Interview mit der Mike-Büskens-Kirche: ,,Was dem Hindu sein Ganges, ist uns das Gelsenwasser!”

(rk) Schon seit einiger Zeit findet man im Umfeld der Arena immer wieder Aufkleber und auch Transparente mit dem Kürzel ,,MBK”, das für die sogenannte ,,Mike-Büskens-Kirche” stehen soll. Doch was verbirgt sich dahinter? Ein eigener Fanclub, eine Ultras-Gruppe oder gar eine Geheimgesellschaft wie die Illuminati? SCHALKE UNSER sprach mit einigen Anhängern der Mike-Büskens-Kirche über die Hintergründe.

SCHALKE UNSER:
Ihr seid ,,Jünger” der Mike-Büskens-Kirche. Wie ist es zur Gründung dieser Kirche gekommen?

TOBI:
Wir, die drei Gründungsmitglieder Alex, Tom und ich, kannten uns schon vor der eigentlichen Gründung durch unser Studium in einer kreisfreien Stadt im östlichen Ruhrgebiet, nicht Bochum. Wir sind oft gemeinsam von dort zu Heim- und auch Auswärtsspielen gefahren und schauten regelmäßig die internationalen Auswärtsspiele in meiner WG. An dem Gründungsabend schauten wir gemeinsam das Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales gegen den FC Porto. Nachdem Schalke in seiner unnachahmlichen Art mal wieder nach einem gewonnen Hinspiel um das Ausscheiden in der K.O.-Phase bettelte, mussten unsere Knappen in eine nervenaufreibende Verlängerung. Wir versuchten uns von der Spannung des Spiels abzulenken, indem wir uns einerseits den doch sehr abenteuerlichen Formulierungen von Fritz von Thurn und Taxis lauschten wie zum Beispiel ,,Wie ein Zigeuner sieht er aus, der Lucho!” und andererseits, indem wir uns Geschichten und Anekdoten von unserem persönlichen Schalke erzählten.

TOM:
Mit der Zeit merkten wir, dass wir drei doch viele Gemeinsamkeiten in unserem Fanleben haben. Neben der Abneigung von Sprüchen à la Thurn und Taxis war es aber vielmehr das, was Schalke für uns bedeutet und wie wir zu dem Verein gekommen sind. Wir haben alle als Kinder unsere ersten Schritte auf Schalke Ende der 80er bis Mitte der 90er gemacht und diese einzigartige und besondere Atmosphäre im Parkstadion aufgesaugt. Das prägt bis heute unser Schalker Lebensgefühl.

ALEX:
Wir unterhielten uns über Schalker Spieler aus dieser Zeit, bis wir bemerkten, was der Mike eigentlich für ‘ne geile Sau ist. Seit 1992 auf Schalke, Mitglied der Eurofighter, seit jeher in Gelsenkirchen wohnhaft, bis heute eng verbunden mit dem Verein und vor allem immer ehrlich und menschlich. Natürlich bleiben auch Bilder im Kopf hängen, wie er, unserer Meinung nach, das schönste Tor der jüngeren Schalker Geschichte geschossen hat mit seinem Hammer von Brügge und dem nachfolgenden Torjubel!

OSSE:
Das war mehr als geil! Nicht so wie heutzutage Spieler mit Roboter-Scheiße und Eckfahnentänzchen.

SCHALKE UNSER:
… zurück zur Gründungsgeschichte bitte, Jungs!

TOBI:
Die Verlängerung von Porto wollte nicht enden. Mir fiel ein, dass ich noch ein altes Büskens- Trikot im Schrank hatte und war der felsenfesten Überzeugung, dass dies den nötigen Spiritismus entfalten könnte, um positive Signale vom heimischen Fernseher gen Porto zu senden.

