„Wo sind eure Aufpasser?“

(mj/sr) Unter den Tätigkeiten, die wir, sogenannte „Normale“, blinden oder sehbehinderten Menschen niemals zutrauen würden, gehört sicherlich auch der Besuch eines Fußballspiels. Was haben denn Blinde dort auch zu suchen? Sie können das Spiel doch schließlich nicht sehen. Doch weit gefehlt. Nicht nur, dass es für blinde und sehbehinderte Menschen ganz normal ist, zum Fußball zu gehen, nein: Im Umfeld von Schalke 04 gibt es schon seit einiger Zeit das „Attacke S04“, eine Tonbandzeitung von blinden für blinde Schalke-Fans. SCHALKE UNSER sprach mit Petra und Achim Töns von „Attacke S04“.

SCHALKE UNSER:
Wie wird man Fußballfan, wenn man Fußball nicht gucken kann?

PETRA TÖNS:
Ich kann mich noch erinnern, dass mein erstes Spiel ein Spiel gegen Gladbach war. Das Spiel war Scheiße, aber die Stimmung war super. Da hab ich gedacht: „Hier bleib ich, hier fühl ich mich wohl.“ Die Stimmung hat mich einfach fasziniert.

ACHIM TÖNS:
Ich bin über meinen Bruder zum Fußball gekommen, der mich aber zu einem Verein mitgenommen hat, dessen Namen ich hier nicht aussprechen darf. Auch mir hat die Stimmung beim Fußball gefallen, wobei ich nie zu einem glühenden Anhänger des BVB geworden bin. Meine Frau hat mich dann zu Schalke bekehrt. Ich bin praktisch vom Saulus zum Paulus geworden.

SCHALKE UNSER:
Ihr kommt ja von außerhalb. Wie informiert ihr euch als blinde Fußballfans über Schalke?

ACHIM TÖNS:
Wenn man in Gelsenkirchen und Umgebung lebt, ist es sicherlich einfacher, sich über Schalke zu informieren; hier gibt es schließlich Radio Emscher­Lippe und die Lokalpresse. Aber wenn man, so wie wir, in Münster oder noch weiter weg wohnt, sind die Informationen über S04 eher spärlich.

PETRA TÖNS:
Und jetzt hat man auch noch netterweise die Sendung „Auf Schalke“ im DSF gestrichen.

ACHIM TÖNS:
Für uns bot diese Sendung die Möglichkeit, sehr schnell und aktuell an Informationen zu kommen, auch wenn sie nur alle 14 Tage kam. Insofern müssen wir uns überlegen, ob wir vom „Attacke S04“ nicht noch intensiver und mehr von Schalke berichten.

SCHALKE UNSER:
Welche Bedeutung hat eine Tonbandzeitung für Blinde?

ACHIM TÖNS:
Es ist ja so, dass Tonbandzeitung für uns das Medium schlechthin ist. Zwar gibt es auch akustische Lesegeräte, mit denen man eine Zeitung lesen kann, aber der Computer weiß nicht, was interessant ist und was nicht. Den „Schalker Kreisel“ durchzulesen, hat damit Stunden gedauert. Das geht also nicht. Jeder Blindenverein hat seine Tonbandzeitung, Es gibt in den verschiedenen Bereichen Tonbandzeitungen, auch im Sport. Nur speziell für einen bestimmten Verein gab es bislang keine Tonbandzeitung. Da sind wir die ersten. Wir haben ja Leser von München bis Hamburg, die ja so gar nichts von Schalke mitbekommen. Für die lesen wir die Artikel aus den Tageszeitungen, insbesondere auch aus dem „Schalker Kreisel“, und geben dann einfach unseren Teil dazu, indem wir Interviews mit den Verantwortlichen und den Spielern führen. Das Ganze wird dann professionell im Tonstudio der VHS Herne von ehrenamtlichen Mitarbeitern vorgelesen.

PETRA TÖNS:
Über den Verein „Tonbandzeitung e.V.“ wird das ganze dann an unsere Hörer verschickt. Die Tonbandzeitung erscheint einmal im Monat.

SCHALKE UNSER:
Ihr denkt mehr an die Perspektive, eine Tonbandzeitung zu machen, die anstelle von Artikeln mehr Gesprächs- und Interviewanteile besitzt?

