„Diese Bilder werde ich nie vergessen“

(ru) Mein Kumpel stockte mitten im Satz. Als ich mich aufmachte, wollte er mich mit den Worten „Viel Spaß“ verabschieden. Doch wie auch mir kam ihm der Gedanke, dass die Tour, die vor mir lag, nicht spaßig werden könnte – allein aufgrund ihres Anliegens. Es ging nach Auschwitz, zusammen mit 19 anderen Fans aus ganz NRW, die dem Aufruf des Projekts „dem Ball is’ egal, wer ihn tritt“ gefolgt waren. Wir wollten vor dem Hintergrund des in deutschen Stadien vermehrt zu hörenden U-Bahn-Liedes den Ort des größten menschlichen Verbrechens besichtigen.

Jeder Fußball-Fan kennt das Lied, in dem gegnerische Fans durch den Bau einer U-Bahn nach Auschwitz geschickt werden. Es grassiert wie eine Plage, die seit vielen Jahren ständig wiederkommt im Umfeld nahezu aller Fußballstadien. Vor allem jüngere Fans singen voller Unwissenheit mit und überschreiten so die Grenze dessen, was im Rahmen dieses von Emotionen und Rivalitäten geprägten Sports tolerierbar ist. Die Schalker Fan-Initiative hat bereits im vergangenen Jahr mit der Aktion „Unsere U-Bahn fährt zum Stadion – gegen Nazi-Gesänge“ reagiert und mit Plakaten, die Jermaine Jones, Heiko Westermann und Fans zeigen, an den S-Bahn-Haltestellen in Gelsenkirchen ein Zeichen gegen die Verharmlosung des Gesangs gesetzt.

Das vereinsübergreifende Projekt „dem Ball is’ egal, wer ihn tritt“ hatte nun mit der Unterstützung von drei Stiftungen die Begegnung von 20 Fan-Vertretern der Vereine Alemannia Aachen, 1. FC Köln, MSV Duisburg und Schalke 04 miteinander und mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte initiiert. Die Fahrt fand vom 6. bis 9. Mai 2008 statt und wird wohl für alle Beteiligten in jeglicher Hinsicht ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

Timo und ich fuhren mit, dreimal waren wir in dieser Saison schon mit dem FC Schalke durch Europa gereist – nach London, Porto und Barcelona. Aber auch uns war klar, dass die vor uns liegenden Tage eine andere Dimension haben würden. Zum einen kann sich wohl niemand auf die Eindrücke vorbereiten noch in irgendeiner Weise seine Reaktion darauf vorausahnen. Zweitens würde das Zusammentreffen von vier verschiedenen Fan-Gruppierungen über einen Zeitraum von vier Tagen und vor dem Hintergrund eines so brisanten Themas eine komplett neue Erfahrung mit sich bringen. Für zusätzliches Unbehagen sorgte die Tatsache, dass uns ein Fernsehteam des WDR begleiten würde.

Wenn ich mir diese Gedanken vor Reiseantritt vor Augen führe und meine nicht unbegründete Skepsis, ist es umso erstaunlicher, wie sich die Dinge entwickelten. Am Abschlussabend verabschiedete sich unsere 22-köpfige Gruppe in einem fast schon familiären Verhältnis, viele äußerten ihre Vorfreude auf ein Nachtreffen. Es war eine verschworene Gemeinschaft, die sich über die Tage gebildet hatte und dadurch die Kraft besaß, sich mit dieser emotionalen Thematik mit der nötigen Offenheit gemeinsam auseinanderzusetzen. Der Spagat zwischen lockerem Miteinander und der Ernsthaftigkeit des Anliegens wurde geschafft – und das konnte man in dieser Form, wie wir es erlebt haben, nun wirklich vorher nicht erwarten.

An dieser Stelle muss man ein Kompliment an die Organisatoren Bodo, Jeanette und Marcin aussprechen, die durch ihre Herangehensweise, Organisation und Hilfestellung dies ermöglichten. Ein weiterer Dank gebührt allen Teilnehmern. Alle waren offen, interessiert und ohne Berührungsängste zu anderen. Keiner kapselte sich ab, die Erfahrungen machte man zusammen. Kölner, Aachener, Duisburger und Schalker diskutierten, frotzelten, sangen zusammen. Es war ein Idealzustand vom Miteinander der Fußballbegeisterten, das einmal mehr zeigte: Fußball verbindet. Die Fahrt hat gezeigt, dass allein auf dieser Basis der Weg gegen die Geschichtsvergessenheit und den Rechtsradikalismus im Fußball beschritten werden kann.

