Interview mit Jürgen Roth – ,,Ich wünsche Ihnen viel Glück”

(rk) Seit 2007 ist Gazprom Trikotsponsor des FC Schalke 04, bis 2017 läuft der Kontrakt. Möglicherweise steht uns eine Ausweitung der Sponsorentätigkeit ins Haus. Gerüchten zufolge arbeite man an einer ,,weitergehenden strategischen Zusammenarbeit”. Beim Schalker Champions-League-Spiel in Basel wurde das Thema ,,Gazprom” von Greenpeace-Aktivisten erneut ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Für uns Grund genug, mit dem Journalisten und Gazprom-Kritiker Jürgen Roth zu sprechen.

SCHALKE UNSER:
Herr Roth, Sie gelten als Experte in Sachen Gazprom. In ihrem Buch ,,Gazprom ­ das unheimliche Imperium” greifen Sie den Konzern stark an. Was haben Sie gedacht, als der FC Schalke 04 vor gut sieben Jahren bekannt gab, dass der Gazprom-Konzern Trikotsponsor wird?

JÜRGEN ROTH:
Ganz ehrlich: Ich war entsetzt; entsetzt darüber, dass sich ein klassischer Arbeiterverein, wie es der FC Schalke 04 ist, von einem Konzern kaufen lässt, der in allen Bereichen als höchst dubios gilt. Für Gazprom bedeutet das Sponsoring auf Schalke natürlich einen Imagegewinn. Wobei uns eines klar sein muss: Fußball interessiert Gazprom im Prinzip einen Dreck. Das Interesse von Gazprom geht weit darüber hinaus, Sportvereine zu sponsern. Vielmehr geht es Gazprom darum, seine energiepolitischen Ziele umzusetzen. Mit dem Trikotsponsoring machen die Schalke-Fans, ob sie wollen oder nicht, Propaganda für ein totalitäres System in Russland. Die Fans werden dabei zum Spielball der Interessen von Gazprom und dem ,,lupenreinen Demokraten” Putin. Und das halte ich für ziemlich zynisch.

SCHALKE UNSER:
Was unterscheidet denn Gazprom dabei von anderen Energielieferanten?

JÜRGEN ROTH:
Gazprom lässt sich kaum mit anderen Energieunternehmen wie ,,Eon Ruhrgas” oder Vattenfall vergleichen, denn der Konzern handelt nicht ansatzweise nach ethischen Grundsätzen. Plakativ gesagt ist Gazprom die politische Waffe des Kreml-Systems und vor allen Dingen auch die wirtschaftliche Waffe.

Russland ist wahrscheinlich immer noch der korrupteste Staat in ganz Europa. Von daher unterscheidet sich der Konzern von allen anderen Öl- und Gas-Multis dieser Welt. Natürlich findet dort auch Korruption statt und die Aktionäre machen sich die Taschen voll. Nur der wesentliche Unterschied ist, dass diese in aller Regel in demokratischen Staaten beheimatet sind. Dort gibt es einen Rechtstaat und ein demokratisches System.

All das trifft auf Gazprom beziehungsweise Russland nicht zu. Auch von Pressefreiheit kann in Russland kaum mehr die Rede sein, wenn Gazprom ein Medium nach dem anderen aufkauft. Da kann man durchaus von imperialem Gehabe sprechen.

SCHALKE UNSER:
Das ist harter Tobak. Sie sagen auch, Gazprom sei für Sie das Synonym für Wirtschaftskriminalität und Steuerhinterziehung. Woran machen Sie denn fest, dass der russische Energieriese so böse ist?

