Vorausgesetzt, man hätte Geld und Zeit…

… an Karten käme man schon. Das ultimative EM-Vorrunden-Tagebuch diesseits und jenseits des bayrischen Reinheitsgebots von 1516
Belgien, 10.6.2000, Brüssel, Tag der Europameisterschaftseröffnung: Samstagmittag, strahlender Sonnenschein, nett warm, Urlaub, Durst. Also was tun? Im Straßencafe ein Bierchen trinken. Aber Vorsicht, böse Falle: Belgien. VELTINS-freie Zone und dazu noch ohne Reinheitsgebot. Hölle! …aber verführerisch lecker sieht es schon aus, dieses DUVEL am Nebentisch. Schmeckt auch wirklich nicht schlecht in der Mittagssonne, gut, besser, immer besser. Ergebnis? Ein paar kleine Biere um 13.30 Uhr getrunken und sternhagelvoll! Den Nachmittag verwirrt durch Brüssel gelaufen, das COMIC-MUSEUM gefunden. Zurückgeschwebt in die Jugend: Franquin – Spirou und Fantasio (‚Pit und Pikkolo‘ für die älteren Semester), Asterix, die ganze „belgische Schule“. Das Eröffnungsspiel habe ich glatt vergessen – war garantiert ausverkauft wegen des Gastgebers Belgien. „Ein langweiliges Unentschieden gegen Schweden“, sollten die Zeitungen am nächsten Tag titeln. Am Abend nur Cola getrunken, Kroketten mit Pommes gegessen und früh zu Bett gegangen. Komisches Bier!

11.6.2000, Brügge, Wetter wie gestern, leichter Wind.“Frankreich gegen Dänemark“ stand auf dem Programm. Vor dem Spiel in eine französisch-dänische Kneipe geraten, und augenblicklich das französisch-dänische Herz entdeckt: französchisches BELZEBUTH und dänisches CARLSBERG. Im TV derweil Türkei – Italien 0:0. Ab 18.00 Uhr im Stadion körperliche Anwesenheit demonstriert: Schönes Spiel, schade, dass ich wieder nichts davon mitbekommen habe. Blau wie ein Veilchen. So darf es auf keinen Fall weitergehen! In Amsterdam schlugen sich die Tschechen derweil tapfer gegen den anderen Gastgeber. Das Wichtigste zuletzt: Kein Schalker wurde von einem Holländer verletzt.

12.6.00, Liege, bewölkt. Deutschland holt sich heute seine übliche Eröffnungsniederlage ab, diesmal gegen Rumänien. Arbeiter-Vororte mit Industriekulisse und eine alte Zeche bei Jupiler am Hang bei der Autobahn zeugen von der Bergbau-Vergangenheit der Region. Vorm Spiel VELTINS bekommen. Da weiß man, was man hat. Ein genauerer Blick auf die getrunkenen Spezialbiere in einem Bierfachhandel verschaffte inzwischen Klarheit: Der Alkoholgehalt dieser Absturzbiere liegt zwischen 8% und 15%! Da kann man sich vorstellen, wie’s wirkt… Der abendliche Fußball-Gaststättenbesuch bescherte das lokale JUPILER (5%) und ein BUSH AMBER auf den Sieg der Portugiesen über die Engländer mit 2:1. REAL ALE-Freunde dürfte man in diesem Stadion nur wenige angetroffen haben.

Holland, 13.6.2000, Rotterdam, genauso reinheitsgebotsfrei. Spanien – Norwegen. Spaß und Bombenstimmung auf den Rängen wären garantiert, wenn die Polizei die Fans gewähren ließe… und stattdessen die Drogenküchen der Metropole suchte. Ich glaube nämlich, im HEINEKEN ist was drin … Wasser, tippe ich. Ich glaube allerdings auch, dass es für die norwegischen Fans das Beste war, was ihnen widerfahren konnte. Eijeijei, waren die Skandinavier weggeschossen, die Spieler übrigens auch. Abends spielten Jugoslawien und Slowenien. Bei dem Gedanken an die Balkankriege habe ich merkwürdige Gelüste bekommen und spontan BARBAR bestellt. Danach brauchte ich ein SATAN GOLD zum Nachspülen.

14.6.2000, zurück in Brüssel. Bewölkt, aber warm, und ausverkauft. Mit den Trappisten- und Abtei-Bieren den Beistand der Heiligen Mutter Kirche (beim 10:0 Sieg gegen Italien) erreicht: GRIMBERGEN und WESTMALLE in Varianten sowie CHIMAY. Drei Tore durch Mpenza. Mit den Mönchsbieren hat man offensichtlich den Papst nicht nur im Verein, sondern auch in der Tasche. Ich muss unbedingt ein paar nach Hause mitbringen. Die Geschichte, warum Muscheln mit Pommes das belgische Nationalgericht sind, habe ich beim abendlichen JUDAS erfahren können. Wer weiß es noch? Antworten an’s SCHALKE UNSER.

