„Wenn die Arena ausrastet, können wir jeden in Grund und Boden singen“

(ru/axt) Auf einmal waren sie da, und optisch sind sie aus der Nordkurve nicht mehr wegzudenken – die Ultras. Mit ihren Choreographien, Doppelhaltern und Fahnen prägen sie das Bild der Kurve mit. Doch wer viel macht, erntet auch viel Kritik: SCHALKE UNSER sprach mit Ultra-Vorsitzendem Kirsche und „Vorsänger“ Simon über Stimmung, Fankultur, Kommerz, Kritik und Repressalien.

SCHALKE UNSER:
Wofür steht die Ultra-Bewegung?

KIRSCHE:
Die Bewegung ist mittlerweile an die 50 Jahre alt und hat ihre Anfänge in Italien genommen. Inzwischen existieren verschiedene Strömungen. Die Ultras Gelsenkirchen haben sich 2002 relativ spät gegründet ­ zu einer Zeit, in der es in anderen deutschen Städten schon etablierte Gruppen gab.

Das heißt nicht, dass es nicht schon Leute gegeben hätte, die sich für die Materie interessiert haben, aber wir wollten uns erst so nennen, nachdem wir Strukturen geschaffen hatten, die den Namen auch verdienen.

SCHALKE UNSER:
Ihr sagt auf eurer Homepage, dass Andi Möller ein Glücksfall für euch gewesen ist.

KIRSCHE:
Er hat immerhin dafür gesorgt, dass sich nicht wenige Personen zusammengeschlossen haben, um sich gemeinsam zu positionieren, und eine der Vorläufergruppen hat dadurch ihren Namen bekommen, die „Radikale Minderheit“. Im Vorwort eines Schalker Kreisels fiel damals von Gerd Rehberg der Begriff, und darum hat man sich spontan so genannt.

Wir waren damals mit dem Wechsel nicht einverstanden – an der Meinung hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn man über den sportlichen Wert natürlich diskutieren kann. Kirsche und Simon im Fanladen

SCHALKE UNSER:
Es gab zu Beginn mehrere Strömungen?

SIMON:
Die Ultras Gelsenkirchen sind aus zwei Gruppen entstanden, dem „Commando 4. Mai 1904“, die in der Nordkurve angesiedelt waren, und die „Radikale Minderheit“, die waren eher im Block I beim Supporters Club.

Wir sind dann zu der Meinung gekommen, dass wir unter einem Namen zusammenarbeiten sollten, weil wir mit der damaligen Situation nicht komplett einverstanden waren.

SCHALKE UNSER:
Ihr wolltet etwas verändern, wie findet ihr den Support in der Kurve jetzt?

SIMON:
Ich finde, es hat sich im Unterschied zum Anfang deutlich gebessert, wobei es noch viel zu viele Leute gibt, die im Durchlauf sind. Jetzt gibt es die Stimmungsblöcke, und man arbeitet immer weiter an diesem Kreis in N4, der versucht, der Motor zu sein.

Aber es kommt noch zu wenig aus der Kurve. Die Leute sind viel zu sehr darauf aus, Stimmung zu konsumieren statt selbst dafür zu sorgen. Wenn die Arena ausrastet, können wir jeden in Grund und Boden singen.

Das Potenzial ist da, und wir versuchen, es weiter auszuschöpfen. Von N4 bis N6 und in Block 39 geht etwas, aber zu N1 geht gar nichts, das hört mit der Treppe zu N3 auf. Und es ist zu sehr vom Spiel und frühen Toren abhängig.

Auswärts ist es im letzten Jahr ebenfalls bergab gegangen, das ist jetzt mit dem Tabellenstand besser geworden. Es ist dennoch unter dem Niveau, was in den letzten Jahren einmal war.

KIRSCHE:
Wenn man das mit dem Beginn der Gruppe 2002 vergleicht und dann mit dem Umzug der Gruppe in die Mitte, dann ist es besser geworden, aber es ist vom Optimum noch meilenweit entfernt. Es gibt bewegende Momente wie das Ende des Schweigens gegen Bayern, aber es wäre besser, wenn diese Geschlossenheit immer so da wäre.

SCHALKE UNSER:
Simon steht häufig in der Kritik, und es heißt, ihr würdet euer eigenes Ding abziehen.

