Blau und Weiß

In den letzten Monaten hat sich das Institut für angewandte Sprachforschung und Kommunikationsdesign intensiv mit der Untersuchung von Vereinshymnen beschäftigt, darunter auch mit dem Lied „Blau und Weiß“. Die Ergebnisse unserer Forschungen stelle ich hiermit vor.

Eines ist klar: den Text von BLAU UND WEISS setze ich als bekannt voraus. Und wenn ich hier heute die Vereinshymne des S04 vorstelle, so ist noch etwas klar: Es handelt sich bei diesem Lied um das einzige Vereinslied, das ästhetischen, kulturellen, soziologischen und geschichtlichen Gehalt hat. Ich möchte mich mit diesem Text nun in Form von Thesen auseinandersetzen, die schwerpunktmäßig bestimmten Aspekten nachgehen.

These 1: Dieses Lied versteht sich als Kunst im Allgemeinen und als Kunstwerk im Sinne von Beuys im Besonderen.

Blau und Weiß strebt schon alleine deshalb nach einer kunstvollen Ästhetik, weil es auf den in solchen Vereinsliedern üblichen Refrain völlig verzichtet. Jede einzelne Strophe steht für sich, bildet aber zugleich einen Kontext mit den anderen. Dies wird dadurch erreicht, dass in den einzelnen Strophen jeweils andere Segmente der Bevölkerung angesprochen oder soziokulturelle Dimensionen thematisiert werden. Des Lied verfolgt somit eine diskursive Strategie der Ästhetik des Alltäglichen, das kritisch hinterfragt und zugleich überhöht wird.

These 2: Die erste Strophe wendet sich an Rentner und Kranke.

Blau und weiß ist ja der Himmel nur,
blau und weiß ist unsere Fußballgarnitur.

Das Wort Garnitur muss als ungewöhnlich erscheinen, wäre doch mit einem Wort wie Trikot oder Dress zu rechnen. Der Begriff „Garnitur“ weckt Assoziationen an Unterwäsche, wie sie eher von älteren und kranken Menschen verwendet wird.

Da tauchen Konnotationen wie Rheuma, Gicht und Medima auf. Der Begriff Garnitur signalisiert: Alte, Kranke und Sieche sind in der Vereinsfamilie aufgehoben. Nicht ohne Grund heißt es deshalb in einem anderen, in der Arena gerne gesungenen Lied: Ob ich verroste und verkalke – ich gehe immer noch auf Schalke. Nur nebenbei: Der blau-weiße Himmel zeigt, dass der Umweltschutz- und Ökologiegedanke bei den Menschen im Revier schon immer fester Bestandteil ihrer Weltanschauung war.

These 3: Die zweite Strophe spricht Royalisten und Menschen mit Taliban-Gesinnung an.

Hätten wir ein Königreich
Machten wirs den Schalkern gleich
Alle Mädchen, die so jung und schön
Müssten immer blau und weiß spazieren gehn.

Das kollektive Wir, das hier spricht, träumt von der Wiedererrichtung der Monarchie – allerdings einer Monarchie, deren Überbau deutliche Anleihen bei den Taliban erkennen lässt. Frauen müssten in diesem Königreich spazieren gehen, arbeiten oder studieren dürfen sie nicht. Zudem sind sie zum Tragen ausschließlich blau­ und weißer Kleidung verpflichtet. Was den Taliban der Burkha, ist dem Schalker Kollektiv die blau-weiße Garnitur, Kluft oder Voll-Kutte.

These 4: Das Lied wendet sich an Multikulti-Intellektuelle mit Lust am dadaistischen Sprachspiel.

Mohammed war ein Prophet
Der vom Fußballspielen nichts versteht
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau- und Weiße ausgedacht.

Das ist einerseits DADA pur, das ist intellektueller Nonsens auf höchstem Niveau. Hier springt man durch die grammatischen Zeiten: Präsens, Präteritum und Perfekt sind in den vier Zeilen vertreten.
Der Papst, als Oberhaupt des Katholizismus, ist Vereinsmitglied; Mohammed aber wird die Schalker Farbenlehre zugesprochen. Dies muss als eine Verbeugung vor unseren Mitbürgern islamischen Glaubens verstanden werden – ein Zeugnis der Toleranz und des Willens zum friedlichen Miteinander, wie es mir aus keiner anderen Vereinshymne bekannt ist. Sieht man diese Strophe im Zusammenhang mit der ersten (Stichwort: Fußballgarnitur), so wird klar: In diesem Lied werden Mekka und Medima verbunden!

These 5: Das Lied ist Ausdruck der Verbundenheit mit der Heimat und den Stehplatzzuschauern.

Wenn es in der letzten Strophe heißt, dass tausend Feuer in der Nacht leuchten, so wird auf die Vergangenheit der Stadt der 1000 Feuer angespielt. Wenn es heißt, das tausend Freunde zusammen stehn, so sind wir in der Gegenwart, denn es wird klar: Beim Fußball gilt: Sitzen ist was fürn Arsch. Der echte Fan steht. Der echte Fan lümmelt sich nicht in Logen herum, für ihn ist Fußball kein Event, sondern Lebensmittel, Gottesdienst und Mittelpunkt der Existenz. Damit geht „Blau und weiß“ weit über den Rahmen üblicher Vereinslieder hinaus, die zumeist nichts anderes machen, als Lobhudeleien der billigsten Art auszuschütten. Dieses Lied greift grundsätzliche Fragen des menschlichen Daseins auf, es weist uns einen Weg durch die Wirrnisse des Lebens und ist uns Richtschnur für unsere Existenz, es ist Heilmittel, Verheißung und Verpflichtung zu gleich!

Deshalb rufe ich Euch zu: Nun denn, wohl auf! Gehet hin und jubelt, werft die Zecken und die Bayern in den Staub und wandelt weiterhin auf dem blau-weißen Pfad der Wahrhaftigkeit!