Sitzen ist für‘n Arsch – Schalker Fan­-Initiative muss in den Knast

(bob) Juli 2003, es ist ein heißer Sommertag und ich stehe vor dem schweren Eisentor der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen. Ein letzter Blick auf die Straße, dann ertönt schon der Summer und die Tür öffnet sich. Hände aus Holz, auf Stangen gestellt, säumen den Kiesweg hin bis zum Hauptgebäude. Die vorletzte Hand trägt das Logo von Fortuna Düsseldorf.

Willkommen in der Diaspora, sag ich mir und melde mich beim Pförtner an. Grund des Hierseins, Personalausweis abgeben, ein Sicherheitscheck bleibt aber aus. Ich warte auf die Psychologin und schaue mich in dem Ambiente vergangener Tage um. Warm ist es, stelle ich fest. Obwohl wenig Licht auf den Flur scheint, ist es verdammt warm hier, fast noch wärmer als die Freiheit.

Ich schleiche zu einem dieser monströsen Heizkörper und fühle. Ein Gefühl, als wenn der gegnerische Stürmer allein auf unseren Keeper zuläuft übermannt mich. Er ist drin, ähhm, er ist an, meine ich natürlich. Dicke Mauern haben ihren Preis, sag ich mir und trolle meiner mittlerweile erschienenen Begleitung hinterher. Tür auf,Tür zu, Tür auf, Tür zu, Tür auf, immer begleitet von klirrenden Schlüsselgeschäpper. Ich stehe in der Aula; wohin das Auge auch blickt: Eiche brutal, in der Mitte ein Halbkreis von Stühlen. Der Beamer und der Laptop stehen schon. Schön hier als Schalker zu sein, denke ich, und nicht als Straftäter. Ein weiteres großes Eisentor wird zum Trakt hin geöffnet. Dreißig Männer trollen sich zu den Stühlen. Die Atmosphäre ist kühl und bleiern. Es geht los. Entstehungsgeschichte der Schalker Fan-Initiative, Arbeit einst und jetzt, dann ist schon Mittagspause. Zum Essen ziehe ich die außen liegende Pommesbude dem Kantinen-Schmankerl vor. Ich schau mir die Mädels irgendwie anders an als noch vor ein paar Stunden.

Dann wieder Eisentor, Fortuna Düsseldorf, Pförtner, Eiche brutal, Gesichter. Die CD-Rom des Projektes (Dem Ball is‘ egal wer ihn tritt) wird eingeschoben. Der Vortrag kommt flüssig, aber jetzt auch mit Zwischenfragen. Eine Diskussion kommt in Gange, aber in der Mittagspause hat sich was verändert. Ein BVB­-Trikot ist zu sehen, und ein VfL/Ajax­Freundschaftsschal. Fan-­Lieben quer durch alle Ligen werden sichtbar und vorgetragen. Was da teilweise rüberkommt, ist schon mit Ablehnung verbunden. Das Gespräch nimmt einen ungewöhnlichen Verlauf, es geht um Hooligans und Gewalt. Zu meiner Verblüffung sind alle einhellig der Meinung, diese abzulehnen und machen dort das Krebsgeschwür des Fußballs fest. Einer schlägt gar vor, den Fußball wegen der Randerscheinungen zu verbieten.

Ich staune nicht schlecht, dass Hooliganismus als „krank“ definiert wird. „Jetzt aber mal Heuwägelchen“ sage ich laut. „Wo bin ich denn hier hin geraten, an welchen Schrauben hat man denn bei euch drehen müssen, dass ihr hier seid, warum wird der Hohl zum Hool“. Volltreffer. Dann beginnt endlich eine konstruktive Phase, in der beide Seiten viel von einander lernen. Antirassismus­Arbeit im Stadion, das ist cool, und stößt auf reges Interesse, ist wohl aber auch kein brennendes Thema im Knast. Die CD-Rom bekommt lobende Worte und viele verabschieden sich per Handschlag mit der Bitte „Komm noch mal wieder, war schön mit dir“. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Wünsche dem Vortrag galten oder der Erkenntnis, dass es verschiedene Wege gibt, hier ein Zimmer zu reservieren. Die mitgebrachten SCHALKE UNSER gingen weg wie warme Semmeln und das Knast-Freiabo wurde beklatscht. Ich fahre seither mit einem anderen Gefühl an dem Backsteinbau an der Munckelstraße vorbei.