15.6.2000, Eindhoven: Schweden-Türkei. Der Nordländervergleich war ein Muss. Gewonnen in der „Abschuss“-Disziplin haben eindeutig die Norweger. Holländisches Bier spielt halt nicht in der Champions League – mit Ausnahmen. Die patat special brauchten sich nicht hinter der fricandel special zu verstecken. Einige Schweden, da bin ich mir sicher, hatten Haschisch gespritzt oder seit drei Monaten gehungert. Abends hat mir Hami wieder ausnehmend gut gefallen…

16.6.2000, Brügge, Freitag, früher Abend: Frankreich – Tschechische Republik 0:1, ein knapper Sieg für die Bierkultur. Besser als das Spiel war, ist die mittelalterliche Altstadt. Prunk, Protz und Kanäle, weil Brügge im Mittelalter noch am Meer lag, herrliche belgische Pommes mit ’stoofvlees‘ (Sauerbratensoße), und später tatsächlich noch eine Kneipe mit STAROPRAMEN gefunden, einem höchst appetitlichen Prager Bier. Ein würdiger Abschluss, passend zur großartigen Leistung der Dänen gegen die Holländer. Prost, ELEPHANT BEER! Trotzdem hat Schalke „gewoonen“.

17.6.2000, Arnheim, ja, nicht Charleroi, wo Deutschland – England stattfindet. Belgische Polizei, englische Fans, deutsche Fans, Lens ist um die Ecke – wenn auch in Frankreich – das muss wirklich nicht sein. Arnheim besticht durch seine moderne Altstadt und exotische Läden in den Randbereichen der City. Ganz nebenher ein Trappistenbier aus Holland entdeckt: LA TRAPPE DUBBEL. Es gibt doch ein Leben nach dem HEINEKEN! Einen Beutel mit tiefgekühlten Entenzungen habe ich direkt in einem asiatischen Supermarkt gefunden, mit einer herausragenden japanischen Ecke. Und einen richtigen Plattenladen. Einiges später mit einigen portugiesischen Freunden den Sieg gefeiert, BRAND-Bier aus Limburg (Kerkrade ist um die Ecke) wiederentdeckt und auf einem komischen Konzert gelandet. Holland macht Spaß. In Charleroi säße ich wahrscheinlich erst seit zehn Minuten im Bus. Alles richtig gemacht. Wenn nur dieser Juckreiz nicht wäre…

18.6.2000, Amsterdam ohne Berufsverkehr, weil Sonntag: Slovenien – Spanien 18.00 Uhr. Auch in Amsterdam gibt es BRAND-Bier, patat met pindasaus und überglückliche Spanier. Ich glaube, das Amsterdamer Drogenangebot hatte sie ebenso überzeugt wie mich die frietjes. Apropos, es zeigten sich bei mir vereinzelt kleine Pusteln auf der Bauchhaut. Vielleicht hätte ich die DE TROCH BANANE besser aus dem Leib gelassen. Bananen-Leichtbier ist nunmal nicht jedermanns Sache. Meine jedenfalls nicht. MORT SUBITE oder BELLEVUE GEUZE dagegen wären den BERLINER WEISSE­Trinkern durchaus zu empfehlen, Norwegen gegen Jugoslawien im Fernsehen dagegen nicht.

19.6.2000, 20.45 Uhr, Brüssel, Türkei – Belgien. Heute fälliger Gegenversuch zum „Klosterbier gegen Italien“-Test: vorläufiger Verzicht auf Alkohol, dafür Döner, Pommes an „Sauce Samurai“ und Ayran bis zum Abwinken. Im Stadion Kaffee. Das erwünschte Resultat tritt nur zum Teil ein – die Pusteln bleiben – trotz – oder grade wegen? – eines heldenhaften Versuchs mit LA GUILLOTINE und DELIRIUM TREMENS (eins davon schmeckt sogar) zur Zusammenfassung von Italien – Schweden.

20.6.2000, Montag Abend, Rotterdam, laues Lüftchen. Portugal – Deutschland, parallel dazu England – Rumänien. Das Vorrunden-Ende ist, unabhängig vom Ergebnis ein Grund zum Feiern. Die „Kurzurlauber“ zollen meinem neuerworbenen Wissen, vertreten durch GIRAFF, DUVEL und LUCIFER, Tribut. Der Wirt hatte, da bin ich ganz sicher, trotz des Aufwischens von Pommes mit Picalilly-Soße viel Spaß mit uns. Für meine Pusteln einigten wir uns auf altes Hausmittel: BESSEN-GENEVER und BRAND-Bier. Die Nebenwirkungen sollte man aber nicht unterschätzen, und helfen tut’s auch nicht.

21.6.2000, Sommeranfang, letzter Spieltag der Vorrunde. Die Vernunft befiehlt: Arnheim, 18.00 Uhr, Slowenien – Norwegen, dann ab ins eigene Bett und morgen früh zum Arzt.

Deutschland, 22.6.2000, Gelsenkirchen, 9.30 Uhr, Donnerstag, Wartezimmer einer Arztpraxis: „nicht von der EM-Allergie gehört, Frau Meier? Das geht jetzt um. Da kriegt man so fiese Pickel am Bauch von… Behandlung? …, nur ne Woche keine Pommes essen!“

9.35 Uhr, 21° Celsius, leicht bewölkt, zweites Frühstück mit Mettbrötchen: Geheilt! Darauf werde ich heute abend ein JUDAS trinken. Ein Six-Pack habe ich nämlich geschmuggelt.