“Man muss es leben, um es verstehen zu können” – Schalker Originale Trompeten-Willi

Mit der Serie „Schalker Originale“ wollen wir Menschen würdigen, die auf besondere Weise die Leidenschaft und Hingabe für den FC Schalke verkörpern und fester Bestandteil der Schalker (Fan-)Kultur wurden. Diesmal wird zur Attacke geblasen.

Unzählige Bücher wurden schon übers Ruhrgebiet geschrieben. Sehr oft hat man auch versucht, dem Phänomen FC Schalke auf den Grund zu gehen. Doch ein Satz wie in Stein gemeißelt bringt alles auf einen Punkt: „Hier is’ egal, ob alt, jung, dick, dünn, arm, reich, scheißegal – ich sach’ zu allen: Du Arschloch.“

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Er kommt aus dem Mund, der sonst zwei Töne produziert und damit eine ganze Fankurve zu einem Chor zusammenschweißt. Der Mann, der dies sagt, ist nicht gerade groß gewachsen, aber auf Schalke übersieht ihn keiner, vielmehr: überhört ihn keiner. Trompeten-Willy sitzt in seinem Wohnzimmer und fügt an: „Schalke muss man leben, um es zu verstehen.“ Und irgendwie ist er jemand, dem man glaubt, was er sagt. Er steht auf Schalke für die besonderen Momente im Stadion, wenn es kurzzeitig mal nicht ganz zu laufen scheint. Das Angriffssignal der Südstaaten prustet Willy durch seine Trompete und Tausende antworten mit dem Schlachtruf: Attacke. Einfach, aber es funktioniert. Seit Jahrzehnten.

Und wenn alle Mythen stimmen, dann war die Attacke der Grund für unzählige Tore und wichtige Entscheidungen. „Wir sind ja mittlerweile Dinosaurier. Wenn man jedes Bier aus meiner Kutte rauswaschen könnte, was da drauf gelaufen ist, könnte man ein ganzes Jahr davon feiern“, grinst Willy. Die Attacke wurde zum unverwechselbaren Erkennungszeichen Schalker Fanenergie. Erfunden irgendwann in den für Schalke trüben Achtziger in Osnabrück in einer Kneipe. Man wollte schon länger etwas „Angriffsmäßiges“ ins Leben der Kurven des S04 rufen, doch an einem Ton hing es immer. Dann klappte es plötzlich, erst grölte die Kneipe mit, später der Fanblock, an den nächsten Wochenenden das Parkstadion. „Es sind aber nur zwei Töne, also geht es nicht als Lied durch. Deswegen kann ich die Attacke nicht schützen lassen“, erzählt Willy.

Doch Geld hat der Dachdeckermeister sowieso nicht im Sinn, in all den Jahren hat er nie Geld für seine Mühen erbeten. Anders als sein kurzzeitiger Nachfolger „Fio“. Der übernahm, als Willy zur Meisterschule musste. Der Sponsor „Müller“ etikettierte damals die Trompete und in Deutschland witzelte man über den „ersten Profi-Fan“. War Willy zu diesem Zeitpunkt nicht neidisch über die Lorbeeren des Nachfolgers? „Ich gebe zu, dass bei Fio die Attacke eingeschlagen hat, aber mir hat das nie was ausgemacht. Aber bei ihm wurde es dann zuviel: Er hatte eigene Autogrammkarten und einen Fahrer. Da war nur noch Kohle und kein Herzblut.“

Anfang der Neunziger, Schalke stand wieder einmal auf einem Abstiegsplatz, da ließ Willy beinahe den Hörer aus der Hand fallen, als sich Rudi Assauer persönlich bei ihm meldete, um ihn wieder zurückzulotsen. Es sollte nicht die letzte Begegnung der beiden „Ruhrpottschnauzen“ bleiben. So kümmerte sich der Manager um eine neue Trompete für den Stimmungsmacher, als der aus seinem alten Instrument beinahe keinen Ton mehr herausbekam.

Im Jahr 2000 hatte Willy auf Veranlassung Assauers ein Vier-Augen-Gespräch mit jemandem, den er vorher wohl eher auf dem Mond anzutreffen geglaubt hätte, als im „Blauen Salon“ auf Schalke: Andreas Möller. „Ich bin jetzt Schalker“, eröffnete der ihm. „Das“, entgegnete Willy, „musst du erst noch beweisen“. Willy war mit der erste, der vom Wechsel der vormaligen Hassfigur wusste und agierte wie im alten Rom als der, der unangenehme Entscheidungen dem Volk näher bringen musste. „Ich bin mit einem Möller-Trikot nach Hause gefahren und die Leute wollten fast auf mich losgehen.“ Doch das Treffen mit den Granden der Branche bevorzugte er ansonsten weniger. Einmal nur verweilte er im Innenraum des Parkstadions. Als dann aber Oliver Kahn bei einem Freundschaftsspiel während einer Schweigeminute für den verstorbenen Bernd Tönnies „rumturnte und sich die Eier kratzte“, hielt Willy es nicht mehr aus und wollte auf den Torwart los. „Seitdem bin ich wieder in der Kurve, wo ich hingehöre“, sagt er. Dort hat er seine Ausnahmestellung. Es sei manchmal schon anstrengend bei den ganzen Fotowünschen und Smalltalks. Der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen sprach ihn einmal an, ob man ein Foto machen könnte. Da verstand Willy die Welt nicht mehr: „Manche fragen mich auch nach einem Autogramm, da sage ich: ‚Was genau wollt ihr von mir?’“

