Canellas‘ 2. Akt

Nur sieben Wochen nach den spektakulären Urteilen des DFB-Sportgerichts gegen Canellas, Manglitz, Patzke und Wild begann die Berufungsverhandlung vor dem Bundesgericht in fast gemütlicher Atmosphäre. Keine Zuschauermenge vor der Frankfurter Zeppelinallee 77, kaum Andrang im Sitzungssaal, und einige der Akteure waren sogar zu spät aus den Federn gekommen. Canellas präsentierte den Staranwalt Dr. Josef Augstein, den Bruder des „Spiegel“-Augsteins, als seinen Verteidiger. Dieser eröffnete seinen Auftritt mit einem neuen Knüller: „Wir haben konkrete Beweise, dass der Bielefelder 1:0-Sieg in Berlin am letzten Spieltag der vergangenen Saison für 250.000 Mark gekauft worden ist. Initiatoren waren Jürgen Neumann und Bielefelds Vorstandsmitglied Wilhelm Pieper.“ Aber Jürgen Neumann war seinerseits aus dem Verein Arminia Bielefeld ausgetreten und somit vom DFB-Gericht kaum mehr haftbar zu machen.

Das DFB-Gericht unter der Leitung von Dr. Rückert ließ sich davon nur wenig beeindrucken, vielmehr wurde der Antrag, das Verfahren gegen Canellas auszusetzen, abgelehnt. Zudem wurde Dr. Augstein gar nicht erst als Rechtsanwalt zugelassen, da er keinem Verein des DFB angehörte. So folgte dem überraschenden Erscheinen des Dr. Augstein der ebenso schnelle Abgang.

Das Urteil: Canellas wurde weiterhin die Fähigkeit, ein Amt im Verein, im Verband oder im DFB zu bekleiden, auf Lebenszeit abgesprochen. Nach der Verhandlung soll Canellas übrigens sein zur Berühmtheit gelangtes Tonbandgerät verkauft haben. Canellas letzte Chance waren die Zivilgerichte, er stellte sich auf einen langen Kampf ein.

Das blau-weiße Hoch

Vor dem nächsten Spiel der Königsblauen gegen Bremen lud Mannschaftsbetreuer Ede Lichterfeld die Mannschaft zum Wildschweinessen ein. „Das hat die Mannschaft ganz wild gemacht“, begründete Ivica Horvat später den 2:0-Erfolg (Tore von Rüssmann und Sobieray) gegen Werder.

Fortuna Düsseldorfs Fans mussten sich um ihre Eintrittskarten Gedanken machen, denn Schalke sollte mit 5000 Fans in den Flinger Broich kommen. Die blieben aber lange still, denn erst in der Schlussphase konnte sich Schalke den 2:0-Sieg sichern. Bedauerlich, dass Rüssmann kurz vor dem Abpfiff die Rote Karte sah; er soll den Schiedsrichter Walter Eschweiler „Drecksau“ genannt haben. Rüssmann stritt alles ab, musste sich aber dennoch vor einem Sportgericht verantworten und wurde schließlich für vier Spiele gesperrt.

Der Schalker Höhenflug hielt an. Am folgenden Spieltag machten die Schalker ihrem Vizepräsidenten Heinrich „Onkel Heini“ Orzewalla mit einem 4:0-Sieg gegen Hertha BSC Berlin das wohl schönste Geburtstagsgeschenk. Einem torlosen Remis in Braunschweig folgte wiederum ein 4:0-Erfolg (drei Tore von Klaus Fischer), diesmal gegen Oberhausen. Doch nun musste sich Schalke einer echten Bewährungsprobe unterziehen. Es ging zum Bökelberg, wo die Gladbacher gerade den „Büchsenwurf gegen Boninsegna“ zu verarbeiten hatten. Hier hatte ein Gladbacher Fan beim Europapokalspiel gegen Inter den Mailänder mit einer Cola-Dose getroffen. Gladbach gewann zwar sein Heimspiel mit 7:1, musste jedoch wegen des Dosenwurfs ein Wiederholungsspiel auf (fast) neutralem Platz in Berlin in Kauf nehmen und schied am Ende doch noch aus. Beim amtierenden Deutschen Meister geriet Schalke mit 0:7 unter die Räder.

