„Manche Bundesligavereine haben ein gestörtes Verhältnis zu kritischer Berichterstattung“

(axt) Auch wir sind Presse – aber manchmal wundern wir uns doch sehr über die Berichterstattung in den Medien und glauben, dass professionell anders geht. Und auch die Arbeit gewisser Pressestellen hinterlässt uns gelegentlich konsterniert. Zeit also, jemanden zu fragen, der weiß, wie journalistische Profis arbeiten sollten: Michael Konken, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes.

SCHALKE UNSER:

Die Berichterstattung stellt Fußballfans ja seit längerem nur noch als Gewalttäter dar, sogar als „Taliban des Fußballs“. Was glaubst du: Ist das ein Spiegelbild der Realität?

MICHAEL KONKEN:

Die Situation in den Stadien ist schon besorgniserregend. Vorsicht ist geboten, dass die Informationen über Ausschreitungen nicht zu Sensationsberichten ausschweifen. Ein sachlicher Umgang ist wichtig, alles andere ist der Sache nicht dienlich. Die Medien müssen aber das Thema intensiv und kritisch begleiten.

Cover SCHALKE UNSER 83
SCHALKE UNSER 83

SCHALKE UNSER:

Was ist der Grund dafür, dass die Recherche nachlässt? Sind Redakteure schlechter qualifiziert als früher?

MICHAEL KONKEN:

Journalisten sind heute durchweg so hoch qualifiziert wie nie zuvor. Aber ihnen steht leider immer weniger Zeit für Recherchen zur Verfügung.

SCHALKE UNSER:

Ist der Druck der Verlage, auf jeden Fall Auflage zu produzieren, vielleicht auch ein Faktor?

MICHAEL KONKEN:

Druck machen die Verlage durch ihre Personaleinsparungen auf Kosten der Journalisten.

SCHALKE UNSER:

Oft vergessen Journalisten, dass auch Polizeipressemitteilungen interessengeleitet sind: Die Polizei steht unter einem Rechtfertigungsdruck. Darf man die Mitteilungen von Behörden ungeprüft übernehmen, ohne seine journalistische Sorgfaltspflicht zu verletzten?

MICHAEL KONKEN:

Pressemitteilungen sind Informationen, die recherchiert werden müssen. Sie dürfen nicht ungeprüft übernommen werden. Fakten können aber mit Quellenangabe übernommen werden, wenn es keine anderen Quellen gibt. Eigene Recherchen sind aber unverzichtbar.

SCHALKE UNSER:

Die Zeitungen versuchen auf Twitter Leser zu gewinnen – aber irgendwie haben wir das Gefühl, dass journalistische Standards hier nicht mehr gelten. Gerüchte werden als Fakten serviert, Hauptsache, schnell, Hauptsache, so viel Skandal wie möglich. Können und dürfen Verlage journalistische Standards hier einfach aufweichen, weil die Meldungen nicht auf Papier gedruckt sind?

MICHAEL KONKEN:

Journalistische Standards müssen auch auf Twitter gelten, wenn die Tweets von Journalisten stammen. Aber mit 140 Zeichen lässt sich nun mal keine Geschichte erzählen. Das kann immer nur ein Anriss sein.

SCHALKE UNSER:

Könnte man sich in solchen Fällen an den Presserat wenden?

MICHAEL KONKEN:

Nein, für Tweets ist der Presserat nicht zuständig. Das hielte ich auch für überzogen.

SCHALKE UNSER:

Was kann man machen, um eine Korrektur zu erreichen? Selbst die dpa hat sich nicht zur Korrektur herabgelassen.

MICHAEL KONKEN:

Es bleiben die presserechtlichen Möglichkeiten.

SCHALKE UNSER:

Genügt es der journalistischen Sorgfaltspflicht, dpa-Meldungen zu übernehmen?

MICHAEL KONKEN:

Die dpa ist eine seriöse Nachrichtenagentur, auf deren Arbeit die Medien angewiesen sind.