Doch ein bisschen von seinem Ruhm war auch mal ganz hilfreich. Damals in Porto wurde Willy auf der Busfahrt vom Flughafen in die Stadt ausgeraubt. Schnell machte die Meldung die Runde und die versammelte Schalker Familie in Porto half ihm und seinem Mitfahrer aus, wo man nur konnte. „Diese Hilfsbereitschaft hat mich überwältigt“, funkeln noch heute seine Augen. Unvergessene Erlebnisse, die sich wie eine Perlenkette aneinander reihen durch das bewegte Leben mit dem FC Schalke 04. In den Achtzigern bei einem Spiel in Hamburg („Da war Toni Schumacher noch im Tor“) schmissen HSV-Hools Willys Auto die Frontscheibe ein. Die Rückreise wurde bei winterlichen Temperaturen ohne Scheibe angetreten und gekrönt von dem Anmachspruch an eine Cabriofahrerin auf einer Raststätte: „Willst du nicht bei uns einsteigen, wir haben das geilere Cabrio!“ Der Straßenumzug in Valencia, in dem sich einfach mal alle Schalker tummelten. Und wieder auch Zeiten, als es auswärts nach Schweinfurt ging und 150 Schalker Wagen auf der Bahn einen Stau auslösten, um einen Porschefahrer „hopps zu nehmen“.

Angefangen hatte alles bei einem Jugendfeuerwehrlager, neun Jahre war er da alt. „Da waren nur Uerdinger, Gladbacher oder Doofmunder und ein Schalker. Der wurde immer verprügelt. Da habe ich mich auf dessen Seite geschlagen und dann zu Hause ganz stolz erzählt: Mama, ich bin jetzt Fußball-Fan.“ Doch seine Eltern hatten den Fußball nicht so auf dem Zettel, die Hooligans im Umfeld bereiteten ihnen Sorge, Willy durfte erst mit 18 auf Schalke fahren. Bis dahin leitete die Mitgliedschaft im Fanfarenchor den Weg zur späteren leidenschaftlichen Aufgabe in der Kurve ein.

Sein erstes Auswärtsspiel hat der in Krefeld aufgewachsene Willy in bester Erinnerung: „Ich wusste ja gar nichts über Schalke. Ich hab dann erfahren, dass die in Bochum spielen. Also hab ich mich auf die Mofa gesetzt und bin los. Allerdings gab es in Krefeld einen Ort, der Bockum hieß. Als ich dann in diesem Bockum dreimal an einer Kneipe vorbeigefahren bin, fragte mich einer, wo ich denn hinwolle. ‚Bochum gegen Schalke gucken“, hab ich gesagt. Da war das Gelächter natürlich groß.“

Beim ersten Mal richtig auf Schalke erfasste es Willy dann: “Ich bin ins Stadion gekommen und es hat sofort ,Peng` gemacht!” Es wurde Liebe auf den ersten Blick. Die Liebe im Privatleben hat Willy auch gefunden: Tanja, oder wie sie es schmunzelnd ausdrückt: „Mittlerweile zu Wilhelmine oder Trompeten-Tanja degradiert.“ Denn Tanja spielt auch Trompete, die untere Stimme. Beide fahren zusammen zu den Spielen und geben stimmlich und musikalisch alles für ihren Club. Als sie immer häufiger herausgefordert wurde, wollte sie sich irgendwann keine Blöße mehr geben und hat mit dem Trompetespielen angefangen. Willy hat es ihr beigebracht, obwohl der ja gar keine Noten lesen kann, sich sein Repertoire von zwanzig Liedern wie auch das „Kohle unter unseren Füßen“ in mühsamer Arbeit selbst beigebracht hat.

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Drei Jahre sind die beiden nun ein Paar, am 28. April 2009 gab es dann die Heirat. Die Kutte durfte Willy da nicht anziehen. „Ich heirate ja schließlich nicht den Trompeten-Willy, sondern meinen Willy“, erklärt Tanja. Doch normal und ohne blau-weiß verläuft so eine Hochzeit natürlich nicht. Die Torte war blau-weiß verziert und Freunde aus ganz Deutschland von gemeinsamen Fußball-Touren kamen. Fernsehsender hatten sich haufenweise gemeldet, da vergab Willy die Rechte exklusiv an ProSieben. Wohl einmalig für einen Fan. Die Zukunft mit Pauken und Trompeten steht unter königsblauen Sternen, auch der Nachwuchs aus vorheriger Ehe ist begeistert von dem Attacke-Erbe.

Doch Willy sagt: „Die müssen wissen, worauf sie sich einlassen, manchmal werden die Lippen taub. Das fühlt sich an, als wenn der Arm eingeschlafen ist.“ Was einen Schalker natürlich nicht von seiner Pflicht abhält: „Solange ich noch stehen kann, mach’ ich das weiter. Die Attacke gehört einfach auf Schalke!“ Dem wird niemand widersprechen.