„Da kann ich nicht ruhig sitzen bleiben“

(mw/usu) Im September 2000 erschien im SCHALKE UNSER das Interview mit Paul Matzkowski, der von 1948/49 bis 1958/59 für die Blau-Weißen spielte und im Mai verstorben ist. Jetzt sprachen wir mit seiner Frau, Hilde Matzkowski. Wir wollten wissen, wie es „damals“ war, als Frau an der Seite eines bekannten Schalkespielers in der Nachkriegszeit.

SCHALKE UNSER:
Frau Matzkowski, haben Sie Ihren Mann auf dem Fußballplatz kennen gelernt?

HILDE MATZKOWSKI:
Nein, wir haben zusammen in einem Büro gearbeitet. Das war in Herne. Ich hatte gerade meine Lehre aus, ich konnte schon nach zwei Jahren meine Prüfung machen, da ich eine Sondergenehmigung hatte. Und da kam Paul zu uns. Ich musste für ihn schon vorher beim Arbeitsamt alles mit den Papieren regeln. Ich sagte dann zu andern: ich kenn den schon, bevor er überhaupt anfängt. Er kam ja aus der Industrie und musste noch in die Lehre, um als Kaufmann ausgebildet zu werden. Als wir uns verlobt haben, da hat er zu seinen Eltern gesagt: „Geht mal rüber zu Hildes Eltern, wir wollen uns jetzt verloben.“ Mein Vater hat dann gemeint: „Paul, überleg dir das gut, wen du da heiratest, die kann doch nicht mal kochen. Die lässt noch das Kaffeewasser anbrennen, überleg dir das gut.“ Wir haben noch häufig darüber gelacht und Paul sagte: „Wenn ich mich daran erinnere, wie dein Vater mich gewarnt hat. Wenn der wüsste, wie gut und lecker du kochst!“

SCHALKE UNSER:
Waren Sie denn zu jedem Spiel dabei?

HILDE MATZKOWSKI:
Immer. Nur als ich dann hoch in Umständen war, da hat meine Mutter gesagt, bleib du zu Hause, du kriegst dein Kind noch auf dem Sportplatz. Ich bin ja immer mitgegangen, ach, ich bin hochgesprungen. Ich konnte mich da nicht einkriegen. Ich weiß noch, einmal auf dem Platz, da haben wir gegen eine schweizerische Mannschaft gespielt. Da saß ich auf der Tribüne und ich war so aufgeregt, bin immer so hin und her, und da hab ich mit dem Fuß nach vorne getreten und hab den einen, der vor mir saß, einen Schweizer, in den Hintern getreten. Der hatte sich ganz entsetzt umgedreht und ich habe mich bei ihm entschuldigt und ihm erklärt, dass ich mich halt bei einem Spiel immer so aufrege. Auch zu Hause, Paul saß immer ganz still, auch damals bei der verpassten Meisterschaft, und ich war fix und fertig. Ich höre mir auch jetzt immer die Spiele im Radio an, und wenn mich mein Sohn Bernd dann in der Halbzeit aus der Arena anruft, dann weiß ich das Ergebnis schon.

Hilde Matzkowski mit Enkel Paul

CHALKE UNSER:
Waren Sie denn mit den anderen Spielerfrauen zusammen?

HILDE MATZKOWSKI:
Bei jedem Spiel. Die Männer haben nach dem Spiel bei Tibulski gegessen und wir Frauen haben auch zusammengesessen und Kaffee getrunken. Das gab’s gar nicht, dass man nach dem Spiel direkt auseinander ging. Wir haben uns immer schick gemacht, obwohl wir gar nicht so viel Geld wie die heute hatten. Wir hatten viel Spaß. Es war auch so, dass wir einfach zusammenpassten. Wenn eine von uns Frauen ein Baby kriegte, kamen die anderen Frauen zum Krankenhaus und haben irgendetwas mitgebracht, ein Strampelhöschen oder was man so für das Baby brauchte.

SCHALKE UNSER:
Wie ist das denn nun für Sie, wenn Sie den ganzen Klatsch und Tratsch mit den heutigen Spielerfrauen mitbekommen?

