„Schalke ist Motivation genug“

SCHALKE UNSER:
Hast du Verständnis für Pfiffe aus den Reihen der Fans nach Spielen wie in Nancy und Leverkusen?

KEVIN KURANYI:
Es ist für uns Spieler schwer zu verstehen, wenn die Pfiffe schon kommen, obwohl das Spiel noch nicht vorbei ist, sondern weil ein Tor für den Gegner gefallen ist. Wenn wir so ein wichtiges Spiel wie in Nancy verlieren, kann ich das verstehen, weil wir nicht gezeigt haben, was wir wirklich können.

SCHALKE UNSER:
Wie steckt ihr denn so eine Niederlage weg? Ihr habt es doch in der Hand gehabt, es anders zu machen.

KEVIN KURANYI:
Das auf jeden Fall. Aber wir sind keine Maschinen. Es kommt vor, dass wir einfach einen schlechten Tag haben. Aber das ist natürlich keine Entschuldigung, wir müssen besser spielen und auf dem Platz zusammenhalten.

SCHALKE UNSER:
Der Verein hat hohe Erwartungen aufgebaut, spricht von „totaler Dominanz“ und hat einen Motivationstrainer engagiert. Bringt das in deinen Augen was, und wie nehmt ihr Spieler das an?

KEVIN KURANYI:
Der Slogan galt nur für das Trainingslager. Jeder hat seine Meinung darüber, man kann sich aber auch viel selbst motivieren. Ich glaube, wenn man hier auf Schalke ins Stadion einläuft und so viele Fans da sind – das ist Motivation genug.

SCHALKE UNSER:
In deiner Karriere hast du schon manches Mal ein Formtief gehabt: Nach glänzendem Start beim VfB Stuttgart waren deine Leistungen eher mäßig, du saßt zuweilen im Regionalliga-Team nur auf der Ersatzbank. Der Kicker hat sogar aufgelistet: 2003 waren es 579 Minuten ohne Tor, 2004: 798, 2005: 567. Jetzt aber, obwohl du triffst, ist von einer Krise die Rede.

KEVIN KURANYI:
Der Druck hier ist besonders groß, und man sucht immer einen Schuldigen. Bei der Ablöse, die Schalke für mich bezahlt hat, sind die Erwartungen sehr groß. Und diese Erwartungen muss ich erfüllen. Ich hoffe, dass mir das in dieser Saison gelingt.

SCHALKE UNSER:
Der größte Rückschlag war vermutlich, als Klinsmann angerufen hat und dir gesagt hat, dass du bei der WM nicht mitspielen wirst. Bist darüber hinweg?

KEVIN KURANYI:
Ja, es gibt gute und schlechte Zeiten. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich und schwer zu verarbeiten, aber ich habe es weggesteckt.

SCHALKE UNSER:
Wie ist das für dich, wenn jetzt die Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation wieder ohne dich spielt?

KEVIN KURANYI:
Ehrlich gesagt, habe ich nicht geguckt, sondern versucht, so wenig wie möglich zu sehen. Ich freue mich natürlich für das Team, weil dort viele Mannschaftskollegen sind, mit denen ich mich gut verstehe. Aber natürlich wäre ich schon gerne dabei.

SCHALKE UNSER:
Du bist Christ, hilft dir dein Glaube, über solche Rückschläge hinweg zu kommen?

KEVIN KURANYI:
Der Glaube hilft immer. Ich versuche jeden Tag zu beten und Hilfe bei Gott zu finden. Er gibt mir immer mehr Kraft, solche Sachen zu verarbeiten.

SCHALKE UNSER:
Einige Schalker Spieler treffen sich ja auch zu einem Bibelkreis.

KEVIN KURANYI:
Wir beten oft vor dem Spiel zusammen, dass kein Spieler – auch kein Gegenspieler – sich verletzt.

SCHALKE UNSER:
Wie stehst du zu dem Begriff „Fußballgott“?

KEVIN KURANYI:
Es gibt nur einen Gott, es gibt keinen Fußballgott, Tennisgott oder sowas. Wer weiß, vielleicht mag er Fußball, aber das heißt nicht, dass es einen Fußballgott gibt.

SCHALKE UNSER:
Seid ihr ein gut funktionierendes Team?

KEVIN KURANYI:
Es gibt Partien, in denen wir super zusammenspielen und sich jeder mit jedem versteht. Aber es gibt auch wieder kleine Probleme, die nicht gut für eine Mannschaft sind.

SCHALKE UNSER:
Beim Training haben wir vorhin gesehen, dass die Brasilianer der Mannschaft noch weiter trainiert haben.

KEVIN KURANYI:
Das hat nichts damit zu tun, dass wir Brasilianer sind. Es war übrigens auch ein junger deutscher Spieler dabei, der mehr machen wollte. An anderen Tagen trainieren deutsche Spieler, oder woher auch immer sie kommen, länger.

SCHALKE UNSER:
Sprecht ihr über Dinge, die von der Presse über euch geschrieben werden?

