Interview Dr. Thorsten Rarreck – „Warme Füße, warmer Kopf und nicht zu viel Bier“

(dol/usu) An dem Tag, an dem die Medien die Alzheimer-Erkrankung von Rudi Assauer veröffentlichten, sprach das SCHALKE UNSER mit Mannschaftsarzt Dr. Thorsten Rarreck darüber. In seiner stylisch-gemütlichen Praxis sprachen wir auch über Grenzen, warme Füße und kleine Koffer.

SCHALKE UNSER:
Zuerst natürlich die Schalke-Fan typische Frage: Sind Sie Schalke-Fan und wenn ja, seit wann?

DR. THORSTEN RARRECK:
Aber klar doch. Ich war schon mit etwa fünf in der Glückauf-Kampfbahn und bin seit den 1970er Jahren definitiv bewusster Schalke-Fan. Die Kremers-Zwillinge, Klaus Fischer, Norbert Nigbur, mit denen bin ich groß geworden, das waren meine Helden. Selbst wenn ich die heutzutage treffe, läuft es mir, ehrlich gesagt, noch kalt den Rücken hinunter.

Intrerview Rarreck 1

SCHALKE UNSER:
Haben Sie selber Fußball gespielt?

DR. THORSTEN RARRECK:
Ja, sogar in der Jugend von Schalke. Ich wollte Fußball-Profi werden, habe mich aber mit 16 schwerst verletzt und dann nicht mehr geschafft, richtig Tritt zu fassen. Ich habe damals Monate im Krankenhaus und in der Rehabilitation verbracht. Ich kam dort mit den Ärzten der Profispieler zusammen und habe natürlich auch viele Profis kennen gelernt und so kam mir der Gedanke: Wenn es zum Profi nicht reicht, studiere ich Sportmedizin. Das war eine gute Alternative für mich. So stand mit 17 mein Berufsziel schon fest.

SCHALKE UNSER:
Wenn Sie so stark mit Schalke verbunden sind, gilt das auch für die Stadt Gelsenkirchen?

DR. THORSTEN RARRECK:
Ich bin in Marl-Polsum aufgewachsen, aber in Gelsenkirchen-Buer zur Schule gegangen. Und ich wohne seit 25 Jahren in Buer. Geboren bin ich allerdings in Bottrop.

SCHALKE UNSER:
Sie waren schon einmal ab 1998 Mannschaftsarzt, haben sich aber 2007 von Schalke zurückgezogen. In einem Interview im letzten Herbst begründeten Sie das damit, dass kein gutes Arbeitsklima geherrscht hätte. Was war passiert?

DR. THORSTEN RARRECK:
Ich habe zu diesem Zeitpunkt meine Praxis ausgebaut und war jeden Tag bei jedem Training, bei jedem Spiel mit der Mannschaft als einziger Arzt unterwegs. Das war eine aufregende Zeit, aber einige meiner medizinischen Ideen konnte ich nicht ganz so umsetzen, wie ich es gerne gesehen hätte. Außerdem machten mir Kollegen wie etwa Müller-Wohlfahrt deutlich, dass, wenn ich ausschließlich Vereinsarzt wäre, meine Selbständigkeit als Arzt in der Praxis gefährdet sei. Zudem wäre ich völlig abhängig vom Verein gewesen. Und ich fühlte mich zu der Zeit nicht so unterstützt, wie ich es nach 10 Jahren Arbeit erwartet hätte. Daher habe ich mir gesagt: Okay, man muss nicht nur der einen Karriere folgen, man sollte auch auf die innere Stimme hören. Natürlich hatte ich viele Spieler, die weiterhin zu mir in die Behandlung kamen. Ich hatte auch mit allen Trainern Kontakt, war aber nicht mehr der offizielle Vereinsarzt.

SCHALKE UNSER:
Nach 04 Jahren sind Sie 2011 als offizieller Vereinsarzt zu Schalke zurück gekommen. Was hat Sie dazu bewogen?

