„Das sind die Momente, die mich stolz machen.“

(rk) Glanz und Gloria – Abstieg und Skandal. Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt. Berg und Tal mit S04. Kaum ein anderer Fußballverein verkörpert so die Emotionen – in die eine wie die andere Richtung – so wie der FC Schalke 04. Grund genug, ein Interview mit dem Jubilar höchstpersönlich zu führen.

SCHALKE UNSER:
Schalke 04, zunächst einmal Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Wie fühlt man sich denn so mit 100 Lenzen auf dem Buckel?

FC SCHALKE 04:
Danke der Nachfrage, eigentlich fühle ich mich noch immer so wie mit 99 Jahren. Kleiner Scherz, nein, im Ernst, ich habe echt eine Menge durchgemacht in meinem langen Leben.

SCHALKE UNSER:
Erzähl doch mal, wie hat das denn alles angefangen?

FC SCHALKE 04:
Am Anfang hieß ich ja gar nicht „Schalke 04“, sondern „Westfalia Schalke“. Die jungen Kerle Willy Gies, Josef Ferse, Viktor Kroguhl, Johann Kessel, Heinrich Kullmann, Adolf Oetzelmann, Josef Seimetz und Willy van den Berg haben mich damals gegründet. Von „Königsblau“ war damals noch nicht die Rede, die Jungs trugen rot-gelbe Trikots. Am Anfang war ich echt ein Verein wie jeder andere auch, wir waren noch nicht einmal im Westdeutschen Spielverband (WSV) organisiert. Dazu kamen noch die Geldsorgen, ohne fremde Hilfe traten wir auf der Stelle. Wir fragten den Schalker Turnverein 1877, der dem WSV bereits angehörte. Und siehe da – der Vorsitzender Fritz „Papa“ Unkel hatte ein Herz für uns und nahm uns in einen geordneten Spielbetrieb auf. Doch dann kam der 1. Weltkrieg und die Menschen hatten andere Sorgen.

SCHALKE UNSER:
Und wie ging‘s nach dem Krieg weiter?

FC SCHALKE 04:
Aus dem Schalker Turnverein 1877 und dem Sportverein Westfalia Schalke wurde der Turn- und Sportverein Schalke 1877. Gespielt wurde von nun an am Sportplatz anne Grenzstraße. Ihr glaubt ja nicht, wie viele Bergleute uns damals schon besucht haben. Die Zeche Consol unterstützte uns beim Aus- und Umbau des Platzes. Von da an war klar, dass man uns ab jetzt die „Knappen“ nennen würde.

SCHALKE UNSER:
Und ab wann hast du nun deinen heutigen Namen bekommen?

FC SCHALKE 04:
Das habe ich auch „Papa“ Unkel zu verdanken. Am 5. Januar 1924 trennten sich die Turner und Fußballer wieder. „Papa“ Unkel, der langjährige Vorsitzende der Turner, wechselte zu uns Fußballern. Beim ersten Treffen einigten sich die Vereinsmitglieder auf den neuen Namen: „Fußballclub Schalke 04“. Klingt doch wirklich besser als irgendwas mit Turnverein, oder? Blau und Weiß waren die neuen Vereinsfarben. Fragt mich bitte aber nicht warum – Alzheimer, ihr wisst schon.

SCHALKE UNSER:
Und wann kamen deine ersten sportlichen Erfolge?

FC SCHALKE 04:
1925 bekamen wir unseren ersten richtigen Trainer. Das war Heinz Ludewig, ehemaliger Mittelstürmer aus Duisburg. Danach ging‘s steil bergauf. Drei Meisterschaften haben wir im Frühjahr eingefahren: die Gruppenmeisterschaft der Kreisliga, die Emscherkreismeisterschaft und den Titel des Ruhrgaumeisters der Kreisligen. Das erste Aufeinandertreffen mit dem BVB endete dabei 4:2 für uns. Sollte nicht das letzte Mal sein, dass wir denen ein Beinchen stellen. Unsere Spielweise war dabei eine vollkommen neue: Kurz und flach wanderte der Ball von Mann zu Mann. Der „Schalker Kreisel“ war geboren. In meiner Mitgliederversammlung wurde 1927 der Bau eines neuen Stadions, der „Kampfbahn Glückauf“ beschlossen. Meinen Namen haben sie dann noch mal geändert in „FC Gelsenkirchen-Schalke 04“: aus Dankbarkeit, dass die Stadt beim Stadionbau finanzielle Hilfe geleistet hatte.

