„Manchmal muss man die Zähne zusammenbeißen!“

(stu/cr) Rudi Assauer bezeichnete ihn als „Spielertyp wie Eijkelkamp“, Andi Müller verglich ihn mit dem jungen Yeboah, nur die Schalker Fans wurden lange nicht richtig warm mit Victor Agali. Aber der 23 Jahre alte Stürmer will sich durchbeißen und in dieser Saison auch das Vertrauen der Fans gewinnen.

SCHALKE UNSER:
Frank Neubarth hat dein Tor gegen Hamburg „Weltklasse“ genannt – geht das nicht runter wie Öl?

VICTOR AGALI:
Klar, ein solches Lob vom Trainer macht jeden Spieler glücklich. Das ist eine schöne Anerkennung für die Leistung, die man bringt.

SCHALKE UNSER:
Wie siehst du diesen Umschwung? Bei deiner Auswechselung wurdest du mit Sprechchören gefeiert, so freundlich waren die Fans nicht immer, wenn sie deinen Namen riefen.

VICTOR AGALI:
Da kamen viele Dinge zusammen, die ich aber zum Glück mit dem Manager besprechen konnte. Ich hatte auch persönliche Probleme wie Verletzungen. Aber ich habe beschlossen, auf die Länderspiele zu verzichten und mich mit dem neuen Trainer hier im Verein gut auf die Saison vorzubereiten. Achtstündige Flüge nach Afrika sind keine gute Hilfe, um hier seine Leistung zu bringen.

SCHALKE UNSER:
Wo siehst du die Hauptunterschiede zwischen Stevens und Neubarth?

VICTOR AGALI:
Ich spüre das Vertrauen von Frank Neubarth und komme sehr gut mit ihm zurecht. Natürlich ist das Training auch Arbeit, aber mit ihm macht es auch Spaß. Ich bin sehr froh, dass er hier ist. Am System hat er nicht viel geändert, aber er akzeptiert meine Art, Fußball zu spielen. Wobei ich Huub Stevens nicht kritisieren will.

SCHALKE UNSER:
Hilft es, dass er Stürmer war und nicht Verteidiger?

VICTOR AGALI:
Daran liegt es glaube ich nicht, es ist die Art des Umgangs. Er gibt jungen Spielern Vertrauen und ist nicht so streng. Afrikanische oder südamerikanische Spieler machen ihre besten Spiele, wenn sie gut drauf sind und auch ein paar spielerische Freiheiten haben.

SCHALKE UNSER:
Bei der Olympiade hast du zwei Tore geschossen, zur WM bist du aber nicht mitgefahren. Vom Held zum Buhmann – bist du der Roy Keane von Nigeria?

VICTOR AGALI:
(lacht) Nein, so würde ich mich nicht sehen. Ich denke, in Nigeria gibt es vielleicht eine gewisse Überheblichkeit. Die besten Spieler und Trainer sind in Europa, mit denen muss man sich messen. In Nigeria glauben aber viele, besser zu sein. Es wird nicht genug trainiert, und auch organisatorisch liegt vieles im Argen. Es wird gearbeitet, als gäbe es nichts zu verbessern. Ich habe nicht verstanden, warum die Top-Spieler aus Nigeria, die alle in Europa spielen, zum Teil vom Trainer für die WM nicht berücksichtigt worden sind. Wie etwa Sunday Oliseh und Finidi George. Der Trainer stand wohl unter Druck, statt Legionäre mehr einheimische Spieler, die höchstens dritt- oder viertklassig sind, einzusetzen. Deswegen war es für mich klar, dass Nigeria bei der WM nichts reißt. Der Trainer ist zu feige, und der Verband zu amateurhaft. Ich will nicht zu negativ sein, aber so macht es keinen Spaß und führt geradewegs zu einem Desaster, wie man bei der WM sehen konnte – ein Punkt, ein Tor.

SCHALKE UNSER:
Im Sommer hast du gesagt, du willst dich auf Schalke konzentrieren. Hat sich das geändert durch den neuen Nationaltrainer, würdest du wieder für Nigeria spielen?

VICTOR AGALI:
Ich war immer dazu bereit, aber unter diesen Bedingungen arbeite ich lieber hier daran, besser zu werden. Ich will nicht als Tourist an einer WM teilnehmen, man muss sich doch Ziele setzen, ins Halbfinale oder wenigstens ins Viertelfinale zu kommen. Sonst wirkt sich das am Ende auf die Karriere aus. Ich glaube, im Moment kann ich hier mehr für mich erreichen.

SCHALKE UNSER:
Was hat dich aus Südfrankreich an die baltische Küste nach Rostock verschlagen?

VICTOR AGALI:
In Marseille hatte ich starke Konkurrenten wie Ravanelli und andere große Spieler, und dann kam das Angebot aus Rostock. Ewald Lienen wollte mich verpflichten, und er ist ein guter Trainer. Vor allem spricht er mehrere Sprachen, Englisch, Spanisch, das erleichtert mir die Eingewöhnung. Also habe ich angenommen.