HILDE MATZKOWSKI:
So wie wir früher zusammengehalten haben, alles so mitgemacht haben, das gibt es heute gar nicht mehr. Ich weiß ja nicht, wie die das nun machen. Man kann das ja verstehen, die Männer trainieren heute die ganze Woche und sind häufig weg von zu Hause. Damals waren das ja nur ein paar Stunden Training, dienstags und donnerstags. Wenn sie in der Meisterschaft waren, gab es noch einen Trainingstag mehr. Mein Mann ist dann um fünf Uhr aus dem Geschäft raus, das war ja auch großzügig, dass der Chef da zum Training frei gegeben hat. Die anderen waren zum Teil sauer und haben gesagt: Mensch, ihr haut jetzt ab zum Training und wir müssen die Arbeit für euch mitmachen.

1951 – gemeinsamer Urlaub, zwei Wochen Obersdorf

SCHALKE UNSER:
Sind Sie denn auch zu den Auswärtsspielen gefahren?

HILDE MATZKOWSKI:
Ja, zu den Spielen bin ich mitgefahren. Zu Anfang, das war ja bei Westfalia Herne, da war ich auch schon immer mit. Da hatten wir auch noch keinen Bus. Im Sauerland, da lag einmal hoch Schnee und ich musste auf einen LKW hinten draufklettern.

SCHALKE UNSER:
Im Schalke-Musical kommt die Szene vor, in der der Alte Gott erklärt, wie das ist mit den Frauen, wenn sich ein Spieler verletzt. Wie war das denn bei Ihnen, wenn sich Ihr Mann verletzt hat?

HILDE MATZKOWSKI:
Paul war oft verletzt. Er hatte ja zum Schluss ganz dicke Knöchel durch die vielen Verletzungen. Die konnten gar nicht mehr geröntgt werden. Wenn ich das gesehen habe oben, dann bin ich erst mal aufgesprungen und hab geguckt, was Paul hat. Wenn es schlimm war, dann bin ich sofort runter in den Behandlungsraum gelaufen, um zu sehen, was überhaupt war. Wenn das wieder gut war, habe ich mich wieder oben hingesetzt. Einmal waren wir bei meinen Eltern zu Hause und er hat gesagt: „Ich kann am Sonntag nicht spielen, ich bin schon wieder verletzt.“ Und auf einmal sagte meine Mutter: „Geh mal runter auf den Hof, der Paul trainiert.“ Und ich geh runter, er läuft hin und her und meint: „Ich muss es mal versuchen, vielleicht bin ich wenigstens Ersatzmann.“ Er war so hart im Nehmen. Er musste spielen.

SCHALKE UNSER:
Haben Sie sich vorher auch schon Spiele angeschaut?

HILDE MATZKOWSKI:
Eigentlich nicht, aber mein Vetter war Anhänger von Westfalia Herne. Der sagt mir: „Paul ist doch im Urlaub.“ Er wusste, dass wir uns kannten – von der Arbeit her. Wir hatten uns ja auch die ganze Zeit geschrieben, als er Soldat war. Und mein Vetter nahm mich mit auf den Sportplatz. Und nach dem Spiel stand Paul da, er musste ja wieder zur Bahn, und er hatte eine Freundin dabei. Er hat mich in den Arm genommen und mir einen Kuss gegeben. Ich dachte noch: „Was macht der denn, hat die Freundin dabei und mir gibt er einen Kuss.“ Ich bin dann mit meinem Vetter nach Hause gegangen. Er war ja Soldat und wir haben uns geschrieben. Er hat immer so liebevolle Briefe geschickt. Ich hatte ja einen Freund, und der hieß auch Paul. Aber das ging auseinander, weil ich evangelisch war und er katholisch und ich wollte nicht katholisch werden. Und dann bin ich mit Paul, wenn er Urlaub hatte, ausgegangen. Wir haben uns 1943 verlobt und 1944, als er wieder Urlaub hatte, geheiratet.

SCHALKE UNSER:
Vor Schalke hat Ihr Mann ja bei Herne gespielt, wie war es denn da?