KEVIN KURANYI:
Nicht so oft, aber natürlich bekommt man das mit. Dann spricht man kurz darüber, aber wir versuchen, dem nicht zuviel Bedeutung beizumessen, weil immer wieder etwas Neues geschrieben wird.

SCHALKE UNSER:
Du hast gesagt, deine erste Saison auf Schalke sei schwierig gewesen.

KEVIN KURANYI:
Die Umstellung ist immer schwer. In Stuttgart habe ich viele Leute gekannt und meine Familie gehabt. Das musste sich erst ändern, ich musste die Leute kennenlernen und sehen, wie die Leute denken, was sie gut finden und was nicht.

SCHALKE UNSER:
Es hat eine Weile gedauert, bis du nach Schalke gekommen bist. Du hattest den Vertrag in Stuttgart noch verlängert, dann Kritik an der VfB-Vereinsführung geäußert und bist dann auf Schalke gekommen.

KEVIN KURANYI:
Es ging nicht um Kritik, dort sind Dinge passiert, die nicht hätten passieren dürfen. Im Grunde war ich mit dem Verein im Reinen, aber ich habe mich gefreut, einen Schritt nach vorne machen zu können und mich weiterzuentwickeln.

SCHALKE UNSER:
Du hast dich neulich noch als „Stuttgarter Jung“ bezeichnet. Bist du jetzt auf Schalke angekommen?

KEVIN KURANYI:
Was heißt schon „Stuttgarter Jung“? Mein Vater ist Stuttgarter, ich habe dort lange gelebt. Man muss wissen, woher man kommt und was man dort Gutes bekommen hat. Das muss ich mir hier auch erarbeiten.

SCHALKE UNSER:
Aber du fährst angeblich nach wie vor zu deiner Friseurin nach Stuttgart.

KEVIN KURANYI:
Die ist immer die gleiche geblieben – aber jetzt ist sie nach Frankfurt gezogen. Deshalb fahre ich nicht mehr nach Stuttgart, sondern dahin.

SCHALKE UNSER:
Es gibt die Fotos im „Player“­Magazin, es ist viel über deinen Kinnbart geschrieben worden, den du pflegst. Ein Reporter zog gar einen bösen Vergleich und nannte dich die „Anna Kournikova der Bundesliga“: ein Spieler, der besser aussehe, als er Fußball spiele. Viele halten dich für eitel, bist du das?

KEVIN KURANYI:
Der Vergleich, den ihr da zitiert, hat mich damals sehr getroffen, weil er sehr ungerecht und respektlos war. Ich habe den betreffenden Journalisten zur Rede gestellt und er hat sich bei mir entschuldigt. Ja, ich bin eitel, und ich mag es, mich zu pflegen. Jeder hat seine persönliche Art und das ist meine. Aber jetzt sprechen wir nicht über den Fußballer, sondern über den Privatmenschen Kuranyi.

SCHALKE UNSER:
Von deinem Privatleben bekommt man sonst kaum etwas mit. Funktioniert das wirklich?

KEVIN KURANYI:
Natürlich ist es sehr schwer, wenig vom Privatleben preiszugeben. Die Leute wollen immer viel wissen und beschäftigen sich sehr damit, was man macht, wenn man nicht Fußball spielt. Ich versuche aber schon, so wenig wie möglich Einblick zu gewähren, weil ich denke, ein wenig Privatsphäre muss man in seinem Leben haben. Ich möchte damit meine Familie schützen.

SCHALKE UNSER:
Während der WM hast du ein Internet-Tagebuch für Microsoft geschrieben.

KEVIN KURANYI:
Das WM-Tagebuch dufte ich nicht schreiben, weil ich ja nicht dabei war.

SCHALKE UNSER:
Da gibt es aber auch noch das Gerücht, dass das ein Grund hätte sein können, dass du bei der WM nicht teilnehmen durftest, weil der DFB nicht wollte, dass das gemacht wird.

KEVIN KURANYI:
Entscheidend sollte doch die Leistung eines Spielers sein, oder? Ich hoffe nicht, dass das ein Grund war, gesagt hat mir das zumindest keiner.

SCHALKE UNSER:
Weißt du, wann Schalke das letzte Mal Meister war?

KEVIN KURANYI:
1958.

SCHALKE UNSER:
In deinem Tagebuch steht nämlich 1959.

KEVIN KURANYI:
Das war ein Fehler desjenigen, der das für mich schreibt. Ich telefoniere mit ihm und er formuliert meine Gedanken für mich. Damals hat er wohl diesen Fehler gemacht, der ihm sehr peinlich war.

SCHALKE UNSER:
Und warum ist der nicht korrigiert worden?

KEVIN KURANYI:
Doch inzwischen schon. Solche Sachen dürfen nämlich nicht passieren.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch und wir hoffen mit dir und auch für uns, dass die Kritik an dir verstummt und wir im Mai zusammen die Meisterschaft feiern. Glück auf!