Grätschen und Schwalben

(rk) Die Mitgliederversammlung des FC Schalke 04 ist seit jeher ein Highlight. In diesem Jahr gab es aber gleich mehrere Tiefpunkte. Und die Kritik richtet sich dabei nicht ausschließlich an die Vereinsführung, sondern explizit auch an Teile der Mitglieder.

Die Tagesordnung der Mitgliederversammlung wird vom Vorstand festgelegt und diese „Regie“ hat durchaus auch größeren Einfluss auf den Verlauf der Versammlung. Diesmal sollte zunächst über die Satzungsänderungsanträge abgestimmt werden, danach sollten die Wahlen zum Aufsichtsrat erfolgen. Vom eigentlichen Ablauf wäre es sinnvoller und in anderen Vereinen üblich, zunächst die Berichte der Gremien zu hören und dann die Aussprache darüber zu führen. Genau so wurde dies auch von einem Mitglied beantragt und der Antrag wurde mehrheitlich angenommen.

Danach entstand zunächst Konfusion, bis man endlich Klarheit hatte, dass nicht nur die Aussprache, sondern auch die Berichte der Gremien nach vorn gezogen werden sollen. Eigentlich eine Binsenweisheit, denn über was sollte die Aussprache geführt werden, wenn nicht über die Berichte?

Bericht des Vorstands

Alex Jobst berichtete aus seinem Ressort ausführlich und gestand auch ganz klar einen eigenen Fehler ein (Abschaffung der Tagestickets), der bekanntlich zeitnah korrigiert wurde. Christian Heidel konnte sicher keine Erfolgsstory berichten, dafür war in der vergangenen Saison sportlich einfach zu viel schief gelaufen.

Der Bericht des Finanzvorstands Peter Peters zeigte allerdings wenig Inhaltliches. Ein paar Diagramme zur Umsatz- und Mitgliederentwicklung, das war’s. Stattdessen füllte er „seinen“ Bericht mit einem Traditions-Werbefilm, um dann Fritz Unkel und Mike Büskens in die Ehrenkabine zu berufen. Das ist ja alles ganz nett, hat aber doch in einem Bericht des Finanzvorstands wenig zu suchen. Die drängende Frage, ob und wie der FC Schalke 04 eine weitere Saison ohne internationales Geschäft verkraften könnte, wurde überhaupt nicht unterfüttert. Mögliche Konsequenzen bleiben im Nebel der Ehrenkabine verborgen.

Aussprache über die Berichte

Die Qualität der Redebeiträge seitens der Mitglieder glich bisweilen den Halbzeit-Auftritten in der Böklunder-Box. Grundsätzlich ist dies zwar schon die Gelegenheit für die Mitglieder, Fragen an die Verantwortlichen zu stellen, wenn diese aber so aussehen, dass danach gefragt wird, ob Christian Heidel schon die CD mit den Schalke-Songs gehört hätte, die man ihm letztes Jahr überreicht hat, oder warum die Eckbälle nicht ankommen, dann wird die Aussprache zur Farce.

Es sind 10.000 Mitglieder in der Arena. Es darf daher nicht zuviel verlangt sein, dass sich die Mitglieder mit Redebeiträgen etwas mehr Disziplin aneignen und Fragen zur Sache – sprich: zu den Berichten – stellen und auch ihre Redezeit einhalten.

Hier wäre sicher auch mal der Versammlungsleiter gefragt gewesen, um diese Disziplin anzumahnen. Vielleicht kommt man dann auch dazu, dass die gestellten gehaltvollen Fragen auf der Versammlung – und nicht im Nachgang per Mitgliedermail – beantwortet werden.

