Einfach mal eine Lampe umnieten

Die beiden Fan-Magazine SCHALKE UNSER und der ÜBERSTEIGER bringen zum Pokalspiel bei St. Pauli ein Gemeinschaftsfanzine heraus. St. Pauli? Schalke? Da war doch was? Klar, sicher: Helmut Schulte war bei beiden Vereinen Trainer.

SCHALKE UNSER:

Helmut, heute bist du wieder zurück auf Schalke. Als was eigentlich? Was sind deine Aufgaben?

HELMUT SCHULTE:

Meine offizielle Berufsbezeichnung lautet: Sportlicher Leiter der Nachwuchsabteilung. Ich habe die Gesamtverantwortung für die Ausbildung von 210 Spielern in 13 Mannschaften von der Amateurmannschaft U23 bis zu den Mini-Kickern U6. Zudem kümmere ich mich um die Koordination des Scoutings (Beobachtung und Auswahl von neuen Spielern) für Jugend, Amateure und Profis. Sehr viel Zeit verbringe ich damit, Fußballspiele und Fußballspieler zu beobachten. Und das macht mir großen Spaß.

SCHALKE UNSER:

Gibt es denn immer noch Kontakte nach St. Pauli?

Cover Sonderausgabe St. Pauli
SCHALKE UNSER – Sonderausgabe St. Pauli

HELMUT SCHULTE:

Den letzten intensiven Kontakt mit dem FC St. Pauli hatte ich im letzten Jahr, als ich beim Rückwärtsfahren mit meinem Auto vor der Geschäftsstelle eine Lampe umgenietet habe. In dem Zusammenhang wurde ich dann ja auch drei Stunden lang von der Polizei als Fahrerflüchtling gesucht. Zum Glück konnte ich die Sache schnell aufklären. Aber ernsthaft: Ab und zu telefoniere ich mal mit Dietmar Demuth, Frau Schnell ,Peter Paulick und einigen Spielern. Wenn ich mal in Hamburg bin, versuche ich, mindestens einen Abend auf dem Kiez zu sein.

SCHALKE UNSER:

So im Rückblick: Wo hat’s mehr Spaß gemacht – auf Schalke oder bei St. Pauli?

HELMUT SCHULTE:

Meine persönliche „Was hat mehr Spaß gemacht“-Rangliste sieht so aus:

1.Platz: St.Pauli als Trainer ’88-91 – Das war wie im Paradies.

2.Platz: Schalke als Trainer ’93 – Eine Wahsinnserfahrung.

3.Platz: Schalke als Nachwuchs-Chef – Die Arbeit mit Jugendlichen macht richtig Spaß.

4.Platz: St.Pauli als Manager ’96-98 – Da herrscht Entscheidungs-Paralyse.

SCHALKE UNSER:

Was sind denn die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Vereinen?

HELMUT SCHULTE:

Zuerst die Gemeinsamkeiten: Beide Clubs sind immer interessant, unabhängig von Erfolg und Misserfolg. Die Beziehung zwischen Fans, Sympathisanten, Zuschauern und dem jeweiligen Verein ist außergewöhnlich. Zu den Unterschieden: Bei Schalke 04 ist alles zwei Nummern größer, wichtiger und aufgeregter. Zudem ist der Verein Schalke 04 zur Zeit wesentlich professioneller geführt. Aber zum Glück hat sich ja auch bei St. Pauli etwas getan in der Richtung.

SCHALKE UNSER:

Beide Vereine haben schon ziemlich verrückte Fans. Was war das, was dir am meisten von den Fans in Erinnerung geblieben ist?

HELMUT SCHULTE:

In Schalke das Transparent als Antwort auf das Bochumer „Unabsteigbar“ – die Antwort zu meiner Zeit als Trainer „UnUEFA-Cupbar“. Und in St.Pauli das Gespür und die Bereitschaft der Fans, die Mannschaft zu unterstützen, wenn es hundsmiserabel lief. Das habe ich so noch auf keinem anderen Fußballplatz erlebt. Und ich kenne verdammt schon ’ne Menge Grounds.

SCHALKE UNSER:

Die Schalker Fan-Initiative (Herausgeber des SCHALKE UNSER) hat damals (1992), als du Schalker Trainer warst, als Reaktion auf den Brandanschlag in Solingen eine große Flugblattaktion gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus gestartet. Die Fans von St. Pauli unternehmen ebenfalls sehr viel in dieser Richtung. Wie siehst du heute die Entwicklung der Ausländerfeindlichkeit im Fußball?

HELMUT SCHULTE:

Zum Glück hat sich ja hauptsächlich durch die Eigeninitiative der Fans die Situation gebessert. Aber wir müssen trotzdem alle an dem Thema dranbleiben. Kürzlich habe ich noch mit Sammy Sane über alte Zeiten gesprochen. Der wurde ja einmal im Volksparkstadion übel beleidigt – und hat mit zwei blitzsauberen Toren geantwortet. Drei Wochen später wurde er am Millerntor von den St. Pauli Fans mehr angefeuert als unsere eigenen Spieler.

SCHALKE UNSER:

Damals hatte sich die gesamte Schalker Mannschaft am Flugblatt und auch sogar beim Verteilen beteiligt. In letzter Zeit machen sich die Profis in solchen Dingen eher rar. Ist der Profi von heute vielleicht nicht mehr so sensibilisiert für die alltäglichen Probleme?

HELMUT SCHULTE:

Natürlich hat in den letzten Jahren eine Entwicklung stattgefunden – und nicht nur zum Positiven. Ich habe ja mal scherzhaft gesagt: Das einzige Problem im Fußball sind die Spieler. Wenn wir die abschaffen könnten, wäre Alles gut. Aber im Ernst: Damals wie heute gibt es Spieler, die sich für gewisse Probleme echt interessieren – aber auch welche, denen die Problematik am Hintern vorbeigeht.

SCHALKE UNSER:

Deine Trainerzeit auf Schalke fiel in die Ära „Eichberg“. Schon mal wieder was von ihm gehört? Was war das für ein Typ?

HELMUT SCHULTE:

Von Günter Eichberg habe seit meiner Entlassung nix mehr gehört, außer was so in den Medien zu lesen war. Ich kann persönlich nichts Negatives über ihn sagen. Ein Typ, der polarisiert. Lustig war es, mit ihm jedenfalls immer. Kalter Wein hat auch nie gefehlt. Ein Lebemann. Was da im wirtschaftlichen Bereich abgelaufen ist, weiß ich nicht.

SCHALKE UNSER:

Der FC Schalke 04 hat eine grausame Pokalbilanz, oft ist bereits in den ersten Runden Endstation. Gibt es da irgendeine Erklärung für?

HELMUT SCHULTE:

Das wissen, wenn überhaupt, nur die Götter. Oder vielleicht noch Rudi Assauer.

SCHALKE UNSER:

Was tippst du im Pokalspiel?

HELMUT SCHULTE:

5:5 nach Verlängerung (wg. maximalem Millerntorfeeling)

15:14 nach Elfmeterschiessen Für wen? Siehe vorherige Antwort.

SCHALKE UNSER:

Vielen Dank für das Interview, alles Gute und Glückauf.

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