Bauplan der Kampfbahn Glückauf

SCHALKE UNSER:
Und wie hat‘s dir in deinem neuen Zuhause gefallen?

FC SCHALKE 04:
Einfach fantastisch, ehrlich. Da läuft mir heute noch ein Schauer den Rücken runter, wenn ich daran zurückdenke. Am 2. September 1928 wurde die Kampfbahn eröffnet. Ein Jahr später wurde ich erstmals Westdeutscher Fußballmeister, und 1930 gleich wieder.Dann mein erster Skandal: Der WSV erklärte 14 meiner Spieler aus der ersten Mannschaft, die für Spiele und Training ein damals verbotenes Handgeld von zehn Mark – erlaubt waren fünf – erhalten hatten, zu Berufsspielern und sperrte sie damit. Ich wurde aus dem WSV ausgeschlossen. Im ersten Spiel nach Aufhebung der Sperre zeigten wir denen aber wieder was ne Harke ist: 70.000 Zuschauer strömten in die Glückauf-Kampfbahn beim 1:0 gegen Fortuna Düsseldorf. Fritz Szepan und vor allem sein Schwager Ernst Kuzorra zeigten sich für Aufstellung und Taktik verantwortlich. 1933 stand ich zum ersten Mal im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Das Finale endet allerdings mit einer Enttäuschung. 0:3 gegen Fortuna Düsseldorf. Aber die nächsten Jahre gehörten uns – zumindest sportlich, politisch war es das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Zwischen 1933 und 1942 standen wir in 14 von 18 Endspielen um Meisterschaft (10) und Pokal (8); in jedem der zehn Jahre erreichten wir mindestens ein Finale und gewannen insgesamt sieben Titel (sechsmal Meister, einmal Pokalsieger), die erste Meisterschaft 1934. Die Endspiele verfolgten nicht selten mehr als 100.000 Menschen live im Stadion. Szepan und Kuzorra waren unsere unbestrittenen Leitfiguren, begleitet von Ötte Tibulski, Hans Klodt, Ernst Kalwitzki, Rudi Gellesch und Herbert Burdenski.

 

 

Eröffnung der Kampfbahn 1928

CHALKE UNSER:
Schalke im Dritten Reich. Was war da deine Rolle?

FC SCHALKE 04:
Klar ist wohl, dass ich vom System der Nationalsozialisten auch vereinnahmt wurde, keine Frage. Es passte schön ins Bild, dass wir als Arbeiter Triumphe auf dem Fußballfeld feierten. Sicher ist auch, dass sich etwa Fritz Szepan dem NS-Regime angedient hat und auch Vorteile dadurch hatte. Andererseits ist aber auch überliefert, dass Ernst Kuzorra nach der Niederlage gegen Rapid Wien (3:4 am 22. Juni 1941) wütend gesagt haben soll: „Jetzt kann mich der Führer auch mal am Arsch lecken.“ Das Spiel sei „verschoben“ worden, hieß es, Hitler habe sich nach dem politischen Anschluss Österreichs eine österreichische Mannschaft als Deutschen Meister gewünscht. Also, wenn ihr mich fragt: Die Jungs wollten in erster Linie Fußball spielen und waren politisch nicht sonderlich interessiert. Das hätten sie aber sicherlich sein sollen.

Ernst Kuzzora, Fritz Szepan und Ötte Tibulski

SCHALKE UNSER:
Wie ging es dann nach dem 2. Weltkrieg weiter?