SIMON:
Mein Aufgabenbereich ist nicht, anderen etwas vorzusingen, sondern die 15.000 Leute in der Kurve zu koordinieren. Es ist einfach imposanter, wenn alle das Gleiche singen anstatt viele Grüppchen aneinander vorbei singen. Wenn alle das Gleiche sängen und motiviert wären, könnte ich mich viel mehr zurück halten. Wir haben den Traum, dass die Kurve komplett singt und dass sie laut singt – und das geht nur mit Megafon.

SCHALKE UNSER:
Wie kam es, dass es das Megafon gibt und du es trägst?

SIMON:
Wir hatten schon früher bei Commando 4. Mai 1904 das Megafon dabei. Das hat damit geendet, dass Schlüsselanhänger und Bonbons geflogen sind. Beim Umzug in die Arena haben wir das dennoch beibehalten, weil wir damals gesehen haben, was anderswo, gerade im Ausland, möglich war und weil wir gemerkt haben, dass man die Leute mehr kitzeln muss. Gerade auf Schalke war die Ultra-Bewegung nie sehr populär, und wenn man da noch mit neuen Liedern kommt, gucken viele erst einmal doof, deshalb müssen wir daran stetig arbeiten.

Uns geht es nicht ums Kopieren, sondern darum, unserer Kurve ein eigenständiges Gesicht zu verleihen, mit möglichst eigenständigem Liedgut.

Bevor ich die Aufgabe übernommen habe, gab es andere, die das gemacht haben, aber die hatten irgendwann keine Lust mehr, und weil ich immer dabei war und sie unterstützt habe, habe ich das irgendwann übernommen.

SCHALKE UNSER:
Wie geht ihr mit Kritik um?

KIRSCHE:
Wir sind eine offene Gruppe und die einzelnen Ansprechpartner sind greifbar; wir schrecken auch nicht davor zurück, uns mit den Kritikern zu treffen. Sicher gehen wir auf die Kritik ein, wenn sie vernünftig formuliert ist. Wir haben uns sicher nicht zum Ziel gesetzt, mit 500 Leuten etwas durchzusetzen, wenn die Kurve komplett dagegen ist.

SIMON:
Vor allem aber können wir auch nur mit Kritik umgehen, die an uns herangetragen wird. Wenn im Schalke-Forum über fünf Seiten über das Megafon gesprochen wird, dann sehe ich das nicht als Kritik, die an mich herangetragen wird.

Ehrlich gesagt schaue ich da gar nicht mehr rein. Wenn mir aber einer eine E-Mail schreiben würde oder an den Infostand käme, dann könnte ich damit arbeiten. Das scheitert aber oft daran, dass die Leute nicht kommen und sich in der Anonymität verstecken.

KIRSCHE:
Wenn wir auf die Mails antworten, in denen sich Leute kritisch mit uns auseinandersetzen, dann kommt hinterher ein „Sehe ich ein“, oder sie melden sich gar nicht mehr – dann kann die Kritik nicht so wichtig gewesen sein.

SCHALKE UNSER:
Welchen Aufwand betreibt ihr für Choreographien?

SIMON:
’Ne Menge.

KIRSCHE:
Arbeitsstunden lassen sich nicht berechnen oder aufstellen. Es sind etliche Personen, die immer wieder mal arbeiten. Es gehen Wochenenden drauf, und wenn große Sachen anstehen, wird den ganzen Tag gearbeitet.

Geldtechnisch kommt es darauf an. Wenn man nur eine kleine Sache macht und Materialien verwendet, die man aufbewahrt hat, lässt es sich finanzieren. Wenn wir eine große Sachen machen wie bei Derbys – und mittlerweile müssen wir auch feuerfesten Stoff verwenden –, dann sind wir im fünfstelligen Bereich.

SIMON:
Bei der 100-Jahre-Choreographie haben zehn Leute die ganze Nacht durchgearbeitet. Bei einer Choreographie fängst du zum Teil Monate vorher mit der Planung an.

KIRSCHE:
Diese Choreographie war auch erst verboten und wurde erst zwei Tage vorher genehmigt. Wir wollten das aber durchziehen, also waren hundert Leute im Einsatz. Manchmal arbeiten auch Leute während eines Spiels, die Stadionverbot haben, während die anderen zum Auswärtsspiel gefahren sind.

SIMON:
Doppelhalter und Fahnen werden im Alltag von Leuten gemacht, die das als Hobby betreiben. Das kann man gar nicht beziffern.

SCHALKE UNSER:
Ihr habt gerade das Verbot von Choreos angesprochen, gegen Lüdenscheid gab es dann gar keine.

