Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 25

(rk) Auch mit dem bis dato erfolgreichsten Vereinstrainer der Welt kam das Glück nicht zurück zum Schalker Markt. Udo Lattek hatte sich das wohl anders vorgestellt. Und Günter Eichberg erst recht. Ganz zu schweigen von den zig tausend Fans, die Schalke immer noch die Treue hielten. Auswärts lief einiges besser: In Bochum gab es einen 1:0-Sieg durch Christensen, vom HSV fuhr man siegreich mit 2:1 nach Hause. Zu Hause dann ein torloses Match gegen Eintracht Frankfurt, in Kaiserslautern ging Schalke mit 3:0 baden, dabei war der Ex- Schalker Bjarne Goldbaek der Mann des Tages.

Es verstärkte sich das Gerücht, dass Lattek seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern und sogar schon nach dem Spiel bei Bayern München (12.12.) „die Brocken hinwerfen“ werde. Im Freundeskreis hatte Lattek zuletzt immer häufiger darauf hingewiesen, dass er sich auf Schalke quasi um jede Kleinigkeit im sportlichen Bereich selbst kümmern müsse. Außerdem habe sein Duz-Freund Günter Eichberg auf Grund eigener Probleme fast nie mehr Zeit für ihn. Derweil machten auch Gerüchte die Runde, der Schuldenberg würde bis zum Saisonende auf 15 Millionen Mark anwachsen.

Beim Schalker 2:0 in Dortmund war er noch der gefeierte Held, gegen Uerdingen (1:1) verspielte Günter Schlipper aber wohl den letzten Kredit. Gerade erst hatte er eine Fünf-Spiele-Sperre abgesessen, da sah er schon wieder „Rot“, so dass selbst die Zuschauer riefen „Schlipper raus“. In seiner Schalker Zeit war es nun das fünfte Mal, dass er nach dummen und unbeherrschten Aktionen vom Platz flog. Auch bei Dynamo Dresden war wieder mal nichts zu holen (0:1), wobei nicht nur die Spieler ins Fettnäpfchen traten. Lattek hatte eine Teilnahme von Schalker Spielern an einem Protest gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit mit dem Hinweis abgelehnt, dadurch würde die Konzentration der Vorbereitung gestört. Dabei sollten einige Schalker Spieler mit Dresdenern nur ein Spruchband vor dem Anpfiff durch das Stadion tragen. Die Dynamo-Spieler machten das und ihre Konzentration war dadurch offenbar nicht gestört – wie das Spiel bewies.

Dann endlich der erste Zitter-Heimsieg, 1:0 gegen Köln durch Mihajlovic. Doch dieser Erfolg glättete die Wogen nur für kurze Zeit. „Knackpunkt“ war der von Udo Lattek mit Ingo Anderbrügge ausgehandelte Drei-Jahres-Vertrag, den Lattek mit Vollmacht seines Präsidenten ausgehandelt hatte, den aber Schatzmeister Rüdiger Höffken nicht unterschreiben wollte. Höffken, Vorsitzender einer sogenannten „Spar-Komission“, betonte zwar, einer Gehaltsaufbesserung könne er zustimmen, doch nur auf einer erfolgsbezogenen Basis. Udo Lattek empfand Höffkens Veto als Einmischung in seine Arbeit, so dass sein Rücktritt immer wahrscheinlicher wurde.

Amtsmüdigkeit

Auch Günter Eichberg musste dementieren, als man ihm Amtsmüdigkeit unterstellte. „Ich habe keinerlei Absicht auszusteigen“, gab er bekannt und bestätigte zwar, dass er sich zunehmend überlastet gefühlt hätte, dass er aber auch auf der Suche nach einem Vereinsmanager wäre. Spekulationen wurden laut, dass es sich dabei wieder um Helmut Kremers handeln sollte. Steffen Freund, soeben noch Torschütze beim 1:1 in Bayern, kündigte seinen Vertrag. Gerade war er von Berti Vogts ins Aufgebot der Nationalelf berufen worden, schon verdrehte sich ihm der Kopf. Der BVB sollte sein neuer Arbeitgeber werden.

