Interview Mathias Schober: „Ich würde gerne hier verlängern“

(ru) Mathias Schober geht in sein 14. Dienstjahr auf Schalke, er war beim UEFA-Cup-Sieg 1997 dabei und einer der Akteure am 19. Mai 2001. Im Interview mit dem SCHALKE UNSER erzählt „Schobi“ von nächtlichen Ausflügen, Doping mit einem Hustenmittel und seiner Zukunft auf Schalke – oder bei Manchester United.

SCHALKE UNSER:
Mathias, du hast schon sehr viel im Fußball erlebt. Wie kann man diesen Fehlstart erklären?

MATHIAS SCHOBER:
Ein Faktor ist sicherlich, dass wir in der Vorbereitung noch nicht unseren kompletten Kader beisammen hatten. Somit hatten wir keine Zeit, uns einzuspielen. Und viele neue Spieler zu integrieren ist ein Prozess, der Zeit braucht.

SCHALKE UNSER: 
Wie habt ihr es denn in der Mannschaft gesehen, als tagtäglich neue Spieler kamen und andere gingen?

MATHIAS SCHOBER:
Wir wurden mitunter auch überrascht. Kein Spieler posaunt ja vorher heraus, dass er gehen wird. Heiko Westermann zum Beispiel hat während des Trainingslagers in Österreich seine Sachen gepackt und ist los geflogen. Da war nicht einmal Zeit für eine Abschiedsrunde. Bei Zugängen liest man manchmal die Namen in der Zeitung und am anderen Tag sitzen sie bereits neben dir in der Kabine.

Interview Schober 2

SCHALKE UNSER: 
Ist man da nicht auch sauer, wenn von einem Tag auf den anderen die Teamkollegen verschwinden?

MATHIAS SCHOBER:
Nein, denn so ist nun einmal das Geschäft. Jeder weiß doch, dass gerade zum Ende einer Transferperiode viele Wechsel zustande kommen. Es wurde auch keiner gezwungen zu gehen, die Spieler haben dem Vereinswechsel ebenso zugestimmt. Und mit dem einen oder anderen bleibt man auch später weiter in Kontakt.

SCHALKE UNSER: 
Wie schweißt man denn nun die Truppe zusammen? Musst du als Alteingesessener nicht mal alle zu einer Zechenbesichtigung mitnehmen?

MATHIAS SCHOBER:
Stimmt schon, aus der Mannschaft, zu der ich 2007 zurückkehrte, sind nur noch Ivan Rakitic, Jermaine Jones und Manuel Neuer dabei. Eine Zechenbesichtigung wäre auf jeden Fall eine gelungene Sache, um den Neuen die Region näher zu bringen. Doch leider bleibt zwischen den Spielen in Bundesliga, Champions League und im DFB-Pokal nicht so viel Zeit.

SCHALKE UNSER: 
Es gibt doch auch so viele Halden, wo man herrlich joggen gehen kann.

MATHIAS SCHOBER:
Sagt das mal nicht so laut. Wir müssen dann bestimmt mit unseren zwei Freunden rechts und links da hoch: den Medizinbällen. Also bei uns in Marl ist die Auguste Victoria sehr schön. Doch dann bitte kein Training, sondern nur Besichtigung.

SCHALKE UNSER: 
Besser Zechenbesichtigung als Discobesichtigung.

MATHIAS SCHOBER:
Ich verstehe schon, aber hinter diese Geschichte gehört endlich mal ein Haken. Wir haben uns da als Team nicht clever verhalten, weil so etwas in unserer sportlichen Situation unangemessen war.
Allerdings müssen wir als Mannschaft auch mal Abende zusammenverbringen, bei denen wir das eine oder andere Bier gemeinsam trinken. Das gehört einfach dazu.

SCHALKE UNSER: 
Du sagst „wir“…

MATHIAS SCHOBER:
Wir sind nun einmal eine Mannschaft und lernen aus solchen Fehlern zusammen, auch wenn ich persönlich nicht mehr mit raus war. Ich bin ein alter Spieler, ich brauche mehr Schlaf als die Jüngeren (lacht). Die stecken so eine Nacht besser weg.

Interview Schober 1

SCHALKE UNSER: 
Mit Anfang zwanzig warst du aber auch schon auf Schalke. Wie war es da?

MATHIAS SCHOBER:
In der Mannschaft, die 1997 den UEFA-Cup geholt hat, war es sensationell. Da ist man mit dem gesamten Team losgezogen. Ich erinnere mich an die Hallenturniere im Winter, die über zwei Tage gingen. Wenn wir da am ersten Tag gut abgeschnitten hatten, hat Trainer Jörg Berger nach dem letzten Spiel gesagt: „Wir sehen uns morgen beim Frühstück.“ Wir haben den Wink verstanden: Da ging es dann richtig los.

