„Der Weg von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt ist unendlich lang.“

(mw/usu) Blau und weiß, wohin man schaut. Wimpel, Pokale, Presseberichte und gerahmte Trikots seiner Gegenspieler. Stationen der zwölfjährigen, königsblauen Karriere von Ingo Anderbrügge. Der Mann mit der linken Klebe – ohne Starallüren, aber mit viel Humor, geradlinig und schnörkellos wie auf dem Fußballplatz. SCHALKE UNSER traf ihn in seiner Fußballschule in Marl (www.anderbruegge.de) und sprach mit ihm über Aufstieg, Elfmeter, kaputte Schuhe, Mathematik und seinen jetzigen Alltag.

SCHALKE UNSER:
Du hast hier das Bild von Wolfgang Nocke von der Schalker Jahrhundertelf hängen. Was bedeutet es für dich, dazu zu gehören?

INGO ANDERBRÜGGE:
Ich freue mich sehr. Ich bin der einzige Nichtnationalspieler der Jahrhundertelf. Außer bei drei U21­Spielen durfte ich nie das Nationaltrikot überstreifen. Aber die Wahl zeigt, dass ich doch meine Handschrift auf Schalke hinterlassen habe. Zum einen sportlich, zum anderen, und das ist auf Schalke ganz wichtig, weil ich menschlich geblieben bin. Die Fans haben gemerkt: Das ist einer von uns. Wir stehen zwar hinterm Zaun und der auf dem Platz, doch der macht es für unseren Club.

SCHALKE UNSER:
Du kamst von Lüdenscheid­Nord und bist in der Jahrhundertelf, das ist ja auch was besonderes.

INGO ANDERBRÜGGE:
Ich bin ein Ruhrgebietsjunge. In Dortmund habe ich im zweiten A-Jugendjahr gespielt, zwei Jahre Amateure, vier Jahre als Profi. Also insgesamt sieben Jahre Dortmund und zwölf Jahre Schalke. Ich bin sehr stolz, bei beiden Vereinen gespielt zu haben. Den größten Erfolg hatte ich 1997 mit Schalke. Doch ich bezeichne mich nicht als Dortmunder oder Schalker. Aber wenn die beiden gegeneinander spielen, dann bin ich Schalker, keine Frage. Aber es war trotzdem eine schöne Zeit in Lüdenscheid, wie ihr zu sagen pflegt.

SCHALKE UNSER:
Bei der Aufstiegsfeier 1991 sollst du „Ich hasse den BVB“ gesungen haben.

INGO ANDERBRÜGGE:
Es ist schon interessant, dass sich das 14 Jahre hält. Ja, da stehe ich zu. Aber auf der anderen Seite sage ich auch, das war eine tolle Zeit in Dortmund. Es war meine Ausbildung als Fußballer. Die Schalker waren ja leistungsmäßig mit mir nicht unzufrieden, von daher war die Ausbildung wohl auch nicht so schlecht.

SCHALKE UNSER:
Der Abschied von Doofmund war aber nicht so dolle, nach sechs Monaten Verletzungspause. War das ein Abschieben zum Nachbarn?

INGO ANDERBRÜGGE:
Dortmund wusste nicht, wo ich hingehe. Ich hatte eigentlich keine schwere Verletzung. Heute wird das innerhalb einer Woche erledigt. Damals wurde der Meniskus operiert, danach kam ich nicht so richtig wieder zurück. Aber Schalkes Trainer Horst Franz kannte mich aus meiner Amateurzeit in Dortmund, er hat mich dann angesprochen. Wenn man als junger Spieler aus einem Verein raus muss, dann tut das weh. Aber im Nachhinein bin ich darüber froh und würde jedem jungen Spieler empfehlen, nach zwei, drei Jahren den Verein zu wechseln. Man hat dann ein ganz anderes Standing beim Club. Auch wenn es bei Schalke erst mal zweite Liga war. Ich wusste, dieser Verein wird aufsteigen. Wenn man da mithelfen kann, dann wird man sich auch in der ersten Liga behaupten. Es ist dann im dritten Jahr passiert, 1991. Dann war im Unterbewusstsein: BVB, warum habt ihr mich gehen lassen? Das musste dann auf der Bühne so raus. Niebaum meinte später mal: „Also, wenn wir das gewusst hätten, dass du dich so entwickelst, hätten wir dich auch gerne behalten!“

