„Fußball ist viel mehr, als nur auf dem Platz zu stehen!“

(bob/sr) Im Sommer geht eine Ära zu Ende: Huub Stevens hört nach fast genau sechs Jahren als Trainer beim FC Schalke 04 auf und wechselt zu Hertha BSC in die Bundeshauptstadt; höchste Zeit also, ihn im SCHALKE UNSER zu Wort kommen zu lassen. Der niederländische Coach, der in Pressekreisen allgemein als schwierig eingestuft wird, erwies sich dabei als redseliger und offener Gesprächspartner. SCHALKE UNSER sprach mit ihm über die Zukunft, die Vergangenheit und „Shocking Blue“.

SCHALKE UNSER:
Wir können uns noch an das UEFA-Cup-Spiel von Schalke in Kerkrade, wo du noch Trainer warst, erinnern: Da lief als Maskottchen ein Huhn, so wie Bibo aus der Sesamstraße, herum. Es war sehr viel Karneval in Kerkrade. Und die Fankultur, die dann von Schalke dahinkam, war wiederum anders.

HUUB STEVENS:
Das stimmt, man kann das nicht vergleichen. Aber du kannst auch Schalke nicht mit einem holländischen Verein vergleichen. Und wenn, dann gibt es eher Ähnlichkeiten mit Feyenoord, wobei ich natürlich nicht die Hooligans meine, sondern die Fans, wie sie hinter der Mannschaft stehen, mit ihrem Verein mitfiebern und feiern. Kerkrade ist da wieder ganz anders, aber schön: gemütlich und anständig. Das sind die Feyenoord-Fans auch, aber anders als in Kerkrade.

SCHALKE UNSER:
Von Hertha BSC war über dich zu hören, man hätte einen der besten Trainer aus der Bundesliga abgeworben. Als du von Kerkrade nach Schalke kamst, warst du noch ein „normaler“ Trainer. Jetzt zählst du also zu den Startrainern.

HUUB STEVENS:
So sehe ich das nicht. Ich habe in den sechs Jahren auf Schalke neue Erfahrungen gemacht, aber ich bin immer noch ein ganz normaler Trainer, der dem Verein weiterhelfen möchte. Es geht nicht um den Trainer oder den einzelnen Spieler, sondern nur um den Verein und die gesamte Organisation. Es ist natürlich schön, wenn man über dich sagt, dass du ein guter Trainer bist. Aber was ist ein guter Trainer? Es gibt auch gute Trainer, die nicht so erfolgreich wie ich gewesen sind, aber vielleicht bessere Arbeit absolvieren und die das große Publikum nicht sieht, zum Beispiel Trainer aus der zweiten Liga, aus dem Jugend- und Amateurbereich, die nicht so in der Öffentlichkeit stehen.

SCHALKE UNSER:
Das ist ein langer Weg auf Schalke gewesen.

HUUB STEVENS:
Eine schöne Zeit, die sehr schnell vorbei gegangen ist. Es war eine sehr intensive und daher auch schwere Zeit. Aber wenn man in das Geschäft einsteigt, weiß man das. Wenn ich jetzt den Verein verlasse, um eine neue Herausforderung zu suchen, ist es auch für Schalke besser, wenn die Spieler nach sechs Jahren ein neues Gesicht sehen und eine neue Stimme hören. Ich denke, es ist gut für die Jungs, wenn die mit einem neuen Trainer arbeiten, der wieder andere Ideen hat. Ich hätte auch letztes Jahr meinen Vertrag noch mal verlängern können, aber dann wäre die nächste Saison mein siebtes Jahr bei Schalke geworden, und sieben Jahre bei einem Verein – das ist schwierig. Wenn man so intensiv wie ich mit einem Verein zusammenarbeitet, dann kann man das nicht 15 Jahre lang machen; dann bist du tot! Man muss auch mal Abstand nehmen, und deshalb denke ich, dass nach diesen sechs Jahren der richtige Moment für die Trennung gekommen ist. Ich habe auch deshalb einen unbefristeten Vertrag auf Schalke gehabt, weil ich vom Verein keine Abfindung haben wollte. Wenn ich hier aufhöre, möchte ich, dass man sich als Freunde voneinander trennt. Ich fand es gegenüber Schalke richtig und fair, dass ich das alles intern schon im November gesagt habe, damit der Verein auch die Chance hat, sich rechtzeitig einen geeigneten Nachfolger zu suchen. Dass es dann im Dezember herausgekommen ist, hat nicht an mir gelegen. Galatasaray und Fenerbahce Istanbul haben sich anschließend bei mir gemeldet und wollten mich sofort verpflichten, aber ich wollte meinen Vertrag bei Schalke erfüllen und ich wollte gern in der Bundesliga weiterarbeiten. Hertha war der einzige Verein aus der Bundesliga, der sich bei mir gemeldet hatte. Das ist natürlich ein ganz anderer Verein, nicht von der Tradition her, aber vom Umfeld; das ist eine andere Fangemeinschaft. Da muss man sich drauf einstellen. Ich habe mich damals von Roda auf Schalke umstellen müssen, und jetzt muss ich mich auf Hertha BSC umstellen. Aber auch wenn ich jetzt schon mal nach Berlin fliege, bis zum 30. Juni bin ich hier.