JÜRGEN ROTH:
Das sind nicht nur einfache Behauptungen von mir, mir liegen viele Fakten und Beweise vor. Fangen wir mit den Beziehungen zwischen Gazprom und dem Top-Gangster Semjon Mogilevic an, der wegen räuberischer Erpressung und Betrugs per FBI-Haftbefehl gesucht wurde. Er gilt als der ,,Boss der Bosse” der russischen Mafia. Es gibt eindeutige Beweise, dass Mogilevic mit Gazprom-Tochterunternehmen gemeinsame Sache gemacht hat. Sergej Michailov, von europäischen Sicherheitsbehörden als Top-Gangster bezeichnet, wurde sogar von Gazprom gesponsert.

In Polen wurde der Zwischenhändler Aleksander Gudzowaty nachweislich mit dem Tode bedroht, bei Gazprom Deutschland arbeiten frühere Stasi-Mitarbeiter in Führungspositionen. Geschäftsführer Matthias Warnig war früher in der DDR-Handelsmission in Düsseldorf tätig und bekam für seine damaligen Verdienste von Stasi-Chef Mielke einen Orden. Hinzu gesellt sich als Chef der Gazprom Germania Hans-Joachim Gornig, den die DDR einst mit dem ,,Vaterländischen Verdienstorden in Bronze” auszeichnete. Zudem liegen mir Geldwäscheverdachtsanzeigen des Deutschen Zolls vor. Kuriere, die für Tochtergesellschaften von Gazprom tätig waren, haben laut Zollunterlagen unter anderem in der Schweiz Millionen US-Dollar deponiert. Nach mündlichen Aussagen der Schweizer Bundesanwaltschaft mir gegenüber soll ein früheres Vorstandsmitglied von Gazprom mindestens zwei Milliarden US-Dollar beiseite geschafft haben.

Gazprom ist auch das einzige Energieunternehmen der Welt, das über einen eigenen militärischen Sicherheitsdienst verfügt. Das ist im Prinzip eine Art Söldnertruppe, die etwa die Gas-Pipelines vor terroristischen Anschlägen schützen soll. Das militärische Eingreifen hat sich Gazprom dabei sogar von der russischen Duma genehmigen lassen. Bislang nur für das russische Staatsgebiet, aber generell ist die Truppe so ausgestattet, dass sie auch in anderen Ländern eingreifen kann.

SCHALKE UNSER:
Apropos Pipeline. Hier hat ja auch unser ehemaliger Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Finger im Spiel gehabt, der auch den Kontakt zwischen Putin und Tönnies seinerzeit herstellte.

JÜRGEN ROTH:
Gerhard Schröder wurde von Putin für die Funktion bei ,,North Stream” auserwählt, der Gazprom-Tochtergesellschaft, die sich für das Projekt der Ostsee-Pipeline verantwortlich zeigt. Gazprom legte so großen Wert auf den Bau einer Pipeline-Verbindung durch die Ostsee, weil man damit den Transitländern das einzige Faustpfand nehmen konnte, über das sie verfügten, um sich gegen die Preis-Diktate von Gazprom zu wehren.

Die Europäer hatten dies erkannt und planten mit der Nabucco-Pipeline eine Leitung quer durch Österreich, Rumänien, Bulgarien und der Türkei, um Erdgas aus der Region um das Kaspische Meer nach Europa zu leiten. Die Nabucco-Pipeline wurde massiv von Gazprom torpediert. Der bulgarische Ministerpräsident wurde von Putin unter Druck gesetzt: Wenn er weiterhin die Nabucco-Pipeline unterstütze, werde seine Bevölkerung einen sehr harten Winter erleben. Putin hat Gazprom immer wieder instrumentalisiert, um unliebsame Nachbarn durch Gaspreiserhöhungen politisch unter Druck zu setzen, etwa Weißrussland, Polen und die Ukraine. Als ich sagte, der Kreml setze Gazprom als wirtschaftliche Waffe ein, meinte ich genau dies damit.

Gazprom ist der größte Energiekonzern der Welt, er verfügt gleichzeitig über unglaubliche Macht. Entsprechend verhält sich das Unternehmen: Gazprom handelt erpresserisch ­ etwa, wenn wegen der orangenen Revolution der Ukraine den Gashahn zugedreht wird. Oder im Fall Georgien, wo man auf einmal den Gaspreis um 100 Prozent erhöht.