Tröstende Gesänge der zahlreich mitgereisten Schalke-Fans bauten die Mannschaft wieder auf. Das hatte sie auch bitter nötig, denn Schalke verlor nicht nur das Spiel, sondern auch die Tabellenspitze an Bayern München.

Das Lügenkartenhaus

Währenddessen wurde vor dem DFB-Sportgericht der Fall „Rot-Weiß Oberhausen“ verhandelt. Im Mittelpunkt stand der Vorwurf, der 4:2-Sieg Oberhausens in Köln am 22. Mai sei vom damaligen Kölner Torhüter Manglitz für einen Betrag zwischen 22.000 und 30.000 Mark gekauft worden. Kindermann hatte auch hier lebenslange Sperren gegen den Präsidenten Peter Maaßen und Trainer Ady Preißler gefordert. Doch RWO kam noch einmal mit einem blauen Auge davon, weil „Chefankläger“ Kindermann den Hauptbelastungszeugen Peter-Georg Friesdorf selbst als „Hyäne des Fußballs“ und „alles andere als glaubwürdig“ bezeichnete.

Bei der Verhandlung gegen Patzke, Wild und Neumann geriet Arminia Bielefeld immer mehr unter Druck. Der Verein selbst war zwar in diesem Verfahren noch nicht angeklagt, doch Hans Kindermann hielt alle Trümpfe in der Hand.

Der Vertagungsantrag der Bielefelder Verteidigung erwies sich als perfekter Bumerang: Ein Neumann-Verteidiger erschien gar nicht, der andere räumte mit seinem Mandanten fluchtartig das Feld, als der Bielefelder Kaufmann Rupert Schreiner als Kronzeuge aufmarschierte. Bis zuletzt leugneten die Schuldigen den Vorwurf, den Bielefelder 1:0-Sieg in Berlin für 250.000 Mark manipuliert zu haben. Neumann gab lediglich zu, für 45.000 Mark das Bielefelder 1:0 über Stuttgart „gekauft“ zu haben. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann das Lügenkartenhaus der Arminen zusammenbrechen sollte.

Der DFB-Kontrollausschuss ermittelte weiter und filzte die Bielefelder Geschäftsstelle. Dabei entdeckte man einen Buchungsbeleg über 40.000 Mark, auf dem stand: „Anteil Spielervermittler Holland“. Und mit Bleistift war darauf geschrieben: „FC Schalke 04″. Eine Unterschrift fehlte. Nun geriet alles außer Kontrolle, und Schalke war wieder mittendrin. Oskar Siebert: „Schließlich kann jeder mit einem Bleistift irgendeinen Vereinsnamen darauf schreiben. Das ist für uns kein Beweis. Wir haben eine saubere Weste. Speziell zum Spiel gegen Bielefeld hatten wir die Kabinen hermetisch abgeriegelt, um allen Eventualitäten vorzubeugen. Und Aki Lütkebohmert hat zweimal aus 20 Metern die Latte getroffen, das kann kein Spieler, wenn er kein Tor schießen will. Sollte sich jedoch gegen einen unserer Spieler auch nur der geringste Beweis ergeben, wird er sofort ausgeschlossen. Aber noch warten wir auf Beweise aus Bielefeld.“

Die Schalker Mannschaft spielte zunächst unbekümmert weiter. Nach der 0:7-Klatsche in Gladbach fing sich die Mannschaft wieder und gewann gegen Kaiserslautern mit 3:0 (Scheer, Lütkebohmert, Erwin Kremers). Pikant wurde es aber beim nächsten Spiel, Schalke musste auf die ausverkaufte Bielefelder Alm und war am Ende froh über einen Punkt.

