspeist und Champagner verköstigt hat.

Nebenbei hat man natürlich noch diverse Geschäftsabschlüsse getätigt oder zumindest eingeleitet. Schließlich hat sich zum Ereignis einmal mehr die Créme de la créme der regionalen Wirtschaft im Business-, Platinum oder Diamondsclub eingefunden, je nach finanzieller Potenz. Beim neuesten Gesellschaftstratsch amüsiert man sich bei der Wiederholung der wichtigsten Szenen, die auf zahlreichen Bildschirmen live in den Katakomben gezeigt wird. Zehn Minuten vor Spielende lässt man sich von stadioneigenen Stewards zu den Fahrzeugen in der Businessgarage geleiten, schließlich steht abends noch ein wichtiges Geschäftsessen mit anschließendem Opernbesuch an.

Diese Szenen sind glücklicherweise noch nicht die einzige Realität in Newcastle, wenn sie auch immer häufiger nicht nur dort zu beobachten sind. Das der roten Karte folgende Buhen und Pfeifen im akkustisch hervorragenden Stadion erreichte eine beeindruckende Lautstärke. Bezeichnend ist allerdings auch, dass das Häufchen von etwa 300 mitgereisten Aston-Villa-Fans im Gäste-Block sich durchaus gegen die restlichen 36.000 Schwarz-Weißen Gehör verschaffen konnte. Einen Fanblock im uns bekannten Sinne gibt es in Newcastle nicht. Die Fans stehen überall verstreut, ganz nach ihren finanziellen Möglichkeiten – wenn sie sich den Fußball denn überhaupt noch leisten können. Es gibt fast ausschließlich Dauerkarten, die billigste kostet umgerechnet 1200 Mark. Um nur auf Warteliste für Dauerkarten zu kommen, müssen nochmals umgerechnet 1000 Mark berappt werden. Wer nicht zahlt, bleibt draußen – die meisten sparen sich angesichts der kargen Löhne in England ihre Dauerkarte regelrecht vom Mund ab.

Auch in England gibt es Fans, die sich für ihre Interessen engagieren. Die verzweifelten Proteste und Aktionen von Fanorganisationen wie der „Independent Newcastle United Supporters Association“ (INUSA) werden aber durchweg ignoriert, die Wortführer werden angefeindet und müssen nicht selten wegen ihrer Meinung um ihre Dauerkarte fürchten.

Newcastle-Manager Freddy Fletcher behauptete in Anspielung auf die INUSA, die „selbsternannten Fanvertreter“ würden allenfalls eine verschwindende Minderheit im Stadion darstellen. Sie repräsentierten niemanden und seien von daher für ihn keine Ansprechpartner. Hinreichende Informationen über Wünsche der Fans – so Fletcher weiter – bezöge die Newcastle-AG über das Internet und durch Umfragen.

Auf den Vorhalt, warum die Eintrittskarten angesichts der immer geringer werdenden Bedeutung der Zuschauereinnahmen in den Bilanzen immer weiter verteuert würden, meinte Fletcher, in der Bundesliga gäbe es aufgrund der billigen Eintrittskarten lange nicht so viele internationale Topspieler wie in England. Die Frage, warum eine Mannschaft wie Schalke 1997 den UEFA-Pokal allen damals schon bestehenden Aktiengesellschaften wegschnappen konnte, vermochte Fletcher allerdings nicht zu beantworten. Die Ignoranz, die in solchen und anderen Äußerungen englischer Vereinsverantwortlicher (vgl. „The Toon Army“ in SCHALKE UNSER 23) zu Tage tritt, ist bezeichnend. In der Liga der Aktiengesellschaften haben nicht mehr Sportfachleute, sondern allein Businessmanager das Sagen, denen die Seele und das Menschliche des Fußballs völlig fremd sind. Im Blickfeld dieser Leute steht allein die Rendite des Unternehmens, hierfür werden sie von diesem schließlich auch bezahlt.

Einfluss haben daher auch allein die Aktionäre, die die Mehrheit der Aktien halten. Fans sind für die Aktienspekulanten allein als Konsumenten von Dauerkarten und überteuerten Merchandisingartikeln interessant. Ein Haufen Konsumvieh, das ständig gemolken werden will. Die Fans werden auf diese Weise mehr und mehr vom Live-Fußball ausgeschlossen und müssen ihrer Leidenschaft per Pay-TV im heimischen Wohnzimmer frönen. Derweil werden die Stadienplätze blöckeweise an Sponsoren und gutbetuchte Geschäftsleute verkauft oder verschenkt. Sie suchen in erster Linie einen Kommunikationspunkt zur Vorbereitung und zum Abschluss ihrer Geschäfte, ganz wie beim Hunderennen oder Golfen.

Die Unterschiede zwischen der englischen und der deutschen Situation waren Gegenstand einer Radiosendung des britischen Sportkanals BBC Radio 5. Diese wurde in der ersten Oktoberwoche 1999 in England ausgestrahlt. Sie wurde von Marc O‘ Donnel von der Produktionsgesellschaft Marx Brothers Ltd. zusammen mit Kevin Miles, Vorsitzender der INUSA produziert. Hierzu wurden zahlreiche Interviews mit Fans und Verantwortlichen beider Seiten anlässlich des angesprochenen Spiels Newcastle – Aston Villa sowie beim Spiel Schalke – HSV in Gelsenkirchen geführt. Schwerpunkt der Sendung war vor allem das Verhältnis beider Vereine zu ihren Fans.

Die englische Situation deutet an, was in Deutschland passieren wird, wenn hier die ersten Vereine zu Aktiengesellschaften geworden sind. Die Mentalität der deutschen Fans dürfte allerdings eine andere sein. Die einen werden sich bei dieser Bevormundung ganz einfach anderen Freizeitbeschäftigungen zuwenden, andere wieder den guten alten sonntäglichen „Gang auffen Platz“ entdecken, wie es bei den Schalker Amateuren heute schon zu beobachten ist. Dann werden die unter sich gebliebenen Gutbetuchten bald das Interesse am Fußball verlieren und sich Geschäftsbetätigungsfeldern zuwenden, die „hipper“ sind. Eine Fankultur wie heute wird es dann allerdings nicht mehr geben.