Schalker Originale Teil 3 – Dudenhofens Sohn

„Man muss krank sein im positiven Sinne“

(ru) Mit der Serie „Schalker Originale“ wollen wir Menschen würdigen, die auf besondere Weise die Leidenschaft und Hingabe für den FC Schalke verkörpern und fester Bestandteil der Schalker (Fan-)Kultur wurden. Diesmal begleiten wir den Mann hinter einer populären Fahne.Es ist Samstag. Im Verständnis der Fußball-Liebenden heißt der aber: Spieltag. Heute spielt Schalke. Um 15:30 Uhr. Es ist 8:00 Uhr, als Michael Malmer in sein Auto steigt, um 23:00 Uhr wird Malmer wieder zu Hause sein.

Dazwischen liegen aber zweimal 370 Kilometer auf Straßen, Landwegen und Autobahn für anderthalb Stunden Fußball. 90 Euro allein kostet die Tankfüllung, von der investierten Zeit ganz zu schweigen. Das alles manchmal, um ein 0:1 gegen den SC Freiburg zu sehen.

Aber was soll Michael Malmer machen? Es ist seine Leidenschaft. In einem 5000-Seelen-Ort in der Nähe von Speyer hat er als kleiner Junge sein Herz verloren, an einen Verein, der gerade dabei war, aus der zweiten Liga aufzusteigen. Ein Verein, dessen Jahreshauptversammlungen im Fernsehen übertragen wurden, ein Verein, der chronisch pleite zu sein scheint und nach jedem Hoch ein Tief folgen lässt: Schalke 04.

Alle in Malmers Umgebung waren Lautern- oder Bayern-Fans, doch als er im Fernsehen die Nordkurve sieht und hört, wie die Attacke geblasen wird, wird für einen Jungen im Alter von neun Jahren Wladimir Ljuty zu einem Action-Held wie Spider-Man. „Ich kann es nicht erklären, aber ich habe angefangen, alle Fan-Artikel von Schalke zu sammeln. Dann habe ich meine Eltern bequatscht, dass wir zu jedem Schalke-Spiel in unserer Region fahren“, erzählt der 28-Jährige. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt alles noch irgendwie normal. Wobei: was ist schon normal bei einem Verein wie Schalke?

Nur: Fans von weit weg hat jeder Verein, auch Fans, die ihr Sparschwein für Eintrittskarten schlachten, doch bei Michael Malmer nimmt der blau-weiße Virus fast schon anormale Züge an. „Die Leute zeigten mir damals den Vogel und zeigen ihn mir heute noch.“ Drei Tage nach seinem 18. Geburtstag setzt er sich in seinen Zweier-Golf. Er fährt nicht mit runtergelassenen Fenstern und lauter Musik durch die Fußgängerzone. Er fährt nach Gelsenkirchen. 370 Kilometer zum Heimspiel gegen Cottbus an einem Dienstag­ abend.

In den folgenden Jahren besucht er pro Saison mindestens 30 Bundesligaspiele der Schalker, er bereist 38 Länder für Fußballspiele. Er war in Dubai, Shanghai, mit dem Mietwagen beim Europapokalspiel in Sofia, sieht nahezu jeden internationalen Auftritt der Blauen. „Irgendwann habe ich angefangen, mich da in etwas reinzusteigern“, sagt er. Neben Schalke nimmt er auch Spiele der deutschen Nationalmannschaft mit, ob A-Nationalmannschaft oder U19. Mit kleinen Nebenjobs verdient er sich die Reisen, bekommt außerdem selbst Geld fürs Fußballspielen in der Verbandsliga. Doch reicht das, um die Touren mit Schalke bezahlen zu können? „Nein, aber man muss clever sein und viel in Kauf nehmen“, erklärt er. „Es sind viele Dinge, auf die man achten muss: Den Flug am Tag der Auslosung buchen, am Flughafen schlafen oder mal von Luxemburg aus losfliegen.“

Als Groundhopper bezeichnet er sich nicht, denn ihn interessiert kein Zweitligaspiel in Tschechien, sondern nur Schalke und die Nationalmannschaft. Eine gelungene Verbindung davon gab es im letzten Jahr, als zwei Schalker die Stützen der U21-Europameisterelf wurden. Michael Malmer hat jedes Spiel in Schweden im Stadion verfolgt, ist sogar zwischen den Spielen nach Hause zum Arbeiten und wieder zurück gejettet.