Krakau

Am Dienstagabend landeten wir in Krakau, nahmen eine Mahlzeit ein und machten uns dann auf die Suche nach einem Lokal, in dem vielleicht Bundesliga gezeigt wurde. Denn zeitgleich spielte der S04 in Bochum, ein bis auf vergangene Saison lieb gewonnenes Auswärtsspiel fand ohne uns statt. Eine Allesfahrerin aus Köln ließ den Auftritt ihres FC sausen. Es war das einzige Spiel, bei dem sie ihr Team in dieser Saison nicht im Stadion unterstützte. Allein das zeigt schon den Stellenwert der Fahrt.

Die Polen waren sehr gastfreundlich: Als wir einmal nach einer Sportskneipe fragten, stieg die Kellnerin in einer Eckkneipe auf einen Stuhl und schrie durch den ganzen Laden, ob jemand uns weiterhelfen könnte. Krakau erlebte ein Studentenfest, wie es jedes Jahr im Mai stattfindet. 50.000 Studenten feiern ihren Semesterabschluss in wilden Kostümen und mit munteren Gesängen von morgens bis abends. Superman-, Domina-, Engelverkleidungen und dazwischen wir.

In einem Stadtrundgang am Mittwoch lernten wir die schönsten Bauten, die wichtigsten Plätze, das herrliche traditionelle Essen und nicht zu vergessen die tollwütigen Hunde von Krakau kennen. Ein besonderer Schnaps, der bei der gemeinsamen Gastronomie-Erkundung am Donnerstagabend den ein oder anderen so heftig mitnahm, dass er sogar die falsche Vereinshymne mit anstimmte. Alle Fans zusammen unterwegs, die „La Ola“ schwappte durchs Lokal.

Und kulturell lernten die Duisburger, Kölner und Aachener auch von anderer Seite etwas. „Mäusken, wilsse mit mich Eis essen gehen“ jodelten wir so oft, dass sie spätestens am Freitag alle mitsingen konnten. Die Kultur-Metropole Krakau begeisterte uns alle und es gab nicht wenige, die sich vornahmen, noch einmal in ihrem Leben mit der herrlich schönen Stadt, den offenherzigen Menschen und den tollwütigen Hunden Bekanntschaft zu machen.

Cracovia

Am Mittwochabend besuchten wir das Heimspiel von Cracovia Krakau gegen Odra Wodzislaw, das die Hausherren mit 3:0 gewannen. Wir staunten nicht schlecht: Ein Gästeblock 40 Meter vom Spielfeld durch Zäune, Stahlhelmpolizisten und eine Wiese getrennt und erst zehn Minuten nach Spielbeginn mit Auswärtsfans gefüllt. Dazu 3000 Cracovia-Anhänger, die mächtig lautstark das mitunter quälende Spiel ihres Teams unterstützten.

Wir deckten uns mit Fanartikeln ein, ich kaufte mir ein Shirt, Timo einen Schal. Der größte Fehler des Abends, wie sich herausstellen sollte. Denn als wir das Stadion verließen und uns auf den Weg zum Hotel machten, um unsere Souvenirs abzulegen, trafen wir auf eine Gruppe Hooligans. Timo und ich hatten uns in einem Park etwas von den anderen entfernt und waren in ein Gespräch vertieft, als sich ein glatzköpfiger Schrank vor uns aufbäumte und Timo einen gezielten Schlag auf die Nase verpasste. Weiterem Unheil konnten wir entgehen. Nach erstem weniger fachmännischem Kommentar meinerseits („Komm wir gehen ins Hotel, ich hab Pflaster dabei“) konnten wir es der Hilfe einer unserer Mitfahrerinnen, eine Krankenschwester, hilfsbereiter polnischer Studentinnen und Dolmetscher Marcin verdanken, dass Timo noch an diesem Abend geröntgt werden konnte und man feststellte, dass die Nase angebrochen war. Das waren also wahrhaft keine Anfänger im Park.

Man hatte uns gewarnt, dass das Tragen eines Schals gefährlich war in Polen, dass gerade die Feindschaft zwischen Cracovia und Wisla als „heiliger Krieg“ bezeichnet wurde und die Sitten in Polen rauer als in Deutschland waren. Jetzt hatten wir es hautnah erlebt, gerade mal sieben Minuten Fußweg vom Stadion entfernt. In der Notaufnahme trafen wir auf weitere Opfer. Jene Geschichte und Timos Souvenir waren auch Anlass für viele unserer Fragen, die wir in einem Treffen mit den Fan-Vertretern von Cracovia im Vorfeld der offiziellen Pressekonferenz des Vereins am Freitagmorgen stellten.

