,,Das ist mir viel mehr wert, als ein paar tausend CDs mehr zu verkaufen.”

(rk) Was haben Public Enemy, die Beastie Boys und Snoop Doggy Dogg mit Schalke 04 gemeinsam? Spötter könnten jetzt meinen, dass alle in einem Ghetto spielen. Das ist selbstredend nicht der Fall. Nein, vielmehr sind alle vom Hip-Hop infiziert. Auch auf Schalke ist seit der Veröffentlichung der CD ,,Königsblau” von Joel Hong aka ,,Stanley Buddha” das Rap-Fieber ausgebrochen. Was lag da näher als ein Interview mit dem neuen Star am königsblauen Hip-Hop-Himmel?

SCHALKE UNSER:
Joel, hast du schon die ersten Schalke-Fans am Trainingsgelände oder in der Arena beim Breakdance oder Beat-Boxing beobachten können?

JOEL HONG:
Haha! Noch nicht. Aber es ist schon verwunderlich, dass so viele Menschen, die eigentlich gar nix mit Hip­Hop am Hut haben, meine Musik hören. Die allermeisten meiner Hörer mögen Rap überhaupt nicht, aber können trotzdem was mit meiner Musik anfangen. Das freut mich besonders. Ich denke, dass das mehr an den Texten als an der Musik liegt. Es gibt ja relativ wenig Rap, der mit Schalke zu tun hat. Bis auf Snaga und Pillath gab es da ja kaum was. Bei mir ist es so, dass ich schon seit mehr als 15 Jahren Rap-Musik mache und seit etwa einem Jahr Schalke-Mucke. Ich habe einfach meine beiden größten Leidenschaften in Einklang gebracht und freue mich sehr, dass es doch ganz gut anzukommen scheint, unabhängig vom Alter oder Geschlecht.

SCHALKE UNSER:
Nun ist Hip-Hop ja nun nicht einfach nur irgendeine Musik, sondern vielmehr verkörpert es eine ganze Jugendkultur. Zu Hip-Hop gehört auch Graffiti, Lifestyle, Fashion. Was würdest du denn als Kontrast zu einer richtig schönen, klassischen Fan-Kutte sagen? Oder zu einem zünftigen ,,Blau und Weiß” mit Blaskapelle?

JOEL HONG:
Ich stand ja selbst noch Anfang der 90er Jahre mit Kutte im Parkstadion, auch zu Zweitligazeiten. Mit acht Jahren begann meine große Liebe zum S04. Ich bin ja ein Mischlingskind, meine Mutter kommt aus Korea, mein Vater aus Deutschland und meine deutschen Wurzeln liegen im Ruhrgebiet, somit wurde mir der Schalke-Virus quasi in die Wiege gelegt.

Mein Opa war selbst noch unter Tage und hat mir viel von der Mentalität mitgegeben. Mein erstes Erlebnis im Parkstadion kam dann allerdings mit meinem damals besten Kumpel und seinem Vater, die mich zum ersten Mal mit ins Stadion genommen haben. Die folgenden Jahre bin ich dann mit meinem Vater zusammen zu so vielen Spielen wie möglich mitgereist, zu Hause und auswärts. Die Kutte hat inzwischen ausgedient und ,,zünftige Blasmusik” ist nicht so sehr meins. Aber ich bin ja offen für alles, also wer weiß.

SCHALKE UNSER:
Die Texte auf deiner CD sprechen aus so mancher Schalker Fanseele. Unverschminkt, ehrlich und direkt. So disst du ja auch Manuel Neuer in deinem Song ,,Jetzt isser weg” nach einer Melodie der Fantastischen Vier für seinen unrühmlich Abgang gen Süden. Charlotte Roche nannte ihn gar einen ,,Verräter”.

JOEL HONG:
Der Song ,,Jetzt isser weg” entstand kurz nach dem ersten Spiel der Bayern in der Arena nach Neuers Abgang. Das war einfach so emotional für mich, dass ich mich direkt nach dem Spiel hingesetzt habe und den Song geschrieben habe. Die Melodie ist zwar nicht von den Fantastischen Vier, aber der Refrain ist an ihren Song ,,Jetzt ist sie weg” angelehnt. Ich fand es einfach passend, ein Bild zu malen, in dem Neuer alleine zuhause sitzt und sich fragt, ob das alles so richtig war, das, und vor allem wie, er uns verlassen hat.

Ich glaube, dass er weiß, dass er sehr viele Menschen enttäuscht hat und die Wut auf ihn sehr groß war und noch immer ist, zumindest teilweise. Eine solche Ikone, die mehr verkörpert hat als ,,nur” einen Fußballprofi, lässt man sehr ungern ziehen. Und wie das alles abgelaufen ist, war schon eine Farce und, aus meiner Sicht, unehrenhaft. Klar, Fußball ist ein Millionengeschäft und hat keinen Platz für Romantik, leider, aber von Neuer hatten sich alle Schalker, aufgrund seiner Vergangenheit und seines Auftretens als ,,Ober-Schalker”, mehr erhofft als von einem ,,normalen” Spieler.

SCHALKE UNSER:
Die CD enthält auch eine sehr schöne Hommage an Rudi Assauer.

