„Schalke ist eine heilige Kuh“

(rk) Ein einfacher Versprecher hat ihr Leben verändert. „Schalke 05“ – ein simpler Verdreher – und nichts blieb mehr so wie es war. SCHALKE UNSER sprach mit der Geschäftsführerin der „1. ModerationsAkademie für Medien und Wirtschaft“, Carmen Thomas, über die unterschiedlichsten Folgen dieses „unmöglichen“ Versprechers für sie als Journalistin, als Coach und Bestseller-Autorin, über die Macht der Bild-Zeitung und das Benutzen und Gurgeln von Eigenurin.

SCHALKE UNSER:
Frau Thomas, Schalke ist im letzten Jahr einhundert Jahre alt geworden. Wäre es nach Ihnen gegangen, so würden wir dieses Jubiläum erst in diesem Jahr feiern.

CARMEN THOMAS:
Aber nicht doch. Vor einiger Zeit hat mir ein Zuschauer ein Fußball-Vereins-Blättchen aus dem Jahre 1949 zugeschickt. Schon damals stand dort ebenfalls „Schalke 05“ geschrieben. Sie sehen, die alleinige Urheberschaft besitze ich nicht. Vielleicht lohnt es ja, das Gründungsdatum noch mal zu überprüfen.

SCHALKE UNSER:
Der Versprecher ist nun fast 32 Jahre her, trotzdem ist er allen noch gut in Erinnerung, weil es sich wohl um den bekanntesten Lapsus der deutschen Sport-Journaille handelt. Wie oft werden Sie heute noch darauf angesprochen?

CARMEN THOMAS:
Praktisch Woche für Woche. Wo immer ich bin. Ob als Touristin verkleidet oder im Beruf: „Schalke“ begleitet mein Leben. Eine Geschichte war, als ich mir ein Visum bei der Botschaft von Tansania in Bonn besorgen wollte. Bei dem tiefschwarzen Pförtner dachte ich so bei mir, ob ich ihn überhaupt auf deutsch ansprechen kann. Doch noch bevor ich den Mund aufmachen konnte, lächelte er mich mit einer Perlenkette von ca. 54 Zähnen strahlend an und sagte: „Ooh, Schalke 05“. Das war schon unerwartet komisch.

SCHALKE UNSER:
Das hat ja etwas von „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Empfinden Sie „Schalke 05“ als zweiten Schatten?

CARMEN THOMAS:
Aber nein. Im Gegenteil. Ich verdanke diesem Versprecher besonders viel Sonne in Form von wichtigen Einsichten, die seit 25 Jahren vor allem zu meinem unöffentlichen 2. Berufsbein, dem Coaching für interne und externe Kommunikation gehören.

Wenn es sich damals tatsächlich um eine echte, und damit mir selbst peinliche Wissenslücke gehandelt hätte, wäre ich früher sicher nicht so locker und unbefangen damit umgegangen. Aber Schalke! Das wusste und weiß doch jeder. Und natürlich wusste auch jeder, selbst die ärgsten Feinde, dass ich es wusste. Das Ganze war ja nur ein simpler Dreher: Am 21. Juli 1973 verlor Schalke in der Intertoto-Runde gegen Standard Lüttich sein letztes Spiel in der Glückauf-Kampfbahn. Im Aktuellen Sportstudio warf ich einen Blick auf meine Moderationskarte: „Fünf Vereine heute in der Intertoto-Runde“ stand da, und „Schalke“. Aber im Geiste war ich schon beim Schalker Gegner. Und da ist es halt passiert: „Schalke 05“.

Ich selbst habe den Versprecher gar nicht bemerkt. Die Regie machte mich erst während des Beitrags darauf aufmerksam. Ich korrigierte dann wenig demütig, dass die echten Fans jetzt wieder aus ihrer Ohnmacht erwachen könnten. Ich hielt das Ganze für eine Lappalie. Dass diese Einschätzung richtig war, erkennen Sie daran, dass auch in den Medien 14 Tage lang gar nichts passierte.

SCHALKE UNSER:
Bis dann die Bild-Zeitung auf der ersten Seite groß aufmachte.

CARMEN THOMAS:
Genau. Alles war zunächst ganz ruhig. Keine echten Zuschauerreaktionen. Nicht einmal der Verein Schalke reagierte. Es sah so aus, als sei die „Fünf“ niemandem besonders aufgefallen. Dann jedoch, gut zwei Wochen später, titelte die Bild: „Carmen Thomas im ZDF-Sportstudio gescheitert.“

SCHALKE UNSER:
Welche Interessen hatte die Bild-Zeitung dabei?