„Schweden“, meint er, „das war großartig. Da gab es diese kleinen, gemütlichen Stadien mit echter Fußballatmosphäre. Das Wetter war super und wir haben jeden Abend gefeiert. Es passte alles.“ Im Gedächtnis geblieben ist ihm auch das Champions League-Spiel in Athen, bei dem die Stimmung überbordend war.

Malmer sammelt Eintrittskarten seiner Spiele, seine ganz persönliche Erinnerung an jedes Spiel. Dass man ihn selbst immer bei jedem Spiel erkennt, liegt an einem besonderen Detail: Malmer ist Inhaber der Zaunfahne „Dudenhofens Sohn“ (Dudenhofen in der Nähe von Speyer ist seine Heimatstadt), die bei jedem Schalke-Spiel in den letzten zehn Jahren zum Inventar gehörte.

Und das ist ein weiterer Punkt, der Malmers Geschichte von vielen anderen Fan-Storys unterscheidet. „Man muss krank sein in einem positiven Sinne.“ Denn anders als viele denken, entwickelt sich die Fahne zu einem verehrten Relikt.

Sogar ein Dortmund-Fan blieb einmal so lange im Schalker (!) Stadion, bis er alleine war. Das alles nur, um Malmers Fahne zu berühren. Einmal wurde Malmers Auto in Speyer aufgebrochen. Alles, was geklaut wurde, war seine Fahne – Radio, Lederjacke, Bargeld usw. blieben unangetastet. Glücklicherweise bekam er seine Fahne wieder zurück.

Dass Malmers Fahne einmal so eine Bedeutung erlangen würde, verdankt sie seiner Besessenheit. Um die zehn Meter lange Fahne im Stadion auf Auswärtstouren aufzuhängen, ist er nicht selten früh morgens im Stadion. In Donezk beim UEFA-Cup-Spiel war er bereits 12 Stunden eher im Stadion und hat sich dort die Zeit bis zum Anpfiff vertrieben.

„Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn die Fahne durch meine Nachlässigkeit abhanden kommt. Es ist wie eine Sucht geworden.“ Das sehen viele so und deswegen wird das Aufhängen der Zaunfahnen zu einem wahren Wettstreit.

„Man kann da schon von einer Szene sprechen, die sich jahrelang kennt.“ Und so hat Malmer mit anderen Fahnenträgern auch Freundschaften geschlossen. In diesem Fall passt das Wort „Gleichgesinnte“. Und diese brauchen auch Unterstützung: „Meine Freundin versteht mich. Was ich in den Fußball investiere, gebe ich ihr zurück. Wir fliegen dann auch zusammen in den Urlaub“, klärt Malmer auf. Dazu muss er jeden Euro umdrehen – für Schalke. Wohlwissend, dass er von dieser Sucht wohl nicht so schnell los kommt. „Auch wenn man mich verrückt hält: Nächste Woche spielen wir im Pokal in Osnabrück. Rate mal, wann ich dann da bin?“, fragt er. „Am frühen Morgen.“ Dann wird er seine Fahne aufhängen und bis zum Spielbeginn mit einem Freund über alte Zeiten quatschen – vielleicht über die Touren nach Aserbaidschan, Highbury oder Athen.

Malmer weiß, dass das alles ungewöhnlich klingen mag. Doch Schalke, die Fahne, die Touren – davon wird er so schnell nicht los kommen. Im Sommer will Schalke für die Erdbebenopfer ein Benefizspiel in Haiti spielen. Fliegt er da etwa auch hin? „Diese Frage stellt sich mir nicht. Ich habe schon Flüge herausgesucht.“