Ausverkauft war aber auch bereits das traditionelle Winterfest des FC Schalke 04 am 19. November im Hans-Sachs-Haus. Die Winterfeste waren immer ein ganz besonderes gesellschaftliches Ereignis, und diesmal gab es auch ein dementsprechend erlesenes Programm: Peggy March und Roberto Blanco sowie Tänzerinnen aus dem Pariser Lido sollten für ausgelassene Stimmung sorgen. Ein besonderer Clou der Tombola war ein Zentner Hafer, gespendet vom Traber-Champion Willi Roth, der hoffte, dass ihn die Traberfreunde Klaus Fichtel, Ede Lichterfeld, Norbert Nigbur, Heinz Aldenhoven oder der Kegelclub „Lecker drin“ für ihre Pferde gewinnen.

Für ganz andere Stimmung im Schalker Lager sorgte nun der ehemalige Arminen-Spieler Jürgen Neumann, der zum Kronzeugen in den Bundesligaskandal-Verhandlungen avancierte. Neumann sagte aus, dass alle Schalker am 17. April in der Glückauf-Kampfbahn Geld kassiert hätten. Der Ex-Schalker Waldemar Slomiany sei der Überbringer und Klaus Senger der Empfänger der 40.000 Mark Bestechungsgeld gewesen. Schalkes Rechtsanwalt Walter Becker erklärte: „Wir haben unsere Spieler noch einmal befragt, diesmal einzeln, ob sie Geld genommen haben. Libuda, Fichtel, van Haaren, Lütkebohmert, Rüssmann, Sobieray und Fischer haben sämtlich verneint. Obwohl ich sie auf die Folgen einer Unwahrheit aufmerksam gemacht habe, sind alle Spieler bereit, die bereits unserem Vorstand gegebene eidesstattliche Versicherung auch beim Landgericht in Essen zu machen.“ Schalke hatte sich die Vernehmungsprotokolle von Slomiany und Senger (nun bereits bei Fortuna Düsseldorf) zukommen lassen, sie hatten ausgesagt, dass sie beide weder Geld übergeben noch angenommen hätten.

Der zweite Vorsitzende Heinrich Orzewalla (in seinen Schalker Jahren ein Schützling von Orzewalla) sagte: „Vor unserem Spiel gegen Kaiserslautern beteuerte Waldi: ‚Onkel Heini, Du kannst mir glauben, ich schwöre, dass ich kein Geld überbracht habe‘.“ Das Mitglied des Verwaltungsrates, der Alt-Internationale Berni Klodt, erklärte: „Wir glauben unseren Spielern.“ Die beschuldigten Schalker Lizenzspieler erhoben sogleich Anklage gegen Jürgen Neumann wegen Verleumdung.

Unglaublich, wie die junge Schalker Mannschaft das ganze Gerede von verschobenen Spielen wegsteckte: Mit 4:1 fegte sie den vom ehemaligen Schalker Hermann Eppenhoff trainierten VfL Bochum vom Platz. Nicht zu stoppen war an diesem Tag Aki Lütkebohmert, der das Spiel unermüdlich aus dem Mittelfeld ankurbelte. Schalkes Stadionsprecher legte nach dem Abpfiff eine künstliche Pause ein, bevor er das Ergebnis aus Frankfurt bekannt gab. Dann kannten die Schalker Anhänger kein Halten mehr: Bayern hatte im Waldstadion verloren und Schalke somit die Tabellenspitze zurück erobert. In Stuttgart lieferte Schalke dann sein bis dato bestes Auswärtsspiel ab. Libuda nahm eine neue Rolle ein und spielte erstmals etwas zurückgezogen. In der Halbzeitpause meinte Günter Siebert: „Unsere Jungs spielen so abgeklärt und geschickt aus der Abwehr heraus, dass ich an einen Punkt glaube.“ Am Ende waren es sogar zwei.

