Interview Tomasz Waldoch – „Dafür spielt man Fußball“

(ru) Spieler kommen, Spieler gehen und manche von ihnen sind zu echten Schalkern geworden. Diesen geben wir in loser Reihenfolge im SCHALKE UNSER den Raum, an ihre Jahre im königsblauen Trikot zurückzudenken. Nach Ebbe Sand (siehe Seite 6) erinnert sich Tomasz Waldoch an die Herzschlagsaison 2000/01. 

Jeder erinnert sich an diese vier Minuten im Mai 2001, als uns die Schale entrissen wurde. „Meister der Herzen“ wurden wir genannt, es zeigt, wie viele Sympathien wir gewonnen hatten. Nicht nur, weil diese Spielzeit ein so dramatisches Ende für uns genommen hat, sondern weil wir über die gesamte Saison einen begeisternden, offensiven Fußball gespielt haben. Und an deren Ende wir mit dem DFB-Pokal doch noch einen Titel gewannen.

Im Sommer zuvor in der Saisonvorbereitung deutete rein gar nichts auf eine gute Saison hin. Wir waren 13. geworden, dem Abstieg entronnen, viele hielten uns nun wieder für einen Abstiegskandidaten. Wir waren im Trainingslager und auch die Vorbereitungsspiele verliefen nicht nach Maß. Die Stimmung war nicht gut und zu den ganzen Querelen von außen kam noch die Unruhe um die Verpflichtung von Andi Möller von dem Verein aus Dortmund. Das beschäftigte uns sehr, als wir zum Beispiel hörten, dass Fans aus diesem Grund ihre Dauerkarte abgegeben hatten. Nur Andi blieb ruhig, obwohl er sich bei jedem Training sehr harte Sprüche anhören musste. Es zeigt einfach seine Klasse, dass er trotz allem eine so beeindruckende Saison spielte.

Das erste Spiel gegen Köln würde der Wegweiser werden, das war uns allen klar. Einen Tag vor dem Match waren wir in Billerbeck, um uns vorzubereiten. Ich war Kapitän geworden, da Olaf Thon die Binde abgegeben hatte. Eine große Ehre, zumal ich erst ein Jahr auf Schalke spielte. Am Abend kam dann Trainer Huub Stevens zu mir und fragte: „Thommy, was meinst du, wie wir hinten spielen sollen?“ Denn wir hatten alles ausprobiert: Libero, Dreier- oder Viererkette. Ich war der Meinung, dass wir es mit der Dreierkette probieren sollten. Das hieße: Volle Verantwortung für jeden, jeder spielt Mann gegen Mann. Stevens verfolgte diesen Plan auch schon und er wollte sich von mir noch einmal die Bestätigung holen.

Warum ich das erzähle? Nun, es war, glaube ich, ein Grund für unseren besonderen Spielstil. Durch die Umstellung hatten wir einen Mann in der Offensive mehr. Hinten räumten Tomasz Hajto, Nico van Kerckhoven und ich ab, davor waren Niels Oude Kamphuis und der überragende Jiri Nemec. So hatten wir fünf Offensive – eine Basis für echten Angriffsfußball. Wir schlugen Köln, waren am vierten Spieltag Erster und nahmen den Schwung mit. Es gab hohe Siege in Berlin, in Rostock, gegen Lautern und – in Dortmund.

Das 4:0 im Derby vergisst keiner so schnell, da hatten selbst manche Spieler feuchte Augen. Dieses große Stadion, alle Fans der Heimmannschaft so ruhig und dann diese völlig euphorische blau-weiße Wand – was für ein Erlebnis. Ich weiß nicht mehr genau, wann wir realisierten, dass diese Saison etwas Großes für uns bereithalten würde. Aber so ab der Winterpause fing ich schon an zu träumen. Viele haben uns vorgeworfen, nicht öffentlich die Schale als Ziel auszugeben. Aber mal ganz ehrlich, innerhalb der Mannschaft war das in der Rückrunde immer ein Thema. Doch wir wollten keinen Druck von außen.

Diese Mannschaft war ein verschworener Haufen. Wir trafen uns jeden Dienstag privat im „Zutz“ in Gelsenkirchen-Buer, da gab es keine Vorgaben des Trainers oder so, das Treffen war freiwillig. Anfangs kamen so sechs oder sieben Spieler und im Laufe der Saison fand sich dann plötzlich jeden Dienstag der gesamte Kader dort ein. Wir mussten die Tische zusammenschieben. Dort haben wir dann auch über Dinge gesprochen, die nichts mit dem Fußball zu tun hatten. Ich glaube, dass dieser Zusammenhalt und diese Treffen es möglich machten, dass wir 2000/01 über uns hinaus wachsen konnten.

Nur Emile Mpenza kam nicht so häufig. Ich muss sagen, dass ich ihn persönlich nicht so sehr kennen gelernt habe. Er war etwas schüchtern, machte mehr sein eigenes Ding. Aber auf dem Platz, da war er bombastisch. Mit Ebbe Sand bildete er ein überragendes Duo, diese beiden wirkten auf dem Feld wie Brüder. Emile war der Zuarbeiter und Ebbe der eiskalte Killer vor dem Tor. Dass Emile mit all seinen Fähigkeiten nicht mehr ganz groß rauskam, zeigt einfach: In der Saison 2000/01 war es diese funktionierende Mannschaft, die jeden in seiner Leistung so pushte. Diese besondere Situation findet man im Fußball nicht überall.