SCHALKE UNSER:
Die Saison 1988/89 war ja aus Schalker Sicht nicht so super, aber für dich gar nicht so schlecht. Mit 14 Toren bester Schalker Torschütze und dazu beigetragen, den Absturz in die Regionalliga zu verhindern.

INGO ANDERBRÜGGE:
Schalke hat 1988 eine ganz neue Mannschaft zusammengestellt. Trainer war Horst Franz, danach Diethelm Ferner und dann Peter Neururer. Mit ihm haben wir in Solingen 3:1 gewonnen. Vielleicht hat der Torwart den Ball von mir gar nicht gesehen, weil es so dunkel war. Heute würde man das nicht als Flutlicht bezeichnen. Als ich kam, stand der Verein mit dem Rücken zur Wand. Im zweiten Jahr ging es schon besser. Im dritten Jahr hat man dann Neururer nach Hause geschickt, obwohl wir eine gute Serie hatten. Ich glaube, wir wären auch mit Neururer aufgestiegen. Aleksander Ristic kam, und wir waren zurück im Oberhaus. Ich kann mich an eine Szene mit Ristic noch gut erinnern. Wir hatten im letzten Spiel vor der Winterpause im Dezember 1991 in Nürnberg 1:0 verloren. Ich hatte eine gelb-rote Karte bekommen, weil ich in zwei Situationen den Ball weggeschossen hatte. Zuerst hatte ich den Ball nach Abseits noch etwas angetickt. Das zweite Mal weiß ich noch wie heute. Da kam ein schöner, hoher Ball, den ich aus der Luft genommen habe. Aber irgendwie war es auch Abseits und ich habe den übers Tor bis auf die Autobahn gedroschen. Somit war ich für das erste Spiel nach der Winterpause gesperrt. Das war zu Hause gegen Bayern München. In der ganzen Vorbereitungszeit hatte Ristic mit mir nicht über den Platzverweis gesprochen. Ich hatte nicht das Gefühl, er wäre sauer auf mich. Dann bekommen wir gegen Bayern zwei, drei Freistöße in einer Halbzeit hintereinander kurz vor dem Strafraum. Ich saß im Parkstadion auf den langen Ersatzbänken, die Trainer so ein bisschen davor. Da dreht Ristic sich plötzlich um: „Eh du, was hast du in Nürnberg gemacht. Hab ich kein anderen, der kann Freistöße schießen.“ Das werde ich nie vergessen.

SCHALKE UNSER:
Die berühmte linke Klebe, wie bekommt man so einen Schuss? Ist das Training oder bekommt man das in die Wiege gelegt?

INGO ANDERBRÜGGE:
Jeder Spieler hat Stärken und Schwächen. Bei mir war es der Schuss, der auffällig war. Das habe ich auch nie trainiert. Natürlich hat es mir immer Spaß gemacht. Vielleicht habe ich im Durchschnitt deshalb viel mehr aufs Tor geschossen als andere. Irgendwie hat man dann die Technik drauf. Auch hier in der Fußballschule sieht man Kinder, zehn oder zwölf Jahre alt. Da hat der eine schon einen Riesenschlag, und der andere hat den Fuß falsch stehen.

SCHALKE UNSER:
Jetzt müsste der Ingo da sein, heißt es noch heute im Stadion. Denn du hattest den besten Hammer auf Schalke.

INGO ANDERBRÜGGE:
So zwei-, dreimal im Jahr gehe ich auch noch auf Schalke. Freunde, die häufiger zur Arena gehen, erzählten mir, dass ab und zu noch nach mir gerufen wird. Ich wollte das nicht glauben.