Die Fanarbeit steckt dort noch in den Kinderschuhen, auch wenn viele Annäherungsversuche gestartet wurden zwischen Wisla- und Cracovia-Fans, so ist der Graben noch zu tief. Gewalt beherrscht die polnische Liga, nicht zuletzt durch den Auswärtsblock im Stadion dokumentiert. Die polnischen Vertreter interessierten sich für die Arbeit der Fanprojekte in Deutschland. Der Blick über die Grenzen zeigte uns, wie wichtig gerade diese Arbeit ist, um zu sichern, dass auch Eltern mit ihren Kindern zum Fußball gehen können.

Auschwitz

Am Donnerstagmorgen fuhren wir mit dem Bus zum ehemaligen Konzentrationslager. Der WDR erhielt Drehgenehmigung, weswegen uns sogar eine Führung durch die einzelnen Blöcke angeboten wurde. Im Laufe dieses Tages, den wir im Stammlager 1 und in Birkenau verbrachten, wird wohl jedem einzelnen von uns an verschiedenen Stellen sich der Magen umgedreht haben. Unsere Mienen versteinerten sich und die erdrückende Flut an Bildern und Aufzeichnungen schmerzte fast körperlich. Man hat viel gelesen, jeder kennt die Filme – doch erst in dieser Situation geht das Ganze einem wohl so unter die Haut, dass man es nicht mehr in seinem Leben irgendwann in eine hintere Ecke der Erinnerungen verbannen kann.

So wird mir bei der Beschäftigung mit diesem Thema wohl immer eine Szene im Gedächtnis bleiben. Ich dachte noch gerade über einen in der unteren Etage ausgestellten Strafbefehl nach, der einen Juden zum Arrest verurteilte, weil dieser mit Gemüseabfällen und Knochen in der Hand gefasst wurde, da betraten wir mit unserer Gruppe den ersten Stock. Hinter einer Glaswand war dort ein Meer an Haaren zu sehen, die die Nazis ihren Opfern zur „Weiterverarbeitung“ abgenommen hatten.

Allein der Anblick versetzte mir eine Gänsehaut, ließ mich zwei Schritte zurücktaumeln und mir die Hände vors Gesicht schlagen. Koffer, Zähne, Becher – in jedem Raum eine neue Schandtat vor Augen geführt. Wir sahen alles – die Baracken, die Krematorien, die Zellen. Und irgendwie war es immer wieder so, als würde uns ein Schlag direkt ins Gesicht treffen, härter als der, den der Hool einen Tag zuvor abgegeben hatte. Bei der Nachbesprechung am Nachmittag sagte ein Fan von Alemannia Aachen: „Es wird Tage oder Monate dauern, bis wir das, was wir heute gesehen haben, verarbeiten können.“

An der Gedenkmauer legten wir einen Blumenkranz nieder, versehen mit der Aufschrift aller teilnehmenden Vereine. Als die Traube der Touristen einmal an mir vorbeigezogen war, stand ich in dem Gefängnis allein und die Stille und die Gewissheit um die abscheulichen Verbrechen dieses Ortes, gut sechzig Jahre zuvor, versetzte mir einen zusätzlichen Schauer. Im Treppenaufgang erkannte ich verbogene Gitterstäbe am Fenster, die die Verzweiflung noch näher brachten. Selbst hinter dem Gebäude war keine Rettung, sondern ein Wachposten und ein elektrischer Stacheldrahtzaun.

Das Schicksal wollte es so, dass wir, wie wir zufällig erfuhren, in unserem Hotel in Krakau im ehemaligen Hauptquartier der SS untergebracht waren. Lediglich im unteren Teil einen Hauseingang weiter waren die ehemaligen Zellen zu besichtigen, ansonsten war alles normal hergerichtet. Ein ungewohnter Umgang mit der Geschichte. Wir besichtigten die Zellen am Freitag vor unserer Abreise und wurden in die gleiche Schockstarre wie einen Tag zuvor versetzt.
Als die polnischen Studentinnen am Mittwoch den blutenden Timo und mich zum Hospital brachten, wiederholte eine von ihnen ständig: „I am so ashamed“. Aber irgendwie waren eher wir es, die im Verlauf der nächsten Tage Scham empfanden.

In Deutschland

Der WDR strahlte seine Reportage über uns am folgenden Mittwoch aus, WDR2 und EinsLive berichteten, die Fanprojekte Köln und Aachen trugen die Botschaft in ihre Fanlager, die WAZ Gelsenkirchen und der Reviersport schrieben über uns, das MSV-Radio und wir im SCHALKE UNSER schließen uns an.

Über diese Organe soll das Projekt gewürdigt und Zeichen gesetzt werden.

Damit auch jeder versteht, dass wir zusammen lauter sind, als jeder braune Gesang:

Eine Brücke bauen wir,
zwischen Fans aus aller Welt
eine Brücke gegen Nazis
im Fußball-Umfeld.