SCHALKE UNSER:
Also bis zur deutschen Meisterschaft.

HUUB STEVENS:
Jeder spricht jetzt darüber, und ich sage auch, dass wir noch oben mitmischen. Aber welcher Platz das am Ende wird… Ich will mich auf jeden Fall gut verabschieden, auch damit ich den Fans, die mir in all den Jahren sehr viel gegeben haben, etwas zurückgeben kann. Wir haben im Laufe der Jahre eine gute Mischung und Harmonie gefunden, mit der Schalke jahrelang erfolgreich war. Und ich möchte auch im letzten Jahr noch erfolgreich sein. Ob ich bei Hertha ebenso Erfolg habe, hängt natürlich davon ab, wie der Kader zusammengestellt ist. Ich finde, es ist immer brisant, wenn ein Trainer sagt, er möchte den, den und den Spieler haben, und nach eineinhalb Jahren ist der Trainer weg und was will man dann mit diesen Spielern anfangen? Ich denke, man muss Spieler finden, die zum Verein passen. Das habe ich hier getan und werde es auch wieder in Berlin tun. Hertha fragt mich ab und zu, was ich von diesem oder jenem Spieler halte. Dann kann ich nur antworten, ob ich den Spieler für einen guten oder weniger guten Spieler halte, und ob er in mein Spielsystem passt; aber ob er zum Verein und dessen Mentalität passt, kann ich noch nicht beurteilen. Wir auf Schalke haben zum Beispiel bis jetzt noch keinen Brasilianer geholt, bei Hertha spielen zwei.

SCHALKE UNSER:
Wie funktioniert eigentlich die Absprache mit dem neuen Trainer Frank Neubarth?

HUUB STEVENS:
Mit Frank habe ich bisher ein Gespräch geführt; der ist auch ständig unterwegs, um sich mögliche neue Spieler anzuschauen und ich bin die ganze Zeit hier bei den Jungs. Das ist dann auch nicht mehr meine Angelegenheit, auch wenn ich natürlich darum bemüht bin, eine Basis zu hinterlassen, mit der Frank Neubarth weiter kommt. Deshalb habe ich auch im Dezember noch mit Christian Poulsen gesprochen. Ich hoffe, dass Schalke auch in Zukunft erfolgreich ist, denn das bestätigt ja auch meine Arbeit hier.

SCHALKE UNSER:
Als Trainer bekommt man eine Menge Geld, aber man hat auch ein Herz. Wenn man an die Zeit zurückdenkt, nimmt man da auch was von Schalke mit?

HUUB STEVENS:
Von allen Vereinen, bei denen ich gearbeitet habe, nehme ich was mit. Von Fortuna Sittard, wo ich als Spieler angefangen habe, von PSV Eindhoven, Roda Kerkrade und ich hoffe auch von Schalke.
Von PSV nahm ich sicher am meisten mit, weil ich dort 18 Jahre gearbeitet habe, aber von den anderen Vereinen trage ich sicher am meisten von Schalke mit; das ist ein Teil meines Lebens geworden, vor allem, wenn man das so intensiv erlebt hat wie ich. Man darf nicht vergessen, dass ich sechs Jahre lang von zu Hause weg gewesen bin, und ich habe meine Familie viel weniger gesehen als den Verein.

SCHALKE UNSER:
Wie groß war dabei die Belastung?

