Mein erstes Mal: Sprungmutation

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal Claudius aus Esens. Auch er berichtet von Euphorie und Ekstase, von Agonie und Apathie. Er ist hörig ­ dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.

Man darf es ja nicht zu Ende denken, welche Zufälle darüber entscheiden, ob einem ein erfülltes Fanleben im einzig wahren Blau und Weiß zuteil wird oder ob man es an irgendein langweiliges Rotrot oder Grüngrün verliert. Gar nicht zu reden von jenen Geschlagenen, die ihr Fandasein, Leben möchte man ja gar nicht sagen, in einem unansehnlichen, das Auge beleidigenden Schwarz und Gelb verbringen müssen.

Als Pfälzer wurde mir, 1949 geboren, Schalke nicht in die Wiege gelegt. Weder in Gelsenkirchen geboren noch jemals dorthin gezogen, Vater nicht unter Tage, das sah nicht gut aus. Auch bleibt traditionell der Lebenshorizont eines Pfälzers auf die Pfalz beschränkt, so dass mein fußballerischer Teilhorizont als Junge gerade mal bis zur Oberliga Südwest reichte. Vereinsverbundenheit wurde in meinem Elternhaus zudem streng heimatbezogen verstanden, meine Bestimmung wäre also der damals in der Oberliga Südwest spielende und heute in der Bezirksliga versunkene Verein meiner Heimatstadt gewesen. Mit Vereinsnamen aus der Oberliga West oder Nord waren bestenfalls vage geographische Vermutungen verbunden, auch irgendwie Deutschland, aber weit weg.

Dass ich trotz dieser denkbar ungünstigen Voraussetzungen doch noch Schalke verfiel, lag an einer Art Sprungmutation, die mich im Alter von neun Jahren ereilte, am Nachmittag des 18. Mai 1958, zwischen drei und viertel vor fünf. Meine Großeltern besaßen eines der damals noch seltenen Fernsehgeräte, und an diesem Tag war mir erstmals erlaubt worden, das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft anzuschauen.

Zufälligerweise spielte Schalke 04 gegen den Hamburger SV, zufälligerweise hatten schon in den ersten Spielminuten zwei Schalker Spieler meine Aufmerksamkeit und Verbundenheit erregt, da sie mir als Typen spontan sympathisch waren: Torhüter Manfred Orzessek, etwas klein und stämmig geraten und mit tief nach vorne gezogener Kappe, das war Zuneigung auf den ersten Blick, und ein wuseliger, trickreicher Stürmer mit sehr hoher Stirn, Berni Klodt. Nun verbündet sich der Mensch, Kinder zumal, gerne mit dem, der gewinnt. Verlauf und Ergebnis dieses Endspiels sind bekannt: Es passte alles, ich drückte dem kleinen dicken Tormann und dem Stürmer mit der Halbglatze alle Daumen, wollte mit der ganzen Kraft eines Neunjährigen, dass sie gewinnen, und sie taten mir diesen Gefallen mit einem überzeugenden Spiel und einem klaren Sieg, mein Torwart hielt alles, was kam, und mein Rechtsaußen schoss zwei Tore. Ich fühlte mich, als hätte ich selbst gewonnen. Und so wie eine Graugans hinter dem ersten Wesen herläuft, das es nach der Geburt sieht, so folgte ich meinen neuen siegenden Freunden Orzessek und Klodt samt Mannschaftskameraden. Und war forthin, bis heute, auf Schalke geprägt.

Nicht auszudenken, wenn an diesem Tag im Mai 1958 der HSV gewonnen hätte, dann wäre ich vielleicht … aber wie gesagt, man sollte so etwas im Interesse der eigenen psychischen Unversehrtheit nicht zu Ende denken.