Sehschwäche auf dem rechten Auge

SPD-Innenminster Ralf Jäger findet Nazis in Stadien gar nicht so schlimm

(axt) Im Allgemeinen stellten aber nicht die Rechtsextremisten, sondern die Gewalttäter das Problem des deutschen Fußballs dar, verkündete NRW-Polizeiminister Ralf Jäger im Innenausschuss.

Im Protokoll der Sitzung vom 21. November 2013 finden wir Jäger zitiert: ,,Rechtsextremisten im Stadion dürfe man niemals verniedlichen, aber auch nicht überinterpretieren. Etwa 2 % der Stadionbesucher seien gewaltgeneigt oder gewaltsuchend. Setze man diese 2 % auf 100, lasse sich davon ein einstelliger Prozentsatz dem rechtsextremen Lager zuordnen. Ultraszene und rechtsextremistische Szene überlappten sich demnach relativ wenig.”

Woher er diese Zahlen hat, bleibt sein Geheimnis, denn die Zentrale Informationsstelle Sport (ZIS), formerly known as ,,Datei Gewalttäter Sport”, kommt zu einem anderen Schluss und sieht einen Anstieg ,,an rechtsmotiviertem Verhalten” in ihrem Jahresbericht: ,,An 16 Standorten (Vorjahr 13) der beiden Bundesligen ist nach Einschätzung der zuständigen Polizeibehörden von einer teilweisen personellen Überschneidung der jeweiligen Fußballszenen mit den rechten Szenen auszugehen. Hierbei handelt es sich um 5 (Vorjahr 5) Bundesligastandorte mit zusammen 100 (Vorjahr 133) der rechten Szene zuzurechnenden Personen der Kategorien B und C und um 11 (Vorjahr 8 ) Zweitligastandorte mit zusammen 332 (Vorjahr 245) Personen. Saisonale Schwankungen hängen insbesondere mit dem Auf- und Abstieg von Vereinen zusammen, die in unterschiedlichem Ausmaß von solchen Anhängern betroffen sind. Wie auch in den Vorjahren liegt der Anteil des rechtsmotivierten Potenzials in den gewaltbereiten Szenen beider Bundesligen mit aktuell 4,1 (Vorjahr: 3,3) weiterhin unter fünf Prozent.”

Die Nazis kehren zurück

Die Dunkelziffer, so sagen es Staatsschützer aus dem Ruhrgebiet, dürfte deutlich höher liegen, schildert Spiegel-Journalist Rafael Buschmann. ,,Fanbeauftragte aus Dortmund, Braunschweig, Aachen, Frankfurt oder Düsseldorf berichten, dass Hooligans, die bereits in den neunziger Jahren aktiv waren, wieder in den Fankurven Präsenz zeigen.”

,,So gingen etwa immer wieder Hunderte Hooligans am Rande von Fußballspielen mit Gewalt auf Polizeibeamte los – geplant und gut organisiert”, sagte Oberstaatsanwalt Jürgen Schär, der den Prozess gegen die Hooligans Elbflorenz führte, der ,,Sächsischen Zeitung”. ,,Wir stellten dabei fest, dass darunter auch zunehmend gewaltbereite Rechtsextremisten waren. Offenbar nutzen sie die Hooliganauseinandersetzungen als Training. Seitdem wir rechtsextremistische Kameradschaften intensiv verfolgen, tummeln sich die Mitglieder in anderen Zusammenhängen wie den Hooligans oder den freien Kameradschaften. Für uns ist es schwieriger geworden, sie zu fassen.”

Der Politikwissenschaftler und Journalist Christoph Ruf, der durch sein Buch ,,In der NPD – Reisen in die National Befreite Zone” bekannt wurde, sieht Dortmund ,,als neue Hauptstadt der rechten Bewegung”, wie er im ,,Spiegel” schreibt: ,,Auch der ehemalige Nazi-Barde ,Flex’ Benneckenstein zog irgendwann nach Dortmund. ,Ich glaubte, dass man noch einen Krieg braucht, eine Revolution, um Deutschland und Europa zu befreien. Uns war klar, dass die nicht von Deutschland ausgehen würde, eher von Ländern wie Ungarn oder Griechenland mit starken NS-Szenen. Hier würde es dann aber Truppen brauchen, die bereit sind’, sagt der Mittzwanziger. Truppen wie die Autonomen Nationalisten, die ,politischen Soldaten’ des neuen ,NS-Staates’, deren deutsches Hauptquartier in Dortmund liegt.”

In Dortmund-Dorstfeld hätten die Autonomen Nationalisten gleich mehrere Wohnungen angemietet. ,,In Dorstfeld hat ,Flex’ immer wieder erlebt, wie rechte Ultras aus allen Landesteilen, schon lange bevor ihr Team im Pott spielte, anreisten, um sich ein paar aufbauende Tage in der nationalsozialistischen Wärmestube zu gönnen.”

Ein Flyer gegen Nazis

Bei Ralf Jäger liest sich das so: ,,Ein gutes Gegenbeispiel biete der BVB, der, nachdem es infolge des Verbots der Kameradschaft Dortmund in zwei Spielen Sympathiebekundungen aus der Ultraszene gegeben habe, sehr konsequent vorgegangen sei und für die eigene Ultraszene einen Flyer herausgegeben habe, aus dem hervorgehe, welcher Symbole sich die Rechten bedienten und welche Kleidung sie trügen, um der Ultraszene die Identifikation von Rechten in den eigenen Reihen zu erleichtern. Das zeige, dass auch ein Verein selbst viel tun könne.” Als ob die Ultras nicht selbst wüssten, was ein rechtes Symbol ist und was nicht.

Denn es wird auch wieder braune Farbe bekannt. Es gebe 30 Prozent häufiger Verfahren wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, so die ZIS – und verharmlost: ,,Nachdem sich die Anzahl der Straftaten gem. § 86a StGB in der Spielzeit 2008/09 von insgesamt 134 Verfahren innerhalb von zwei Jahren auf 74 in der Saison 2010/11 nahezu halbiert hatte, war in der Saison 2011/12 eine Zunahme um ca. 30 Prozent auf 97 Verfahren zu verzeichnen. Selbst der im Berichtszeitraum festzustellende Anstieg auf 103 Verfahren ist insbesondere unter Berücksichtigung der Gesamtanzahl der betrachteten Spiele weiterhin ein Indiz dafür, dass in den deutschen Fußballstadien strafbewehrte, rechtsmotivierte Handlungen nur in sehr geringer Anzahl festzustellen sind.”

Polizeiminister Jäger kommt zum Schluss: ,,Im Allgemeinen stellten aber nicht die Rechtsextremisten, sondern die Gewalttäter das Problem des deutschen Fußballs dar.”

Die Rechten, die dürfen darum weiter vom Innenministerium ungestört die Kurven erobern.