SCHALKE UNSER: 
Viele dachten zu dieser Zeit, dass du Jens Lehmann beerben wirst. Viele kleine Geschichten haben das verhindert. Du sollst deinem Konkurrenten Jörg Albracht während Lehmanns Verletzungspause Spiele überlassen haben…

MATHIAS SCHOBER:
… was aber so nicht stimmt. Ich erinnere mich noch genau daran. Eines Tages kam ich zeitgleich mit Jörg Berger auf dem Parkplatz am Parkstadion an. Er sagte nur zu mir: „Langer, du spielst Samstag. Jens ist verletzt.“ Dann wurde es kurios. Jörg Berger selbst wurde krank und konnte am Spieltag nicht dabei sein. Jörg Albracht, der schon etwas älter war, hat dann mit Co-Trainer Hubert Neu und dem Mannschaftsrat gesprochen und darum gebeten, dass sie ihm den Traum „Bundesliga“ noch einmal erfüllen. So kam es: Er durfte spielen und ich war am Boden. Doch zu Albi habe ich bis heute ein gutes Verhältnis.

SCHALKE UNSER: 
Ein paar Jahre später war es aber genauso kurios. In Ulm…

MATHIAS SCHOBER:
… hört mir damit auf, das war noch abgedrehter: Das war 1999 bei einem Auswärtsspiel. Ich hatte ein Jahr zuvor von meinem vorherigen Arzt ein Hustenmittel bekommen und dieses in meinem Schrank gelegt. In der Woche vor dem Ulm-Spiel hatte ich dann eine leichte Erkältung und habe zu diesem Mittel gegriffen. Was ich aber nicht wusste: dieses Medikament stand mittlerweile auf der Dopingliste. Der Verein wollte verständlicherweise kein Risiko eingehen und hat mich auf die Tribüne gesetzt. Zwei Wochen später war Oliver Reck Stammkeeper, das war mein Pech.

SCHALKE UNSER: 
Ebenso Pech wie 2008, als Manuel Neuer sich verletzt hatte und du ihn gut vertreten hast.

MATHIAS SCHOBER:
Bis zu der Woche vor dem Derby. Gerade vor dem schönsten Spiel des Jahres zog ich mir einen Muskelfaserriss zu, den einzigen meiner ganzen Karriere. Ralf Fährmann ist eingesprungen, aber für mich war das sehr schade.

SCHALKE UNSER: 
Du warst in Rostock Stammkeeper und Kapitän. Warum bist du dann als Nummer Zwei nach Schalke gekommen?

MATHIAS SCHOBER:
Zu der Zeit meines Wechsels hatte Manuel eine starke Form, aber gerade bei einem jungen Torwart kann es immer Schwankungen geben. Man hat es ja bei den Bayern gesehen, als Jörg Butt plötzlich Michael Rensing abgelöst hat. Also war der Gedanke gar nicht so abwegig, dass ich auf Schalke auch noch meine Chance bekommen würde. Doch Manuel ist weiter seinen Weg gegangen und das ist letztlich für alle super.

SCHALKE UNSER: 
Für dich auch?

MATHIAS SCHOBER:
Ich gönne es Manu absolut. Wir beide haben ein super Verhältnis und er ist völlig zu Recht die Nummer 1 im deutschen Tor. Ich will damit nur sagen: ich habe noch einmal bei einem großen Verein meine Chance gesucht – und zwar bei meinem Verein. Ich komme aus der Gegend, habe vor 2007 schon zehn Jahre hier gespielt. Hier ist meine Heimat, Schalke mein Club.

SCHALKE UNSER: 
An Rostock hast du auch gute Erinnerungen, wir nicht so. Bei einer Auswärtsfahrt sind wir dort mit Steinen beschmissen worden.

MATHIAS SCHOBER:
Es gibt in dieser Hinsicht sicherlich Probleme dort, die auch noch heute bestehen. Aber ich kann nur sagen: Ich persönlich habe sechs wunderschöne Jahre in Rostock erlebt. Die Stadt und der Verein sind mir ans Herz gewachsen. Ich kann es nur jedem empfehlen und habe das auch getan. Martin Max zum Beispiel, den ich auf Schalke kennen gelernt habe, wollte damals von 1860 München nicht zu Hansa wechseln. Den habe ich dann jeden Tag angerufen und ihn überzeugt. Schließlich wurde er auch im Trikot von Hansa Rostock Bundesliga-Torschützenkönig.