SCHALKE UNSER:
In der Bundesliga hast du zwei Elfer hintereinander versemmelt. Aber im UEFA-Cup-Finale hattest du die Nerven, den zu versenken. Hat man da überhaupt Zeit zum Denken?

INGO ANDERBRÜGGE:
Nervenstärke trainiert man auch an. Aufgeregt ist man trotzdem. Der Weg war unendlich lang von der Mittellinie bis zum Elfmeterpunkt. Ich würde ihn aber trotzdem immer wieder gehen wollen. Ich bin froh, dass ich ihn reingehauen habe. Obwohl ich erst eingewechselt wurde, hatte mich Stevens schon auf dem Zettel stehen. Da stand sonst noch keiner drauf. Beim Elfmeterschießen ist es ja so: Da baut sich alles an der Mittellinie auf und du gehst dann die 50 Meter hin zur Mailänder Wand. Die Schalker im Rücken, die uns denselben wie immer gestärkt haben. Hab mich dann für meine Schokoladenecke entschieden. Sechs von zehn schieße ich da rein. Aber noch eine kleine Geschichte am Rande: Mike Büskens war ursprünglich als fünfter Elfmeterschütze vorgesehen. Wilmots war der vierte und danach ja alles entschieden. So drei, vier Tage später: „Wisst ihr eigentlich, wer der fünfte war?“ In Mailand hatte sich keiner Gedanken gemacht, das ging im Jubel unter. „Johan de Kock“, sagte jemand. Wir waren fassungslos. Wieso der de Kock, der schießt doch nie! Und dann erfuhren wir: Eigentlich sollte der Mike schießen, aber der sagte: „Mein Schuh ist kaputt.“

SCHALKE UNSER:
Gab es Dissonanzen in deiner letzten Saison, du warst so häufig auf der Bank?

INGO ANDERBRÜGGE:
In meiner Statistik stehen 294 Erstligaspiele. Ich hätte in der Rückrunde gerne die 300 vollgemacht. Stevens hat mir gesagt, alle wären für die Mannschaft wichtig, Als 36-Jähriger habe ich in dem Jahr drei Spiele gemacht. Ja, wie wichtig bin ich denn dann noch? Ich habe meinen Stolz, und das war der Konflikt mit Stevens.

SCHALKE UNSER:
Aber es gab ja dann einen schönen Abschied für dich in der Arena.

INGO ANDERBRÜGGE:
Ich wollte im Parkstadion spielen. Weil ich dort meine Zeit hatte. Leider ging das nicht mehr und es ist schön, auch mal in der Arena ein Spiel gemacht zu haben. Das Abschiedsspiel war eine richtig tolle Sache. Eine Mannschaft, die ich mir zusammengestellt habe. Und jeder, der irgendwie konnte, kam. Es ging gegen die damals aktuelle Mannschaft. Es sollte ein Juxspiel werden, bei dem alle Spaß haben. Von uns war doch kaum noch einer aktiv, aber die Anderen haben richtig intensiv gespielt. Hinterher kamen zwei zu mir und sagten: „Der Trainer hat Stress gemacht in der Kabine. Spielt vernünftig, ihr habt ja schon einen drin.“ Meine Truppe hatte 6:2 verloren, aber ich durfte mit einem Elfmeter aus der Arena ziehen. Eigentlich sollte so ein Spiel 6:6 ausgehen.

SCHALKE UNSER:
Wie warst du eigentlich in Mathe?