SCHALKE UNSER:

Gerne wird der Herr Wendt zitiert – über dessen Hintergrund macht sich kaum jemand Gedanken, auch nicht darüber, dass er als Polizeigewerkschaftler um Mitglieder ringt. Wir empfinden dessen Stellungnahmen oft unkritisch zitiert.

MICHAEL KONKEN:

Ich bitte um Verständnis, dass ich mich zu Detailfragen nicht äußern kann. Dazu fehlt mir der nötige Hintergrund.

SCHALKE UNSER:

Als die Polizei in die Schalker Nordkurve während des Champions League-Spiels gegen Paok marschiert ist, hat sie einem unserer Autoren das Handy aus der Hand geschlagen, mit dem dieser gefilmt hat- nicht zufällig, landete der Schlagstock erst auf dem Arm, der die Kamera schützte, und dann auf dem, der die Kamera hielt. Auch von anderen Fußballfans wird berichtet, dass die Polizei entweder die Kamera aus der Hand schlägt oder die Zeugen zwingt, ihre Aufnahmen zu löschen. Nach dem Einsatz der Polizei auf Schalke in der Nordkurve wurden außerdem die Wohnungen von Zeugen durchsucht – darunter ein Fotograf, dessen „Vergehen“ darin bestand, Aufnahmen von diesem Einsatz gemacht zu haben. Ist die Pressefreiheit in Gefahr?

MICHAEL KONKEN:

Solche Vorfälle müssen überprüft werden. Ein überzogenes Vorgehen der Polizei gegen Journalisten wäre nicht zu akzeptieren.

SCHALKE UNSER:

Ein Punkt ist sicher, dass die „andere Seite“, vor allem die Ultra-Bewegungen, oft nicht mit Journalisten spricht. Wir haben dafür ein gewisses Verständnis: Wer immer als Gewalttäter dargestellt wird, mag einfach nicht mehr mit genau den gleichen Journalisten sprechen. Hilfreich ist es sicher nicht. Wie lässt sich so ein Teufelskreis durchbrechen?

MICHAEL KONKEN:

Dafür habe ich kein Verständnis. Gewalttäter müssen von den Journalisten auch als Gewalttäter bezeichnet werden. Oder sollen die Medien in ihrer Berichterstattung verharmlosen, damit sie von den Ultras Informationen bekommen?

SCHALKE UNSER:

Selbst die Vereine sind mittlerweile angenervt. So musste sich unser Spieler Annan mit absurden Vorwürfen auseinandersetzen – Grundlage für die, nennen wir es, „Recherche“, war eine schlampige Google-Übersetzung. Ist „Googeln“ das neue „Recherchieren“?

MICHAEL KONKEN:

Nein, Googeln ersetzt nicht Recherche, ist aber ein Teil davon.

SCHALKE UNSER:

Der Verein reagiert mit Misstrauen: Bei allen Interviews mit der Presse sitzt ein Mitarbeiter der Pressestelle daneben und schneidet das Interview mit. Wir empfinden dieses Verhalten als ziemlich seltsam.

MICHAEL KONKEN:

Ich auch. Manche Bundesligavereine haben ein gestörtes Verhältnis zu kritischer Berichterstattung.

SCHALKE UNSER:

Nachdem das ZDF entschieden hat, drei Mal ausschließlich den Lokalrivalen BxB zu zeigen, hat Horst Heldt allen Mitarbeitern verboten, dem ZDF nach dem Bundesligaspiel gegen Stuttgart Interviews zu geben. Was sagt das über die Einstellung der Vereinsverantwortlichen gegenüber der Presse?

MICHAEL KONKEN:

Keine Interviews zu geben, ist eher ein kommunikativer Offenbarungseid der Vereine, die professionell arbeiten, in diesen Fällen aber amateurhaft reagieren.

SCHALKE UNSER:

Vielen Dank für das Interview. Glückauf!

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