FC SCHALKE 04:
Zunächst einmal ging gar nichts mehr, alles lag in Schutt und Asche, auch die Glückauf-Kampfbahn war von Bomben getroffen worden. Und die Leute hatten jetzt wirklich andere Sorgen, mussten erst einmal ihre Häuser wieder aufbauen. Der Wiederaufbau der Glückauf-Kampfbahn, bei dem die Spieler selbst Hand anlegten, war 1946 beendet. 1947 startete die neu formierte Oberliga West. Sportlich waren wir lange nicht mehr so stark wie noch in unseren Meisterjahren. Fritz Szepan übernahm das Traineramt und sorgte für eine Verjüngung der Mannschaft. 1950 beendeten Ernst Kuzorra und Fritz Szepan in der Glückauf-Kampfbahn ihre legendären Karrieren. Zu Gast war Brasiliens Spitzenclub Atlético Mineiro Belo Horizonte, der das Spiel mit 3:1 für sich entschied.

SCHALKE UNSER:
Danach fielst du in ein Loch, erst 1958 gab es ein Revival.

FC SCHALKE 04:
Naja, ganz so schlimm war‘s auch nicht. 1954, da war ich ja auch schon 50 Jahre alt, wurde Bernie Klodt von 60.000 Menschen in Gelsenkirchen empfangen. Er zählte zum Kader von Sepp Herberger und machte im Endspiel Platz für Helmut Rahn, und ermöglichte erst so das „Wunder von Bern“. Edi Frühwirth, bis dahin für die Nationalmannschaft des WM-Dritten Österreich zuständig, kam als neuer Trainer und löste Fritz Szepan ab. Mit ihm haben wir die siebte deutsche Meisterschaft eingefahren. Mit 3:0 bezwangen wir vor über 80.000 Zuschauern in Hannover die HSV-Elf um Uwe Seeler. Da hat „Uns Uwe“ nicht schlecht geguckt. Unser anschließender Einzug ins Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister war eine kleine Sensation. Schließlich schalten wir mit den Wolverhampton Wanderers den englischen Titelträger aus, scheiterten erst an Atletico Madrid. Dann war‘s schon wieder aus mit der Oberliga, die Bundesliga startete.

SCHALKE UNSER:
Und in der Bundesliga kam dann die große Skandal-Zeit.

FC SCHALKE 04:
Allerdings. Leute, was hab ich manchmal gezittert, dass das überhaupt noch irgendwie weitergeht. 1964 wollte uns der DFB bereits die Lizenz entziehen, da die Gefahr bestand, dass wir uns überschulden. Mit dem Verkauf der Glückauf-Kampfbahn für 850.000 Mark an die Stadt Gelsenkirchen, konnte das schlimmste Unheil noch abgewendet werden. Ein Jahr später landeten wir, obwohl mit fünf Nationalspielern gespickt (Koslowski, Libuda, Herrmann, Nowak, Schulz), auf dem letzten Platz. Da der DFB aber die Liga von 16 auf 18 Vereine aufstockte, und Hertha BSC keine Lizenz bekam, blieben wir in der Liga. Das Zittern ging noch ein paar Jahre so weiter. Die Stadt Gelsenkirchen hatte inzwischen beschlossen, ein neues Stadion zu bauen. Um angesichts der WM 1974 von Bund und Land Zuschüsse zu bekommen, wurde das Parkstadion mit einer Laufbahn ausgestattet. Ein echter Schwachsinn, denn Leichtathleten hab ich da praktisch nie rumflitzen sehen.

SCHALKE UNSER:
Anfang der 70er ging‘s sportlich wieder besser zu – doch dann kam der große Bundesligaskandal.

