„Ich weiß ja nicht, ob die Leute einen haben wollen, der den Larry macht“

(ru/ms/axt) Im Sommer wurde er vom „Kicker“ als zweitbester defensiver Mittelfeldspieler der Bundesliga in die „Internationale Klasse“ eingestuft. In dieser Saison fand sich Fabian Ernst beim Spiel in Karlsruhe auf der Bank wieder. Wir befragten ihn zum System, seiner schwierigen Anfangszeit, der Schalker Mentalität und zur Nationalmannschaft.

SCHALKE UNSER:
War es für dich von Bedeutung, dass Jürgen Klinsmann bei dem Bayern­Spiel an der Seitenlinie stand?

FABIAN ERNST:
Die Geschichte ist schon ein bisschen her. Davon mal abgesehen hätte ich natürlich schon gerne gegen ihn gewonnen. Aber im Spiel hat mich das nicht beeinflusst.

SCHALKE UNSER:
Ein Drittel der Saison ist jetzt vorbei. Die Mannschaften oben rücken immer dichter beisammen, Hoffenheim ist dazugestoßen. Bleibt es bei der Zielsetzung, oder denkt man um?

FABIAN ERNST:
Es ist eng oben. Aber ich denke, dass Hoffenheim irgendwann den Druck zu spüren kriegt, den sie jetzt noch nicht hatten. Ich bezweifle, dass die das so über ein ganzes Jahr durchziehen können. Ich glaube, dass wir bei unserem Potenzial her auch nach oben gehören, und das heißt: Champions League. Wenn du hier vor der Saison sagen würdest: Wir spielen um den UEFA-Cup-Platz, da packen sich doch alle an den Kopf.

SCHALKE UNSER:
Du bist von Bremen gekommen, hattest Erfolg dort und auch eine gute Form. Wie du selbst gesagt hast, lief es dann auf Schalke zunächst nicht gut. Wie erklärst du dir das?

FABIAN ERNST:
Ich glaube, das kann man nicht erklären. Es gibt Phasen im Fußball, in denen es einfach nicht läuft. Bei mir war es so, dass es schleppend angefangen hat und dann gab es Spiele, wo einfach gar nichts mehr ging. Da macht man sich natürlich auch Gedanken: Woran liegt es? Du findest keine Antwort, versuchst es immer wieder und es wird nicht besser. Es hat eine Weile gedauert, um aus dem Teufelskreis rauszukommen, aber im nächsten Jahr lief es dann schon wieder ganz gut. So richtig erklären kann man das nicht.

SCHALKE UNSER:
Gab es einen bestimmten Moment, der die Wende brachte?

FABIAN ERNST:
Nein. Ich weiß, dass es im ersten Jahr katastrophale Spiele gab, da hab ich mich selbst nicht wieder erkannt. Ich war auf dem Platz zeitweise verunsichert und hab nicht zu meinem Spiel gefunden. Das sind so die Dinger, die vielleicht hängen geblieben sind. Man sollte immer dran arbeiten, dass man nicht wieder in so ein Loch fällt.

SCHALKE UNSER:
Hast du da bereut, nach Schalke gewechselt zu sein? Viele sprechen ja hier von einem „speziellem“ Umfeld.

FABIAN ERNST:
Nichtsdestotrotz war ich immer von mir überzeugt. Ich habe hier einen Fünfjahresvertrag unterschrieben, das sagt auch etwas darüber aus, dass ich mit dem Verein etwas erreichen will. Da kann man sich nicht von ein oder zwei Monaten leiten lassen. Ich habe auch immer das Vertrauen von Verein und Fans bekommen.

SCHALKE UNSER:
Im letzten Jahr lief es gut. Hat das etwas damit zu tun, dass du mit Jermaine Jones zusammen gespielt hast?

FABIAN ERNST:
Jermaine und ich ergänzen uns sehr gut. Den Part, den der eine nicht so gut auf dem Platz verkörpert, übernimmt der andere. Das lief optimal.

SCHALKE UNSER:
Vor der Saison wurde Orlando Engelaar geholt. Da gab es auch Diskussionen, weil man der Ansicht war, dass ihr ein gutes Jahr gespielt habt. Diese Frage wurde auch auf der Jahreshauptversammlung gestellt. Da soll Andreas Müller gesagt haben: Das kann man so und so sehen. Wie beurteilst du das Ganze?

FABIAN ERNST:
Dazu kann ich nichts sagen. Ich war damals ein wenig irritiert, habe aber nicht das Gespräch mit Andreas Müller gesucht.

