Meister und Kohlekrise

Die Jahreszahl 1958 steht auf den Schalke-Wimpeln für die bisher letzte errungene Meisterschaft. Das Jahr 1958 steht aber auch für den Beginn der Kohlekrise. Durch das Vordringen billiger Kohle aus Amerika und wegen der Umstellung auf das günstigere Erdöl kam es zur Absatzkrise; 40 Mio. Tonnen lagen bereits 1959 auf Halde. Erste Zechen mussten stillgelegt werden, das gesamte Revier bekam dies zu spüren. In den kommenden dreißig Jahren wurden über hundert Zechen stillgelegt. In Gelsenkirchen wurde 1959 die erste Feierschicht gefahren. Nicht nur auf Schalke waren die Zechen immer weniger in der Lage, als Sponsor des Vereins aufzutreten. Immer mehr nahmen die Funktionsträger der Städte die Rolle der Zechenvertreter ein.

100 Meter in 11 Sekunden

Auch bei Schalke war dies der Fall. Seit 1958 war mit Dr. Georg König der Stadtkämmerer Vereinsvorsitzender des FC Schalke 04. Dr. König war ein sehr geschätzter und einsichtiger Mann, dem man es durchaus zutraute, Schalke in eine gute Zukunft zu führen. Außerdem war er selbst alter aktiver Sportler, guter und begeisterter Handball- und Fußballspieler und zu seiner Zeit ein talentierter Leichtathlet (als 17-jähriger lief er die 100 Meter in 11,0 Sek.). Als dem Oberleutnant der Fallschirmtruppe bei der Ardennenoffensive allerdings ein Unterschenkel abgerissen wurde, waren weitere sportlichen Träume ausgeträumt. Bei seiner Wahl zu Schalkes Vorsitzenden gab es Schwierigkeiten, da er selbst gar nicht anwesend war. Man hatte ihn durch eine Panne gar nicht benachrichtigt. Manch einem Schalker war sicher weh ums Herz geworden, als er einsehen musste, dass niemand aus dem eigenen Verein das Zeug hatte, den Klub in die Zukunft zu führen.

„Lang genug Wiener Schnitzel gefressen“

Trotz des neuen Mannes an der Vereinsspitze konnte Schalke sportlich das Niveau der Meistersaison nicht halten. Hansi Krämer, zeitweise als Nationalspieler im Gespräch, ging zurück nach Duisburg. Zwar kam mit Hans Nowak (ursprünglich Nowaschebski) von Eintracht Gelsenkirchen auch ein späterer Nationalspieler hinzu, aber am Ende der Saison 1958/59 stand Schalke auf einem enttäuschenden elften Platz. Der Österreicher Edi Frühwirt, der erste Schalker Trainer, bei dem die Psychologie eine Rolle spielte, wurde wegen Erfolglosigkeit gefeuert. „Wir haben lange genug Wiener Schnitzel gefressen“, soll Ernst Kuzorra gesagt haben. In seiner Doppelfunktion als Vorsitzender des Vereins und Kommunalbeamter musste König dafür sorgen, dass Schalke 04 der Stadt in vorzüglicher Verfassung erhalten blieb. Die Zeiten, in denen die Königsblauen unter Szepan und Kuzorra dem kleinen Mann durch die Erfolge der Mannschaft eine Art ideeller sozialer Befreiung von den Alltagssorgen gab, waren aber vorbei.

Die gemeinsame Überwindung der Nazi-Zeit, des Krieges und der Kriegsfolgen hatte dem Wirtschaftswunder Platz gemacht, Hunger und Not waren überstanden – doch Schalke war schließlich Gelsenkirchens Aushängeschild geworden. Die Stadt hatte mit dem Verein Schalke 04 ihre einzige Fremdenattraktion. Das gilt im übrigen auch noch heute uneingeschränkt. Schalke 04 musste also, koste es was es wolle, mit seiner Tradition als Basis kommender Leistungen erhalten bleiben. Im Augenblick aber war die Mannschaft wieder mal im Umbau. Hermann Eppenhoff, Walter Zwickhofer, Paul Matzkowski, die das Rückgrat der Schalker Nachkriegself bildeten, waren längst abgetreten. Berni Klodt, inzwischen weit über dreißig, wollte und konnte nicht mehr. Er hatte inzwischen eine Wirtschaft am Schalker Markt übernommen, die für die Spieler und Schalker Anhänger ein Ersatz für „Mutter Thiemeyer“ wurde.

Im Doppelpack

Wenn die anstehenden Aufgaben gelöst werden sollten, dann musste Dr. König im trüben Teich des deutschen Fußballs mitfischen. Und er fischte mit. Zunächst war da in Wattenscheid, im unmittelbar an Gelsenkirchen grenzenden Vorort Günnigfeld, ein Amateur-Nationalspieler namens Willy Schulz aufgetaucht. Dr. König erfuhr, dass der damalige BVB­Trainer Max Merkel, oft genug in der elterlichen Kneipe von Willy Schulz verkehrte. Also bot er 25.000 Mark, 5.000 mehr als die Borussia, und Willy Schulz unterschrieb bei den Königsblauen. Dass aus diesem schlaksigen, leicht o-beinigen Kicker später „Worldcup-Willy“ wurde, konnte damals noch niemand ahnen.

Der zweite Streich ging um den Karlsruher Herrmann, ein ausgezeichneter Sturmführer, ein Reißertyp mit großer Übersicht. Da er aber für die vom DFB gestattete Ablösesumme von 50.000 Mark nicht zu bekommen war, ging man auf Schalke einen neuen Weg. Man erfand das „Kopplungsgeschäft“, das heißt, man bezahlte für zwei Stürmer und wollte nur einen. Mit Herrmann übernahm man den Durchschnittsspieler Lambert und bezahlte für den „Doppelpack“ 100000 Mark. Dieser Coup löste einen ungeheuren Wirbel aus. Er verstieß zwar nicht gegen die DFB­Statuten , wurde aber dennoch als eine glatte Schiebung angesehen. Der DFB bestrafte Schalke später dafür auch mit einem Abzug von vier Punkten, war aber gezwungen, die Strafe in der Berufung wieder zurückzunehmen. Ähnlichen Wirbel gab es um den Aschaffenburger Stopper Horst, um dem sich etliche weitere Vereine bemühten. Als er endlich bei Schalke unterschrieben hatte, versteckte man ihn, bis der Termin der Ablösemöglichkeiten verstrichen war. Schalke mimte den Unschuldigen.