Cover SCHALKE UNSER 91
SCHALKE UNSER 91

„Machtgrätsche“ des Aufsichtsratsvorsitzenden

Einen Bericht des Aufsichtsrats gab es nur in schriftlicher Form in der Broschüre zur Mitgliederversammlung. Nach der Aussprache über die Berichte schob Clemens Tönnies allerdings ohne Antrag auf Änderung der Geschäftsordnung einen neuen Tagesordnungspunkt ein: persönliche Darstellung der Situation im Aufsichtsrat und implizite Wahlempfehlung. Auf dem Fußballfeld würde dies vermutlich unter „grob unsportlich“ laufen und vom Schiedsrichter – wenn er es denn gesehen hätte – geahndet werden. Doch auf der Mitgliederversammlung lief das Spiel einfach weiter. Und der Gefoulte hatte so keine Chance mehr, ins Spiel zurück zu kommen. Am Ende gewannen die beiden Kandidaten Uwe Kemmer und Prof. Dr. Stefan Gesenhues die Wahl in den Aufsichtsrat mit deutlichem Vorsprung.

Satzungsänderung Wahlausschuss

Die Satzungsänderung selbst kam nicht zur Abstimmung. Allen war klar, dass der Antrag keine Chance auf eine Zweidrittel-Mehrheit haben kann. Und so ließ Clemens Tönnies nach kurzer Beratschlagung auf der Bühne nur darüber abstimmen, ob man über den Antrag abstimmen lassen sollte.

Dies konnte man schnell auf der Bühne beschließen, obwohl doch einige der mehr als zwanzig Antragsteller teils gar nicht vor Ort gewesen waren: Volker Stuckmann etwa, früheres Mitglied des Ehrenrats und frisch gewähltes Mitglied des Ehrenpräsidiums, war nicht in der Arena. Bei der offenen Abstimmung streckte sich kaum ein Finger in die Höhe. Das Ding ist durch und wird wohl erst wieder dann hochgeholt, wenn man nochmal größeren Wirbel benötigt.

Wahlen zum Wahlausschuss

23 Kandidaten für 8 Posten. Das ist für alle – für die Mitglieder und auch für die Kandidaten – sicherlich eine harte Probe für die eigene Konzentration. Dass aber der Versammlungsleiter kurzerhand darüber abstimmen lässt, die Redezeit zu halbieren, empfanden nicht nur viele Kandidaten als unzumutbar. Die meisten von ihnen haben sich intensiv auf ihre Rede vorbereitet, den Redetext so hingebogen, dass man in drei Minuten alles rüberbringt.

Und dann muss das hoppladihopp auf die Hälfte gekürzt werden. In die Lage der Kandidaten hat sich wohl niemand derer versetzt, die sofort nach einer Sekunde Zeitüberschreitung gepfiffen oder ihre Schwalben von der Gegentribüne geworfen und abgefeiert haben? Überhaupt ergibt sich in Anbetracht dieser Reaktionen die Frage, warum diese Mitglieder überhaupt zur Versammlung kommen. Hoffen Sie auf Autogramme, Selfies mit den Spielern oder doch nur auf Ticket-Voucher? Der eigentliche Sinn des obersten Vereinsorgans, eben der Mitgliederversammlung, trat in den Hintergrund.

Unverständlich bleibt auch, dass keine Fotos und Filmaufnahmen von der Mitgliederversammlung gemacht werden dürfen. Es hält sich in Zeiten der Smartphones sowieso niemand daran. Und wenn sich Spieler, Trainerteam und sonstige „Promis“ bereitwillig für gemeinsame Selfie-Fotos zur Verfügung stellen, auch die Presse ihre eigenen Fotografen mitbringt, dann darf man doch am Sinn dieses Verbots zweifeln.

Noch ein paar Worte zu den Ehrungen: Die sogenannte „Eichberg-Welle“ geht jetzt erst los. Es waren diesmal schon weit mehr als 1000 Mitglieder, die seit 25 Jahren im Verein sind. In den nächsten Jahren werden es 5000 werden. Schon jetzt standen die Jubilare mehr in den Warteschlangen zum Einlass und zum Buffet, als dass sie tatsächlich etwas von ihrer Ehrung gehabt hätten. Man wird hier einen anderen Rahmen für die Ehrungen finden müssen.

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