SCHALKE UNSER: 
Man merkt, dass du immer guten Kontakt zu Mitspielern und ehemaligen Teamkollegen hattest. Auch mit deinen Torhüter-Konkurrenten.

MATHIAS SCHOBER:
Klar, ich habe mit Jens Lehmann noch häufiger telefoniert. Oliver Reck war Ende der Neunziger mein Konkurrent, hinterher mein Torwart-Trainer. Wir kamen super miteinander aus. In Rostock gab es auch nie Probleme, ebenso in Hamburg, wo ich mit Jörg Butt zusammen gearbeitet habe. Jörg ist heute Patenonkel meines Sohnes. Momentan haben wir Torhüter auf Schalke auch eine super Gemeinschaft.

SCHALKE UNSER: 
Aber gerade auf der Torhüterposition ist das sehr ungewöhnlich. Da soll doch gerade die Rivalität anstacheln. Bist du zu lieb?

MATHIAS SCHOBER:
Nein, das wird in der Öffentlichkeit wegen der Kahn-Lehmann-Geschichte etwas aufgebauscht. Die Leistung ist entscheidend, alles andere ist egal. Ich für meinen Teil könnte es nicht aushalten, jeden Tag auf engstem Raum im separaten Torhüter-Training mit jemandem zu verbringen, den ich nicht leiden kann. Wenn es diesen Stress untereinander geben würde, hätte man doch überhaupt keinen Spaß mehr, zum Training zu fahren. Das wäre nichts für mich.

SCHALKE UNSER: 
An dieser Frage kommen wir jetzt nicht vorbei: Welche Erinnerungen hast du an den Pfiff eines Zahnarztes im Hamburger Stadion 2001?

MATHIAS SCHOBER:
Diese Geschichte musste ich sehr oft erzählen. Ich kann nur immer wieder aufs Neue wiederholen, was mir alle Experten bestätigt haben: Es war kein Rückpass! Ich habe mich auf den Ball gestürzt, wollte lange liegen bleiben, dann einen langen Abschlag machen – und das Spiel wäre vorbei, Schalke Deutscher Meister gewesen. Ich wollte doch auch den Titel für S04, hätte die Schale mit dem Fahrrad von Hamburg nach Gelsenkirchen gefahren! Für mich und alle meine Freunde ist an diesem Tag eine Welt zusammengebrochen.

SCHALKE UNSER: 
Wie schwer war die Zeit danach?

MATHIAS SCHOBER:
Ich war der Depp der Nation. Die zwei Jahre nach diesem Mai 2001 waren sehr schwer. Überall, wo mich Leute erkannt haben, wollten sie ihren Zorn auslassen. Da gab es Beschimpfungen unter der Gürtellinie – egal, wo ich hinkam. Ich konnte den Frust der Leute verstehen, doch für mich war es eine harte Zeit.

SCHALKE UNSER: 
Zum Schluss: Dein Vertrag läuft nächstes Jahr aus. Wie ist der Stand der Dinge?

MATHIAS SCHOBER:
Ich fühle mich jetzt unter Felix Magath so fit, dass ich unmöglich aufhören kann. Man muss schauen, was der Verein sagt. Am liebsten würde ich hier verlängern. Wenn dies nicht gewünscht ist, dann müsste ich mich umschauen. Aber Fakt ist: Ich will gerne hier bleiben.

SCHALKE UNSER: 
Felix Magath sagte, dass Manu unverkäuflich sei. Hast du Manu denn schon mal eingeflüstert, dass Manchester eine sehr schöne Stadt ist?

MATHIAS SCHOBER:
Das nicht. Aber ich habe ihm gesagt, er kann den Hörer an mich weiterreichen, wenn die Jungs aus Manchester anrufen. Mich kriegen sie auf jeden Fall günstiger.

SCHALKE UNSER: 
Hast du schon etwas nach der Fußball-Karriere geplant, falls es mit Manchester doch nichts wird?

MATHIAS SCHOBER:
Ich habe ein abgeschlossenes Studium an der Fernuniversität in Düsseldorf zum Sportmanager. Das habe ich schon in Rostock angefangen und hier auf Schalke beendet. Das Zertifikat zum Sportmanager habe ich also und ich würde wirklich gerne später in diese Richtung gehen – am liebsten auf Schalke in irgendeiner Funktion zunächst im Jugend- oder Amateurbereich.

SCHALKE UNSER: 
Dann hoffen wir, dass du uns noch lange erhalten bleibst – ob als Torwart oder Manager. Vielen Dank für das Gespräch und Glückauf.