Schalke präsentierte seinen Trainer für die neue Saison: Helmut Schulte, bisheriger Coach von Dynamo Dresden, bezeichnete Schalke (wie so ziemlich jeder seiner Vorgänger) als seinen „Wunschverein“. Doch es bahnte sich weiterer Wirbel an: Udo Lattek soll den Namen seines Nachfolgers erst aus der Presse erfahren haben und darauf sauer reagiert haben. Dabei hieß es von Seiten des Vorstands immer, dass Lattek in die Suche nach einem neuen Trainer eingebunden werde. Und so kam es, wie es kommen musste: Da mit Helmut Schulte sein Nachfolger schon feststand, nahm Udo Lattek seinen Hut. Während die Schalker Profis mit Co-Trainer Jürgen Gede einen Waldlauf absolvierten, saß Lattek erbost in der Kabine und war nicht anzusprechen. Gewundert hatte es keinen mehr: Udo Latteks Ausstieg in Schalke, an seinem 58. Geburtstag noch einmal als Spektakel inszeniert und finanziell nicht zu seinem Schaden, war schon lange fällig. In den Wochen zuvor hatte er zu oft erklärt, dass ihm das Trainer-Geschäft keinerlei Spaß mehr bereite. Günter Eichberg: „Die Entscheidung war notwendig, um klare Verhältnisse zu schaffen. Udo Lattek stand zuletzt übermäßig in der öffentlichen Kritik und war daher nicht sonderlich motiviert“. Eine finanzielle Belastung entstehe dem Verein durch Latteks Ablösung nicht, so Schatzmeister Höffken. So war anzunehmen, dass Präsident Eichberg zwecks Abfindung wieder mal in seine Privatschatulle griff. Bei seinem Amtsantritt ging Helmut Schulte gleich forsch zur Sache: „Ich habe das alleinige sportliche Sagen. Das Gute an Ratschlägen ist, dass man sie nicht befolgen muss.“ Ein deutlicher Hinweis auf etwaige Berater und Funktionäre.

Wer den Pfennig nicht ehrt

Ohne einschneidende Sparmaßnahmen war die sportliche Zukunft des FC Schalke 04 stark gefährdet. Unter dem Druck der angespannten Finanzlage und im Blick auf die im März beim DFB einzureichenden Unterlagen für die neue Lizenz schienen die Verantwortlichen dies begriffen zu haben: Die Trennung von den „Millionären“ Christensen und Mihajlovic war beschlossene Sache. Zudem wurde beschlossen, die Marketing-GmbH zum 30. Juni 2003 aufzulösen. Bis zu diesem Termin sollte die GmbH von Eichberg in einen schuldenfreien Zustand versetzt werden. Woher die Millionen kommen sollten, das wusste wohl niemand.

Die Lohrheide war zu klein, und so empfing die SG Wattenscheid 09 die Königsblauen im Ruhrstadion, doch Helmut Schultes Premiere fiel mager aus (0:0). Mittlerweile gehörte auch Günter Schlipper wieder zum Aufgebot. Bekam er von Schulte zunächst eine neue Chance, war dies wohl auch schon gleich wieder die letzte: Sein unentschuldigtes Fehlen beim Freundschaftsspiel in Bocholt brachte das Fass zum Überlaufen. Nach einem Gespräch zwischen Trainer und Spieler folgte das endgültige „Aus““ für den Profi, so dass Schulte beim kommenden Derby gegen den BVB nicht mehr wusste, wen er im Mittelfeld aufstellen sollte, da auch Borodjuk verletzt ausschied. Doch das Westfalen-Derby entpuppte sich als verlorener Nachmittag. Entweder wollte keiner oder konnte keiner gewinnen, so ganz war das nicht auszumachen. 70.200 Zuschauer waren jedenfalls bitter enttäuscht von der Partie. Lediglich Eigenrauch und Linke konnten überzeugen und verurteilten die BVB-Angreifer Chapuisat und Mill zur Bedeutungslosigkeit.