ALEX:
Zu dem Zeitpunkt hatten wir drei auch schon das ein oder andere Veltins vernichtet und hingen vor Tobis Fernsehen, neben dem das Büskens-Trikot drapiert war, und sehnten das Ende der Verlängerung und das Elfmeterschießen herbei. Nach unglaublichen Jubelszenen nach Ende des Elfmeterschießens war für uns klar, dass nicht die Leistung unseres damaligen Torwarts ausschlaggebend war, sondern vielmehr die Magie, die von Buyos Trikot ausging.

SCHALKE UNSER:
In Argentinien ist Ende der 90er Jahre die ,,Iglesia Maradoniana – La Mano de D10S” gegründet worden, also die ,,Maradona-Kirche zu Ehren der Hand Gottes”, eine neureligiöse Bewegung mit Parodiecharakter. War die ,,Iglesia Maradoniana” Euer Vorbild bei der Gründung Eurer Bewegung?

TOM:
Nachdem weitere Veltins-Fläschchen getrunken wurden und wir noch lange nach Abpfiff auf unsere persönliche ,,Buyo-Erscheinung” anstießen, erzählte ich beiläufig von der Iglesia Maradoniana. Uns wurde klar, dass wenn ein Spieler wie Diego Maradona eine eigene Kirchengemeinde hat, muss der Mike auch eine haben! Das ist die Geburtsstunde der MBK. Ähnlich wie die Iglesia Maradoniana feiern wir an Buyos Geburtstag unser Weihnachtsfest.

SIMON:
Außerdem haben wir neben dem Weihnachtsfest noch weitere wichtige Feiertage. Wie in der christlichen Religion hat bei uns das Osterfest eine hohe Bedeutung. Jedoch feiern wir am 7. Juli unser Osterfest.

TOBI:
Stimmt, am 7. Juli 2011 hat sich Mike persönlich bei uns gemeldet. Ich kam auf der Jahreshauptversammlung vom FC Schalke ins Gespräch mit einem anderen Schalker, der sich für unser erstes Gruppenshirt mit dem Buyo-Kopf interessierte. Er versicherte mir glaubhaft, dass er Buyo persönlich kenne und war der Meinung, dass Mike die Idee mit seiner eigenen Kirche genauso geil finden würde wie wir es tun. Wir tauschten unsere Mail-Adressen aus, und tatsächlich erreichte mich wenig später eine Mail unseres ,,Gottes”.

OSSE:
Neben den ,,großen” Kirchenfesten haben wir noch weitere feste Termine in unserem streng organisierten Kirchenalltag. Das letzte Heimspiel wird traditionell als sogenannter Kreuzgang bestritten, bei dem wir uns unter Einfluss von reichlich sauerländischem Weihwasser die Saison Revue passieren lassen. Wir starten an dem Tag an der Schalker Meile und pilgern zu Fuß über das Fanprojekt zur Arena, wobei als fixer Punkt das Gelsenwasser-Bassin wichtig ist, indem wir uns rituell reinwaschen.

STEFFEN:
Was dem Hindu sein Ganges, ist uns das Gelsenwasser. Außerdem haben wir noch weitere MBK-Schutzheilige, die in einem sehr komplizierten und für den Laien unverständlichen Wahlsystem halbjährlich gewählt werden. Jedem gewählten Schutzheiligen wird ein bestimmter Tag im Kalender zugeteilt. Beispielsweise feiert die MBK am 12. März den Tag des Heiligen Jiri, da er an diesem Tag im Jahr 1995 beim legendären 6:2 gegen 1860 München sein erstes Bundesligator erzielte. Weitere Festtage sind bisher der Tag des Heiligen Yves und der Tag des Heiligen Youri. Auf diese Weise entwickelt sich Stück für Stück unser eigener MBK-Kalender, nach dem wir in Zukunft leben werden.

SCHALKE UNSER:
Die Maradona-Kirche besitzt nach eigenen Angaben etwa 40.000 Mitglieder weltweit, darunter auch Ronaldinho und Michael Owen. Wie viele Anhänger konntet Ihr bereits missionieren?