KIRSCHE:
Schwieriges Thema, wozu wir erst einmal sagen wollen, dass die Unstimmigkeiten, die es gab, ausgeräumt sind. Da steht nichts mehr im Raum. Allgemein ist das Problem bei Choreos, dass man viele Leute einbeziehen muss. Die Feuerwehr und der Sicherheitsbeauftragte, der letztendlich dafür geradesteht, haben ein Wort mitzureden. Darum müssen wir feuerfesten Stoff und feuerfeste Planen verwenden.

Bisher hat noch niemand ein Feuerzeug an eine Blockfahne gehalten. Beim Derby kam dazu, dass diese Fahne verschwunden ist, von der uns nachgesagt wird, dass wir sie hätten.

SCHALKE UNSER:
Habt ihr sie?

KIRSCHE:
Ich weiß von nichts, ich hab sie nicht zu Hause.

SIMON:
Ich hab sie auch nicht zu Hause. Ihr hattet sie doch im Heft!

KIRSCHE:
Deshalb bestand angeblich die Gefahr, dass es zu Ausschreitungen kommt, die über das normale Derbygeschehen hinausgegangen wären, und das war dem Sicherheitsbeauftragten zu heikel. Die Choreo war nicht explizit auf die verlorene Fahne ausgelegt, weil die Planungen vorher angefangen hatten.

Aber das ist, wie gesagt, vom Tisch, und es wird auch weiterhin Choreos in der Arena geben. Letztendlich hat ja jeder selbst gesehen, was passiert ist, nämlich nix! Wenn man da an frühere Zeiten denkt …

SCHALKE UNSER:
Bei Auswärtsspielen ist die Zahl der Doppelhalter genau festgelegt, was ist denn da das Highlight der Bestimmungen?

SIMON:
Ich finde es ja schon ein Highlight, dass man sagt, 15 Doppelhalter sind das Maximum. Ob da jetzt 15, 30 oder 50 Doppelhalter sind, dürfte ja eigentlich keinen jucken. Das Megafon darf mit Unterschrift rein: Ich muss meinen Personalausweis vorlegen und unterschreiben, dass ich dafür hafte, wenn jemandem etwas passiert. Wir fragen an, und meist hört man „Doppelhalter verboten“, weil sie die Sicht behindern und man sie nutzen könnte, Pyro zu entzünden.

SCHALKE UNSER:
Pyrotechnik macht ihr nicht mehr?

KIRSCHE:
Nein. Wir haben uns nie dagegen ausgesprochen, und das wird es auch nie geben. Aber wir haben schon vor mehreren Jahren gesagt, dass wir darauf verzichten, damit andere Freiheiten erhalten bleiben, zumal im schlimmsten Fall auch der Verein davon Schaden nehmen könnte. Darum geht es uns sicher auch nicht.

SIMON:
Wir haben früher überlegt, was dafür und dagegen spricht. Wir haben lieber bei jedem Spiel unsere Fahnen, Doppelhalter und das Megafon.

Wir reden regelmäßig mit dem Verein und kämpfen dafür, dass die Gästefans bei uns möglichst viele Freiheiten haben – leider bislang nicht sehr erfolgreich. Wünschenswert ist es, dass sich die Fanszenen mehr für die Rechte und Freiheiten der Gästefans einsetzen würden, so dass jeder ein wenig mehr Freiraum in den Kurven hätte. Beispielsweise das Podest, das jetzt im Gästeblock steht. Das haben wir angeregt, denn wie bescheuert ist es, dreimal die Polizei reinzuschicken, weil jemand auf der Plexiglasscheibe sitzt.

SCHALKE UNSER:
Wie habt ihr den Weggang von Frank Rost erlebt? Er hat ja immer ein Ultra-Shirt getragen.

SIMON:
Wir hatten einen engen Kontakt zu ihm, aber es war nach seinem Weggang klar, dass wir dazu nicht großartig Stellung beziehen. Manuel Neuer hat auch mit uns in der Kurve gestanden und hat bei uns mehrere private Kontakte – von daher haben wir ihn genauso gern im Tor. Frank ist weggegangen, weil er spielen wollte. Das akzeptieren wir.

KIRSCHE:
Der Kontakt zu beiden Torhüter ist nach wie vor da und gut. Frank ist immer noch Mitglied bei uns und wir hegen keinen Groll.

SCHALKE UNSER:
Inwieweit steht ihr mit anderen Ultragruppierungen in der Bundesliga in Kontakt?

KIRSCHE:
Die Kontakte gibt es. Da gibt es kein ausgesprochenes Netzwerk, aber man kann Probleme auf dem „kurzen Dienstweg“ klären.