In Gladbach gab’s für Schalke aber wieder kein Land zu sehen: 2:0, damit war Schalke nun unter dem neuen Trainer Schulte seit drei Spielen ohne Torerfolg. Neben den sportlichen machten auch wieder finanzielle Sorgen Schlagzeilen: Vor dem Amtsgericht Gelsenkirchen verklagte Ex-Manager Helmut Kremers den Verein auf Zahlung von 145.000 Mark von ausstehenden Prämien aus seinem Managervertrag vom 1. Juli 1989. „Wenn Kremers diese Klage nicht zurückzieht, ist er ab Dienstag kein Manager mehr“, betonte Schatzmeister Höffken. Doch Kremers hielt die Klage aufrecht, dennoch wurde der angesetzte Kammertermin kurzfristig abgesetzt, nachdem beide Parteien Vergleichsgespräche geführt hatten. Erst im Mai wurde wieder getagt – und Helmut Kremers bekam Recht. Schalke musste an seinen ehemaligen Manager zahlen.

Die Comeback-Show

Kremers saß noch auf seinem Manager-Stuhl, da wurden bereits Gerüchte über seinen Nachfolger laut: Spekulationen um die Rückkehr von Rudi Assauer, der beim abstiegsbedrohten Zweitligisten VfB Oldenburg tätig war, machten die Runde. Assauer bat sich Bedenkzeit aus: „Die Aufgabe reizt mich sehr. Ich kann da noch einiges bewegen und gerade rücken, für das ich niedergemacht wurde, obwohl ich es nicht zu verantworten hatte.“ Seine Rückkehr aber stieß auf Widerstände. Neben Vizepräsident Schmitz hatten sich auch Teile des Verwaltungsrats gegen den Wunschkandidaten von Günter Eichberg ausgesprochen. Die Entscheidung wurde erst einmal vertagt.

Gegen Saarbrücken (2:2) gab es zwar die ersten Tore unter Schultes Regie, aber dennoch nur einen Punkt. Und es wurde nicht besser: in Bremen eine 0:2-Niederlage nach katastrophaler erster Halbzeit mit Eigentor durch Hendrik Herzog. Die Lage war ernst, Schalke war bedenklich nah an die Abstiegsränge herangerutscht. So hörte man gleich mehrere Steine vom Herzen des Helmut Schulte fallen, als Ingo Anderbrügge den 1:0-Siegtreffer gegen den VfB Stuttgart erzielte. Negativer Höhepunkt dieses Spiels: Als Mihajlovic nach schwacher Ballannahme Pfiffe von den Rängen erhielt, weil er dem ins Aus rollenden Ball nicht nachsetzte, applaudierte er höhnisch in Richtung der Fans. Es war damit klar, dass „Mihajlovic raus“-Rufe folgten. Trainer Schulte wurde gleich miteinbezogen („Schulte raus“).

Nach dem sensationellen 4:1-Sieg beim 1. FC Nürnberg war die Abstiegsgefahr gebannt. Das „Sahnehäubchen“ war das 4:1 von Mike Büskens: Borodjuks Pass in den freien Raum schoss Büskens aus vollem Lauf so hart in den Winkel, dass Köpke nie und nimmer eine Chance gehabt hätte, diesen zu halten. Werner Hansch ließ sich dabei zu seinem Kommentar „ein geiles Tor“ hinreißen.

Auch gegen Leverkusen gewann Schalke mit 2:1, was aber durch die Vorstellung des neuen Managers Rudi Assauer in den Hintergrund rückte. „Wir haben mit Assauer einen Einjahresvertrag vereinbart“, erklärte Eichberg in einer eigens einberaumten Pressekonferenz. Vize Schmitz war weiter gegen diese Entscheidung und sah in der Verpflichtung eine Zerreißprobe für den Verein und hatte daher seinen Rücktritt angekündigt, der aber erst zur Jahreshauptversammlung im Herbst erfolgen sollte. Auch die Fans waren nicht gerade angetan von Assauers Verpflichtung, Transparente wie „Wenn Assauer kommt, gehen wir“ waren im Parkstadion zu sehen. So mancher von ihnen dürfte dies in der Folge bereut haben.