TOBI:
Prominente sind bis dato noch nicht dabei. Vielleicht sollten wir mal überlegen, unsere gewählten Schutzheiligen von ihrem Glück zu informieren. Die Anzahl der Mitglieder in unserer Kirche ist im Vergleich zu anderen Fan-Clubs oder Gruppen mit acht Leuten eher gering. Das ist jedoch darauf zurückzuführen, dass wir aus einem Freundeskreis entstanden sind und später Leute dazu gekommen sind, die man über eine oder mehrere Ecken persönlich schon kannte. Erst im Laufe dieser Saison ist Steffen der Passion Buyos erlegen und wurde feierlich in den Kirchenkreis aufgenommen.

STEFFEN:
Wobei ich sagen muss, dass wir uns schon ein wenig länger kannten durch den gemeinsamen Kampf für ,,Bier 2 Euro”! Es ist natürlich klasse, wenn man Leute kennenlernt, die total bekloppt sind wie man selbst und alle das Schalkersein genau gleich definieren. Es war natürlich für mich als MBK-Novize ein sehr schwieriger Weg, mich in die Gruppe hineinzudienen. Das habe ich nur mit einem unabdingbaren Willen für die Sache gezeigt … und viel Bier.

SCHALKE UNSER:
Aus welchem Umfeld rekrutieren sich denn Eure Gläubigen?

ALEX:
Generell ist erst einmal jeder Schalker nach unserer Auslegung ein Gläubiger der Heiligen Sache namens Schalke, ob er unserem Glauben Buyos folgt, steht auf einem anderen Blatt Papier. Wir sind Schalker zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig, da bilden die prägenden Parkstadionerlebnisse, das Drumherum, warum man Schalker ist und was für einen der Verein persönlich ausmacht eine gemeinsame Basis. Wie erwähnt, zählt in erster Linie der persönliche Kontakt und ob man sich leiden kann.

TOBI:
Ein näheres, klar definiertes räumliches Umfeld haben wir als Gruppe nicht. Der Großteil der Gruppe wohnt im Ruhrgebiet. Es sind aber auch Missionare ins Sauerland, nach Hamburg und Freiburg entsandt. Eine enge Verbundenheit haben wir als Gruppe mit dem Fan-Club ,,Unna 87″ sowie neuerdings mit den Traditionsveteranen. Vor und auch nach den Spielen sind wir meistens auf der Schalker Meile anzutreffen, hier sehr oft im Anno oder in den heißen Monaten am Fanprojekt an der GAK.

SCHALKE UNSER:
Und wie ist Eure Kirche strukturiert? Gibt es auch so etwas wie ein Kirchenoberhaupt?

TOM:
Die Mike-Büskens-Kirche ist aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte kein klassischer Fan-Club mit erstem und zweitem Vorsitzenden, Kassenwart und anderen Gremien. Wir sind ein Freundeskreis, so sind wir auch untereinander vernetzt, das macht die Struktur bei uns aus. Um natürlich nicht ganz unorganisiert daher zu kommen, hat jedes Mitglied innerhalb der Kirche einen Posten und ein zugeteiltes Aufgabengebiet. Zum Beispiel hat der MBK-Papst den direkten Draht zu Mike und hält die Kirchengemeinde auf dem Laufenden. Der Ministrant kümmert sich um das Weihwasser, der Organist macht die Musik und organisiert fleißig, der Inquisitor, nun ja …, was man halt in der Position so machen muss …

SCHALKE UNSER:
Die christliche Kirche etwa verkörpert Werte wie Friedfertigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Was ist Eure Mission?