DR. THORSTEN RARRECK:
Davor hatten schon Trainer angefragt, aber es hatte sich nicht viel in der Vereinsstruktur geändert. Und ich hatte noch in meiner Praxis Aufbauarbeiten zu leisten. Dann kamen aber mit Horst Heldt und Ralf Rangnick zwei Personen in den Verein, deren Arbeit ich sehr schätze, weil sie sehr kooperations- und teamfähig sind. Wir haben uns getroffen, und für mich war schnell klar, dass es sinnvoll ist und dass es auch Spaß machen wird, wieder offiziell dabei zu sein. Das hat sich auch tatsächlich bewahrheitet.

SCHALKE UNSER:
Und der Eindruck ist auch nach dem Trainerwechsel geblieben?

DR. THORSTEN RARRECK:
Huub Stevens war mein Wunschkandidat. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass er kommt. Ich hatte seine Entwicklung, auch auf der menschlichen Ebene, weiterhin verfolgt und war daher überzeugt, dass er dem Verein ein weiteres Mal sehr gut helfen kann. Obwohl ich das mit Ralf sehr traurig fand, musste eben sehr schnell eine Alternative gefunden werden. Ich pflege nach wie vor den Kontakt zu Ralf Rangnick.

Intrerview Rarreck 2

SCHALKE UNSER:
Bei Ralf Rangnick habe Sie ja das Burnout festgestellt, da kommt natürlich jetzt die Frage: Wie ist das mit der Alzheimer-Erkrankung bei Rudi Assauer?

DR. THORSTEN RARRECK:
Rudi Assauer, den ich schon lange kenne, ist ja eine ganz vielschichtige Persönlichkeit. Jeder kannte ihn als sehr ernsthaft arbeitenden Menschen. Er war immer sehr früh in der Geschäftsstelle und hat diszipliniert gearbeitet. Aber er kann ja auch lustig sein, seine zynischen Späße machen. Bei so einer polarisierenden Persönlichkeit ist schwer festzustellen, ob da eine neurologische Erkrankung besteht. Es hat sich in seiner gesamten Zeit, in der er für den Verein gearbeitet hat, überhaupt nicht angedeutet, dass da etwas ist. Es hat sich wohl erst in der Phase nach Schalke entwickelt. Er war absolut Herr seiner Sinne und hat alle seine Entscheidungen auf Schalke bewusst getroffen. Ich bin mir ganz sicher, dass er zu der Zeit noch nicht von dieser Krankheit beeinflusst wurde. Wir haben uns damals häufig gesehen und miteinander gesprochen und da war zu keinem Zeitpunkt eine neurologische Erkrankung im Anflug zu beobachten.

SCHALKE UNSER:
Jetzt haben Sie Ihre Praxis aufgebaut, lässt sich das mit Ihrer Arbeit auf Schalke verbinden?