JOEL HONG:
Vielen Dank! Der Song ,,Unvergessen” ist sicherlich einer der emotionalsten auf der Platte. Als ich von Rudis Erkrankung gehört hatte, musste ich mich sofort hinsetzen und das auf meine Art verarbeiten. Dann sah ich die Reportage ,,37 Grad” und war total schockiert, wie weit die Krankheit schon fortgeschritten war. Da ich selbst einige Demenzfälle in meiner Familie habe, weiß ich um die schrecklichen Ausmaße, die diese Krankheit haben kann. Als der Song fertig war, schickte ich ihn an Rudis Büro und so entstand der Kontakt. Rudis Sekretärin Frau Söldner fragte mich dann, ob sie den Song auf Rudis Homepage stellen dürfe, was ich selbstverständlich bejahte. Auch Rudi selbst hörte das Lied und ich bekam eine E-Mail, in der er mir sagte, wie sehr ihn mein Song berührt habe. Aber er meinte auch, dass ich lieber die Mannschaft unterstützen solle als ihn. Trotzdem hatte er sich sehr gefreut und Frau Söldner meinte, dass ihm das Lied doch sehr nahe gegangen sei.

SCHALKE UNSER:
Deine CD ,,Königsblau” wird auf dem ZYX-Label veröffentlicht, der Verein Schalke 04 zeigte auch zunächst Interesse.

JOEL HONG:
Das ist eine sehr lange Geschichte. Hier die Kurzversion: Es gab einige Labels, die Interesse an einer Veröffentlichung hatten, u.a. auch ZYX. Nach einigen Verhandlungsrunden waren wir uns auch mündlich einig, ,,Königsblau” zusammen zu veröffentlichen und mir wurde ein gutes Angebot gemacht. Plötzlich stand da aber auch der Verein, der Interesse hatte, ,,Königsblau” als offizielles Lizenzprodukt von Schalke 04 zu vertreiben. Da stand ich nun, eigentlich schon einig mit ZYX und dann kam Schalke. Es fiel mir wirklich sehr schwer, aber ich sagte ZYX ab und hatte vor, mit Schalke zusammenzuarbeiten. Ich meine, was kann es Größeres geben, als als erster Künstler jemals eine Lizenzplatte zu machen? Bisher gab es ja nur offizielle Compilations. Bis auf Vorstandsebene wurde diskutiert, ob Schalke das machen sollte oder nicht. Sie entschieden sich für ein ,,Ja”, und ich war überglücklich!

Dann kamen jedoch die ersten Vertragsdetails und ich musste hier und da etwas schlucken. Meine Musik würde in der bisherigen Form nicht mehr umzusetzen sein, da Schalke einige strikte Richtlinien hatte, die mich in meiner Freiheit und Kreativität eingeschränkt hätten. So gab es etwa die Klausel, dass ich keine ,,Personengruppen, Vereine oder Einzelpersonen diffamieren” dürfe. Das ist aus Vereinssicht 1904% korrekt und verständlich für mich, aber eben leider auch eine Einschränkung, mit der ich nicht wirklich klar kam. Ich hatte Angst, zu einem Maskottchen zu verkommen, das dem Verein in keiner Form kritisch gegenüber stehen kann und nur dafür da ist, ihn überspitzt gesagt zu lobpreisen und zu verherrlichen. Es gab auch noch einige andere Dinge, die für mich nicht in Frage kamen. Deshalb entschied ich mich dazu, dem Verein abzusagen und doch das ZYX-Angebot anzunehmen. Wäre meine CD als offizielles Lizenzprodukt im Katalog und im Shop erhältlich gewesen und hätte ich Rückendeckung vom Vorstand genossen, hätte ich sicherlich die Möglichkeit gehabt, das Dreifache an CDs zu verkaufen und deutlich mehr Geld zu verdienen. Aber darum geht es mir in keinster Weise. Ich will keinen großen Reibach machen mit der Musik. Ich will einfach meine Sicht auf Schalke, meine Emotionen ausleben. Viele Schalker schreiben und sagen mir, dass ich ihnen aus der ,,Seele” sprechen würde. Das ist mir viel mehr wert, als ein paar tausend CDs mehr zu verkaufen.

SCHALKE UNSER:
Youtube, Facebook, Google+, eigener Blog. Du nutzt quasi alle Kanäle des Web 2.0, um dich und deine Musik zu promoten. Wäre die Welt ohne Smartphone und Internet aus deiner Sicht heute ärmer?

JOEL HONG:
Puuh. Schwer zu sagen. Für mich und meine Musik ist das Web 2.0 auf jeden Fall eine Möglichkeit, meine Hörerschaft zu erreichen, aber vor allem auch mit ihnen im Austausch und Kontakt zu stehen.

Ich bin ja kein Star oder so’n Quatsch, der vergöttert werden will. Ich bin ein Schalker, wie Millionen andere auch, der halt gerne Musik macht.

So habe ich die Möglichkeit, mit anderen Schalkern zu kommunizieren und auch meine Musik zu verbreiten. Und ja, ich muss zugeben, ohne mein Smartphone verlasse ich nicht das Haus. Aber ärmer wäre die Welt sicherlich nicht ohne Smartphone, eher ohne meine Musik. Im Ernst, als ich aufgewachsen bin, gab es noch nicht mal Handys oder Computer und ich war trotzdem ein glückliches Kind mit einer spannenden Kindheit.

Heute ist die Welt einfach anders: vernetzter und technisierter. Meine Kids können mein Smartphone bereits bestens bedienen und wissen nicht mal mehr, was eine Kassette oder VHS ist. Trotzdem haben auch sie eine erfüllte Kindheit.

SCHALKE UNSER:
Wann können wir von dir den ersten Gangsta-Rap erwarten? Vielleicht ein Song über Jermaine Jones?

JOEL HONG:
Gangster-Rap ist so gar nicht meins. Für mich muss Musik immer auch eine Message rüberbringen und die Message des Gangster-Raps ist nicht das, was ich vermitteln möchte. Aber wenn der Jermaine mich überredet, wer weiß?

SCHALKE UNSER:
Joel, vielen Dank für das Gespräch. Glückauf und Hip-Hop-Hooray!