Unaufhörlich rasselten in der Geschäftsstelle die Telefone. Hans Hörstermann und seine Mitarbeiterinnen Margot Stelter und Frau Erdmann konnten nur, bald restlos am Boden zerstört, monoton wiederholen: „Nein, für das Spiel gegen Bayern München sind keine Karten mehr vorhanden! Es ist zwecklos, ohne Karte nach Schalke zu kommen.“ Siebert und seine Vorstandskollegen bedauerten sehr, dass dieses Schlagerspiel noch nicht in dem im Bau befindlichen 70.000 Leute fassenden Parkstadion ausgetragen werden konnte. Aber zunächst stand das Pokal-Hinspiel gegen Hertha BSC Berlin an. Auch das gewann Schalke – trotz einer miserablen Schiedsrichterleistung – mit 3:1.

Endstation Sehnsucht

Vor dem „Spiel der Superlative“ gegen die Bayern fehlten Norbert Nigbur, Klaus Fichtel und Stan Nigbur, Klaus Fichtel und Stan Libuda beim Mittwoch-Training. Sie wurden in Frankfurt vom Kontrollausschuss in „Sachen Bielefeld“ vernommen. Nigbur lachte vor der Abfahrt: „Ich weiß gar nicht, was ich dort soll. Bei der fraglichen 0:1-Niederlage gegen Arminia Bielefeld befand ich mich mit einem Meniskusschaden in Hellersen.“ Nigbur war es dann auch, der im entscheidenden Spiel um die Herbstmeisterschaft zum Spieler des Tages wurde. Strahlend stand er nach dem Spiel unter der warmen Dusche und konnte sich kaum noch der vielen Glückwünsche erwehren. Noch vor dem Spiel hatte er erklärt: „Ein Tor werden die Bayern-Stürmer wohl machen.“

Das 1:0 für Schalke war am Ende sein Verdienst. 18:0 Punkte und drei Gegentore in neun Heimspielen: Schalke war Herbstmeister. Günter Siebert, der das Spiel bereits im Vorfeld als „Endstation Sehnsucht“ bezeichnete, war überglücklich: „Das ist für mich neben dem Endspiel 1958 in Hannover das größte Erlebnis meiner sportlichen Laufbahn.“

Als dann alles vorbei war, vergoss Siebert still ein paar Tränen. Schalke wurde nun zum Gejagten und bekam dies bereits beim DFB-Pokal-Rückspiel in Berlin, dem letzten Spiel vor der Winterpause, zu spüren. Mit 3:0 gewannen die Berliner und wären somit eine Runde weiter gewesen. Aber sie machten dabei einen entscheidenden Fehler: Hertha setzte den Ungarn Zoltan Varga ein, den das Sportgericht und im Berufungsverfahren das DFB-Bundesgericht wegen angeblicher Manipulationen um das Bundesligaspiel Hertha BSC gegen Arminia Bielefeld (0:1) in eine Vorsperre genommen hatte. Das Landgericht Berlin erließ gegen dieses Sporturteil eine einstweilige Verfügung. Nach einer Aussprache im Vorstand von Hertha, der auch Trainer Helmut „Fifi“ Kronsbein beiwohnte, entschloss sich der Verein, den DFB-seitig gesperrten Varga einzusetzen.

Hertha BSC ging also aufs Ganze und versuchte, die Sportgerichtsbarkeit des DFB matt zu setzen. Doch Hertha kam damit am Ende nicht durch. Erst im Januar 1972 annullierte das DFB-Sportgericht das DFB-Rückspiel infolge unberechtigten Mitwirkens des gesperrten Zoltan Varga und wertete das Spiel mit 2:0 für Schalke. Schalke 04 stand damit trotz der 0:3-Niederlage in der zweiten Runde des DFB-Pokals.