Gedanken zu einem Fußballspiel

„Opfer. Das Opfer bezeichnet die Gabe des Menschen an ein Numen (® Gott, ® heilig) oder den mehr oder weniger ritualisierten Akt (® Ritus , Ritual) des Gebens selbst. Opfergabe kann alles werden, was dem Menschen wertvoll und mächtig oder als Ersatz des wertvoll-Mächtigen erscheint.“ (Wörterbuch des Christentums, München 2001, Billigausgabe.)

Die Bilder vom Anschlag auf das World Trade Center brannten sich ab dem späten Nachmittag in die Köpfe der Menschen. Die Sender berichteten fassungslos von den Schauplätzen. Die wenigen echten Informationen stießen auf ein paralysiertes Publikum. Eigentlich gab es nur diese immer wiederkehrenden Bildsequenzen der Katastrophe. Im Fernsehen wie im Kopf. Danach die Bilder winkender Menschen, die Sekunden später tot sein sollten. Würden weitere Anschläge folgen? Den Spekulationen waren zu diesem Zeitpunkt keine Grenzen gesetzt.

Und Schalke spielte an diesem Dienstag erstmalig Championsleague. Die UEFA hatte sich nicht genötigt gesehen, die angesetzten Begegnungen zu verlegen. Die fußballerisch bedeutsamen Fakten sind bekannt, die „Politik“ der UEFA stieß unmittelbar auf weltweite Kritik. Die Wirkung der Terroranschläge auf die Atmosphäre vor Ort wurden nur gelegentlich beschrieben. Das öffentliche Interesse zog mit der „action“ weiter. Trotzdem, keiner der Anwesenden, dessen bin ich mir sicher, wird die Gefühle vergessen, die er am 11.9.2001 rund um dieses „Fußballspiel“ hatte.

Yves Eigenrauch hat sie in seiner taz-Rubrik „leben im funnyland“ für uns geschildert: „ich war naiv: die erste frage, ob das spiel wirklich stattfände, wurde mit nur geringen zweifeln bejaht. und wieder war ich zu beflissen, als ich allen ernstes glaubte, mir unser erstes internationales spiel seit drei jahren anschauen zu können. ein irrglaube. nach fünfzehn minuten musste ich das stadion verlassen. das spiel ließ mich übergeben müssen. das spiel ist nur als ein spiel zu sehen. zu spielen war uns nicht zu mute! (…) man hätte gar nicht anpfeifen dürfen! entscheidungen sind dazu da, getroffen zu werden. manchmal werden nun einmal fehler gemacht. viele kleine und auch einige große. wir, ich, du, sie, es. ach ja, es spielt sich jetzt, schlag auf schlag. arme spieler.“

Diese haben jetzt nämlich einen Eindruck, wie sich Gladiatoren oder Stiere in einer Arena fühlen: Brot und Spiele. Kämpfen zu müssen, ohne es wirklich zu wollen, beschreibt das Gefühl nur sehr unvollständig. Und dann war da noch diese in keiner Wiese zu definierende Atmosphäre, die außerhalb der Arena herrschte.

Ein SCHALKE UNSER-Verkäufer beschreibt es wie folgt: „Das heranströmende Publikum war kaum anders als sonst zusammengesetzt, wenn man von den leicht irritierten griechischen Gästegruppen absah. Die übliche Anmache der Gästefans war weitgehend unterblieben. Gehetzte Unkenntnis, die gelegentlich im Gespräch jähem Entsetzen wich, ließ sich häufig beobachten. Erkennbare Trauer um die unschuldigen Opfer vermischte sich mit dem Gefühl, an geschehender Weltgeschichte teilzunehmen. Teile des griechischen Anhangs erschienen zu diesem Zeitpunkt weniger informiert. Die Top of the Pops der internationalen Friedhofscharts hätten sie allerdings stutzig machen müssen. Solche Musik erklingt bekanntlich selten vor ausverkauften Fußballarenen. Aber vielleicht ist das in Griechenland ganz anders. Wir werden sehen. Zwei Mark bitte.“

In der Nord-Kurve diskutierte das Publikum am Abend weniger die Mannschaftaufstellung als die Ereignisse in Amerika. Die Gefühle lagen bei vielen Menschen bloß. Den Spekulationen war, wie bereits angeführt, Tür und Tor geöffnet.

