Mein erstes Mal – Fernlichtblau, Gänsehautblau, Königsblau

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal berichtet Robert von Euphorie und Ekstase, von Agonie und Apathie. Er ist hörig ­ dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.

Eigentlich hatte ich mit Schalke nix am Hut. Eigentlich. Ich bin nicht im Revier aufgewachsen, habe nie dort gelebt, habe noch nicht mal irgendwelche Verwandten in dieser wunderbaren Region.

Und bevor ich mich vor Jahren zaghaft begann, erst dem Fußball und dann dem anderen Geschlecht zu öffnen (in dieser Reihenfolge), da waren alle Fußballclubs in Deutschland so gleich wie alle Mädchen gleich waren – einigermaßen doof nämlich. Bis zum 12. April 1977 war das so, bis zu meinem ersten Mal (in Sachen Fußball) eben. An diesem Tag nahm mich Vatter mit zum KSC.

Ich wohnte damals mit meiner Familie in Rastatt/Baden, und, was ich damals nicht ahnen konnte, knappe 20 Kilometer von zuhause entfernt erlebte ich mein erstes Auswärtsspiel, ja mein erstes Spiel überhaupt. KSC gegen Schalke also. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, worum es ging, was da eigentlich los war. Schlimmer noch: Auch heute, 19 Jahre danach, kann ich mich an Einzelheiten kaum erinnern.

Nun, ich (oder besser Vatter) hatte mir wohl ein ganz gutes Spiel ausgesucht, denn Schalke gewann im Wildparkstadion 7:1. Mann! Stellt Euch vor! Sieben zu eins! Auswärts! Damals aber war mir die Dimension dieses Spiels zunächst nicht ganz klar. Damals waren Spieler wie Fischer (drei Tore), Rüßmann (zwei Tore), Abramczik oder Bongartz (je ein Tor), na, mir kommt es kaum über die Kulimine, recht gute Kicker. Doch schon bald nach Abpfiff war alles ganz anders, da waren sie Helden auf Lebenszeit. Danach nämlich ging alles ganz schnell.

Zu Geburtstag und Weihnachten schon bekam ich eine Schalke-Wolldecke und die Schalke-Bettwäsche. In meinem Verein, dem FC Rastatt 04 (die Trikotfarben verschweige ich lieber) spielte ich nun noch lieber Linksaußen, dachte zwischenzeitlich, ich sei ein zweiter Abi. Und selbst als ich merkte, daß Mädchen so doof nun auch wieder nicht sind, schielte ich immer auf die Tabelle – oft genug auf die der zweiten Liga. Ich machte schließlich durch, was alle Schalke-Fans durchmachen: Zittern und Bangen, unterbrochen von meist nur kurzer Freude.

Was habe ich gelitten in meiner Heimat, die zum Exil geworden war, gelitten wie so viele. Und trotzdem war ich, wenn auch meist nur über Fernsehen und Zeitungen, treu, treu seit meinem ersten Mal im April 1977.

Und heute? Heute lebe ich in Köln. Heute fahre ich, klar, zu fast allen Heimspielen. Noch lieber aber fahre ich zu Auswärtsspielen mit meinem häßlichen, kleinen braunen Kadett, der – Tribut und Dank an meinen Vater – das Kennzeichen K-SC 39 trägt.

Und wenn ich dann abends von einem Spiel nach Hause fahre, die Schalke-Schals aus dem Fenster, und das Fernlicht anschalte, dann sehe ich es wieder, das Fernlicht-Blau im Armaturenbrett von Vatters Ascona, damals. Fernlichtblau, Gänsehautblau, Königsblau.

P.S.: Vor wenigen Wochen entdeckten meine Eltern und ich zufällig im Familienstammbuch (Ich weiß, in anderen Familien kennt man seine Verwandten gewöhnlich schon länger), daß ich einen Opa in Gelsenkirchen-Buer hatte oder habe. Ob er noch lebt? Ob er dann auf Schalke geht?

P.P.S.: Vor knapp einem Jahr habe ich das letzte Mal die Schalke-Bettwäsche aufziehen können. Der Stoff war nach all den Jahren mürbe geworden. Aber die Farbe, die war zuletzt noch so leuchtend und satt wie im April 1977. Dieses Blau. Fernlichtblau, Gänsehautblau, Königsblau.