SCHALKE UNSER:
Jetzt habt ihr zunächst mit drei defensiven Kräften im Mittelfeld gespielt, dann mit Ivan vor zweien. In Bremen warst du alleine vor der Abwehr. Welches System liegt dir am besten?

FABIAN ERNST:
In Bremen hatten wir auch vier Leute im Mittelfeld. In der letzten Saison hat es sehr gut geklappt. Wenn du alleine vor der Abwehr spielst, hast du zu 95 Prozent nur defensive Aufgaben. Da muss man schauen, dass die Ordnung gehalten wird. Wenn man zu zweit ist, dann hält sich das die Waage und du kannst versuchen, etwas fürs Offensivspiel zu kreieren. Aber ich denke eigentlich immer, dass es keine Systemfrage sein sollte, ob man erfolgreich ist oder nicht. Jeder, der im 18er-Kader ist, sollte die Qualität haben, gute Leistung zu bringen – unabhängig vom System. Wenn jeder bis an seine Grenze geht und das Potenzial abruft, dann müssten wir eigentlich erfolgreich sein.

SCHALKE UNSER:
Wo wir gerade bei Offensivqualitäten sind: Vergangenes Jahr hast du in Lüdenscheid das entscheidende Tor gemacht. Kannst du deine Gefühle in dieser Situation beschreiben?

FABIAN ERNST:
Ich habe echt lange darauf gewartet. Irgendwann hatte ich es dann abgehakt und vergessen. Als das Ding drin war, war es auch eine Riesenerleichterung für mich. Nicht, dass ich den Ball reingemacht habe, sondern die ganze Situation: Das war schon eine große Erleichterung – um so schöner, dass es gegen Dortmund und ein Siegtreffer war.

SCHALKE UNSER:
Viele vergessen, dass dir ja gegen Espanyol auch schon ein Siegtreffer gelungen ist.

FABIAN ERNST:
Ja. Ich hätte mit ein bisschen mehr Glück ja auch schon auf zwei bis drei Saisontore kommen können. Aber es sollte halt nicht sein.

SCHALKE UNSER:
Dieses Jahr hast du ja auch im Derby getroffen, allerdings den Fuß vom Gegenspieler. Was bleibt bei dir im Kopf von diesem Spiel?

FABIAN ERNST:
Es ist etwas, was man am liebsten verdrängt. Wenn Kevin das Ding macht, steht es 4:0 und dann kriegen die Dortmunder wahrscheinlich noch ein oder zwei. Die waren an diesem Tag grottenschlecht. Teils selbst verschuldet, teils durch bestimmte Schiedsrichterentscheidungen haben wir den Sieg aus der Hand gegeben. Ich hab mir die rote Karte gar nicht mehr angeguckt, ich wollte von dem Spiel nichts mehr sehen. Ich weiß nicht, wie es im Fernsehen aussah. Aber es war sicherlich nicht meine Absicht, irgendwelche Gegner von hinten sinnlos umzutreten. Ich bin mit dem Standbein – mit dem linken Fuß – weggerutscht. Deswegen habe ich die Kontrolle verloren. Vielleicht sah es ein bisschen brutaler aus, als es war. Es gab vorher auch enge Situationen in den Zweikämpfen, die ich gewonnen hatte. Deswegen war ich in der Szene auch etwas zu optimistisch, noch den Ball spielen zu können.

SCHALKE UNSER:
Wo verbringen gesperrte Spieler die Spiele? Wie war es in Nikosia, da haben wir ja als Fans nichts im TV gesehen?

FABIAN ERNST:
Ich hab es auch nur im Internet im Live-Ticker verfolgen können. Aber es ging ja relativ schnell mit den Toren, sodass man sich zur Halbzeit entspannt zurücklehnen konnte.

SCHALKE UNSER:
Vielen Fans hängt vor allem die verspielte Meisterschaft 2007 in der verbotenen Stadt nach. Dazu kommen Spiele wie in Madrid, in denen es auch um viel ging. Viele Experten sagen, der Mannschaft fehle eine gewisse Siegermentalität. Ist das so und inwieweit spuken diese Spiele auch in euren Köpfen noch herum?

FABIAN ERNST:
Wir haben im Moment wenige Gegenargumente. Aber im Fußball entscheiden auch die Kleinigkeiten. Bei dem Beispiel in Madrid: Da hätten wir auch genauso gut das 1:1 und 1:2 machen können, Chancen gab es ja. Mit ein bisschen Glück zieht man dann in die Champions League ein.