DR. THORSTEN RARRECK:
Wir hatten kürzlich ein Treffen der Ärzte, die bei Erst- und Zweitligavereinen arbeiten. Und alle haben sich einhellig dazu geäußert, dass es keinen Sinn macht, wenn der Arzt ständig bei der Mannschaft ist. Es fördert bei einigen Spielern die Verletzungsanfälligkeit, weil man jederzeit ein Alibi hat, wenn man nicht trainieren möchte – der Arzt ist ja da. So bekommt man natürlich schnell Stress mit dem Trainer, der dann sagt: Du verweichlichst mir die Spieler.
Jetzt bin ich im Hintergrund, kann aber schnell vor Ort sein. Das schätzen die Spieler und der Respekt ist größer. Da habe ich ja den direkten Vergleich. Allerdings ist das nicht so gemeint, dass man nur im Hintergrund bleibt. Man muss die Spieler betreuen und regelmäßig vor Ort sein, aber halt nicht jeden Tag. Das habe ich von vornherein mit Horst Heldt und Ralf Rangnick und dann auch mit Huub Stevens besprochen, dass ich selbstverständlich regelmäßig da bin, aber dass auch jemand zusätzlich noch da ist, der mich vertritt, wenn ich nicht kann. Aber ich werde natürlich eins zu eins informiert. Das ist mit den neuen Kommunikationstechniken ja problemlos möglich. Somit bin ich immer auf dem aktuellsten Stand. Das Wichtigste ist ein medizinisches Netzwerk. Man muss zu jeder kleinsten Fachrichtung Subexperten haben. Man muss ein gut ausgebildeter Sportmediziner sein, aber zu allen Unterpunkten braucht man Fachärzte, mit denen man sich beraten kann. Allein für die Knie habe ich sechs Operateure. Je nach dem, was vorliegt, wird der entsprechende Experte zu Rate gezogen. Es geht darum, ganz schnell Topleute zu haben, die innerhalb kürzester Zeit Diagnostik und Therapie bewerkstelligen. Das ist nur über ein feingliedriges Netzwerk zu erreichen. Daher muss ein Sportmediziner vor allem ein Netzwerker sein.

SCHALKE UNSER:
Wie weit können Sie Naturheilverfahren auch bei Spitzensportlern anwenden? Gibt es da Einschränkungen?

DR. THORSTEN RARRECK:
Die Einschränkungen gibt es bei Leistungssportlern durch die nationale Anti-Doping-Kommission. Die meisten Naturheilverfahren sind nicht auf der Dopingliste, aber ich darf grundsätzlich keine Infusion setzen, auch nicht mit homöopathischen Mitteln. Infusionen über 50 ml sind verboten, egal, um was es sich handelt. Man könnte durch Ausschwemmung Dopingmittelzugabe verschleiern, daher darf ich auch keine Ozon-Anwendungen durchführen. Das sind die wesentlichen Einschränkungen. Ansonsten gibt es die Einschränkung durch Spieler, die ganz schnell wieder gesund werden möchten, um wieder Topleistung zu bringen. Da wird eher direkt nach Cortison gefragt als nach der Behandlung mit homöopathischen Mitteln. Doch zunehmend entwickeln auch junge Spieler das Bewusstsein, dass sie zwar geheilt werden wollen, aber nicht auf Teufel komm raus, um dann drei Spiele später wieder verletzt zu sein. Wir versuchen schon, die Spieler mit den Naturheilverfahren vertraut zu machen und zu sagen, dass das der wesentlich langfristigere Weg ist. Zu den Naturheilverfahren gehören auch die richtige Ernährung und das Mental Coaching.

SCHALKE UNSER:
Gibt es nicht auch den Druck, dass der Spieler wieder schnell fit ein muss?

DR. THORSTEN RARRECK:
Das auf jeden Fall. Nehmen wir zum Beispiel einen Spieler mit einer Gelenkverletzung. In den Lehrbüchern steht, es dauere drei Monate bis die Verletzung geheilt sei. Die drei Monate brauchen wir fast nie, wir können aber auch nicht sagen, dass nach drei Wochen alles gut ist. Gemeinsam mit Spieler, Trainer und den betreuenden Ärzten können wir es schaffen, dass der Spieler nach sechs Wochen fit ist. Aber wenn wir das unterschreiten, wird es gefährlich. Wir sind deutlich schneller als dies normalerweise der Fall ist, aber wir müssen auch bereit sein zu sagen, dass es Grenzen gibt.

SCHALKE UNSER:
Die schnellere Heilung liegt doch bestimmt auch daran, dass es von der Verletzung bis zur Behandlung nur ein kurzer Zeitraum vergeht. Wenn wir als „Normalos“ eine Verletzung haben, warten wir meistens ab, ob es nicht doch von alleine weggeht.

