„Die Geschichte schreiben wir gerade“ – Frauenfußball in Deutschland vor der WM

(dsf) Laut dem Grußwort der Präsidentin des Lokalen Organisationskomitees (LOK), Steffi Jones, ist alles vom Feinsten: „Gerade in Deutschland sind es die Frauen und Mädchen, die mit ihren großartigen internationalen Erfolgen großen Anteil daran haben, dass Deutschland mit seinem Volkssport Nummer eins ein Fußball-Land und ganz besonders das Land des Frauen- und Mädchenfußballs ist. ‚Die Zukunft des Fußballs ist weiblich.’ Diese Vision des FIFA-Präsidenten Sepp Blatter ist in unserem Land zu einem großen Teil bereits Wirklichkeit geworden.“ Im Realitäts­Check klingen die Spielerinnen aus der Verbandsliga, mit denen ich mich unterhalte, weniger enthusiastisch.

Dabei können Friederike (23), Laura (26) und Vanessa (27) gerade heute stolz auf sich sein: Den Tabellenletzten mit 13:0 geschlagen, damit was fürs Torverhältnis getan und beste Chancen zum Aufstieg aus der Verbandsliga. Der Platz war beschissen, aber das Wetter gut. Befragt, wie sehr sie sich auf die WM und die Spiele freuen, ist die Reaktion erstaunlich verhalten. Keine hat Karten geordert (das liegt natürlich auch an den saftigen Ticketpreisen) – und keine kann sich vorstellen, dass dieser WM-Sommer auch nur halb so begeisternd wird wie die großen Turniere der Herren.

Frauenfußball

Das scheint nicht zu den veröffentlichten Zahlen zu passen: Über 80.000 Ticket-Bestellungen aus 40 Ländern und mehr als 53.000 zugeteilte Karten nach der vierten Verkaufsphase der WM. Der DFB meldet einen weiblichen Boom seit dem WM-Sieg 2003: Schon 2006 waren 60 Prozent der neuen DFB-Mitglieder Frauen und Mädchen, aktuell sind 700.000 Aktive gemeldet. Eine recht steile Kurve, wenn man bedenkt, dass Frauenfußball noch 1955 vom DFB verboten und erst am 31. Oktober 1970 wieder zugelassen wurde. Den DFB-Pokal gibt’s seit 1980, die Bundesliga seit 1990.

1982 fand das erste offizielle Länderspiel der Frauen-Nationalmannschaft statt, 1988 qualifizierte sich das Team zum ersten Mal für die Europameisterschaft und gewann das Finale (vor immerhin 23.000 Zuschauern) gegen den Favoriten Norwegen. Hier stammt auch eine der wenigen bekannten Anekdoten des Frauenfußballs her: Die „Siegprämie“ für die Damen bestand aus einem Kaffeeservice.

Zu steile Kurve

Als Reaktion auf diese scheinbar lupenreine Erfolgsgeschichte legen die drei Spielerinnen präzise und selbstkritisch los: Dass sie mit den wenigen Zuschauern leben können, weil sie selbst Frauenfußball schlicht unattraktiv finden. Technisch zu wenig versiert sei er, oft werde nur gepölt. Keine von ihnen hat Spielerinnen zum Vorbild, keine guckt regelmäßig Frauenfußball (was im Übrigen ja auch nur schwer möglich ist, so selten, wie die Spiele übertragen werden). Sie verfolgen gerade mal die Entwicklung von Spielerinnen, die sie persönlich kennen.

Ich bin überrascht: Diese Frauen arbeiten ständig an ihrer Leistung, trainieren diszipliniert und nehmen ihre Spiele richtig ernst. Trotzdem deprimiert das gerade ein wenig. Erst spät bestätigt Friederike: „Im Gegensatz zu den Anfängen ist das natürlich ein großer Erfolg. Immer mehr Mädchen spielen Fußball, immer mehr Mädchenmannschaften werden gegründet, immer mehr Ligen geöffnet. Je mehr etablierte Fußballvereine bestehende Frauenclubs aufkaufen, desto größer wird das mediale Interesse.“ Warum also diese Zurückhaltung? Laura fragt zurecht, an welche großen Szenen, Shooting Stars, Spiele oder Tore ich mich denn erinnere. Die peinliche Wahrheit: Spontan nichts. Wenn wir vier beispielhaft sind, sieht es schlecht aus mit dem kollektiven Gedächtnis und dem gemeinsamen Spaß am Frauenfußball.