SCHALKE UNSER:
Mit wem ihr nicht mehr sprecht, sind die so genannten „szenekundigen“ Beamten.

KIRSCHE:
Wir hatten Ende 2005 ein Gespräch, es ist also keine aktuelle Entwicklung. Innerhalb des Gesprächs haben wir relativ offen unsere Meinung gesagt, wie wir uns sehen und dass wir in den Ultras Gelsenkirchen nicht so die Gefahr sehen. In der Runde wurde gesagt, dass man in uns ein neues Aufgabenfeld hat, seitdem es die Hools in diesem Ausmaß nicht mehr gibt.

Gäbe es die Hools noch, würde man sich um Kleinigkeiten wie „Aufkleber kleben“ gar nicht kümmern. Das bildet natürlich eine Meinung.

Danach gab es vier Auswärtsspiele, bei allen gab es irgendwelche Unstimmigkeiten mit der Polizei, die zwar nicht so gravierend waren, aber in der Masse dafür gesorgt haben, dass wir der Meinung sind, dass das Gespräch nichts gebracht hat und man den Kontakt auch gut und gerne einstellen kann.

SCHALKE UNSER:
Mittlerweile gebt ihr in eurem „Blauen Brief“ sogar Tipps, wie man sich verhalten sollte, wenn man in Gewahrsam genommen wird.

KIRSCHE:
Das ist ja nichts Neues, dass es solche Tipps gibt, das beschränkt sich ja nicht auf den Fußball. Hintergrund der Tipps im „Blauen Brief“ waren viele Anfragen, gerade von Jüngeren. Deshalb haben wir uns entschlossen, das relativ offensiv zu verkünden. Das heißt natürlich nicht, dass wir die Polizei angreifen. Wir machen keine Rechtsberatung – aber wenn man zu einem Anwalt geht, wird er einem das gleiche sagen.

SIMON:
Es ist wichtig, dass man weiß, wie man sich verhalten muss. Die Polizei arbeitet, während wir in unserer Freizeit ein Spiel gucken. Oft sucht die Polizei ein „lockeres Gespräch“, das gar nicht locker endet. Uns ist nur wichtig, dass man sensibler für das Thema wird und nicht sofort zusammenschreckt, wenn man zur Zeugenaussage geladen wird. Alles, was man sagt, kann gegen einen verwendet werden.

Wenn man einem 14-Jährigen sagt, man werde seinen Eltern erzählen, mit wem er so rumhänge, schüchtert das ein. Es ist immer wichtig, wenn man über seine Rechte Bescheid weiß. Wir wollen keine Straftäter decken, sondern aufklären, was Sache ist.

KIRSCHE:
Wobei sich das jetzt so anhört, als ob es um Verbrechen geht – das meiste, was einem im Fußball passiert, sind Lappalien wie „Aufkleber kleben“ oder andere fußballtypische Rituale. Wenn ich höre, dass es dafür zwei Jahre Stadionverbot gibt, hört es auf: Dafür wurden die Stadionverbote damals nicht eingeführt.

Wenn das so weiter geht, wird es in zwei Jahren Stadionverbote für Fahnen schwenken geben. An einem Abend im Bochumer Bermudadreieck wird mehr passieren als an einem Spieltag auf Schalke.

SCHALKE UNSER:
Spielt es eine Rolle, dass der Begriff „Ultra“ oft mit „gewaltbereite Fans“ verwechselt wird? Beim Vorfall mit Lok Leipzig hieß es gleich „die Ultras“.

SIMON:
Als wir in Dortmund unsere Fahne mit reingenommen haben, hieß es auch gleich: „Das geht nicht, Ultras sind rechtsradikal.“

KIRSCHE:
Das ist das generelle Problem, dass die Gesellschaft oft nicht aufgeklärt ist.

SIMON:
Jeder von uns kennt den Effekt, dass der Gegenüber überrascht guckt, wenn man erfährt, dass man auch einer von diesen „Verrückten“ ist.

Jeder denkt, das sind solche Ochsen, die keine Zähne im Mund haben und alles zusammenschlagen. Wir bemühen uns um ordentliches Auftreten, wir sind da sehr hinterher, beispielsweise sinnlose Pöbeleien zu verhindern. Es bringt uns nichts, wenn wir hinter einer dicken Polizeikette stehen und rüberbrüllen – das ist lächerlich, das kann man sein lassen.

SCHALKE UNSER:
Inwieweit hat das Vorbild Italien Einfluss auf euch?

