Attacke – Vergiss mein nicht

Rudi Assauer kann keine Uhr mehr aufmalen. Er erkennt seinen früheren Spieler Lincoln nicht mehr, kommt nicht mehr auf seinen Namen. Er sucht nach den Worten, die auf seiner Festplatte gelöscht sind. Das Schicksal eines Alzheimer-Patienten.

Rudi Assauer selbst – solange er noch größtenteils Herr seiner Sinne ist – und seine Familie haben ganz bewusst den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt, um ein Fehlurteil zu korrigieren.

Seien wir ehrlich: Bei manchen Interviews hatten wir Fans damals schon manchmal das Gefühl, dass Rudi Assauer einen über den Durst getrunken hatte. Und natürlich hat er auch bei einem Veltins selten „Nein“ gesagt. Jetzt erscheinen die „Aussetzer“ von damals in einem völlig anderen Licht.

Die grundsätzliche Frage ist, in welcher Form man über sich selbst und die Krankheit aufklärt. Assauer hat hier für sich selbst einen geeigneten Weg gefunden. Auftritt im Vormittagsprogramm „Volle Kanne“ sowie die „37 Grad“-Reportage im ZDF. Aber dabei blieb es nicht. Der Stern hat groß aufgemacht, Stern TV legte eine Diskussionsrunde mit Werner Hansch nach. Dazu weitere Talkshows von Günther Jauch und Maybrit Illner. Kein TV-Sender, der nicht auch noch seinen Senf zum Alzheimer-Thema beizutragen hatte.

Und dann noch die Biographie von Rudi Assauer, die von Patrick Strasser geschrieben wurde, dem Autor, der bereits das Leben von Uli Hoeneß zu Papier brachte. In der Kategorie Sachbuch hat die Biographie „Wie ausgewechselt“ inzwischen den ersten Platz der SPIEGEL-Bestsellerliste erobert. Dort steht sie nicht, weil sie so toll recherchiert und geschrieben ist, sondern weil sie der Medien-Hype dahin katapultiert hat.

Patrick Strasser hat Rudi Assauer nicht mehr so interviewen können, wie man das „normalerweise“ macht. Er konnte ihn nicht mehr fragen: „Erzähl doch mal, wie war das damals …“ Und so ist es auch kein Wunder, dass das Kapitel über den Umgang mit der Alzheimer-Krankheit seltsam reingequetscht wirkt. Vermutlich hat der Autor erst einmal das komplette Buch allein recherchiert, um dann festzustellen: „Ups, mit dem Rudi stimmt aber was nicht.“

Und genau hier setzt unsere Kritik an dem Verlag des Buches an, der alle Medien in Bewegung setzte, um das eigene Werk bekannt zu machen. Die Auseinandersetzung mit der Krankheit ist darin nur ein Randthema. Ob das Ziel des Buches wirklich die Enttabuisierung der Krankheit war, darf getrost bezweifelt werden.

Wir werden jedenfalls bei dem ganzen Medien-Hype den Verdacht nicht los, dass sich der eine oder andere dabei auch die Taschen voll machen will. Schade, dass dieser Verdacht auch auf Rudi Assauer fällt. Das wird der Alzheimer-Krankheit nicht gerecht, und Rudi Assauer erst recht nicht.