Also sprach Udo Lattek

(sr) Unser Misstrauen gegenüber dem Sportreporter ist berechtigt. Seiner Berufung, zu informieren, kommt er, egal ob im privaten oder öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nur noch selten nach. Seine Sprache verdeckt gewöhnlich die eigentliche Information; er ist die personifizierte Nullinformation. Unser Misstrauen gegenüber den Sportlern und ihren Trainern scheint noch berechtigter zu sein. Sie flüchten vor der Unerträglichkeit des Reporters, indem sie ihn kopieren und dessen Belanglosigkeiten an Nichtigkeit zu überbieten trachten. Aus diesem Grund erfanden sie ihre „Philosophie“.

Das Wort „Philosophie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß „Liebe zur Weisheit“. Angesichts der Nullinformation, die sich Sportler und Reporter im gemeinsamen Interview hin- und herschieben, ist es schon beachtlich, dass ihr Gespräch zwangsläufig in die Frage nach der persönlichen Philosophie des interviewten Spielers oder Trainers mündet: „Und welches ist Ihre Philosophie?“ Dabei ist beiden Seiten klar, dass hier nicht die Frage nach einem bestimmten System, einer signifikanten Taktik gestellt wird. Letztendlich antwortet der Befragte mit der erwünschten Phrase. Vor allem dann, wenn der Befragte Udo Lattek heißt und der Fragende Rudi Brückner in der sinnentleertesten aller Sportsendungen, dem DSF-Frühschoppen für Volldeppen am Sonntagvormittag.

Hier befinden wir uns nicht auf dem Feld der Philosophie, sondern eher auf dem der Sophistik. Vielleicht ist es auch besser, den umgekehrten Weg zu gehen und anstelle der Philosophie der Fußballer nach dem Verhältnis der Philosophie zum Fußball (oder zum Sport im Allgemeinen) zu schauen.

Eines der frühesten Zeugnisse bietet uns der griechische Denker Xenophanes. Sein Urteil über die Körperertüchtigung ist allerdings ein vernichtendes: „Wenn einer auch in den landesüblichen Wettkämpfen den Preis davontrüge und von seinen Mitbürgern hochgeehrt würde, wäre er doch nicht so viel wert wie ich. Denn besser als die rohe Kraft von Männern und Rossen ist meine Weisheit. Fehlt doch jenem Kult jede innere Berechtigung. Daher ist es völlig ungerecht, die rohe Kraft höher zu werten als die köstliche Weisheit. Und wenn einer auch als tüchtiger Faustkämpfer unter seinen Landsleuten auftreten oder im Faustkampf oder als Ringer sich auszeichnete oder durch Schnelligkeit seiner Füße – was ja unter den Wettkämpfen der Männer als besondere Kraft gilt –, so würde dadurch doch die Wohlfahrt der Stadt in keiner Weise gefördert.“ Xenophanes würdigt den Sport nicht, weil er, die letzten Worte verraten es, einen rein zweckgerichteten Blick auf die Dinge hat. Die Ästhetik des Sports und die innere Erbauung des Zuschauers spielen für ihn offenbar keine Rolle.

Im Gegensatz zu Xenophanes sehen Sokrates und Platon doch einen gemeinnützigen Zweck im Sport. Sie benötigen die Gymnastik, die sie in ihrer Staatstheorie den „Wächtern“ zur Leibesübung anraten, damit diese in der Erhaltung ihres Idealstaates, der allerdings bei einer heutigen Umsetzung, einer Militärdiktatur mit nationalsozialistischer Färbung gliche, körperlich durchtrainiert seien.

Bei den Stoikern im alten Rom dagegen, namentlich bei Seneca, dominiert wieder die Ablehnung gegenüber dem Sport. Das hat ethisch-moralische Gründe: Senecas Kritik trifft die gewalttätigen Gladiatorenkämpfe.

Weit positiver fällt das Urteil von Philosophen im zwanzigsten Jahrhundert gegenüber dem Fußball aus. Die Aufgeschlossenheit kommt aus dem Lager der Existenzialisten: Mit Albert Camus betritt zum ersten mal ein prominenter Philosoph als Aktiver den Platz. Camus hütete längere Zeit das Tor einer Fußballmannschaft in seinem Heimatort Oran.

Camus langjähriger intellektueller Weggefährte Jean-Paul Sartre äußert sich in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ fasziniert über Sport: „Ein Hauptaspekt der sportlichen Aktivität – vor allem des Freiluftsports – ist also die Eroberung der enormen Massen Wasser, Erde und Luft, die a priori unbezwingbar und unverwendbar scheinen; […] Kunst, Wissenschaft, Spiel sind Tätigkeiten totaler oder teilweiser Aneignung, und was sie sich über den konkreten Gegenstand ihres Treibens hinaus aneignen wollen., ist das Sein selbst, das absolute Sein des An-sich.“

Doch auch Philosophen sind zu Torheiten fähig, wie das Beispiel Martin Heidegger zeigt. Dieser soll sich nämlich in seinen letzten Lebensjahren als „Fan“ von Franz Beckenbauer geoutet haben. Dabei soll er so weit gegangen sein, den damaligen Libero des FC Bayern München auf eine Stufe mit Immanuel Kant zu stellen.

Tja, auch „Weisheitsliebende“ können sich irren.