KIRSCHE:
Man muss unterscheiden, wie es die ältere Generation sieht und wie die jüngere: Für diese wird es keine solche Rolle mehr spielen. Für uns war es ein Beispiel, von dem man sich viel abgeguckt hat. Einflüsse aus dem Ausland sind immer gerne gesehen und prägen die Gruppe auch.

In Italien haben die Ultras 50 Jahre Geschichte – dementsprechend groß ist der Einfluss, aber viele sind auch nicht zufrieden mit der Situation, weil es um Geld und den Einfluss in der Kurve geht, der gleichzusetzen ist mit dem Verkauf einer Vielzahl eigener Merchandising-Artikeln.

Das sind Verhältnisse, die in Deutschland nicht angestrebt sind. Geschichten wie in Catania muss man differenzierter betrachten und nicht nur einfach „die Ultras“ sehen, dort gibt es auch viele soziale Probleme. Vielleicht sollte man mal über Fanprojekte nachdenken, nur mit Repressionen wird man die Probleme sicher nicht lösen.

SIMON:
Man entwickelt sich auch weiter. Früher haben wir im Bahnhof schnell das Magazin „Super-Tifo“ gekauft und über die italienischen Artikel hinweggeblättert, weil man die eh nicht verstehen konnte. Damals war man mehr als stolz, wenn man mal ein Bild von Schalke gesehen hat. Das war seinerzeit das Maß aller Dinge, heute ist man weiter: Wir sind eine starke Gruppe mit einer guten Struktur, die junge Mitglieder für die Sache motivieren kann und die Leidenschaft weitergibt.

Wir entwickeln uns weiter, Einflüsse kommen inzwischen aus vielen Ländern, die unsere Mitglieder bereisen, zum Teil sind Freundschaften entstanden wie nach Skopje oder Enschede. Wir sind aber die Ultras Gelsenkirchen und wir entwickeln uns so, wie wir uns entwickeln wollen. Wir sind Schalke und nicht die Kopie von irgendetwas.

SCHALKE UNSER:
Zum Kommerz: Ihr habt keine Gazprom-Fahne entgegengenommen?

SIMON:
Die werbebedruckten Dinger beim Testspiel nicht, und die werbefreien haben wir in Frankfurt anderen Schalkern überlassen.

SCHALKE UNSER:
Die sind euch zu kommerziell?

KIRSCHE:
Wir haben uns bei der Gründung auf die Fahne geschrieben, die kommerzielle Entwicklung des Fußballs kritisch zu verfolgen. Dabei sind wir nicht so verblendet, keine Trikotsponsoren zu wollen, so ist die Bundesliga nicht möglich.

Wir sehen die Sache skeptisch, weil es einfach zu viel war. Wenn ein neuer Hauptsponsor kommt, okay, selbst wenn er in der Saison kommt, auch gut. Die ganzen Gerüchte um Gazprom haben wir als Gruppe in den Hintergrund geschoben. Jedes Mitglied macht sich so seine Gedanken, aber wir haben uns bislang als Gruppe nicht dazu geäußert.

Wir haben lange diskutiert, ob wir den Sonderzug nach Frankfurt nehmen wollen, aber weil wir seit Jahren für Sonderzüge gekämpft haben zu vernünftigen Preisen und mit Getränken im Zug, haben wir uns dafür entschieden. Das Vorstellungsspiel kann man sehen wie man will – wir sind als Gruppe aber dort nicht aufgetreten. Das war das erste Spiel in der Arena, bei dem keine Zaunfahne vor uns vor dem Block hing.

Beim nächsten Heimspiel gab es schon wieder Fahnen, und das ist der Eingriff in die Fankultur, den wir nicht haben wollen. Wir verteufeln nicht alles wie die Victoria-Fahnen zum Pokalfinale, die verteilt worden sind, aber das war einfach zu viel. Wir kümmern uns selbst um unsere Fahnen.

SIMON:
Wir wünschen uns einfach eine gewisse Selbstverantwortung, ein Nachdenken der Leute in der Kurve. Es geht darum, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Sich nicht alles vorsetzen zu lassen, sondern selbst an den Momenten im Stadion mitzuarbeiten, auf die wir alle stolz sind. Daher das Spruchband: „Lieber fünf eigene Fahnen als 55.000 ohne Bedeutung.“ Genau das ist es: Wir wollen, dass jeder selbst etwas macht, seine eigene Fahne mitbringt, die Nordkurve sich selbst gestaltet und die vorhandenen Freiräume nutzt.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch. Glückauf.