Attacke – Rennie räumt den Magen auf

Schalker Mitgliederversammlungen haben ihre eigene Tradition. Man kennt das: Bierselige Runden, in denen oft derjenige die meisten Stimmen auf sich vereint, der die markigsten Sprüche raushaut.

In den letzten Jahren ist dies quasi nicht mehr der Fall. Da wird sogar oft sehr nüchtern von den Aufsichtsratskandidaten vorgestellt, wie sie denn gedenken, ihr Amt auszufüllen. Da fallen dann meist Wörter wie Augenmaß, Kostentransparenz, soziale Verantwortung und ,,mehr auf die eigene Jugend setzen”. So weit, so gut. Oder auch nicht.

Umso erstaunter stellt man nämlich fest, dass diese Punkte später von den gewählten Aufsichtsräten bei ihren Entscheidungen nicht mehr ganz so beachtet werden. viagogo ist hier als Paradebeispiel zu nennen. Das Schalker Leitbild (,,Aus unserer Tradition als Bergarbeiterverein heraus bekennen wir uns zu unserer sozialen Verantwortung.”) muss schon massiv verbogen werden, um nach einem Ja zu dieser Kooperation noch in den Spiegel schauen zu können. Bei einer Aussprache Ende Januar auf Einladung des Schalker Fanclubverbands gaben vier Aufsichtsräte unumwunden zu, ,,große Bauchschmerzen” bei der Entscheidung pro viagogo gehabt zu haben.

Es ist offensichtlich, dass wir Fans die Zeche dieses Deals (seit wann reden wir eigentlich so über Verträge mit weitreichenden Konsequenzen?) bezahlen sollen. Selbst der vom Schalker Fanclubverband entsandte Aufsichtsrat und weitere dem Fanlager nahestehende Aufsichtsräte stimmten zu.

Warum? Ja, warum eigentlich? Naivität? Finanzielle Abhängigkeit? Überrumpelung durch das überraschende Vorgehen beim ,,Einstielen des Deals”? Vielleicht von allem etwas, vielleicht auch dies: Einmal gewählt, genießt ein Aufsichtsrat etliche Privilegien. La Ola Club, Sitzplatzkarten mit bester Sicht, Händeschütteln hier, Schulterklopfen da. Diese Nähe zur Prominenz möchte ein Aufsichtsrat nicht einfach so ,,verspielen”.

Menschen können sehr aggressiv auf Nestbeschmutzer reagieren. In der Psychologie nennt man das den ,,Black Sheep Effect”. Dieser besagt, dass Menschen dazu neigen, abweichende Mitglieder der eigenen Gruppe – schwarze Schafe also – negativ zu behandeln. Diese negative Behandlung kann sich in einfacher Abwertung äußern, aber auch durch Bestrafung oder gar Ausschluss aus der Gruppe.

Was lernen wir nun daraus? Aufsichtsräte sind auch nur Menschen. Ja, sicherlich, aber Aufsichtsräte sollten eben auch soviel Rückgrat besitzen, dass sie den Mut aufbringen, wichtige Themen kontrovers zu diskutieren, auch einmal Nein zu sagen und damit nicht Stimmvieh im Tönnies’schen Sinne zu sein.

Liebe Aufsichtsräte, die Bauchschmerzen werden noch schlimmer, wenn Ihr alles einfach so schluckt. Nehmt lieber eine Rennie-Tablette. Oder gleich 04!