Veni Vidi Verdi (Aida 1)

(sr) Einmal selbst auf dem grünen Rasen stehen, von 60.000 Menschen bejubelt ­ welcher Fußballfan, der es wegen fehlenden Talents oder mangelhaften Durchsetzungsvermögens versäumt hat, eine Karriere als Bundesligaprofi zu machen, träumt nicht davon? Anfang September ging dieser Traum für etwa 600 Leute in Erfüllung: als Statist bei „Aida“ in der Arena „Auf Schalke“.

Bereits im Mai, genauer gesagt an jenem verhängnisvollen Wochenende, an dem Schalke sich die Chance auf den Gewinn der Meisterschaft in Stuttgart vermasselte, fand das Casting für die Aufführung der „Aida“ im Parkstadion statt. Teilnehmen konnte eigentlich jeder, der Zeit, Lust und Laune für das von der niederländischen Produktionsfirma „Companions“ veranstaltete Mammutprojekt aufbringen konnte; zuvor gemachte Erfahrungen auf künstlerischem Gebiet waren nicht erforderlich. Gesucht wurden Handwerker, Soldaten, Generäle, Priester, Träger, Hofdamen und Sklaven.

Trotz des großen Interesses stellte sich gleich zu Beginn ein Problem ein: Die meisten der 2000 Menschen, die an diesem Wochenende zum Casting kamen, waren Frauen. Männer hingegen waren Mangelware. Dabei benötigte man für die Oper wesentlich mehr männliche als weibliche Statisten, so dass praktisch alle männlichen Bewerber genommen wurden, während von den vielen weiblichen nur ein Bruchteil zu den im August beginnenden Proben eingeladen wurden.

Die Proben fanden dann unter Leitung des Chefbühnenleiters Jasper Barendregt und der beiden Regieassistenten Gemma van Zeventer und Scott Agnew sowie Executive Producer Francois Leroux in einer Halle im Gewerbegebiet an der Uechtingstraße in Schalke statt, während sich Regisseur Petrika Ionesco eher selten persönlich blicken ließ. Da die erste Probe für den 18. August angesetzt war, erforderte die „Aida“-Teilnahme von den Schalkefans unter den Statisten ihr erstes Opfer: Die Bundesligapremiere in der gerade erst fertiggestellten Arena „Auf Schalke“ gegen Leverkusen fand ohne uns statt. Doch der enorme Spaß an den ersten Proben und die Aussicht, die Arena bald auf eine Art und Weise kennenzulernen, wie sie den meisten Menschen immer verwehrt bleibt, ließen diesen Umstand leicht verschmerzen.

Bei dieser ersten Probe erfuhren wir, dass die einzelnen Gruppen (Soldaten, Priester etc.) noch einmal in Untergruppen von je maximal zwölf Personen aufgeteilt wurden, welche wiederum von sogenannten „Corps leader“ angeführt wurden. Bei den ersten Proben waren dann auch nur „Corps leader“ anwesend. Die Massenszenen, wie beispielsweise der Triumphmarsch, wurden dann mit ihnen einstudiert, und an den folgenden Tagen hatten sie die Aufgabe, den restlichen Statisten zu erklären, was sie in welcher Szene zu tun hätten.

Die Bühne war bereits mit Kreide auf dem Boden der Halle skizziert: In der Mitte befand sich das rautenförmig angelegte sogenannte Zentralelement, gegenüber der Nordkurve das Grab für die Schlussszene sowie die heilige Insel, im Süden die Plattform für das Orchester und das sogenannte Amneriselement. Überall am Rand waren dorfähnliche Lager angelegt sowie jeweils an der Nordkurve und der Südtribüne Militärcamps. Auch die vier Tore, durch die man von außerhalb in die Arena gelangen kann und sich jeweils in den Ecken des Stadions befinden, waren skizziert, denn durch diese kamen wir schließlich auf die Bühne und von dieser wieder herunter. Für jedes Tor war jeweils ein Bühnenleiter für die Koordination der Auf- und Abgänge zuständig. Da die Proben im Gewerbegebiet fast reibungslos klappten, die meisten der Statisten sich untereinander gut verstanden und die Zusammenarbeit mit den meist sehr jungen holländischen Bühnenleitern in lockerer Atmosphäre stattfand, war die Stimmung prächtig und die Vorfreude auf die Arena groß.

Am Dienstag vor der Aufführung war es dann endlich soweit: die erste Probe in der Arena. Was für ein tolles Gefühl, durch das Tor an der Ecke Süd-/Gegentribüne in den Stadioninnenraum einzutreten, sich vorzustellen, die noch leeren Plätze im Zuschauerraum seien gefüllt!

Doch mit der anfänglichen Euphorie war es bald vorbei. Die Umstellung von der Halle auf die Arena, in der die Distanzen erwartungsgemäß größer waren, das anstrengende Marschieren und Rennen durch den Sand und vor allem die vielen technischen Probleme, gerade was die Akustik betrifft, sowie viele Änderungen im Szenenablauf ließen die Stimmung unter den Statisten allmählich umkippen. Selbst bei einer Zusatzprobe am Tag der Aufführung kam es noch zu Korrekturen; Szenenabläufe, die hundertmal einstudiert worden waren, wurden noch geändert. Negativer Höhepunkt war sicher die öffentliche Probe zwei Tage vor der Aufführung. Jeder Statist
hatte als Dankeschön von „Companions“ zwei Freikarten für Freunde und Verwandte erhalten. Doch als es dann soweit war, wurden die Zuschauer zunächst einmal nicht eingelassen.

Der Grund war, wie man später in der „Buerschen Zeitung“ lesen konnte, „Ärger mit der Baugenehmigung für den Aufbau wegen der aufwändigen pyrotechnischen Anlagen.“ Wie aus Kreisen der Statistenbetreung zu erfahren war, hatte man die öffentliche Probe zwar genehmigen lassen, aber die „FC Schalke 04-Stadion-Betriebsgesellschaft“ als Veranstalter hatte es versäumt, ausreichend für Sicherheitsmaßnahmen zu sorgen. Daraufhin ließen die Statisten, die sich auf der Bühne befanden sämtliche Requisiten fallen, begaben sich zum Zentralelement und drohten mit einem Boykott der Aufführung, sollte man die Zuschauer nicht einlassen. Plötzlich war das Sicherheitsproblem offenbar gebannt und die Probe konnte vor Publikum stattfinden.

Am Samstag den 1. September war schließlich der Tag der Aufführung. Während sich etwa zeitgleich eine nicht weiter nennenswerte Fußballmannschaft irgendwo in Bayern England mit 1:5 geschlagen geben musste, zelebrierten wir unter Leitung von Generalmusikdirektor Johannes Wildner Verdis „Aida“. Später sollte die Tagespresse zwar die musikalische Leistung von Orchester, Chor und Solisten (Olga Romanko als Aida, Ghena Dimitrova als Amneris, Ignacio Encians als Radames u.a.) loben; an der monumentalen Art der Inszenierung, die eher an einen Hollywoodstreifen als an eine postmodern interpretierte Oper erinnerte, schieden sich jedoch die Geister.

Nach der Aufführung feierten Produktionsteam und Statisten noch bis in die Nacht und freuten sich bereits auf die zweite Darbietung der „Aida“ am 14. September vor rund 80.000 Zuschauern im „Stade de France“ in Paris. Die Reise nach Frankreich wurde dann leider durch die Ereignisse in New York überschattet.