Schalker Originale – Klaus “Tanne” Fichtel

(ru) Spieler kommen, Spieler gehen ­ und manche von ihnen sind zu echten Schalkern geworden. Diesen geben wir in loser Reihenfolge im SCHALKE UNSER den Raum, an ihre Jahre im königsblauen Trikot zurückzudenken.„Die Mannschaft von 1972 war eine der besten, die Schalke je hatte“. Klaus Fichtel erzählt.

Das Tollhaus Glückaufkampfbahn

Als ich 1965 nach Schalke kam, war der Verein im Umbruch. In der Liga liefen viele komische Geschichten zu dieser Zeit… Wie auch immer, die Bundesliga wurde aufgestockt und so blieb Schalke drin. Aber es war klar: In den nächsten Jahren würde es nur gegen den Abstieg gehen.

In diesem Zusammenhang ist mir ein besonderes Spiel in Erinnerung. Im vorletzten Heimspiel der Saison ging es gegen Borussia Neuenkirchen, ein direkter Mitkonkurrent im Abstiegskampf. Die Glückauf-Kampfbahn war gerammelt voll und wir gewannen. So sind wir in meiner ersten Saison drin geblieben. Dieses Spiel war für die Entwicklung von Schalke enorm wichtig und steht für mich noch über dem Pokaltriumph von 1972.

In diesem Spiel stand derart viel auf dem Spiel, danach war es die pure Erleichterung. Es war eine Stimmung, als wenn Schalke deutscher Meister geworden wäre. Es war das reinste Tollhaus, einmalig, ich habe Menschen gesehen, die vor Freude geweint haben. Nach der Partie sind wir in einen Raum unter der Tribüne gegangen, wo es Essen und Getränke gab. Dieser Raum war überschwemmt von Leuten, man konnte wirklich nicht umfallen. So eine Stimmung habe ich in meiner Karriere ganz selten wieder erlebt.

Allein die Glückaufkampfbahn war aber ein echter Vorteil. Wir mussten damals vor den Spielen zum Aufwärmen noch hinter der Tribüne auf den Trainingsplatz. Es ging mitten durch die Menschenmenge, 50 Meter lang. Da hat man auch mal ein komisches Wort an den Kopf geworfen bekommen, aber nichts Ausfallendes. Meistens wurden wir natürlich auch enorm angespornt. Der Kontakt zu den Fans war zu dieser Zeit sehr eng. Man konnte hören, was der Fan denkt. Mir hat das immer gefallen.

Nichts für schwache Nerven

Nichtsdestotrotz blieb es für uns schwierig. Wie gesagt, es ging weiter gegen den Abstieg. Das war für alle nervlich sehr belastend, weil wir mitbekamen, was für den Verein alles auf dem Spiel stand. Früher kamen drei Viertel der Spieler aus der näheren Umgebung, da gab es eine gesteigerte Identifikation mit dem Club. Ich kann mich daran erinnern, dass in den Jahren des Abstiegskampfes mal Spieler vor den Spielen bei der Mannschaftsbesprechung zum Klo gerannt sind, weil sie sich vor Anspannung übergeben mussten. Das Ganze war nichts für schwache Nerven.

Schalke hat zu meiner Zeit, ähnlich wie heute unter Felix Magath, sehr stark auf die Jugend gesetzt. Im Endeffekt war es ein guter Weg, man hätte vielleicht noch ein paar gestandene Spieler dazuholen sollen, um ganz nach oben zu kommen. Aber wenn man die Geschichte betrachtet, brauchte Schalke eigentlich immer Geld. Deswegen musste wahrscheinlich auch Branko Oblak später verkauft werden. Dies habe ich sehr bedauert, weil ich Branko für einen exzellenten Spieler gehalten habe.

Dadurch, dass wir immer eine junge Truppe hatten, mussten wir viel Lehrgeld bezahlen. Ich erinnere mich an ein Spiel in Mönchengladbach Ende der 60er Jahre, das wir mit 0:11 verloren haben. Auf dem Platz lag Schnee und damals wurden keine Anstalten gemacht, den Rasen freizuschaufeln. Wir kamen mit dem Untergrund überhaupt nicht zurecht. Außerdem hatten wir schwere Beine, da es für Trainer Fritz Langner gegen seinen alten Verein ging und er uns in der Trainingswoche richtig hart rangenommen hat. Also lief alles gegen uns. Wir waren so verzweifelt, unser Linksaußen Harry Klose hat nach dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit vom Mittelkreis aus einfach aufs Tor geschossen. Wir waren vollkommen durcheinander.

