Noch ein Reförmchen?

(pr) Bei der WM 2002 sollen offensichtliche Schwalben und vorgetäuschte Verletzungen erstmals auch mit einer roten Karte bestraft werden können. Auch Spielverzögerungen sollen härter bestraft werden. Früher war alles besser. Zumindest war es anders.

Als 1846 Studenten der englischen Universität Cambridge die ersten Fußball­Regeln erstellten, legten sie fest, dass ein Team aus 15 bis 20 Spielern bestehen kann. Eine Beschränkung auf elf Spieler wurde erst 1870 vom englischen Fußballverband vorgenommen. Das Cambridge­Regelwerk von 1846 legte auch die Spielkleidung fest: Die Hosen mussten über die Knie reichen, die Spieler mussten Mützen mit Quasten tragen.

1865 wurde die Torhöhe auf 2,44 Meter festgelegt, als Begrenzung diente eine in dieser Höhe gespannte Schnur. Erst 1875 löste die Querlatte die Schnur als obere Begrenzung ab. Zur gleichen Zeit wurden auch die Halbzeitpause, der Seitenwechsel und eine einheitliche Ballgröße in die Regeln aufgenommen. Ebenso wurde den Feldspielern ab sofort das Handspiel untersagt, nur der Torwart durfte den Ball in der eigenen Hälfte noch mit der Hand spielen, musste ihn aber nach zwei Schritten wieder freigeben.

1872 registriert die englisch Football Association die erste offizielle Verletzung. Leutnant Crosswell von den Royal Engineers bricht sich im Pokalfinale das Schlüsselbein, hält aber bis zum Spielende durch. Bis 1873 wurden Streitigkeiten zwischen den Mannschaftskapitänen regelt, dann tauchte in den Regeln erstmals der Schiedsrichter auf, ein Sachverhalt, der rückblickend betrachtet von vielen als Fehler eingestuft wird. In Regel 15 hieß es: „Im Einvernehmen, der an den Spielen beteiligten Mannschaften, kann ein Schiedsrichter bestellt werden, dessen Pflicht es sein soll, in allen Streitfällen der Umpires (Unterschiedsrichter) zu entscheiden. Bei ungebührlichem Betragen eines Spielers, soll er den schuldigen Spieler verwarnen und bei grob unsportlichem Betragen vom Spiel ausschließen.“ Die alleinige Entscheidungsbefugnis und die Erlaubnis, das Spielfeld zu betreten, erhielten die Schiris erst 1890, zeitgleich wurden die Umpires abgeschafft und die Linienrichter eingeführt.

Nationalspieler Sam Widdowson von Notthingham Forrest erhielt 1874 das Patent auf die von ihm erfundenen Schienbeinschützer, die danach vorgeschrieben waren. 1875 wird zu einem bitteren Jahr für die Queens Park Rangers. Der Verein, der acht Jahre zuvor als erster schottischer Fußballverein gegründet wurde, kassiert sein erstes Gegentor. Ob dies zu einer Trainerentlassung führte, ist nicht überliefert.

1882 folgte die Festlegung, dass beim Einwurf beide Hände benutzt werden dürfen. Was würde Tomasz Hajto heute ohne diese Reform machen? 1890 kamen die Tornetze, ein Jahr später der Elfmeter. Und 1896 wurde in den „Jenaer Regeln“ festgelegt, dass in Deutschland die Spielfelder frei von Bäumen und Sträuchern sein müssen. Auch darüber sollte man vielleicht noch mal nachdenken.

Die Reformwut ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiter. 1902 wurde dem Torwart das Handspiel nur noch im eigenen Strafraum gestattet, aus dem Strafraumhalbkreis wurde ein Rechteck und die Bestimmung wurde aufgehoben, dass die Hosen der Spieler die Knie bedecken müssen. Ebenso wurden Metalleinlagen in Fußballschuhen untersagt, das Abseits in der eigenen Hälfte aufgehoben und der „gebührende Abstand“ beim Freistoß auf zehn Yards (= 9,15 Meter) festgelegt. 1920 wurde das Abseits beim Einwurf aufgehoben und ab 1924 durfte ein Eckball direkt verwandelt werden.

1939 führte man Rückennummern ein, dann war erst mal 25 Jahre Ruhe. Erst 1965 wurde das Auswechseln eines verletzten Spielers gestattet, ein Jahr später wurde dies unabhängig von einer Verletzung erlaubt. 1970 wurden nach einer Idee des englischen Schiedsrichters Ken Aston gelbe und rote Karten eingeführt, ebenso das Elfmeterschießen. Seit 1974 gibt es die automatische Sperre nach mehreren gelben Karten, seit 1983 die rote Karte für eine Notbremse, 1984 kam die gelbe Karte für „überschwänglichen Jubel“ und 1991 die gelb-rote Karte. Der Rückpass zum Torwart wurde verboten, drei Ersatzspielern erlaubt.

Die bislang letzte gravierende Regeländerung gab es 1996 mit der Einführung des „Golden Goal“. Die ursprüngliche Bezeichnung „Sudden Death“ war den obersten Regelhütern der FIFA zu heftig.