ACHIM TÖNS:
Gerade Interviews mit aktuelleren Spielern oder dem neuen Trainer, der im Juli kommt, sind wichtig. Es wäre zum Beispiel gut, wenigstens ein kleines Statement von Frank Neubarth zu bekommen, damit unsere Hörer sich schon mal mit dessen Stimme vertraut machen können, um sich ein Bild von ihm zu machen. Wenn wir ein Interview mit einem neuen Spieler machen, dann bitten wir diesen, sich erst mal zu beschreiben, wie er aussieht. Als beispielsweise Jörg Böhme und Andy Möller kamen, haben wir von beiden innerhalb einer kleinen Vorstellungsrunde einen kurzen Steckbrief machen können. Wenn im Fernsehen ein Interview mit einem neuen Spieler gemacht wird, dann wird einfach der Name desjenigen eingeblendet. Und wenn wir dann die Stimme hören, fragen wir uns natürlich: „Wer ist das eigentlich? Ich kenne die Stimme ja gar nicht.“ Darum interviewen wir ja auch diese Spieler, damit wir die Stimme kennenlernen. Dann können wir im Fernsehinterview anhand der Stimme erkennen, wer das ist, denn wir haben ein ganz gutes Stimmengedächtnis.

SCHALKE UNSER:
Ihr habt gerade gesagt, dass ihr ein Interview macht, damit ihr euch ein Bild von einem Menschen machen könnt. Wie hat man sich das vorzustellen?

PETRA TÖNS:
Man kann sich ein Bild über die Stimme machen. Ist das ein ruhiger oder ein aufgedrehter Typ? Ist der in Ordnung?

ACHIM TÖNS:
Ihr guckt ja jemanden an und denkt: „Der könnte jetzt so oder so sein.“ Das geschieht ja ganz unwillkürlich über das Unterbewusstsein. So ähnlich funktioniert das bei uns über die Stimmen. Für die Spieler ist das natürlich eine Umstellung, denn im Interview mit Sehenden macht man ja auch viel mit der Mimik. Das fällt bei uns natürlich vollkommen weg.

PETRA TÖNS:
Ich kann mich noch an unser erstes Interview mit Olaf Thon und Gerald Asamoah erinnern. Der Olaf hatte, glaub ich, schon Erfahrungen mit Blinden und Sehbehinderten gemacht. Beim Gerald war das anders; der war nachdenklich: „Wie soll ich antworten?“ Dazu kam, dass wir leider auch Sehende mit dabei hatten. Die Spieler hatten sich schon des Öfteren an den Sehenden orientiert. Ich hatte den Eindruck, sie hätten mit Gestik und Mimik um Hilfe gebeten. Nach dem zweiten Interview hatten wir überlegt, Sehende nicht mehr mitzunehmen, um zu sehen, wie das ist. Das war dann ganz locker. Nur einmal gabs Probleme mit einem Spieler; der konnte, glaub ich, nicht wahrhaben, dass wir alleine da waren.

ACHIM TÖNS:
Der dachte wahrscheinlich, dass wir unsere fünf Wärter dabei haben müssten. Und dann waren zwei Exemplare alleine da, ohne irgendwelche Wärter! Viele können sich einfach nicht vorstellen, dass wir alleine irgendwo hin gehen. Wenn Blinde kommen, heißt es: „Wo sind eure Begleiter? Wo sind eure Aufpasser?“ Sicher, man braucht hier und da auch mal Hilfe, aber wir wollen möglichst alleine und selbständig klarkommen und nicht ans Händchen genommen werden.

SCHALKE UNSER:
Wie ist das Verhältnis zum Verein?

ACHIM TÖNS:
Schalke unterstützt uns; man hat dort offene Ohren und Türen für uns. Was möglich ist, macht Schalke für uns. Vorstand und Pressestelle sind da sehr zuvorkommend. Ohne unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter und ohne die Unterstützung des Vereins wäre die Tonbandzeitung nicht möglich. Sich einfach an den Küchentisch zu setzen und Zeitungsartikel vorzulesen, würde es nicht bringen.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch und Glückauf.