Mein letztes Mal – Ja, ja, die Ehrenrunde …

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal berichtet Ralf aus Backnang von Euphorie und Ekstase. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.

von Ralf Rangnick

Mein Abschied Auf Schalke wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Es war unser letztes Heimspiel des Jahres 2005, wir hatten den FSV Mainz 05 zu Gast. Die Arena war wie fast immer ausverkauft.

Während sich unsere Jungs aufwärmten, unterhielt ich mich auf dem Platz mit meinem Trainerkollegen und Freund Jürgen Klopp. 15 Minuten vor dem Anpfiff wollte ich wie immer noch kurz in unsere kleine Kapelle im Innenraum der Arena gehen, als mein Co-Trainer Mirko Slomka auf mich zukam. Er machte mich darauf aufmerksam, dass unsere Fans in der Nordkurve seit einigen Minuten meinen Namen skandierten und den Trainer sehen wollten.

Ich zögerte. Was gab es vor dem Spiel zu feiern? „Ralf, du musst da hin“, meinte Mirko, und ich ging rüber zu unseren Fans in der Nordkurve. Ich wollte mich ganz einfach bei ihnen bedanken. Für ein tolles Jahr 2005 und für die grandiose Unterstützung der Mannschaft. Immer mehr riefen meinen Namen. Auf der Gegengeraden und dann auch auf der Haupttribüne erhoben sich die Menschen. Also habe ich mich auch bei ihnen bedankt und so eine Runde gedreht.

Nachher machte das Wort „Ehrenrunde“ die Runde. Nichts lag mir ferner als das. Aber die Emotionen haben mich in diesem Moment übermannt. Denn diese unglaubliche Atmosphäre, wie sie die Arena bietet, ist einmalig. Die lässt keinen kalt. Auch mich nicht.

Es war meine Abschiedsrunde. Zwei Tage später war ich beurlaubt, obwohl wir in der Bundesliga und in der Champions League insgesamt nur drei Pflichtspiele verloren hatten.

Trotzdem habe ich in den 15 Monaten Auf Schalke kennengelernt, was der Schalke-Mythos bedeutet. Habe die Stadt Gelsenkirchen mit all ihren wirtschaftlichen Problemen ebenso aufgesogen wie die Fans, die aus dem riesigen Umland kommen. Habe von Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, von Stan Libuda und Klaus Fischer, von Olaf Thon und Youri Mulder erfahren, die alle ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass dieser Verein mehr ist, als ein normaler Klub.

Schalke war eine geile Zeit, an die ich mich immer wieder gerne zurückerinnern werde. Wie wir aus dem Tabellenkeller bis ins Pokalfinale und in die Champions League marschiert sind, große Feste gegen Milan, Eindhoven und Fenerbahce feiern durften. Wie die Fans die Arena immer wieder zu einem Hexenkessel gemacht haben, egal ob mit offenem oder geschlossenem Dach.

Schalke lebt von den Fans – und die Fans leben für Schalke. Ich hoffe, das wird ewig so bleiben. Denn der Fußball braucht solche Mythen.