DR. THORSTEN RARRECK:
Genau, denn gerade bei Muskelfaserrissen und schwersten Prellungen sagt man, dass die ersten zehn Minuten die wichtigsten seien. Da macht jede Minute mindestens einen Tag zusätzliche Heilungsdauer aus. Andererseits besteht natürlich auch die Gefahr, dass wir die Fußballspieler so empfindlich machen, dass sie bei jeder kleinen Prellung zum Arzt gehen. Felix Magath hat mal zu mir gesagt: Fußballspielen tut halt weh. Er meinte auch, dass es kein Training gab, an dem er nicht irgendwo Schmerzen hatte. Da muss man sich daran gewöhnen, dass der Rücken ziept, das Gelenk etwas weh tut. Wichtig ist dann zu erkennen, wann sich der Körper meldet, und das dann auch mit dem Physiotherapeuten zu besprechen. Wenn man aber zu sehr in sich hinein horcht, hat man unter Umständen nur noch drei Spieler auf dem Platz stehen. Das genau ist die schwierige Unterscheidung: Wann ist es gefährlich, so dass man sofort eingreifen muss, und was können wir noch ein bisschen laufen lassen? Ich setze viel Homöopathie als Komplexmittel ein. Und die Spieler haben die Erfahrung gemacht, dass die Bagatellverletzungen viel schneller ausheilen, wenn sie die sofort nehmen.

SCHALKE UNSER:
Gibt es Konflikte zwischen Arzt, Spieler und Trainer?

DR. THORSTEN RARRECK:
Das ist nie auszuschließen, denn die Einschätzungen des Spielers und seiner Therapeuten einerseits und die des Trainers andererseits können ganz schön weit auseinandergehen. Der eine meint, der Spieler soll sich nicht so anstellen, der Spieler hat aber wirklich etwas. In solchen Situationen kann es zum Konflikt kommen, vor allem, wenn es sportlich nicht so gut läuft. Da kann der Druck des Trainerstabs auf die Spieler sehr groß werden. Primäres Ziel des Arztes ist die Gesundheit des Spielers, primäres Ziel des Trainers ist die Leistung des Spielers. Da muss die Schnittmenge gefunden werden, bei der man zusammenkommt. Bei Ralf Rangnick und jetzt auch bei Huub Stevens klappt es sehr gut, die Situation zu kommunizieren und eine gemeinsame Lösung zu finden.

SCHALKE UNSER:
Hätten Sie bei Magath Vereinsarzt sein wollen?

DR. THORSTEN RARRECK:
Wenn ich ganz ehrlich bin, ich hätte bei ihm nicht zugesagt. Man hörte von Kollegen, dass er dem Arzt nicht zubillige zu entscheiden, wann ein Spieler einsatzfähig ist. Wenn dann etwas passiert, konkret, die so genannte Prellung erweist sich doch als Knochenbruch und es kommt zu einer Gerichtsverhandlung deswegen, kann der Trainer immer die Verantwortung von sich weisen mit der Begründung, er sei doch nicht der Arzt. Mit Magath hatte ich nie einen Konflikt, aber ich wollte auch nicht in den Konflikt hineingeraten. Ich habe mich davor geschützt, indem ich die Situation vermieden habe, dass ich sage, der Spieler kann nicht spielen und der Trainer ihn trotzdem spielen lässt.

SCHALKE UNSER:
Sport ist Mord – Langzeitschäden von Spitzensportlern, wären die vermeidbar? Einige Spieler können mit über 40 noch spielen, wir denken da an Fichtel, bei anderen ist die Karriere gesundheitsbedingt schon früh zu Ende, wie bei Ihnen oder bei Michael Skibbe. Ließe sich letzteres mit entsprechender medizinischer Betreuung verhindern?