HUUB STEVENS:
Ich denke, die Belastung war für meine Familie größer als für mich. Man sieht die Kinder aufwachsen, bekommt davon selber aber wenig mit; das war schon belastend, aber wenn man in diesem Geschäft arbeitet, weiß man das. Wenn man im Fußball erfolgreich sein will, darf man nicht nach Stunden gucken, man ist den ganzen Tag für den Verein da. Fußball ist viel mehr, als nur auf dem Platz zu stehen. Die Liebe und die Freude für den Sport muss man auf die Spieler übertragen, und nicht nur auf die Spieler, auch auf den Trainerstab, die medizinische Abteilung. Auf dem Platz zu stehen und mit den Jungs zu arbeiten, das ist das schönste, und mit den Spielern richtig umzugehen, ist das allerwichtigste. Ein guter Vergleich ist sicher die Familie. Damals waren wir fünf Jungs, als ich aufgewachsen bin. Damit das funktionierte, brauchte man bestimmte Regeln. Ein Fußballverein ist wie eine ganz große Familie; das sind dann allerdings nicht fünf, sondern 34. Zu den Spielern kommen der Trainerstab, die medizinische Abteilung, das Management, das Personal auf der Geschäftsstelle – das gehört alles dazu. Da braucht man auch bestimmte Regeln, eine gewisse Ordnung, sonst funktioniert die ganze Organisation nicht. Ich bin auch nicht immer froh darüber, wenn ich bestimmte Maßnahmen durchführen muss. Ich will zum Beispiel nicht, dass die Spieler beim Training den Ball in die Hand nehmen, ich will, dass Fußball gespielt wird. Ich versuche das den Spielern im Training spielend zu vermitteln. Wenn man bei einem neuen Verein anfängt und das den Spielern sagt, sind sie das nicht gewohnt. Wenn dann ein Spieler den Ball in die Hand nimmt, dann darf er Liegestütze machen, die Bauchmuskeln trainieren. Wenn dann einer dreimal den Ball in die Hand nimmt, spürt er das schon. Auf diese Weise versuche ich den Jungs, spielerisch Ordnung beizubringen.

SCHALKE UNSER:
Du warst ja früher selber Spieler in den siebziger Jahren. Was macht ein holländischer Spieler in einer Zeit, in der auch in Holland jede Menge los war, wo Bands wie „Shocking Blue“ oder „Golden Earring“ großen Erfolg hatten? Hast du davon was mitgenommen?

HUUB STEVENS:
Nicht allzu viel. Ich kenne natürlich „Venus“ von „Shocking Blue“ und ich habe auch ab und zu mal mitgemacht. Das war auch schön, aber das Allerschönste war Fußball. Klar, ich habe damals auch ein bisschen Gitarre gespielt, allerdings nicht in einer Band, sondern nur für mich. Aber das wichtigste war für mich der Fußball.

SCHALKE UNSER:
Man erfährt normalerweise wenig Persönliches von dir. Liegt das auch daran, dass der Fußball in den letzten Jahren durch das Fernsehen und die Boulevardpresse zu einem Showelement geworden ist?

HUUB STEVENS:
Ja, und da will ich nicht mitmachen. Natürlich ist es für die Fans interessant, über Fußball in der Zeitung zu lesen, aber es gibt doch auch Fachzeitschriften. Ich habe keine Probleme damit, dass Boulevardzeitungen über Fußball schreiben, aber ich versuche schon, meine Privatsphäre zu schützen. Das muss auch sein. Das ist etwas von einem selbst und da möchte man sich auch etwas absichern. Egal, ob der Erfolg da ist oder ob wir ein Spiel verloren haben, ich versuche immer, mich etwas zurückzuhalten. Natürlich freue ich mich, wenn wir gewonnen haben. Nachdem wir letztes Jahr in Berlin den DFB-Pokal gewonnen haben, habe ich mir ganz gemütlich ein Bier getrunken und meine Freude gehabt, aber ich genieße dann auf meine Art. Nicht, dass ich meine Freude nicht zeige, aber man muss immer ein Vorbild für die Spieler bleiben. Auch wenn wir vom Trainerstab hin und wieder mal gemeinsam irgendwo essen gehen, sind wir dabei nicht völlig frei. Jeder erkennt dich.

SCHALKE UNSER:
Wir bedanken uns für das Gespräch. Glück auf.