Wie Gelsenkirchen während der WM einmal ausgesprochen ungastlich war

Gelsenkirchens spröder Charme mag sich manchem erst auf den zweiten Blick erschließen – Zugereiste und bundesdeutsche Gästefans wissen, was ich meine – aber ungastlich ist die WM-Stadt fast nie, und wenn schon, dann nicht ohne guten Grund. Am 10. Juni 2006, pikanterweise während der WM, ließ sich dieses Phänomen zuletzt beobachten.

Die NPD hatte zu einer Demonstration in Gelsenkirchen aufgerufen und diese gegen die berechtigten Einwände und Bedenken von Stadt, Bürgern und Polizei zuletzt vor dem Bundesverfassungsgericht durchgesetzt. Die Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens reagierten auf die drohende Image-Schädigung mit einigen Gegenveranstaltungen.

Die größte und offizielle fand am Theater statt und hatte Volksfestcharakter: „Flagge zeigen gegen Rassismus“ für alle.

Die eigentliche Gegendemonstration traf sich ab 10 Uhr morgens vor dem Hauptbahnhof und bot das andere Bild: Studis, Antifas, Antideutsche, Bunte aller Farben und Jahrgänge aus ganz NRW trafen auf lokale Szene-Veteranen. Hier durften auch die SCHALKER GEGEN RASSISMUS nicht fehlen. Nach einer kurzen Demonstrationsrunde durch die Innenstadt sollten sich die Teilnehmer zum Theater oder in den Fanladen begeben, wünschte sich jedenfalls die Einsatzleitung der Polizei. Die Damen und Herren in grüner Kampfmontur untersagten kurzerhand das allgemeine Ansinnen, die NPD-Demonstranten auf der anderen Seite des Bahnhof in Augenschein zu nehmen, mit Straßensperren in ganz Gelsenkirchen und Staus ohne Ende. Schade, ich hätte gerne die Gesichter dieser knapp zweihundert germanischen Greteln und Hanseln gesehen, wenn es noch voller um sie herum geworden wäre! Diese standen nämlich, penibel auf verfassungsfeindliche Symbole kontrolliert, polizeilich eingepfercht und beschützt in der Neustadt, umringt von Unmengen ortsansässiger Menschen unterschiedlicher Herkünfte, die sie hingebungsvoll beschimpften und vereinzelt sogar mit Gemüse bewarfen. Wohlfühlen geht anders!

Mit der geplanten Demo-Route hat es auch nicht geklappt; da war ein kleines entschlossenes multikulturelles Straßenfest mit eigener Straßensperrung vor. Dank der Anwesenheit der internationalen Presse oder eigener Einsicht blieben die bereitstehenden Wasserwerfer der Polizei trocken, obwohl eine kühle Erfrischung wunderbar zum Wetter gepasst hätte.

Drei Kundgebungen später, alle Redner waren mindestens dreimal drangewesen und jeder hatte seinen Sermon schon fünfmal erzählt, war die Veranstaltung zu Ende. Neue Freunde hat die NPD in Gelsenkirchen ganz offensichtlich nicht gefunden. Im Bahnhof gab es dann noch Steine um die Ohren von alten Feinden, und ich glaube vorhersagen zu können, dass Gelsenkirchen bis auf weiteres keinen rechten Demonstrationstourismus wie eine andere WM-Stadt der Region befürchten muss. Es ist drei Uhr, gleich spielt England gegen Paraguay. Gelsenkirchen ist wieder gastfreundlich.