Angelesen habe ich mir das bisschen, was ich zum Besten gebe: Dass die erste Damenmannschaft 1894 in London spielte, und die Gründerin des „British Ladies Football Club“ ausgerechnet Nettie Honeyball hieß. Und Sylvia Neid 1987 den ersten sauberen deutschen Hattrick geschossen hat: 1987 in der 46., 47. und 48. Minute gegen Island. Eines scheint damit klar: Was hier fehlt, ist die bewegende Geschichte, die Namen und Anekdoten, an die sich alle Fans erinnern und die wilden Diskussionen, die den Herrenfußball begleiten. Ausnahmen wie die Begeisterung um das Team von Turbine Potsdam bestätigen anscheinend nur die Regel.

Geht da mehr?

Ja, da sind sich alle einig. Nur Friederike spielt seit der Kindheit durchgängig, seitdem sie vier Jahre alt ist. Immer kräftig unterstützt von der Familie, so, wie wir das von vielen Jungs kennen. Vanessa ist mit 18 Jahren eingestiegen und Laura (deren Vater beim 1. FC Köln spielte) sogar erst mit 19. Motivation bei ihnen und vielen Spielerkolleginnen waren Brüder, Cousins oder Freunde. Nichts mit regelmäßigem Bolzen im Garten, auf Straßen oder in Parks. Wer so spät einsteigt, hat die Priorität im „echten Leben“, in Job, Studium oder Ausbildung – nicht auf dem Platz. Wer richtig gut werden will, muss früh gefördert werden. Nicht nur für die Technik, wie Vanessa betont: „In einer Mannschaft lernt man so verdammt viel.“

Laura macht klar: Sportlich ist schlicht alles nötig, was auch den Jungs zur Verfügung steht. Bis zum 12., manchmal auch bis zum 14. Lebensjahr, ist das sowieso eine Struktur. Jungen und Mädchen spielen meist in gemischten Teams. Spätestens ab dann gibt es reine Mädchenteams. Friederike möchte nicht auf diese Zeit verzichten: „Lernen tun die Mädchen mehr in Jungenmannschaften. Durch die rauere Spielweise bekommen wir genau die Ellenbogen, mit denen wir später die Gegner umhauen“ – Gelächter in der Runde – „Ich fand es furchtbar, als ich in die Mädchenmannschaft musste. Kampf, Einsatz, Durchsetzungsvermögen habe ich vorher gelernt.“

Einig ist sich die Runde, dass es ab einem bestimmten Alter körperlich nicht mehr sinnvoll ist, in Mixed Teams zu spielen. Wenn die Förderung der jungen Mädchenteams (U11 – U13) und die Trainingsmethoden dann stimmen, kann man viel erreichen – vor allem, wenn die Mädels möglichst lange zusammen spielen.

Aktuell haben nur Auswahl-Spielerinnen eine gute Chance. Oder vielleicht die Spielerinnen der recht frisch „Aufgekauften“: Teutonia Weiden (jetzt Alemannia Aachen), Brauweiler-Pulheim (1. FC Köln) oder TuS rechtsrheinisch Köln (Bayer Leverkusen). Auch wenn wir uns nicht sicher sind, wie sehr sich all diese Clubs wirklich für ihre Damenmannschaften interessieren. Der FC Kölle investiert inzwischen einiges in die Ausstattung der zweiten Frauenmannschaft, der Trainingsplatz ist gut, wenn auch etwas abgelegen.

Am Ende des Abends haben wir dann doch alle die Hoffnung, dass das deutsche Frauen-Team ein richtig gutes Turnier spielt und damit Journalisten wie Zuschauer (die gerne zu Fans werden dürfen) ansteckt. Unsere Runde ist zumindest zum Gucken des ersten deutschen Spiels verabredet – und weiß noch nicht, welche unserer Lieblingslokalitäten überhaupt Public Viewing anbietet.