CARMEN THOMAS:
Die haben einfach Spaß an Macht und wollten mit Politik machen. Denn dahinter steckte in Wahrheit ein ganz anderer Kampf: der um die Hauptabteilungs-Leitung Sport, um Enttäuschte und um die Philosophie des neuen Chefs: Hajo Friedrichs, eigentlich Politik- Redakteur, machte keinen Hehl daraus, was er vom „1:0-Journalismus“ – so nannte er Kollegen mit ausschließlich engem Fachverstand – hielt. Er wollte dem Sportstudio einen neuen Touch geben. Er wollte – Zitat – „Fußball mit Intelligenz gepaart“. Das aber schien manchem eine Ohrfeige und eine Bedrohung.

An meinen fachfremden Nachfolgern können Sie ja auch sehen, dass Friedrichs das Angedrohte nicht nur mit mir wahr machte. Und vergessen Sie nicht: Anfang der 70er Jahre waren auch diese enormen politischen Umbruchzeiten. Die „Bild“ stand im Kreuzfeuer der Kritik. Und da war es mir doch drei Monate zuvor vergönnt gewesen, die „BamS“ frisch beim Lügen zu überführen: Bereits nach meiner ersten Sendung hatte offenkundig jemand aus der Anti-Friedrichs-Liga den Auftrag gegeben, die Neue im Sportstudio „kaputtzuschreiben“, wie das so nett bei Journalistens heißt. Denn die Kritik, die ich zu Beginn der zweiten Sendung verlas, war bereits mittwochs im Andruck und Samstag eine Stunde vor Sendebeginn am Kiosk zu kaufen. Also nutzen sie dann das „05“ – ungenierlich zeitverzögert – um erstens „den Sack (die Moderatorin) zu hauen, obwohl der Esel (der Hauptabteilungsleiter Friedrichs) gemeint war“ und zweitens konnten sie sich für die Bloßstellung vom März 1973 noch nachträglich rächen.

Hinzu kam noch – für ihre jüngeren Leser – erst ab 1974 durfte die erste Frau Nachrichten im WDR-Hörfunk vorlesen. Erst 1986 durfte die erste Frau das WDR-Hörfunk-Mittagsmagazin moderieren. Und ich rede hier von 1986 und nicht 1886. Als mich Hanns-Joachim Friedrichs zum Aktuellen Sport-Studio empfahl und mich der damalige Leiter Kurt Meinicke für die erste Sendung holte, war ich 26 Jahre alt. Geplant war ich ursprünglich als Nachfolgerin von Wim Thoelke. Denn das ist ein beliebtes Muster: Frauen dürfen am ehesten in wirklich wichtige Positionen, wenn sie auf besonders „herausragende“ Männer folgen, deren Schlagschatten Männern selbst zu groß ist. Beispiele: Angela Merkel auf Helmut Kohl, Sandra Maischberger auf Alfred Biolek, Anke Engelkes auf Harald Schmidt, und – bei den Tagesthemen – Sabine Christiansen auf Hajo Friedrichs. Es ließen sich noch viele Beispiele nennen. Und so was macht die Sache in Wahrheit ja nicht gerade leichter.

SCHALKE UNSER:
Es wird auch heute noch kolportiert, dass Sie wegen des Versprechers „Schalke 05“ das Sportstudio verlassen mussten, obwohl Sie danach noch eineinhalb Jahre das Sportstudio moderiert haben. Warum meinen Sie, hält sich dieses hartnäckige Gerücht bis heute?

CARMEN THOMAS:
Vermutlich lag das Gerücht auch im Zeitgeist des gesellschaftlichen Interesses: die letzte Männer-Bastion. Ein Bereich mal ohne Frauen. Und das war ganz einfach fremd und eine echte Störung von geliebten Gepflogenheiten.

Und dann noch plötzlich so ein Frauen-Typ ohne Netzstrümpfe und Lider-Klappern. Eine, die das anders als gewohnt machte, und der auch anzumerken war, dass sie – durch ihren eigenen sportlichen Hintergrund – ein ziemlich kritisches Verhältnis zum Leistungssport und zu mancher Art von Funktionären hatte.

Und außerdem bewahrheitete sich, dass Gedrucktes sehr viel mächtiger sein kann als alles Gesendete. (Deswegen waren Moses und Luther vermutlich auch so erfolgreich.) Denn nach der Schlagzeile war die Wirklichkeit unwichtig: Ich galt als weg, und es störte die Legende nicht, dass ich noch zehn weitere Sendungen lang da war.

SCHALKE UNSER:
Dieser Versprecher hat sich geradezu in das Gedächtnis der Leute eingebrannt. Sie haben selbst mal den Vergleich gezogen, dass ein „VfB Bochum“ oder „1. FC Stuttgart“ niemals solche Ausmaße angenommen hätte.

CARMEN THOMAS:
Ja klar. Das liegt natürlich in erster Linie an der Prominenz vom FC Schalke. Schalke ist eine heilige Kuh und hat schließlich eine Gemeinde und keine Anhängerschaft.