Sure 5:91, 92: „O die ihr glaubt! Wein und Glückspiel und Götzenbilder und Lospfeile sind ein Gräuel, ein Werk Satans. So meidet sie allesamt, auf dass ihr Erfolg habt. / Satan will durch Wein und Glückspiel nur Feindschaft und Hass zwischen euch erregen, um euch so vom Gedanken an Allah und vom Gebet abzuhalten. Doch werdet ihr euch abhalten lassen?“

„Was mag das in fundamentalistischen Kreisen des Islam bedeuten?, ließ sich in den Augen vieler Menschen Schalker Glaubens ablesen. Wenn ein merkwürdiger Terrorist ein symbolhaftes Ziel für einen Terroranschlag in Europa an diesem Tag gesucht hätte, die Arena wäre – zumindest heute – ein höchst akzeptables Ziel. Für die einen ein wunderbares Beispiel moderner Hallenbaukunst mit leichter Tendenz zu Hassspielen, für andere ein einziges Werk des Satans: das erste und weltweit einzige Stadion der Welt mit Bierkreislauf. Für die einen gilt der Bratwurstverkauf als notwendiger Broterwerb, für die anderen verstößt er gegen das Reinheitsgebot. Die christliche Kapelle im Innenraum und die Ehrenmitgliedschaft von Papst Johannes Paul II. seien nur am Rande erwähnt. – Vernichtet beim sündhaften Glücksspiel unter freiem Himmel. Nur ein Gedankenblitz?“, empfand ein anderer Besucher der Arena.

Die Tatsachen: Einer der mutmaßlichen Attentäter stieg gelegentlich in Bochum ab und hatte in Hamburg seine Selbsthilfegruppe.

Und jetzt stellen Sie sich bitte folgende fiktive Meldung in Fernsehbildern vor: „Das auf dem Dortmunder Flughafen entführte Flugzeug befand sich ständig über dichtbevölkertem Gebiet. Abfangjäger der Bundeswehr erreichten das vollbetankte und vollbesetzte Mittelstreckenflugzeug nicht. Der Jet schlug in die Gelsenkirchener Arena ein. Es war ein Inferno. Das modernste Fußballstadion Europas, in dem sich zur Zeit des Unglücks etwa 50.000 Menschen befanden, wurde bis auf die Grundmauern zerstört. Es wird auf einzelne Überlebende gehofft. Hilfskräfte sind rund um die Uhr im Einsatz.“

„Es war der Horror. Wir haben uns sogar darüber unterhalten, ob nicht auch ein modernes Stadion in Europa Ziel eines solchen Attentates sein könnte. Da sagten einige dann: Das kann nicht sein. Aber hat man doch bis Dienstag auch beim World Trade Center gedacht.“, formulierte Andy Möller in einem Interview deutlich gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Mit welchen Horrorszenarios im Kopf die Spieler den Platz betreten haben, kann man sich vorstellen. Die allgemeine Stimmung und der Support legen die Vermutung nahe, dass es bei großen Teilen des Publikums nicht anders war. Vielleicht waren es nicht nur das Ergebnis und das schlechte Spiel der Heimmannschaft, was so viele Zuschauer die Partie vorzeitig verlassen ließ.

Panathinaikos hätte bei einer Tragödie Trainer, Vorstand, Mannschaft und einige tausend Fans verloren. Schalke hätte alles verloren: seine Spielstätten, seine gesamten Mannschaften, Mitarbeiter, Mitglieder, Trainer, Manager und große Teile seines treuesten und zahlungskräftigsten Anhangs.

Und jetzt stellen Sie sich vor, als Opfer dabei gewesen zu sein.

Eine Schlagzeile zu diesem Albtraum hätte bestimmt die Worte FOOTBALL und HOLOCAUST enthalten, höchstwahrscheinlich eine japanische BILD-Zeitung. Alle Blätter hätten auf Manchester Uniteds Tragödie von 1958 verwiesen, auf das Heysel-Stadion, auf Hillsborough und andere Katastrophen der Fußballgeschichte. Und alle Journalisten hätten festgestellt, dass die Katastrophe von Gelsenkirchen ein Novum in der Fußballgeschichte gewesen wäre. Ein zweifelhafter Ruhm.

Abschließend bleiben scheinbar belanglose Fragen übrig: die nach dem Schalker Spiel zum Beispiel. Wenn – Andy Möller sei mein Zeuge – die Spieler tief im Hinterkopf mit der Möglichkeit gerechnet haben, mit diesem Spiel vom Rasen ins Jenseits einzugehen, warum haben sie ihr vielleicht letztes Match nicht besser gespielt? Oder die Frage nach der Motivation des Publikums und damit nach individuellen Motiven. War die freiwillige Anwesenheit vor Ort nicht letztendlich Ausdruck von der Bereitschaft, dem Verein ein Opfer zu bringen, im Extremfall sogar die eigene Person darzubringen?

Man nimmt nicht an jedem Tag seines Lebens an einem öffentlichen Opferungsfest teil. Am 11.9.2001 haben es alle Anwesenden getan, und im Gegensatz zum Gottesdienst war bis zuletzt unklar, ob es beim symbolischen Akt des Opferns bleiben würde. Das T-Shirt mit dem Aufdruck „Schalke till I die“ wäre an diesem Tag die angemessene Kleidung für alle Gelegenheiten gewesen. Zufall oder nicht? Ich habe ein anderes Hemd für diese Gelegenheit vorgezogen.