Zehn Tage später spielten wir zu Hause gegen Gladbach im Pokal und nach zwei Minuten stand es schon wieder 1:0 für die Borussia. Da haben wir uns nur angeguckt und gefragt: „Geht das schon wieder so los?“ Gott sei dank haben wir dieses Spiel dann noch gewonnen.

Dieses 0:11 in Mönchengladbach war aber schon eine Ausnahme. In der Regel hatten wir immer eine gute Defensive. Zuerst konnte ich mich an der Seite von Alfred Püker und Friedel Rausch entwickeln. Im Pokalendspiel 1969 wurde ich dann vom Verteidiger auf die Liberoposition umbesetzt.

Später war dann “Rolli” Rüssmann an meiner Seite. Ich habe ihn immer für seinen Einsatzwillen und seine Kampfkraft bewundert. Doch zu seinem ersten Einsatz auf Schalke habe ich ihm verholfen. Rudi Gutendorf war erfolgsversessen und zögerte, „Rolli“ mit 19 Jahren in die Mannschaft zu berufen. Da habe ich den Trainer um ein Gespräch gebeten und ihm gesagt: „Jetzt geben Sie ihm doch eine Chance.“

Später wurden wir beide ein sehr eingespieltes Duo, jeder kannte die Stärken und Schwächen des anderen. Aber in den Anfangsjahren musste Rudi Gutendorf erst einmal überzeugt werden. Für Rudi hing alles vom Erfolg ab, so griff er auch mal zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Läufe durch die Stadt um sieben Uhr morgens, Englischunterricht für uns und ein Training in der Sandbahn. Das waren Aktionen, bei denen wir als Spieler auch mal geschmunzelt haben, aber die Abläufe waren immer abwechslungsreich.

Beim Skandaltor im Becken gelegen

Sehr oft werde ich auch auf den Bundesligaskandal angesprochen – das ominöse Spiel gegen Bielefeld. Es war eine ganz komische Situation. Noch während des Spiels wusste keiner so wirklich, was nun passieren sollte und ob man sich auf das Angebot einlassen sollte. Wir hatten in der ersten Halbzeit sogar noch zwei Pfostenschüsse.

Ich selbst musste nach einer Stunde verletzungsbedingt raus. Als Bielefeld das 1:0 geschossen hatte, lag ich gerade schon im Becken im Kabinentrakt. Danach bin ich direkt nach Hause gefahren, von Zahlungen an Spieler im Löwenpark habe ich dann auch nur aus der Zeitung erfahren. Da war ich nicht dabei. Auch der Trainer wusste von nichts.

Damals war es eine andere Situation als heute, denn nur der Meister und der Pokalsieger haben sich für das internationale Geschäft qualifiziert. So war für viele Mannschaften früh die Luft raus. Vielleicht spielte auch der Gedanke eine Rolle, dass man in der Bundesliga lieber nach Bielefeld fahren wollte als weite Fahrten nach zum Beispiel Neunkirchen bestreiten zu müssen.

Als der Skandal dann hochkam, wurde eine lebenslange Sperre angedroht von Seiten des DFB. Das hat auch dazu beigetragen, dass die Beteiligten ziemlich gemauert haben. Es war eine schwierige Zeit und das alles wegen dieser Dummheit. Letzten Endes wurde ich für ein halbes Jahr gesperrt.

Schalke hat mich nach der Sperre nicht freigegeben für einen Wechsel ins Ausland. Es ist verrückt, wenn man bedenkt, dass ich in dem Spiel beim Stand von 0:0 nach 60 Minuten ausgewechselt worden bin. Aber Schwamm drüber.

Der Ablauf während der Sperre war im Prinzip normal, wir waren schließlich weiterhin im Trainingsbetrieb. Allerdings wurden wir bei dem Trainingsspiel vor den Bundesligamatches in die B-Elf einsortiert und haben dann natürlich fast immer gewonnen. Das war für diejenigen Spieler aus der A-Elf, die am kommenden Wochenende spielten, auch nicht so angenehm. Im Training will man sich Selbstvertrauen holen.

Es gab aber nie Anfeindungen von den Spielern, die in den Skandal nicht involviert waren. Das Training war für uns hingegen sehr gut, so konnten wir auf andere Gedanken kommen. Die ganzen Gerichtstermine waren schon eine nervliche Belastung.

