Keine Liebesgrüße aus Moskau

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SCHALKE UNSER 93

(rk / axt) Der FC Schalke 04 eröffnet am 22. März auf Wunsch von Gazprom die neue Arena des russischen Zweitligisten FK Baltika Kaliningrad, die auch WM-Stadion sein wird. In Russland. Ausgerechnet.

Russland ist nun einmal Russland, und damit ein Land, in dem Menschenrechte systematisch abgebaut werden. Und Gazprom ist willfähriger Helfer, wenn es um politisch mehr als nur umstrittene Aktionen geht. Russland hält 50 Prozent plus eine Aktie an dem Unternehmen und scheut auch nicht davor zurück, mit dem Gasexport in andere Länder weitere politische Forderungen zu verfolgen und insbesondere die Nachbarländer Weißrussland und Ukraine unter Druck zu setzen.

Auch dieses “Testspiel” zeigt: Wenn Putin mit den Fingern schnippt, dann hüpft Gazprom. Die Formulierung “auf Wunsch” lässt dabei offen, ob die Begegnung Teil des Sponsorvertrags ist. Aber auch wenn nicht: Wer kann schon einen Wunsch seines Hauptsponsors abschlagen.

Seit 2007 ist Gazprom Hauptsponsor von Schalke 04. Gazprom mischt sich nicht in die inneren Angelegenheiten unseres Vereins ein – bis jetzt. Gazprom zahlt artig die üppigen Sponsorengelder. Gazprom tut dies aber nicht, um uns einen Gefallen zu tun. Gazprom verspricht sich etwas davon: ein sauberes Image. 

Gazprom ist das weltweit größte Erdgasförderunternehmen, das unter vielen Gesichtspunkten als hochkritisch anzusehen ist: Korruption, gigantische Bereicherung von Einzelpersonen, Bohrungen in der Arktis mit der Gefahr einer Umweltkatastrophe in der Petschorasee. Greenpeace sagt zu Letzterem: „In einer Kooperation mit Shell sollen in Zukunft noch weitere Ölvorkommen in der russischen Arktis ausgebeutet werden. Bezeichnend für die Offshore-Ölprojekte von Gazprom sind Verzögerungen, Missachtung von Sicherheitsstandards und mangelhafte Notfallpläne.“ 

Die in Bau befindliche Pipeline von Russland durch die Ostsee nach Deutschland, genannt Nord Stream 2, läuft auch an Kaliningrad vorbei und ist politisch hochumstritten. Gazprom betreibt in Kaliningrad ein Heizkraftwerk sowie ein Terminal zur sogenannten Regasifizierung von Flüssiggas. In Kaliningrad hat der Konzern zudem den ersten Gasspeicher in Salzkavernen in Betrieb genommen, der bis zu 261 Millionen Kubikmeter Gas speichern soll. Man darf sich also darauf einstellen, dass zukünftig nicht nur Gas durch die Pipeline fließen wird, sondern auch der russische Einfluss.

Nicht ganz so hilfreich zur Seite gesprungen ist Gazprom übrigens, als es um die Reise des Schalker Anhangs zum Pflichtspiel in Krasnodar ging. Sieben Wochen lang hieß es, man werde schon einen Fanflieger organisieren, dann auf einmal war dem Vorstand das zu riskant. Schließlich sei ja Urlaubszeit in der russischen Industriestadt, deren Zahl gelisteter Sehenswürdigkeiten sich auf exakt eins beläuft. Gazprom rührte da keinen Finger, um in die Bresche zu springen. Und auch die von einem Aufsichtsrat vielgerühmte Männerfreundschaft brachte hier nichts ein. Nun ist offensichtlich alles ganz einfach. Man darf gespannt sein, ob es eine “Fan”reise dorthin geben wird. Es kommt halt darauf an, wer fragt.

Das Ende vom Lied damals: Viele Schalker blieben zu Hause, der Rest hatte dreieinhalb Wochen Zeit, den Trip nach Russland zu organisieren – und das bei den russischen Visumsbedingungen, die einfach ein Horror sind, überboten nur noch von den russischen Einreisekontrollen. Die UdSSR lässt grüßen. So war es nur eine Handvoll Schalker, die ihre Mannschaft auswärts unterstützte. Anders dagegen der russische Staat: Ein ganzer Block war gefüllt mit russischen Soldaten, die die Einpeitscher spielten. Und brav jedesmal zu Pfiffen aufforderten, wenn Schalkes ukrainischer Fußballer in die Nähe des Balls kam. Und nur der. So viel auch zum Thema, der Fußball sei unpolitisch.

Ja, Russland ist nun einmal Russland. Sportlich ist dieses Land – in Fortführung “bewährter” kommunistischer Tradition – vor allem durch Doping aufgefallen. Und durch Korruption. Ausgerechnet die Eröffnung eines Stadions, das neu gebaut wurde für eine Fußball-WM, deren Vergabe arg in die Kritik geraten ist, soll nun die Propagandamaschinerie ankurbeln. Und ausgerechnet dem FC Schalke 04 wird dabei die “Ehre” zuteil, diesen Plan zu unterstützen.

So berichtet der “Spiegel”: “An jenem 2. Dezember 2010, wenige Stunden nach der Entscheidung, landete Wladimir Putin in Zürich und gab kurz darauf eine bizarre Pressekonferenz. Als Putin, damals zwischenzeitlich Ministerpräsident, nach einer Weile anmerkte, er gehe davon aus, dass der Milliardär Roman Abramowitsch den russischen WM-Plan weiter unterstütze, zuckte Abramowitsch in seinem Stuhl mitten unter den Journalisten sichtbar zusammen und ging in Habachtstellung. Glaubt man den Erkenntnissen von Christopher Steele, dann haben die Verpflichtung Abramowitschs und anderer Oligarchen sowie die engere Einbindung des Gazprom-Konzerns den Ausschlag für die WM in Russland gegeben. Putin habe dies erst spät im Sommer 2010 angeordnet, weil er eine peinliche Niederlage der Bewerbung fürchtete. Zur WM 2010 in Südafrika tauchte dann Abramowitsch erstmals in Fifa-Kreisen auf, notierten Steele und andere Agenten in einem geheim gehaltenen Dossier des englischen Bewerbungskomitees.”

Ehrenrat, bitte übernehmen Sie!

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