Wir sah‘n kein Land vor langer Zeit

Durch die drei Siege in Serie träumte man vom UEFA-Cup und so machten sich 15.000 Schalker auf zum Auswärtsspiel nach Karlsruhe. Nach dem 0:0 im Wildparkstadion hörte Rüdiger Höffken schon die Kassen klingeln: „Jetzt kommen zu den nächsten beiden Heimspielen 100.000 Zuschauer. Die Finanzlage des Vereins verbessert sich. Nach der eingeleiteten Entschuldung wird Schalke am 1. Juli noch sechs Millionen Mark Verbindlichkeiten haben.“ Dabei verschwieg er, dass der Verein mit zehn Millionen Mark in der Kreide stand plus acht Millionen Mark Schulden der Marketing-GmbH, die Eichberg bekanntlich schuldenfrei auflösen sollte. Die UEFA-Cup-Träume waren dann auch nach dem nächsten Spiel gegen Bochum ausgeträumt. Der sensationell deutliche 3:0-Erfolg der Bochumer auf Schalke ließ die Schalker Fans fluchtartig das Stadion verlassen. Auch gegen den HSV (0:0) und in Uerdingen wurde es nicht besser: eine 2:4-Niederlage, für die sich Helmut Schulte sogar schämte: „Für die erste Halbzeit möchte ich mich bei den Fans in aller Form entschuldigen.“ Das altbekannte „Wir sind Schalker, und ihr nicht“ hallte durch die Grotenburg.

Die Saison war nun praktisch abgehakt; Schulte forderte lediglich Wiedergutmachung für die zuletzt sieglose Durststrecke. Schon vor dem Spiel gegen Kaiserslautern, das deutlich mit 4:0 gewonnen wurde, gab es eine positive Meldung: „Wir werden die Lizenz erhalten“, erklärte Rudi Assauer. Der DFB hatte die „wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“ der Schalker für die kommende Saison als gegeben angesehen, er machte jedoch Auflagen. Außerdem brummte der DFB Schalke eine Strafe von 190.000 Mark auf, weil der Club in der Vergangenheit gegen Auflagen verstoßen hatte. Die Auflagen sahen vor, dass Schalke die Ablösesumme für den zum BVB wechselnden Steffen Freund in Höhe von 3,25 Millionen Mark nicht für Neueinkäufe nutzen durfte. „Die Auflagen zu erfüllen ist schwer, aber wir werden es schaffen“, gab sich Assauer überzeugt, wenngleich der Satz auch durchblicken ließ, dass der DFB wohl auch noch weitere Bürgschaften forderte. Schalke musste in der kommenden Saison kleinere Brötchen backen, soviel war klar.

Doch die Saison 1992/93 war noch nicht zu Ende. In Frankfurt gewann Schalke ebenso (3:0) wie zu Hause gegen Schultes alten Club Dynamo Dresden (2:0), doch in Köln dann wieder eine Niederlage (2:1). Alles war nun gespannt auf das spannende Bundesliga-Finale, bei dem Bayern München im Parkstadion im Fernduell mit Werder Bremen anzutreten hatte. Mit dem 3:3 verdarb Schalke vor 70.000 Zuschauern im seit Monaten ausverkauften Stadion dem Münchener Star-Ensemble die Meisterschaftshoffnungen und stand damit Pate beim Titelgewinn von Werder Bremen.

Kleine Brötchen backen

Wegen der DFB-Lizenzauflagen suchte Schalke nun Spieler für kleines Geld. Marinus Bester wurde von Werder Bremen ausgeliehen, zudem bewiesen Helmut Schulte und Rudi Assauer glückliche Händchen bei der Verpflichtung zweier Spieler, die die Spielkultur des FC Schalke 04 noch lange beherrschen sollten: Youri Mulder und Jiri Nemec. Mulder wurde von Helmut Schulte per Video gesichtet und kam für eine Ablösesumme von 1,2 Millionen Mark von Twente Enschede. Nemec, damals 21-facher tschechischer Nationalspieler, kam für 800.000 Mark von Sparta Prag.