SCHALKE UNSER:
Also keine Mentalitätsfrage?

FABIAN ERNST:
Hier kriegt man ja nicht eingebläut zu verlieren. Ich kann verstehen, dass manche so denken, und es spricht nicht viel für uns. Aber wir haben als Mannschaft immer das Ziel, das Beste rauszuholen. Aber es gibt Tage, da ist es wie verhext, da geht nix.

SCHALKE UNSER:
Zum Spiel in Madrid hast du sicherlich Recht, da hatte Heiko den Ausgleich auf dem Fuß. 2007 waren es ja keine Kleinigkeiten, sondern mehrere Spiele: Da hat man es nicht geschafft, Gegner zu besiegen, die man beherrschen müsste. Irgendwas muss da gewesen sein, dass der Druck zu groß wurde.

FABIAN ERNST:
In Dortmund haben wir sicherlich versagt. Gegen Bochum war der Anfang, glaube ich, ganz passabel, dann haben wir ziemlich dumm gespielt: Wir haben uns auskontern lassen, obwohl wir geführt haben. Das war katastrophal. Aber ein Jahr allein an zwei Spielen aufzuhängen, kann man auch nicht so stehen lassen. Ich denke, wir haben über weite Strecken sehr gut Fußball gespielt. Um auf die Frage zurückzukommen: Siegermentalität hin oder her, wir haben versagt, da gebe ich dir recht.

SCHALKE UNSER:
Marcelo Bordon ist Kapitän und du der Vize. Ihr geltet als ruhigere Vertreter, viele fordern da immer einen lauteren, manche so eine Art Effenberg. Wie ist das denn auf dem Platz, agiert ihr da anders?

FABIAN ERNST:
Entscheidend ist, was in der Kabine und auf dem Platz passiert. Ich weiß ja nicht, was die Leute sich wünschen, ob sie jetzt jemanden haben wollen, der hier den Larry macht und jede Woche in Funk und Fernsehen vertreten ist. Der Mannschaftsrat ­ Mladen, Marcelo und ich ­ müssen das Beste für unser Team herausholen. Da stecken Außenstehende oder Fans nicht so drin. Auf dem Platz sind wir eh alle gleich, da kann jeder was sagen. Der eine tut dies mehr, der andere weniger.

SCHALKE UNSER:
Gerade weil du ja dieses Amt innehast, war es umso überraschender, dass du in Karlsruhe auf der Bank gesessen hast. Es soll ja in so mancher Nationalmannschaft Spieler gegeben haben, die das nicht so einfach hingenommen haben. Wie bist du damit umgegangen?

FABIAN ERNST:
Es war nicht einfach. Ich denke, ich habe mir in den letzten zwei Jahren ein bisschen was erarbeitet. Das schien schon irgendwo in Frage gestellt, dass man dann nicht mehr den Status hat, den man letztes Jahr hatte – oder noch vor zwei Monaten. Auf der anderen Seite argumentiert der Trainer, dass wir eine Spitzenmannschaft sind, und da ist es normal, dass Leute auf der Bank sitzen, die sonst gespielt haben. Letzten Endes kann man es nur so akzeptieren. Jeder ist sauer, wenn er auf der Bank sitzt. Das ist klar.

SCHALKE UNSER:
Wo wir gerade beim Trainer sind: Wie unterscheidet er sich denn von Mirko Slomka?

FABIAN ERNST:
Fred Rutten legt viel Wert auf Disziplin und Gemeinschaftsgefühl. Auch die Art und Weise, wie er Fußball spielen lassen will, ist anders. Das kann man jetzt nicht in ein, zwei Sätzen aufschlüsseln.

SCHALKE UNSER:
Du hattest zu Slomka ein anderes Verhältnis, weil du ihn seit der B-Jugend kennst.

FABIAN ERNST:
Es war ein freundschaftliches Verhältnis, aber nicht nur.

SCHALKE UNSER:
Wie stand die Mannschaft zur Abreise von Rafinha?

FABIAN ERNST:
Wir haben gewusst, dass er da um jeden Preis spielen will. Das hat man einfach gespürt. Es ist aber auch eine andere Mentalität: Für einen Brasilianer ist es das Allergrößte, für die Nationalmannschaft zu spielen. Das können Deutsche und auch ich nicht nachvollziehen. Als Fan kann man es ebenso wenig. Aber wir müssen es akzeptieren.

SCHALKE UNSER:
Ist das Thema DFB-Team für dich durch?