HILDE MATZKOWSKI:
Er hat zehn Jahre in Herne gespielt. Die feiern dieses Jahr auch das Hundertjährige. Sie haben uns auch dazu eingeladen, und Paul hat sich schon darauf gefreut. Leider ist er vorher gestorben. Die haben mit Schalke damals in einer Gruppe gespielt, in der Oberliga West. Da haben wir Schalke und Fürth geschlagen. Und überall, wo Westfalia hinkam, da waren Girlanden: „Wer schlug Schalke, wer schlug Fürth…“ Als wir einmal gegen Schalke spielten, saßen vor uns die Schalker Frauen. Und da sagte die Lis Szepan, als die Schalker mit uns Mühe hatten: „Kann ich verstehen, die kriegen die dicken Speckseiten hier und unsere…“ Und packt in dem Moment ihr Schinkenbrot aus und beißt da rein. Das habe ich nie vergessen.

SCHALKE UNSER:
Wie kam es denn zu dem Wechsel nach Schalke?

HILDE MATZKOWSKI:
Paul hat gerne in Herne gespielt. Aber zu der Zeit gab es so viele Versprechungen, die nicht eingehalten wurden. Einmal, als er ein Spiel hatte, haben sie bei uns eingebrochen. Wir hatten bloß ein Zimmer bei meinen Eltern. Alles lag auf der Erde, alle Wäsche, die ich mir mühsam zusammengespart hatte, war weg. Mein Brautkleid, von Paul der beste Anzug. Es hat geheißen, wir helfen euch. Aber die Bezugsscheine konnten wir nicht einlösen. Und sie haben für uns gesammelt. Aber wir haben nur ein paar zerfledderte Sachen bekommen. Das hat Paul schon sehr geärgert. Und dann war da noch eine Fahrt nach Norddeutschland und es hat geheißen, ihr kriegt da Fischkonserven. In dem einen Ort, wo sie gespielt haben, hieß es dann, ihr kriegt die in dem anderen Ort, in dem ihr noch spielt. Aber da haben sie auch wieder nichts gekriegt. Da hat er sich in den Zug gesetzt und ist nach Hause gefahren, und die anderen haben das Geld auf St. Pauli verjubelt. Da hatte er schon ein Angebot von Schalke.

Spielerfrauen beim Auswärtsspiel in Erkenschwick (3. v.r.: Hilde Matzkowski)

SCHALKE UNSER:
Wie war das für Sie, für wen hat Ihr Herz geschlagen?

HILDE MATZKOWSKI:
Natürlich erst für Herne. Ich war früher immer etwas kontra zu Schalke. Ich war erst etwas skeptisch. Es waren ja so viele und ich kam da als Neuling. Aber ich habe mich ganz gut zurechtgefunden und bin mit allen gut befreundet gewesen. Wir hatten auch viel Kontakt untereinander.

SCHALKE UNSER:
Waren Sie schon mal in der Arena?

HILDE MATZKOWSKI:
Ja, einmal. Gegen Stuttgart, als wir 2:0 gewonnen haben. Da hat uns Manfred Kreuz die Karten besorgt. Das war so ein tolles Spiel. Da bin ich hoch gesprungen, genauso beim Musical, da habe ich auch mitgeschrieen.

SCHALKE UNSER:
Was hat sich denn geändert beim Fußballspiel im Vergleich zu früher?

HILDE MATZKOWSKI:
Dieses in die Hacken treten – ganz so schlimm war das früher nicht. Da hat es auch mal Verletzungen gegeben, aber dieses Reingrätschen, da ärgere ich mich darüber. Jeder weiß doch, wenn er so tritt, wie weh das tut und dass das manchmal auch böse ausgeht. Die Spieler schaden sich doch selbst und dem Klub. Früher kamen die Verletzungen im Eifer im Spiel, das war nicht so mit Mutwillen wie heute.

SCHALKE UNSER:
An die Fußballfachfrau nun die Frage: Wo landet der FC Schalke 04 in dieser Saison?

HILDE MATZKOWSKI:
Mit den Spielern, die sie jetzt neu dazu bekommen haben, müssten sie eigentlich was schaffen. Das sind ja wirklich Kapazitäten, die sie da gekriegt haben. Aber das Spiel miteinander, das muss klappen, die müssen ja erst mal richtig zusammen passen. Die müssen sich erst aufeinander einstellen.

SCHALKE UNSER:
Glück auf und herzlichen Dank für das Gespräch.