SCHALKE UNSER:
Du hast mal hier einen Schalker gefoult und bist das ganze Spiel über ausgebuht worden. Würdest du dich als aggressiven Spieler bezeichnen?

VICTOR AGALI:
(lacht) Das gehört zum Fußball dazu, man muss auch aggressiv sein. Man darf nur nicht zu langsam sein, wenn man reingeht und kommt zu spät, sieht es schnell brutal aus. Aber ich denke, ich bin eigentlich ein fairer Spieler.

SCHALKE UNSER:
Du holst dir aber auch so manche Karte ab.

VICTOR AGALI:
Okay, die bekommt man dafür halt auf dem Platz. Das hängt aber auch vom Schiedsrichter und seiner Spielauffassung ab, beim einen geht es durch, beim anderen halt nicht.

SCHALKE UNSER:
Es war auch im Fernsehen nicht zu erkennen, warum du im Pokalfinale runtergeflogen bist.

VICTOR AGALI:
Da hatte ich einen aggressiven Gegenspieler, den Diego Placente. Er foulte mich von hinten. Das war sehr gefährlich, da habe ich mich aufgeregt, ich hatte ja die WM im Hinterkopf. Ich hab ihn also angefasst und gefragt, was das soll. Da kam schon der Schiedsrichter Wack, und ich hab sein Gesicht gesehen und wusste: Okay, für mich ist das Spiel heute beendet (lacht).

SCHALKE UNSER:
Der hatte ja auch schon beide Trainer beseitigt. Dein schwierigster Gegenspieler war Martin Keown von Arsenal, du hast über ihn gesagt: „Ich musste ihn fragen, ob er mich auch mal an den Ball lässt.“ Hast du ihn das wirklich gefragt?

VICTOR AGALI:
(lacht) Nein, das war Spaß. Aber gedacht habe ich das schon während des Spiels.

SCHALKE UNSER:
Mit Ebbe, Emile und Gerald hast du auch hier starke Konkurrenz. Was hat dich bewogen, trotzdem zu kommen? Du hattest doch auch ein Angebot aus Berlin.

VICTOR AGALI:
Man muss die Kollegen nicht nur als Konkurrenz betrachten. Schalke hat sehr gute Spieler, also spiele ich hier in einer Mannschaft, die viel erreichen kann und in einem schönen Stadion, das meistens ausverkauft ist. Mich hat auch die bunte Mischung auf Schalke mit den vielen Nationalitäten gereizt, da habe ich mir direkt gesagt: Dort fühlst du dich wohl.

SCHALKE UNSER:
Du hast den Wechsel zu Schalke also nicht bereut?

VICTOR AGALI:
Überhaupt nicht.
SCHALKE UNSER:
Womit rechnest du in dieser Saison?

VICTOR AGALI:
Noch ist alles offen, der Start war ja nicht schlecht. Gute Mannschaft, guter Trainer. Irgendwas werden wir am Ende der Saison schon mitnehmen können.

SCHALKE UNSER:
Alle waren sehr überrascht, als Assauer den neuen Trainer präsentierte. Kanntest du ihn überhaupt vorher?

VICTOR AGALI:
Nein. Ich habe ihn auf der Geschäftsstelle zum ersten Mal gesehen und dachte, er wäre ein Postbote oder so was. – Nein, das ist der neue Trainer! – Wie, der? (lacht)

SCHALKE UNSER:
Rhein Fire wird demnächst in der Arena spielen.

VICTOR AGALI:
Das ist gut, dann brauche ich nicht immer nach Düsseldorf fahren! Ohne Scherz, American Football sehe ich mir schon mal ganz gerne an. Ein Experte bin ich allerdings nicht. Am liebsten höre ich dazu den amerikanischen Kommentar. Das ist auch am unterhaltsamsten.

SCHALKE UNSER:
Nach dem Vorfall mit Harald Cerny wurde der Satz von dir zitiert: „Es gibt keinen Rassismus in der Bundesliga“. Was hast du damit gemeint?

VICTOR AGALI:
Daran kann ich mich so wörtlich nicht erinnern. Ich meinte, es sollte keinen geben: Wenn jemand etwas gegen mich persönlich hat, kann ich damit leben, aber es gibt keinen Grund, das mit der Hautfarbe in Verbindung zu bringen. Leider passiert so was immer noch, immer wieder.

SCHALKE UNSER:
Du hast erzählt, du wusstest gar nicht, was Rassismus ist, als du aus Nigeria kamst. Ist Rassismus generell ein Problem der Weißen?

VICTOR AGALI:
Ich mag das nicht in Schwarz und Weiß unterteilen, das geht jeden an. In erster Linie entsteht es doch bei Leuten, denen es an Intelligenz mangelt.

SCHALKE UNSER:
Thierry Henry ist vor kurzem in Eindhoven massiv rassistisch beschimpft worden, die UEFA riet ihm, sollte so etwas nochmal geschehen, das Feld zu verlassen. Käme das für dich in Frage?