DR. THORSTEN RARRECK:
Es hat auch mit Genetik und Pech zu tun. Es gibt Spieler, da ahnt man schon, dass sie Talente sind, die es bis zur Nationalmannschaft schaffen könnten, aber frühzeitig häufig verletzt sind. Man kriegt schon einen Riecher für die jungen Spieler, die besonders verletzungsanfällig sind, Trainer sprechen da von „Seuchenvögeln“. Wenn diese nicht optimal medizinisch versorgt werden, dann erschwert das das Ganze. Aber es gibt Spieler, die man nicht zur Bundesligatauglichkeit bringen kann und die dann ihre Karriere relativ früh abbrechen müssen. Speziell bei Knorpelschäden in den Knien ist das so.
Christian Pander hatte den Vorteil, dass er nie einen Knorpelschaden hatte. Bei ihm war es gut, dass er mit dem Image des „Seuchenvogels“ den Verein gewechselt hat. Wenn man sieht, wie gut er jetzt spielt, hätte er uns sehr gut helfen können. Aber ich glaube, bei uns hat man schon immer damit gerechnet, dass er sich verletzt. Also eine sich selbsterfüllende Prophezeiung. Mirko Slomka hat ihm mit seiner physiotherapeutischen Abteilung einen guten Start ermöglicht. Daher wundert es mich nicht, dass er jetzt wieder aufblüht. Vielleicht hätte er das hier so nicht geschafft, weil alle gesagt hätten, der Christian hat eh wieder Wehwehchen. Wenn aber Knorpelschäden vorliegen, dann wird es schwierig, weil es dafür keine operative Lösung gibt. Zwei Drittel der Betroffenen müssen dann aufhören. Aber insgesamt entscheidet natürlich die ganze Persönlichkeit eines Spielers, denn vieles spielt sich im Kopf ab. „Sport ist Mord“ gilt eigentlich nur im Leistungssport, wenn der Körper überfordert wird, beim Breitensport muss man klar sagen, dass der Sport gesundheitsfördernd ist.

SCHALKE UNSER:
Ihre Doktorarbeit handelt von Kniegelenkendoprothesen – ist dies ein Wissen, das Ihnen im Zusammenhang mit ehemaligen Fußballspielern hilft?

DR. THORSTEN RARRECK:
Bei meiner Doktorarbeit über die Knieprothese geht es ja nicht nur um die Prothese, sondern auch um die grundsätzliche Funktion des Knies. Dieses orthopädische Thema schien mir für meinen zukünftigen Berufsweg als Sportarzt am sinnvollsten. Es hat mir sehr geholfen, dass ich mich wissenschaftlich damit auseinander gesetzt hab; denn ich weiß genau, was ich tun kann, um eine Prothese zu vermeiden.

SCHALKE UNSER:
Werden Sie auch mit Doping konfrontiert?

DR. THORSTEN RARRECK:
Ja klar, ich bin schließlich auch der Dopingbeauftragte des Vereins. Wenn wir bei Spielen sind oder beim Training, müssen regelmäßige Kontrollen durchgeführt werden. Ich muss eintragen, was die Spieler einnehmen. Die Spieler werden auch geschult. Wir geben denen Hefte, in denen aufgelistet ist, was sie nehmen dürfen und was nicht. Natürlich auch mit dem Hinweis, dass sie alles, was sie nehmen, auch Nahrungsergänzungsmittel, angeben müssen, damit wir es überprüfen können. Dabei ist Doping im Fußball nicht die Hauptthematik wie im Radsport oder Bodybuilding, häufig sind Dinge problematisch, an die ein Spieler nicht denkt. Ich habe zum Beispiel mal erlebt, dass am Morgen vor einem Spiel ein Spieler mir zeigt, was er gegen seine Erkältung genommen hat – es war ein hochgradiges Dopingmittel. Da mussten wir ihn von der Liste nehmen.

SCHALKE UNSER:
Gibt es auch homöopathische Dopingmittel?