Schröder hat sich da – genau wie der ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau – einfach verkauft, man könnte auch sagen, politisch-ethisch prostituiert. Es kann ja aus meiner Sicht nicht sein, dass ein Sozialdemokrat und ehemaliger Bundeskanzler in einem Konzern arbeitet, der ein undemokratisches und korruptes System stabilisiert. Schröder sagt ja immer noch, dass Wladimir Putin ein lupenreiner Demokrat sei.

SCHALKE UNSER:
Gazprom ist einer der wichtigste Player auf dem deutschen Energiemarkt. Wird auch Deutschland durch den wachsenden Einfluss des Gas-Giganten erpressbar?

JÜRGEN ROTH:
Das ist eines der großen Probleme, denn es gibt keine Instanz, die das wirklich aufhalten kann. Wir werden erpressbar, sobald eine deutsche Regierung mit Putins Politik aus irgendeinem Grund nicht zufrieden ist oder es massive Interessenskonflikte geben sollte. Insofern können wir uns auf ,,Realpolitik” gefasst machen. Wir werden öfter in den sauren Apfel beißen müssen, auch wenn das Verhältnis zwischen Merkel und Putin nicht annähernd so eng ist wie das zwischen Schröder und dem Kreml-Chef.

Gazprom pflegt engste Verbindungen zu den deutschen Konzernen – egal ob Eon, Wintershall oder RWE und zu den deutschen Top-Managern. Gazprom versucht, direkt bis zum Endverbraucher vorzudringen und die gesamte Lieferkette abzudecken. Das hat Monopolcharakter und die Preise können entsprechend diktiert werden. Deutschland bezieht 47 Prozent des Gasimports aus Russland, in einigen osteuropäischen Ländern sind es bis zu 100 Prozent. Und wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass bei solchen Geschäften, in denen es um Milliarden geht, auch immer wieder Bestechungen vorkommen.

SCHALKE UNSER:
Beim Champions League-Spiel in Basel haben sich Greenpeace-Aktivisten vom Stadiondach abgeseilt und ein Protest-Transparent entrollt, mit dem sie Gazprom, dem Sponsor von Schalke und der Champions League, für die geplanten Ölbohrungen in der Arktis die rote Karte zeigten.

JÜRGEN ROTH:
Solche Aktionen sind couragierte Versuche, auf die Hintergründe der Machenschaften des Gazprom-Konzerns aufmerksam zu machen. Andere Mittel gibt es anscheinend nicht mehr.

Zum Hintergrund: Gazprom will im kommenden Jahr in der Petschorasee als erster Ölkonzern der Welt die Ölvorkommen nördlich der arktischen Eisgrenze kommerziell ausbeuten.

Ölbohrungen in der Arktis sind aber hochriskant. Die Bohrinsel erfüllt anscheinend nur geringe Sicherheitsstandards, die den hohen Anforderungen wie Temperaturen unter minus 50 Grad Celsius, heftige Stürme und während der Wintermonate langer Dunkelphasen nicht gerecht werden.

Greenpeace macht also nur darauf aufmerksam, dass hier möglicherweise katastrophale Umweltschäden etwa durch einen Unfall auf der Bohrinsel drohen.

SCHALKE UNSER:
Greenpeace selbst sagt: ,,Mit jeder Bohrung steigt das Risiko eines Unfalls. Die Frage ist nicht ob, sondern wann es zu einem verheerenden Ölunfall in der Arktis kommen wird.”