Pokalsieg und Europapokalabende

Dennoch war die Mannschaft von 1972 eine der besten, die Schalke je hatte. Wir hatten spielerische Klasse, zeigten super Fußball. Zudem zeichnete uns eine enorme mannschaftliche Geschlossenheit aus. Wir haben uns damals eine Stunde vor jedem Training getroffen und schon 5 gegen 2 gespielt. Auch nach dem Training hingen wir noch Stunden zusammen und haben geplaudert. Wir haben über unsere Spiele gesprochen und alles daran gesetzt, uns ständig zu verbessern. Leider sind wir in dieser Saison „nur“ Vizemeister geworden. Das entscheidende Spiel gegen die Bayern ging zwar mit 1:5 verloren, aber wir hatten in der ersten Halbzeit sehr gute Chancen. Wenn wir da in Führung gegangen wären, hätten die Bayern nicht mehr zurückschlagen können.
Doch dem war nicht so und deshalb mussten wir das Pokalendspiel gewinnen, um in der folgenden Saison international dabei zu sein. Wir waren aber schon vor dem Spiel sehr sicher, dass wir Kaiserslautern im Finale besiegen würden. Der FCK hatte dann auch nicht den Hauch einer Chance gegen uns, wir siegten 5:0.

Es war das letzte Mal, dass die Mannschaft in dieser Formation zusammengespielt hat. In der Folge ist das Team nach und nach auseinandergestückelt worden. Die Mannschaft ist auch nach einigen Rückholaktionen nie mehr so stark geworden, wie sie 1972 war.

Die Feier nach dem Pokalsieg war großartig. Die Straßen in Gelsenkirchen waren rappelvoll, wir sind durch die Menschenmenge zum Hans-Sachs-Haus gefahren. Unser Wagen musste mehrmals anhalten, weil die Menschen so dicht an der Straße standen. Das ist natürlich im Rückblick auf die Siebziger bei mir hängen geblieben, auf der anderen Seite aber auch fantastische Spiele wie das 3:2 gegen Porto im Europapokal.

Ebenso im Europapokal: Gegen Magdeburg hatte es von der ersten bis zur letzten Minute durchgeregnet. Doch die Stimmung im Parkstadion war dennoch super, obwohl dieses Spiel verloren ging. Ich saß wegen einer Verletzung draußen und habe nur gestaunt, wie die Fans unaufhörlich anfeuerten.

Rekordspieler für Schalke

1977 haben wir die Meisterschaft ebenfalls verspielt. Ich erinnere mich an ein Spiel daheim gegen Saarbrücken, das wir 0:1 verloren. Torwart Enver Maric sprang der Ball über den Fuß. Dadurch haben wir einen Punkt verloren, der uns hinterher fehlte. Ich nehme an, dass dies der Knackpunkt für die verlorene Meisterschaft in diesem Jahr war. Doch ich will da niemandem einen Vorwurf machen, wir sind als Mannschaft gescheitert. Gladbach war der Nutznießer. In den folgenden Jahren ging es bergab, der Verein hatte wieder Geldnöte und musste Spieler verkaufen. Ich bin nach Bremen gegangen, Klaus Fischer, Rolf Rüssmann und etliche andere zogen auch davon. Der Stamm ist auseinander gebrochen. In Bremen hatten wir Erfolg, wir sind aufgestiegen. Schalke hätte 1984 mich dann tatsächlich zum Meister machen können. Hätten sie am letzten Spieltag ein Unentschieden gegen unseren Konkurrenten HSV geholt, hätte ich mit Werder die Schale geholt.

Später hat mich Rudi Assauer zurückgeholt als Co-Trainer. In einem Jahr waren derart viele Abwehrspieler verletzt, dass ich einspringen musste. Ich war schließlich noch fit, da ich regelmäßig das Training mitgemacht habe. Ich habe mich immer fit gehalten, habe Läufe mitgemacht und bin sowieso von großen Verletzungen verschont geblieben.

Ich habe dem Fußball und Schalke im Speziellen alles zu verdanken, es war eine sehr schöne Zeit. Ich wollte immer spielen, das Alter spielte für mich damals keine Rolle. Vielleicht schafft Manuel Neuer es, meine Anzahl an Einsätzen zu überbieten. Ich bin froh, so lange auf Schalke gespielt zu haben. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und ich war nah an zu Hause. Bevor ich nach Bremen ging, hatte ich ein Angebot aus Amerika. Dort sollte ich in der Soccer League für Chicago spielen, aber meine Frau hat da interveniert. Dafür hatte ich volles Verständnis, auch wenn mich Amerika gereizt hätte. Dennoch bin ich ausgesprochen zufrieden mit meiner Karriere.