FC SCHALKE 04:
Junge, das hat mir echt Nerven gekostet. „Meineid 04“ haben sie mir auf der Straße hinterhergerufen. Und diesen ganzen Mist nur, weil die damals zu raffgierig waren. Dabei hatten wir eine so tolle Truppe. Oskar Siebert hatte eine super Mannschaft zusammen gestellt – mit Klaus Fischer, Rolf Rüßmann, Klaus Fichtel, Norbert Nigbur, Stan Libuda, Aki Lütkebohmert. Alles Jungs mit Perspektive, die ja auch 1972 den DFB-Pokal gewannen – 5:0 im Endspiel gegen Kaiserlautern. Aber am 17. April 1971 verloren wir 0:1 zu Hause gegen Arminia Bielefeld. Was keiner ahnte: Für 2300 Mark pro Kopf haben die sich bereitwillig bezwingen lassen. Die Partie war eine von jenen, die zum so genannten „Bundesliga-Skandal“ zählten, der durch viele verschobene Spielausgänge querbeet durch die Liga ausgelöst wurde. Am Ende wurden 53 Spieler, zwei Trainer und sechs Funktionäre aus vielen Vereinen verurteilt. Einige unserer Spieler bestritten unter Eid, Geld genommen zu haben. Doch schließlich brach das Lügengerüst zusammen. Am 22. Dezember 1975 wurden vor dem Essener Landgericht die Prozesse wegen Meineids abgeschlossen. Gegen die Spieler wurden zum Glück Geldstrafen ausgesprochen, eigentlich hätten sie hinter Gittern gemusst. Wenn das nicht dazwischen gekommen wäre, ich bin mir sicher, wir hätten noch die ein oder andere Meisterschaft eingefahren.

SCHALKE UNSER:
Doch eine Meisterschaft gab es nicht mehr – bis heute. Schwingt da nicht ein bisschen Wehmut mit?

FC SCHALKE 04:
Natürlich, vor allem, wenn man sieht, wie nah wir manchmal dran waren. In der Saison 1977 waren wir Vizemeister unter Trainer Friedel Rausch, von der Saison 2000/2001 will ich gar nicht mehr reden. Das war echt zuviel für mich, hatte sogar schon Suizid-Gedanken – oder auch Mordgelüste gegen einen Zahnarzt aus Kaiserslautern. Auch wenn ich an die drei Abstiege und die damit verbundenen Grottenkicks zurückdenke, erschaudert es mich. Wenn ich etwa an Günter Eichberg denke, au Mann au Mann, das war zwar irgendwie ein netter Kerl, der mir auch wieder Leben einhauchte, aber das Ende war ein Desaster. Lässt der mich doch tatsächlich auf den ganzen Schulden sitzen, dieser Idiot. Später haben ihn meine Fans dann mit Schimpf, Schande und Eiern beworfen. Aber ich will nicht meckern, die positiven Erlebnisse überwiegen natürlich. Wenn ich da nur an den Uefa-Pokalsieg denke. Da hat aber wirklich alles gestimmt: Wilmots, Thon, Mulder, Nemec, Anderbrügge, Lehmann – das waren nicht unbedingt begnadete Fußballer, aber der Teamgeist hat‘s einfach gebracht. Und vor allem die Fans: Beim Halbfinale gegen Teneriffa, als zum ersten Mal „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ durch das Parkstadion ging, bekam ich eine Wahnsinnsgänsehaut. Ehrlich. Das sind so die Momente, die mich stolz machen. Klasse waren auch die beiden Pokalsiege 2001 und 2002. 2001 als Wiedergutmachung für die verpasste Meisterschaft und 2002 gegen Vizekusen. Das hat Spaß gemacht, vor allem die Siegesfeier als Rudi Assauer den Gerald Asamoah schubste und der den Pott aus fünf Metern Höhe fallen ließ: Knick im Pokal und ein Klunker raus. Von mir aus hätten sie den gar nicht reparieren müssen, so was gehört doch auch zur Geschichte.

 

SCHALKE UNSER:
Apropos Rudi Assauer: Der hat dir vor drei Jahren mit der Arena „Auf Schalke“ eine neue Heimat gegeben. Dein drittes „echtes“ Stadion nach der Glückauf-Kampfbahn und dem Parkstadion. Wie gefällt‘s dir?

FC SCHALKE 04:
Was ist das denn für eine Frage? Klasse natürlich. Ist eine echte Donnerhalle, der Rudi hat sich damit schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Jedes Stadion hatte seine Vor- und Nachteile. Ich fühle mich in der Arena aber schon wirklich heimisch – weg möchte ich da in den nächsten Jahrzehnten auf keinen Fall. Aber wer von uns weiß jetzt schon, was in hundert Jahren ist?

 

SCHALKE UNSER:
FC Schalke 04, vielen Dank für das Gespräch. Auf die nächsten 100 und Glückauf!