JÜRGEN ROTH:
Auch hier zeigt sich Gazprom zynisch. Ausgerechnet die Energiekonzerne, die für die alarmierende Entwicklung des Abschmelzens der Polkappen hauptverantwortlich sind, wollen nun davon profitieren – und das Weltklima weiter anheizen. Die 30 Aktivisten der ,,Arctic Sunrise”, die in internationalen Gewässern friedlich gegen Gazproms Ölbohrpläne in der Arktis demonstriert hatten, sind vom FSB, also der Nachfolgeorganisation des KGB, festgenommen worden. Der Vorwurf lautete Piraterie. Das ist nicht anderes als Terror gegen jene, die auf ein riesiges Problem aufmerksam machen.

SCHALKE UNSER:
Gazprom sponsert neben Schalke 04 auch die Champions League sowie die Fußballclubs Zenit St. Petersburg und Roter Stern Belgrad. Daneben gibt es etliche Aktivitäten im Volleyball, Tischtennis, Segeln, Radsport und im Minardi-Team der Formel 1. Betreibt Gazprom hier wirklich nur reine Imagewerbung oder will man auch hier mehr und mehr Einfluss gewinnen?

JÜRGEN ROTH:
Grundsätzlich glaube ich, dass Gazprom und Putin in allererster Linie ihre energie- und wirtschaftspolitischen Ziele verfolgen. Um Einfluss im Fußballsport oder in der Formel 1 geht es dabei nur nebensächlich. Gazprom will und kann sich so ein sauberes Image erkaufen. Und auch wenn die Millionen für Schalke viel Geld sind, für Gazprom sind das Peanuts.

SCHALKE UNSER:
Schalke legitimierte seinerzeit den Deal mit der Begründung, Gazprom sei Hauptsponsor ohne Mitspracherecht im Verein. Ein Vertreter von Gazprom, Sergej Kuprijanov, ist in den Aufsichtsrat kooptiert worden. Er besitzt allerdings dort kein Stimmrecht. Machen sich die Klub-Verantwortlichen trotzdem etwas vor?

JÜRGEN ROTH:
Es wäre das erste Mal, dass russische Investoren ihr Geld ausschließlich für reine Werbung investieren, sozusagen aus Liebe zum Fußball. Was Schalke macht, birgt das große Risiko, dass sich politische und wirtschaftliche Interessen des Kreml im Klub festsetzen und die sich wie ein heimtückischer Virus ausbreiten können.

SCHALKE UNSER:
Was empfehlen Sie uns Schalke-Fans denn nun?

JÜRGEN ROTH:
Ich kann Ihnen eigentlich nur viel Glück wünschen und vielleicht den Mut wie Greenpeace zeigen, indem sie demonstrieren, nichts mit dem undemokratischen System Putin zu tun haben wollen. Viel unternehmen können Sie ansonsten im Prinzip nicht. Leider regiert Geld die Welt und nicht das ethische Verhalten.

SCHALKE UNSER:
Herr Roth, das sind zwar trostlose Aussichten, dennoch vielen Dank für das Interview und bleiben Sie gesund. Glückauf!

Jürgen Roth, geboren 1945 in Frankfurt am Main, gilt als einer der führenden investigativen Journalisten in Deutschland. Seit 1971 veröffentlicht er brisante TV-Dokumentationen und erfolgreiche Bücher. Seine Publikationen handeln schwerpunktmäßig über Wirtschaftskriminalität, mafiöse Strukturen, illegale deutsche Waffengeschäfte und ihre internationalen Verflechtungen sowie Korruption und Willkür in der deutschen Justiz. Jürgen Roth betreibt zudem den Blog mafialand.de. Roth gilt als ,,streitbarer” und ,,wegen seiner Polemik auch umstrittener Journalist”, so die Berliner Zeitung am 9. Juli 2009. Er geriet wegen seiner Publikationen auch immer wieder in die Kritik und ihm wird vorgeworfen, dass sich von ihm verbreitete Behauptungen als unhaltbar erwiesen oder er sie nicht genügend nachweisen könne. Roth verlor in diesem Zusammenhang auch einige Gerichtsverfahren.
(Quelle: Wikipedia)