Schon vor Beginn der Saison hatte Manager Assauer gewarnt: „Das wird eine harte und schwere Saison“. Schon im ersten Spiel verlor Schalke gegen Wattenscheid mit 3:0. Das war wie eine Ohrfeige, doch im nächsten Spiel – dem Spiel der Spiele – gegen den BVB konnte die Mannschaft alles wett machen. Ausgerechnet Youri Mulder war es, der Stefan Klos düpierte und den 1:0-Siegtreffer erzielte. Die 1,7 Millionen Mark Zuschauereinnahmen bedeuteten Vereinsrekord. Doch gleich im nächsten Match wieder ein Einbruch. Mit Fußball hatte das 1:4 beim HSV wenig zu tun. Valdas Ivanauskas erledigte die Königsblauen fast im Alleingang. Mit Lugingers Sonntagsschuss (1:0 gegen den VfL Bochum) gelang zumindest der Einzug in die zweite Pokalrunde. In der Liga bot Schalke dagegen nur magere Kost: 1:2-Heimniederlage gegen Köln, in Gladbach 2:3 verloren, zu Hause gegen Frankfurt 1:3, vor gerade mal 24.300 Zuschauern, das war Minusrekord seit Wiederaufstieg.

Schalke hatte enormes Verletzungspech. Als dann auch noch Peter Sendscheid ausfiel, folgte ein Überraschungscoup: Dieter Eckstein, Stürmer des 1. FC Nürnberg, sollte ab sofort den Kader verstärken. Der Transfer sorgte beim Schlusslicht Nürnberg für Ärger, auch der Stürmer selbst zeigte sich empört über die Nacht- und Nebelaktion von Präsident Gerhard Noack. Von seinem Wechsel hatte Eckstein aus der Presse erfahren, er wusste nichts davon, dass er zum Kauf angeboten wurde. Eckstein stimmte dennoch der Auflösung seines bis 1995 laufenden Vertrages zu und unterschrieb für denselben Zeitraum bei Schalke. „Obwohl es mir leid tut um die Mannschaft und die tollen Fans, hatte ich keine andere Möglichkeit“, begründete er seinen Schritt. Der Eckstein-Transfer war auch ein Vertrauensbruch gegenüber FCN-Trainer Entenmann, der von alledem nichts wusste. Dieter Eckstein debütierte beim 0:0 auf dem Betzenberg, bei dem Torwart Jens Lehmann der Garant für den Punkterfolg war.

Vier Minuten

In der zweiten Pokalrunde kam es zum Knaller: Schalke erwartete Bayern München. In der regulären Spielzeit fehlen den Schalkern ganze vier Minuten zum großen Wurf. Dann unterlief Jens Lehmann eine Flanke von Bayerns Ziege, die Kreuzer zum nicht mehr erwarteten Ausgleich einköpfte. Die Verlängerung, die zunächst nur dahinplätscherte, wurde am Ende dramatisch. Nach einer tollen Kombination über Borodjuk und Mulder brachte letzterer seine Elf erneut in Führung (114. Minute) – Bayern lag am Boden. Doch postwendend der Ausgleich. Eine Minute vor dem Abpfiff setzte Ziege sich mit einem Pressball durch und ließ die Bayern als äußerst glückliche Sieger vom Platz gehen. Helmut Schulte war zum Weinen zumute. „Gegen Bayern kann man verlieren, aber gegen Nürnberg muss man gewinnen“, hatte Präsident Eichberg schon den nächsten Gegner im Kopf. Doch auch das misslang (1:2) – Schalke war nun tief im Keller, Tabellenletzter.

1:11-Punkte in Folge, die dritte Heimniederlage hintereinander – das sprach Bände. Bekannt war, dass aus den vorhandenen Spielern scheinbar kein Trainer der Welt eine konstante Mannschaft formen konnte. Neururer war zu kumpelhaft, Ristic zu autoritär, Lattek hatte seinen Zenit überschritten. Helmut Schulte versuchte es nun auf die harte Tour und suspendierte vor dem Spiel in Karlsruhe (0:0) Kapitän Günter Güttler, der angeblich Interna ausgeplaudert haben sollte. Michael Prus wurde als Übergangslibero eingesetzt und machte seine Sache gut. Doch Spieler und Mannschaftsrat sprachen sich für Güttlers Rückkehr aus und forderten seinen „Freispruch“. In der Woche drauf durfte er wieder mittrainieren.