INGO ANDERBRÜGGE:
Du meinst bestimmt meinen Satz: „Das Tor gehört zu 70% mir und zu 40% Wilmots.“ Also Mathe war mein Leistungsfach. Doofe Frage, doofe Antwort, würde ich sagen. Ich weiß noch genau, wie es zu dem Satz kam. Es war das erste UEFA-Cup-Spiel, gegen Roda Kerkrade. Wir gewannen 3:0, und ich hatte das dritte Tor erzielt. Ich habe aus 20 Metern abgezogen. Wilmots kriegte den Ball an die Wade und fälschte ihn ganz leicht ab. Und dann fragen die mich so doof, wessen Tor war das. Ja meins! Die Euphorie war groß, erstes Spiel gewonnen und dann kommt ein Reporter und sagt zu mir: „Wie sehen Sie das, wer hat denn jetzt das Tor gemacht? Zu wie viel Prozent gehört das wem?“

SCHALKE UNSER:
Wie kamst du darauf, eine Fußballschule zu eröffnen?

INGO ANDERBRÜGGE:
Ich hatte schon als aktiver Spieler ein Sportgeschäft. Der eine oder andere Verein, der bei mir Trikots kaufte, fragte, ob ich auch mal zum Training kommen kann. Ich habe das gemacht und dort dann Autogramme geschrieben. Das war mir zu langweilig. Deshalb habe ich ab und zu mit den Kindern trainiert. Das hat richtig Spaß gemacht. Deshalb habe ich mir überlegt, das regelmäßig zu machen. Da gibt es viel Bedarf, denn den klassischen Straßenfußballer gibt es nicht mehr häufig. Jetzt habe ich die Schule schon im neunten Jahr. Wir haben hier 70 Betten, hinter dem Haus einen eigenen Kunstrasenplatz mit Flutlicht, Beach-Soccer­Platz, Sporthalle, Schwimmbad, Kegelbahn, Kicker. Das ganze Jahr über machen wir Fußballschule mit verschiedenen Kursen. Wir wollen beides: Freude am Fußball wecken und qualifiziertes Jugendtraining. Sechs Angestellte und 24 Honorartrainer arbeiten mit 3000 Kindern im Jahr – und natürlich bin ich auch immer mal wieder dabei.

SCHALKE UNSER:
Trainieren hier nur Kinder, die die große Fußballkarriere vor Augen haben?

INGO ANDERBRÜGE:
Nein, hierher kommen auch Kinder, die gerade anfangen, Fußball zu spielen. Und wir haben Vereinsspieler, die auch noch nicht so gut spielen. Aber Fußball kann man lernen. Ich denke da an Yves Eigenrauch. Der kam nach Schalke und konnte eigentlich gar nichts. Aber er hatte im Vergleich zu allen anderen Profis fünfmal so viel Ehrgeiz. Yves ist für mich ein Topbeispiel für nicht talentierte Jugendliche. Er war schnell, das kann man kaum trainieren. Aber Fußball spielen? Konnte Yves eigentlich nicht, und wir haben uns gedacht: „Wer hat denn den geholt?“ Derjenige, der ihn geholt hat, muss früh erkannt haben: Yves ist einer mit unheimlich viel Biss und Ehrgeiz. Er war ein positiver Typ in der Mannschaft, und er hat es zu was gebracht. Natürlich haben wir auch Kinder, die schon richtig gut kicken können. Wir haben hier alle Typen, und der Trainer muss das Training an die Gruppe anpassen. Im letzten Jahr war ein behinderter Junge im Camp. Der konnte schießen, der konnte laufen, der hatte eine positive Ausstrahlung. Ich glaube, die Kinder haben gar nicht gemerkt, dass er behindert ist. Trotzdem wird ihn vermutlich kein Vereinstrainer in der Region nehmen. Das alles ist für mich Fußballschule, so wie unser Leistungskurs, den wir schon über zwei Jahre machen. Und euch gebe ich für das SCHALKE UNSER-Quiz als Preis eine Woche Training in den Sommerferien für jemanden so zwischen 7 und 14 Jahren.

SCHALKE UNSER:
Herzlichen Dank für den Preis und auch für das Gespräch. Wir werden dann gerne die Gewinnerin, den Gewinner an einem Tag begleiten. Glück auf.