DR. THORSTEN RARRECK:
Es gibt natürlich Eiweißstoffe, die leistungssteigernd sind und nicht auf der Dopingliste stehen.
Aber auch da müssen wir gucken. Im Internet gibt es einige Angebote, die nicht kontrolliert sind, daher würde ich nie so etwas im Internet bestellen. Auch darauf weisen wir die Spieler hin. Und wir haben genug Nahrungsergänzungsmittel auf Vorrat, so dass niemand etwas von Externen nehmen muss.

SCHALKE UNSER:
Eine ganz alte Frage: Können Sie nachvollziehen, warum Cannabis auf der Dopingliste steht?

DR. THORSTEN RARRECK:
Ich denke, es ist im Zusammenhang mit „Vorbild für die Jugend“ und „Sport und Drogen gehören nicht zusammen“ zu sehen. Leistungssteigerung ist möglich damit, aber die Gefahr ist, dass die berauschten Personen risikoreicher handeln und enthemmter sind. Man ist entspannter, aber die Verletzungsgefahr ist auch größer, weil die Koordination nicht mehr so gut ist. Seltsamerweise ist Alkohol nicht auf der Dopingliste, obwohl er eine ähnliche Wirkung hat. Aber das eine ist eine offizielle Droge und das andere nicht.

SCHALKE UNSER:
Was ganz viele Fans interessiert: Was ist eigentlich in dem Koffer, der rennend auf den Platz getragen wird?

DR. THORSTEN RARRECK:
Da sind überwiegend Sachen für die Erstversorgung wie Desinfektionsmittel, Klammern, eine Haube für Schädelverletzungen. Man weiß ja nicht, was es für eine Verletzung ist. Also alles, was für die Akutversorgung auf dem Platz notwendig ist, haben wir dabei.

SCHALKE UNSER:
Ein Flasche Schnaps ist nicht darin?

DR. THORSTEN RARRECK:
Nein, aber eine Salmiak-Riechampulle. Wenn man die jemandem dann unter die Nase hält und er nicht sofort wach wird, weiß man, es ist wirklich schlimm.

SCHALKE UNSER:
Welche Gesundheits-Tipps haben Sie an die Fans im Stadion?

DR. THORSTEN RARRECK:
Das kommt natürlich aufs Alter und den körperlichen Zustand an. Wenn jemand einen sehr hohen Blutdruck hat und sich da ein Spiel anschaut, was sehr aufregend ist, dann ist er tatsächlich gefährdet. Daher Blutdruck vorher einstellen lassen als Prävention. Bei niedrigem Blutdruck, wenn man die ganz Zeit steht, da muss man schon darauf achten, dass man ausreichend trinkt. Dann sollte man natürlich nicht zu große Mengen Alkohol zu sich nehmen. So ein, zwei Bierchen sind in Ordnung, aber mehr nicht. Und bei diesen winterlichen Temperaturen sind vor allem warme Füße wichtig. Auch sollte man schauen, dass der Kopf warm bleibt. Genauso muss man unterscheiden zwischen Nordkurve und VIP-Tribüne – also ob man sich bewegt oder einfach nur sitzt. Das Schöne ist ja, dass die Arena dicht mit Sanitätern und Notärzten versorgt ist. Das ist für Fans und auch für die Spieler ein gutes Gefühl.

SCHALKE UNSER:
War der Herz-Defibrillator Ihre Idee?

DR. THORSTEN RARRECK:
Ja, eigentlich schon. Man sagt zwar immer, der sei wegen Gerald Asamoah angeschafft worden, aber ganz ehrlich, wenn Asa tatsächlich gefährdet gewesen wäre, dann hätte er auch keinen Leistungssport mehr betreiben können. Wir wurden dadurch sensibilisiert für die Thematik und glücklicherweise stand das Gerät damals bei Dr. Papadopoulos zur Anwendung bereit.

SCHALKE UNSER:
Herzlichen Dank für das spannende Gespräch. Glück auf.