TOBI:
Den höchsten Wert hat der Verein FC Schalke 04 für uns. Das, was den Verein ausmacht, hat somit einen besonderen Stellenwert. Der Verein lebt von seinen Fans. Erst vor kurzem hat sich der Verein ein eigenes Leitbild gegeben. Ein, meiner Meinung nach, geschickter Schachzug um Identität zu bilden und für die Anhängerschaft niederzuschreiben, um hieraus dann in einem weiteren Schritt ein passendes, plausibles, verkaufbares Image zu kreieren mit eigenem Slogan. Der Verein tut viel daran, dieses selbst zu konterkarieren. Es ist Zeit, dass sich die Schalker untereinander wieder solidarisieren. Zu Schalke 04 gehörte doch seit jeher die Toleranz der Fans untereinander. Wir sehen seit langem einen Riss innerhalb der Fanszene, der seinen unrühmlichen Höhepunkt beim Spiel gegen Frankfurt hatte, als Schalker anderen Schalkern das Schalkersein abgesprochen haben. Das hat uns zum Nachdenken gebracht und wir hoffen mit unseren geringen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, einen Teil dazu beizutragen, dass die Nordkurve und das gesamte Stadion wieder an einem Strang zieht. Jeder Schalker, sei er Kutte-, Trikotträger, Ultra´ oder der sich zu einer anderen Gruppe zugehörig fühlt, sollte andere Schalker und deren Schalkesein tolerieren, denn das Schalkersein muss im Vordergrund stehen. Unsere Mission ist somit, auf mehr Toleranz untereinander hinzuwirken für ein besseres Miteinander.

SCHALKE UNSER:
Was können wir denn in der nächsten Zeit noch von Euch erwarten, habt Ihr schon weitere Pläne?

OSSE:
Momentan läuft es sehr gut in der Gruppe, die Gruppendynamik stimmt und wir konnten gegen Fortuna Düsseldorf zum ersten Mal unsere Zaunfahne aufhängen. Am Anfang des Jahres haben wir uns auswärts in München getroffen. Da wir ja doch nicht alle im Ruhrgebiet beheimatet sind, versuchen wir uns immer mal wieder bei einem anderen Auswärtsspiel zu treffen oder unsere ausgesandten Missionare in ihrem Exil zu besuchen. Am letzten Spieltag steht deshalb noch eine Pilgerfahrt zu unserem Reverend nach Freiburg auf dem Zettel. Ich freue mich auch schon auf den Besuch meiner Gemeindemitglieder in der nächste Saison in Hamburg. Kurzfristig steht allerdings die Planung für den bevorstehenden Kreuzgang gegen Stuttgart auf der Agenda.

STEFFEN:
Langfristig haben wir jetzt unseren Standort im Stadion bei den Traditionsveteranen im I-Block gefunden. Der hoffentlich in den nächsten Jahren wieder so belebt und lebendig wird, wie er bis vor kurzem auch war. Die MBK wird auch zukünftig die aktuelle Entwicklung des Vereins, dessen Vereinspolitik und die Arbeit der Vereinsgremien kritisch betrachten und sich gegebenenfalls zu aktuellen Themen äußern wie es auch andere Gruppen auf Schalke tun. Ein gutes Beispiel ist momentan der Protest gegen den Viagogo-Deal, den wir auch aufgrund der zu erwartenden negativen Auswirkungen kritisch sehen.

SIMON:
Ferner kämpfen wir schon seit längerem für faire Bierpreise, ligaübergreifend und bundesweit. Diesen Kampf für ,,Bier 2 Euro” haben wir uns auf die Fahne geschrieben. Die Initiative von Fußballfans fordert die Einführung eines Bierpreises von 2 Euro bei gleichbleibender Ausschankmenge.

TOBI:
Hier, aber auch generell, sind wir gespannt, wie die Entwicklung der Gruppe vorangeht. Wir möchten uns an dieser Stelle aber auch noch gern beim SCHALKE UNSER und der Schalker Fan-Initiative einerseits für die Möglichkeit bedanken, uns vorzustellen, und andererseits, Euch auch für die unermüdliche Arbeit insbesondere gegen Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit danken. Kein Fußball dem Rassismus!

SCHALKE UNSER:
Jungs, vielen Dank für das interessante Interview. Wir wünschen viel Erfolg bei Eurer Mission. Amen und Glück Auf!