VICTOR AGALI:
Da muss man doch auch an seine Kollegen denken, und an den Trainer, der dich aufgestellt hat. Die kriegen gar nicht mit, was vorgefallen ist, und du lässt sie einfach alleine. Auch gegenüber den Fans wäre das nicht fair. Es ist schwierig, aber manchmal muss man halt die Zähne zusammenbeißen und das aushalten, da kann man nicht nur an sich denken.

SCHALKE UNSER:
In welchem Alter hast du mit Fußball angefangen?

VICTOR AGALI:
Früh, ich war in der ersten Schulklasse, also mit Sechs. Ich liebe dieses Spiel, aber, wie gesagt, vielen fehlte bei uns in Nigeria die professionelle Einstellung dazu. Hauptsache spielen, spielen – darum wurden Fußballer bei uns oft nicht ernst genommen. Wenn man da etwas erreichen wollte, war das nicht immer leicht. Aber ich hatte mir vorgenommen, ein Topspieler zu werden.

SCHALKE UNSER:
Ist der UEFA-Cup trotz der Dominanz der Champions League noch eine interessante Trophäe, für die es sich lohnt zu kämpfen?

VICTOR AGALI:
Die Champions League sollte den Topvereinen vorbehalten sein, der UEFA-Cup ist halt ein Ausgleich für die dahinter. Aber er hat immer noch seinen Wert, wenn wir ihn morgen holen würden, wäre ich sehr froh (lacht). Und der Trainer auch. Wenn wir schon die Champions League dieses Jahr nicht gewinnen.

SCHALKE UNSER:
An der Champions League gefallen uns der Ligamodus ­ K.O.­Runden wären besser ­ und, dass eben nicht nur Meister mitspielen, nicht.

VICTOR AGALI:
Aber Schalke kann kaum Meister werden, und so können wir trotzdem dort spielen. Ich finde das okay, es gibt mehr Vereinen die Chance, mitzuspielen und Geld zu machen. Obwohl es nur unter Meistern sicher auch interessant wäre.

SCHALKE UNSER:
Siehst du die Nähe zu den Fans auf Schalke als etwas Besonderes an? Nicht in einem Käfig zu trainieren wie Bayern?

VICTOR AGALI:
Das war in Rostock durchaus ähnlich, aber es ist immer gut für die Spieler, nah bei den Fans zu sein. Einfach mal „Hallo“ sagen, ein bisschen sprechen, Autogramme geben, das sollte schon so sein. Aber auf Schalke sind es mehr Fans, hier ist eben alles etwas größer.

SCHALKE UNSER:
Hast du Vorbilder gehabt, Lieblingsspieler?

VICTOR AGALI:
Als ich nach Europa kam, habe ich natürlich auch die Weltmeisterschaft verfolgt und war begeistert von Diego Maradona. Pele ist auch ein Vorbild, aber den habe ich nicht live spielen gesehen, nur Videos.

SCHALKE UNSER:
Bist du Fan einer Mannschaft?

VICTOR AGALI:
Als ich jünger war, hat mich Frankreich sehr beeindruckt, mit Michel Platini, Jean Tigana, Alain Giresse, Joel Bats im Tor. Fußball zum Verlieben (lacht). Ich bin aber nicht deswegen nach Frankreich gegangen, das war eher Zufall.

SCHALKE UNSER:
Besuchst du noch ab und zu Nigeria?

VICTOR AGALI:
Selbstverständlich, zweimal im Jahr. In der Winterpause werde ich wieder hinfahren, Familie und Freunde besuchen, und natürlich nach Saisonende. Freunde habe ich hier auch, aber zweimal muss ich einfach auch nach Hause.

SCHALKE UNSER:
Wirken sich die Aufstände an der Elfenbeinküste auf ganz Afrika aus?

VICTOR AGALI:
Afrika hat viele Probleme, das fängt mit den Lebenshaltungskosten im Verhältnis zum Einkommen an. Ich sage immer „Ein hungriger Mann ist ein zorniger Mann“, und es gibt eine Grenze, was man so aushält. Trotz der schlechten Bildung sieht er aber den viel zu großen Unterschied zwischen Reich und Arm, und in einer solchen Gesellschaft gibt es natürlich auch eine Tendenz zu Gewalt und Krieg. Schön ist das nicht, aber was kann man dagegen tun?

SCHALKE UNSER:
Bereichern sich dabei nicht auch oft Politiker an Geldern, die eigentlich dem Volk zugute kommen sollten?

VICTOR AGALI:
Das kann ich nicht beweisen, aber es ist offensichtlich, dass der Gegensatz besteht, und so kommt es immer wieder zur Gewalt. Das ist Afrikas Problem, ich kann nur hoffen, dass es irgendwann besser wird. Eine bessere Ausbildung könnte vielleicht helfen, das in den Griff zu bekommen. Die Folgen der Gewalt sind ja offensichtlich, da sollte man nach besseren Wegen suchen, die nicht solche Opfer fordern.

SCHALKE UNSER:
Das hoffen wir mit dir! Alles Gute und Glückauf.

VICTOR AGALI:
Vielen Dank, und bringt mir auf jeden Fall ein Heft mit, wenn das Interview drinsteht!