Mein erstes Mal – Nummer 41.119

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal Claudia aus Münster. Auch sie berichtet von Euphorie und Ekstase, von Abhängigkeit und Sympathie. Sie ist hörig – dem S04. Aber sie ist nicht allein. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben. Ungeschminkt. Schreibt uns, wie es Euch erging beim ersten Mal.

Mit Fußball hat das eigentlich nichts zu tun. Als ich 1985 meinen Schalker kennen lernte, hatte ich für Fußball durchaus etwas übrig. Aber wie der darüber redete, das hatte ja mit Fußball nichts zu tun. Nicht der bessere soll gewinnen, sondern Schalke, und wenn Schalke verliert, liegt es immer am Schiri. So ein Quatsch, dachte ich damals. Es dauerte bis 1998, dann beschloss ich, ihn doch mal zu begleiten. Er freute sich riesig. „Und zu welchem Spiel willst du mit?“ Ach ja, welches Spiel. So gut kenne ich mich nicht aus. Bayern München? Mein Schalker stöhnt. Vielleicht eine andere Ruhrpottmannschaft? Auch falsch. Nürnberg, die mit der Fanfreundschaft? Die waren in dieser Saison schon auf Schalke.

Gar nicht so einfach. Na dann der Meister, Kaiserslautern. Ja, die spielen aber erst im Mai. Auch gut. Es ist das zweitletzte Spiel der Saison. Schalke hat es geschafft, nicht abzusteigen. Die ruhen sich immer noch auf den Lorbeeren von Mailand aus. „Arbeitsverweigerung“, nennt mein Schalker das. Und Kaiserslautern steht irgendwo im oberen Drittel. Also geht es eigentlich um nichts mehr.

„Wird nicht voll, 40.000 vielleicht“, sagt mein Schalker. Dann sind wir in der Straßenbahn. Viele Leute sind schon blauweiß angezogen, einige sehen ganz normal aus. Ich habe ein T-Shirt bekommen, eine blauweiße Mütze und einen Schal. Meines Schalkers Schwester und Schwager tragen Spielerkleidung: Trainingshosen und Trikots, Schals und Mützen. Auf der Straße zum Parkstadion ziehen Gruppen und Grüppchen anderer Blauweißer entlang. Bierbuden, Pizzabuden, Fummelkontrolle. Dann der Eingang zum Block.

Parkstadion. Ich stehe am Rand einer riesigen Schüssel voller blauweiß gekleideter Menschen, weit unten der grüne Rasen. Man kennt sich, winkt, grüßt. Vierzigtausend sind doch ganz schön viele. Alle blauweiß. Müssten da nicht noch Gegner sein? Die spielen doch gegen… Ah, im Gästeblock sitzt ein Häuflein Roter. Es gibt Veltins und Pizza, dann begrüßt der Stadionsprecher die Fans. Fahnen, Transparente. Kuzorras Erben sind auch da. „Blau und Weiß, wie lieb ich dich!“ Ich glaube, ich habe noch nie so falsch gesungen. Die Spieler kommen. Ein paar Nachnamen kann ich mitbrüllen. Dann geht es los.

Ein bisschen Geplänkel zuerst, ein Schubsen hier, ein Schüsschen da. Langsam kommen sie in Fahrt. Aber so richtig wird das nichts. Wir beginnen, laut zu werden. Wieso schießen die kein Tor? Wo sie doch das Kampfschwein haben, und den mit dem Doppelpass. Na ja, sie hatten viele Verletzte diese Saison, und gerade Willi… mein Opa hieß auch so, der war aus Hagen und auch Fan. Aber nun ist Willi ja da, und trotzdem kriegt er das Ding nicht rein. Halbzeit. Es gibt noch ein Bier. Unsere Nachbarn besprechen die Spielermoden der nächsten Saison. Ein kleiner Junge hinter mir will Eis, und dann doch nicht. Kein Wunder: Es gibt keine blauweiße Sorte. Jetzt quengelt er.

Aha, es geht weiter. Ziemlich lahm, obwohl wir Fans uns richtig Mühe geben, mit La Ola und „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“. Aber auch das Häuflein rotweißer Lauterer im Gästeblock ist nicht zu überhören, denn sie haben Trommeln mitgebracht. Wie sie es schaffen, sich nicht aus dem Rhythmus bringen zu lassen, finde ich sehr tapfer.

Plötzlich liegt ein Lauterer tot im Strafraum. Der Schiedsrichter macht eine Bewegung, und um mich herum springt alles wütend auf und schimpft. Es gibt Elfmeter. Gegen Schalke. Der Ball ist natürlich drin. Au Scheiße.

Der Tote steht wieder auf und spielt weiter. Schalke wechselt einen Spieler aus, der Neue kriegt gleich die gelbe Karte, weil er gestolpert ist. Ich fass es nicht. Jetzt ist alles aus. Meine Umgebung verlegt sich auf Niederschreien, ich krieg das Maul nicht mehr auf. Die Jungs rennen auf dem Rasen rum, es gibt ein paar ganz nette Spielzüge und einige Schüsse auf das Lauterer Tor (und auf unseres auch), aber nix geht. Nix geht! Verdammt!

„Und so‘n Scheiß guckst du dir die ganze Saison lang an?“, schnauze ich unpassenderweise meinen Schalker an. „Gut, dass die Saison vorbei ist!“, seufzt er, und mir fällt auf, dass er das heute sicher schon fünfzigmal gesagt hat.

Gleich ist Schluss. Der Ball kullert weit neben dem Schalker Tor ins Aus. Nein, doch nicht – einen Meter vor der Linie hat ihn ein Lauterer Spieler erwischt und tritt ihn ins lange Eck. Zwei zu Null. Ja isses denn wahr! Der Schalker Schwager springt angewidert auf: „Kommt, wir gehen!“ Wir bleiben noch. Aber ringsum im Stadion füllen sich die Gänge. Selbst in der Nordkurve ist Aufbruchstimmung. Nur im Gäste­ block ist man fröhlich und tanzt. Irgendwie hätte es fast noch ein dreizunull gegeben. Aber das ist jetzt auch egal.

Nach dem Abpfiff schleichen wir zur nahegelegenen Veltinsbude und spülen den Frust runter. Mir fällt noch auf, wie leicht sich die 41.119 Menschen hier verlaufen. Es gibt kein Gedränge, auch keine Pöbeleien. Irgendwann ist einfach das Stadion leer. Die Fans aus Kaiserslautern, mit denen wir am Bierstand ins Gespräch kommen, sind auch nett. Die hatten eine lange Anreise, aber ihre Mannschaft hat gewonnen. Schalke hat verloren. Gut, dass die Saison vorbei ist!