FABIAN ERNST:
Ja.

SCHALKE UNSER:
Auch wenn der Trainer wechselt?

FABIAN ERNST:
Das wird wohl bis 2010 nicht der Fall sein. Da bin ich auch 32, da können wir dann noch einmal drüber sprechen.

SCHALKE UNSER:
2006 hat es dich ohne Vorwarnung getroffen. Du hattest ja deine Spiele vorher.

FABIAN ERNST:
Bis zu dem Zeitpunkt war ich immer dabei. Einen Tag vor der Abreise hat mich der Trainer angerufen. Ich war total unvorbereitet. Es gab vorher keine Anzeichen dafür, deswegen war ich erst mal geschockt. Danach habe ich nie wieder irgendwas gehört. Meine Leistungen stimmten anschließend im Verein, ich wurde drei, viermal im Monat von außen gefragt: Wie sieht es denn aus? Und wenn du dann keinen Wink von der Nationalmannschaft kriegst, dann denkst du dir: Die brauchen mich nicht. Deswegen blieb das Einzige für mich, um nicht mehr mit den Fragen genervt zu werden, zu sagen: Das war’s.

SCHALKE UNSER:
Hat das nicht auch mit Lobby zu tun? Andere auf deiner Position grätschen spektakulär und du ziehst mehr im Hintergrund die Fäden. „11 Freunde“ haben geschrieben, du seiest wie der Bassspieler: unauffällig, aber unersetzbar. Hast du dir nicht auch einmal gedacht, dass dein Wert verkannt wird?

FABIAN ERNST:
Ja.

SCHALKE UNSER:
Liest du eigentlich auch, was über dich geschrieben wird?

FABIAN ERNST:
Kommt drauf an. Wenn es so spezielle Sachen sind wie „11 Freunde“ kann man sich das durchlesen.

SCHALKE UNSER:
In der Frankfurter Rundschau stand über dich: „Wer einen wie Ernst nicht näher kennt, urteilt: spröde, humorlos und ein bisschen unnahbar. Doch der Niedersachse kann eigentlich ganz anders. Im Mannschaftskreis wird seine ironische Art geschätzt, bei Feierlichkeiten ist ihm kein Spaß zu viel und keine Party zu lang.“ Stimmt das?

FABIAN ERNST:
Habe ich gar nicht gelesen. Aber kann man schon so stehen lassen. Die wenigsten wissen das, nur die, mit denen man engen Kontakt hat.

SCHALKE UNSER:
Du bist Hiphop-Fan, Christian Pander ist auch in der Szene tätig. Tauscht ihr euch aus?

FABIAN ERNST:
Hin und wieder kriege ich ein Mixtape vom Christian. Er macht mehr deutschsprachigen Rap, wir sind nicht hundertprozentig einig, was den Stil angeht. Das ist auch breit gefächert. Aber er geht schon in eine ganz gute Richtung.

SCHALKE UNSER:
Kannst du dich noch ans Pokalhalbfinale 2005 erinnern? Da hast du ja als Bremer Schalke ins Finale geschossen.

FABIAN ERNST:
Ja, da habe ich auch „Haue“ gekriegt. Ihr könnt euch vorstellen, was in Bremen los war. Der Wechsel stand ja schon fest. Ich war der siebte oder achte Schütze, wir hatten nur noch Aaron Hunt in jungen Jahren, Ivan Klasnic oder den Torwart. Dass der Torwart vor einem schießt, kann nicht sein. Da sollte man schon die Eier in der Hose haben und zum Punkt gehen. Es ging in die Hose. Und ich kam mit „Vorschusslorbeeren“ nach Schalke.

SCHALKE UNSER:
Trittst du noch mal an?

FABIAN ERNST:
Ich habe, glaube ich, in meiner Karriere mehr verschossen als reingemacht. Von daher keine gute Statistik.

SCHALKE UNSER:
Hast du denn noch Kontakt nach Bremen?

FABIAN ERNST:
Ist ein bisschen abgeschlafft, mit Tim hatte ich noch ganz guten Kontakt, aber der ist ja jetzt auch auf die falsche Seite gewechselt. Wenn man die Leute in Bremen sieht, ist es ganz nett, aber wir telefonieren jetzt nicht täglich.

SCHALKE UNSER:
Du hast mal gesagt: „Wenn du auf Schalke Titel holst, dann ist das mehr wert, als bei jedem anderen Klub.“

FABIAN ERNST:
Definitiv. Das Zitat steht und hat auch noch Bestand.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch. Glückauf.