Zudem hatten wir ein ausgezeichnetes Trainerteam. Huub Stevens war ein engagierter Trainer, der großen Wert auf Disziplin legte. Immer, wenn ein Spieler beim Training den Ball in die Hand nahm, musste die gesamte Mannschaft Liegestütze machen. Gerade, wenn neue Spieler dazu kamen, haben wir schon mal pro Training 70 oder 80 Liegestütze gemacht. Wir haben gescherzt, dass wir deswegen wahrscheinlich so fit waren. Aber auch Co-Trainer Eddy Achterberg hat einen super Job gemacht. Er war unser Ansprechpartner und ein echter Freund der Spieler. Stevens hat mit uns weniger gesprochen, es reichte, dass er mit Eddy in engem Kontakt stand.

Es stimmte für uns alles. In der Hinrunde mischten wir die Liga auf und wurden Herbstmeister. Nur eine Niederlage setzte mir schwer zu: Beim Auftritt in Kaiserslautern machte Marian Hristov im Zweikampf gegen mich eine hundertprozentige Schwalbe im Strafraum und der Schiedsrichter fiel darauf herein. Ich hasse solche Unsportlichkeiten wie die Pest, vor allem, weil wir dadurch das Spiel verloren. Ich bin mir sicher, Hristov bereut diese Aktion bis heute. Doch, wie man so schön sagt, gleicht sich im Fußball alles aus. Im Rückspiel war er mein Gegenspieler und ich köpfte schon innerhalb der ersten zehn Minuten zwei Tore. Ich hatte zu diesem Spiel einem meiner Kumpel eine Eintrittskarte besorgt, doch er kam erst in der 12. Minute. Als man ihm dann sagte, dass wir mit 2:0 führen würden und ich zwei Tore gemacht hätte, hat er es nicht geglaubt. Das Spiel gewannen wir mit 5:1.

Doch neben diesen vielen schönen Momenten bleiben mir auch die dramatischen in Erinnerung. Zum Beispiel wie wir unser einziges Heimspiel der Saison verloren – gegen den HSV. Ich stand nach einem doppelten Bänderriss 28 Tage nach meiner Verletzung wieder auf dem Rasen – der Doc hatte eigentlich acht Wochen Pause anberaumt. Doch ich wollte dem Team unbedingt helfen und spielte mit einem riesigen Tapeverband. Ohne Training war allerdings irgendwann die Kraft und Konzentrationsfähigkeit weg, ich machte einen dicken Fehler und wir verloren. Ich fühlte mich schrecklich und diese Situation macht mich heute noch traurig. Manager Assauer und der Trainer haben mich umgehend aufgebaut und gelobt, dass ich mich so für die Mannschaft reingehängt habe.

Zum Ende der Saison plagte mich wieder eine Verletzung, diesmal an der Leiste. In Stuttgart zogen wir uns am vorletzten Spieltag viel zu weit zurück, ohne dass der Trainer das als Marschroute ausgegeben hätte. So nah vor der Meisterschaft kamen wir einfach nicht mit dem Druck klar und zeigten ein absolut unbekanntes Gesicht. In der letzten Minute traf Balakov zum 0:1 gegen uns und unser Konkurrent, die Bayern, erzielten fast zeitgleich den Siegtreffer. Doch das Ganze sollte eine Woche später noch gesteigert werden, im negativen Sinne.

Gegen Unterhaching musste ich wegen eben jener Leistenverletzung nach zwanzig Minuten vom Platz. Ich verfolgte die ganze Tragödie also im Kabinentrakt, wo ich behandelt wurde. Ich konnte vor Schmerzen nicht mehr laufen. Ich sah auf den Fernseher in der Kabine und hörte die Rufe von draußen. Wir lagen zurück, drehten dann auf, lagen wieder zurück, drehten das Spiel wieder und siegten schlussendlich mit 5:3. Plötzlich kamen die Meldungen von Bayerns Rückstand in Hamburg. Reporter klopften an die Tür, weil sie mich als Kapitän des neuen deutschen Meisters sprechen wollten. Ich war schon fast auf dem Flur, da hielt mich unser Keeper Oliver Reck am Ärmel: „Thommy, es ist noch nicht aus in Hamburg.“ Also gingen wir zurück in die Kabine, wo tatsächlich die Bayern noch einmal trafen. Einige wollten den Fernseher aus dem Fenster werfen, es flogen Trinkflaschen durch den Raum und andere sanken einfach nur in sich zusammen. Es war die schlimmste Situation meiner Fußball-Karriere. So etwas kann man nicht in Worte fassen. Wir brauchten Zeit, um das zu verdauen. Schließlich wartete eine Woche später das Pokalfinale in Berlin auf uns. Am Dienstag nach der Vier-Minuten-Meisterschaft trafen wir uns alle bei Frode Grodås zu Hause. Wir konnten nicht mehr alleine daheim sitzen, mussten uns zusammen irgendwie abreagieren. Doch ich kann es sagen: An diesem Abend war die Stimmung immer noch sehr betrübt.

Das änderte sich erst nach dem gewonnenen Finale. Huub Stevens und Ebbe Sand hatten mir gesagt, ich solle den Pokal abholen, obwohl ich eigentlich verletzungsbedingt im Finale nicht hatte spielen können. Das war eine große Aktion von den beiden, ich streifte mir also die Kapitänsbinde über meinen Anzug und stemmte den Pott in den Berliner Nachthimmel. Wenn man das Bild im Museum neben Olaf mit dem UEFA-Pokal und all den anderen Schalker Größen wie Kuzorra und Libuda sieht, dann macht mich das unheimlich stolz. Dieser Pokalsieg hat vieles wieder gut gemacht.

Auch bei der Feier danach in Gelsenkirchen, als wir mit dem offenen Bus durch die Straßen fuhren und zig tausend Fans uns feierten. Ich blickte den Menschen in die Augen, sah, wie überglücklich sie waren und was dieser Triumph ihnen bedeutete. Da dachte ich mir: „Das ist es. Dafür spielt man Fußball.“