Die Spiele auf Schalke kommen ja eher einem Gottesdienst gleich als einem normalen Fußballmatch. Der Name Ihres Magazins zielt ja genau in dieselbe Richtung. Ich habe richtig laut gelacht, als ich den Titel das erste Mal gelesen habe.

SCHALKE UNSER:
Im Rückblick: Hat Ihnen der Versprecher mehr genützt oder mehr geschadet?

CARMEN THOMAS:
Mal ganz ehrlich: Dieses eigenartige Reduzieren auf 05, das erstaunt und nervt manchmal etwas, wenn Sie sich überlegen, was für ungewöhnlich spannende Themen und Aufgaben mein Leben für das Publikum bietet.

Aber sonst – ganz eindeutig: „Schalke 05“ hat ausschließlich genützt. „Schalke 05“ ist es mit zu verdanken, dass die Erinnerung an die Moderation des Sportstudios permanent medienpräsent ist – in den merkwürdigsten Zusammenhängen. Denn ich selbst bin ja 1994 aus der Sendung „Hallo Ü-Wagen“ – nach auf den Tag genau zwanzig Jahren – und damit aus der größeren Öffentlichkeit ausgestiegen.

Auch der Anfangs-Erfolg von „Hallo Ü-Wagen“ hatte sicher etwas mit dem Versprecher zu tun. Denn zu Beginn war das Publikum ja enorm scheu.

Und da war für manche ein Motiv, sich die Frau, die „Schalke 05“ gesagt hat, mal aus der Nähe anzuschauen. Und wenn die sich versprochen hat, „dann versteht die einen auch, wenn man sich selbst verspricht“. Jawoll, das stimmt auch genau. Das Geheimnis: nur keine falsche Scheu.

SCHALKE UNSER:
Und das hat Sie auch mit dazu gebracht, Bücher über so eigenartige Themen zu schreiben wie über den Umgang mit Leichen und das Benutzen und Gurgeln von Eigenurin?

CARMEN THOMAS:
Insgesamt habe ich 14 Bücher geschrieben, von denen nur vier solche „eigenartigen“ Themen behandeln. Aber solche Themen sind auch nur solange eigenartig, bis man sich eingehender mit ihnen beschäftigt. Die anderen sind sehr ordentliche und hilfreiche Werke für alle, die sicher auftreten, Gruppen leiten und professioneller kommunizieren wollen. Und in Wahrheit handeln alle diese Bücher immer nur von einem Thema: „Wie gehen Menschen mit sich selbst um, und wie gehen sie mit anderen Menschen um?“

Dass ich überhaupt mit Bücher-Schreiben anfing, hat in der Tat mit der „05“-Erfahrung und mit der Macht des Gedruckten zu tun. Auch die Verleger, die sich an diese Tabu-Themen rantrauten, waren natürlich gerade durch die „05“-Folgen ermutigt.

Auch für viele Prominente und Spitzen-Kräfte aus Politik und Wirtschaft, die ich seit 1980 coache, spielte das „05“ oft eine äußerst vertrauensbildende Rolle, nach dem Motto: „Die weiß, wie es ist“. Bis heute profitieren alle in den Coachings und Seminaren von den „05“-Erfahrungen, weil Interessierte dort systematisch lernen können, wie sie: „aus jedem Fleck ein Blümchen, aus Schrott Steigbügel und – mit Gewinn – aus Dung Dünger machen können“. Und dass die „ModerationsAkademie“ sich mitten im Wort mit einem großen A schreibt, stammt auch aus der „05“-Erkenntnis, dass Falsches merkbarer ist als Richtiges. Vergleiche: „Ich habe fertig“.

SCHALKE UNSER:
Haben Sie heute noch weiteren Kontakt zum FC Schalke 04?

CARMEN THOMAS:
Im letzten Sommer war ich das allererste Mal „auf Schalke“. Rudi Assauer hatte mich im Rahmen der 100-Jahr-Feier eingeladen. Von dem enormen Stadion mit seinen Finessen, seiner tollen Atmosphäre und den treuen Fans war ich total beeindruckt. Der Stadionsprecher hat mich gemeinsam mit Assauer vor 61.000 interviewt. Das war schon ein Erlebnis.

Schade, leider wurde das Heimspiel gegen Hansa Rostock verloren. Und ich dachte schon, ich könnte als Glücksbringerin fungieren. Aber das hat leider nicht geklappt. Im Gegenteil: Ailton wurde ­ wie ich finde, irrtümlich ­ gesperrt, weil er eine südamerikanisch-übliche, unaggressive Handbewegung an eine Gegner-Wange gemacht hat, die ihm deutsch als Übergriff interpretiert wurde.

SCHALKE UNSER:
Man soll die Hoffnung bekanntlich nicht aufgehen, vielleicht klappt es bei Ihrem nächsten Besuch in der Arena, Sie sind auf jeden Fall gern gesehen. Vielen Dank für das Gespräch und Glückauf.