Im Chaos versunken

Nach dem 1:1 gegen Werder Bremen stand Jahreshauptversammlung an. Präsident Eichberg und der Vorstand sahen sich einem Misstrauensantrag ausgesetzt, in dem die Nichtentlastung von Vorstand und Verwaltungsrat sowie die Abberufung und eine Neuwahl des Vorstandes gefordert wurden, der eigentlich noch bis 1994 gewählt war. Der Antrag hatte aber kaum Chancen, da hierfür eine Zweidrittelmehrheit erforderlich gewesen wäre. Hauptkritiker des Vorstands war Helmut Kremers, der Eichberg vorwarf, „das Geld mit vollen Händen zum Fenster rauszuwerfen“. Kremers hatte auch vor, für das Amt des zweiten Vorsitzenden zu kandidieren, wenn Herbert Schmitz seine Rücktrittsankündigung wahr gemacht hätte. Weiterer Kritikpunkt: Schalke hatte immer noch Verbindlichkeiten in Höhe von 12,153 Millionen Mark, davon 7,015 Millionen bei Banken. Der Konsolidierungskurs hatte immer noch nicht gegriffen.

Am Montagabend war es dann zunächst langweilig, zum Schluss wurde es einfach nur peinlich, die Versammlung drohte um Mitternacht im Chaos zu versinken. Nachdem die Mitglieder kurz vor 24 Uhr Vorstand und Verwaltungsrat mit eindeutiger Mehrheit entlastet hatten, schien nach vorausgegangenen heftigen Debatten mit Schlägen unter die Gürtellinie die wichtigste Hürde genommen. Dann aber kam der Auftritt von Charly Neumann vor der Wahl des Verwaltungsrates, für den es insgesamt zehn Wahlvorschläge gab. Charlys Antrag: Außer den bisherigen Mitgliedern des Gremiums sollten alle anderen Kandidaten, wie er selbst auch, ihre Kandidatur zurückziehen und den Weg zu einer Blockwahl der Vorstandskandidaten freimachen. Eichberg ließ abstimmen, ohne den anderen Kandidaten überhaupt die Chance einer Erklärung zu geben. Im Protest gegen diese undemokratische Verfahrensweise kam es zu Tumulten. Schließlich schritt Volker Stuckmann ein („Es muss eine förmliche Wahl geben“) und rettete die Versammlung. Als die Auszählung der Stimmen beendet war – die Kandidaten des Vorstands wurden gewählt – war es bereits 1 Uhr.

Eichberg zeigte am Mikrofon nicht die Form früherer Versammlungen. Sein schärfster Kritiker war der ehemalige Schatzmeister Hans Lehmann und nicht wie erwartet Helmut Kremers, der überhaupt nicht an das Rednerpult trat. Lehmann sprach im Zusammenhang mit den Verträgen zwischen Schalke und der inzwischen aufgelösten Marketing-GmbH sogar von einem Wirtschaftsvergehen und drohte mit Anzeige. Wie schon in den Vorjahren, so waren die Finanzen des Vereins zwar ein wesentlicher Diskussionspunkt, dennoch wurde deutlich, dass die Mitglieder die Millionen-Summen zum Teil nicht begriffen oder begreifen wollten. Ob Schalke 25 Millionen oder nur 7,5 Millionen Mark Verbindlichkeiten hatte, schien den Mitgliedern (fast) egal.

Geld. Knete. Mäuse. Moneten. Kohle. Schalke hatte abgewirtschaftet. Günter Eichberg hatte in seiner Marketing GmbH Schulden angehäuft wie es sich niemand vorstellen konnte. Mit dem SPIEGEL-Report flog alles auf. Das geflügelte Wort zur damaligen Zeit: „Und das war nur die Spitze des Eichbergs“. Dieses und vieles mehr in der nächsten Ausgabe des SCHALKE UNSER.