Eine große Verarsche

(rk) Was sich Ende Januar beim kleinen, aber feinen Fußballclub Tennis Borussia (TeBe) Berlin abgespielt hat, spottet jeder Beschreibung. Eine – auch politisch und vereinspolitisch – aktive lila-weiße Fanszene musste sich komplett verarscht fühlen.

Schon seit Monaten lag der TeBe-Vorstand um Investor Jens Redlich mit großen Teilen der Fanszene und auch dem Aufsichtsrat im Clinch. Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung sollten fünf Plätze im Aufsichtsrat neu besetzt werden. Zehn Kandidaten stellten sich der Mitgliederversammlung vor, doch um die „getreuen“ Aufsichtsratskandidaten ins Amt zu wählen, soll Jens Redlich nach etlichen Augenzeugenberichten zu ganz speziellen Methoden gegriffen haben.

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Langjährige Mitglieder rieben sich auf der Versammlung die Augen, denn im Saal versammelten sich massenhaft neue Gesichter. Nach den Augenzeugenberichten waren dies neue Mitglieder, die anscheinend noch nie ein TeBe-Spiel verfolgt hatten. Dabei soll es sich nach Berichten der „taz“ um Bauarbeiter gehandelt haben, die direkt von der Arbeit kommend schon am Eingang Anweisungen erhielten, wie sie sich zu verhalten hätten.

„Die bulgarischen Bauarbeiter trugen Arbeitskleidung und wurden in einem Reisebus hergebracht. Sie konnten zuerst in keiner Mitgliederliste gefunden werden, dann hat man sie offenbar doch gefunden“, so Dennis Wingerter, stellvertretender Abteilungsleiter von der „Abteilung Aktive Fans von Tennis Borussia“ (TBAF), gegenüber der „taz“. „Es gab zwei größere neue Gruppen: die Bulgaren und viele, die nach Fitnessstudio-Belegschaft aussahen.“ Jens Redlich ist übrigens geschäftsführender Gesellschafter der Fitnesskette „Crunch Fit“ und seit 2016 Investor, seit 2017 Vorstandsvorsitzender im Verein. „Bei den früheren Mitgliederversammlungen waren es immer zwischen 50 und 100 Stimmen. Diesmal haben wir 568 gültige Stimmen gezählt. Zum Vergleich: Bei der Mitgliederversammlung vor zwei Jahren hatte TeBe 571 stimmberechtigte Mitglieder, anwesend waren davon 86. Ungefähr 150 Leute, die am Mittwochabend da waren, hatte ich noch nie gesehen“, wird Wingerter von der „taz“ zitiert.

Wenn die mutmaßlich angeheuerten Neumitglieder nicht wussten, wie sie abzustimmen hatten, warteten sie von vorn auf das Handzeichen des Vorstands und stimmten gleichsam ab, wird weiter berichtet. So kam, was kommen musste: Die fünf Getreuen Redlichs wurden in den Aufsichtsrat gewählt. Die mutmaßliche Aktion war dabei legal: Neue TeBe-Mitglieder dürfen sofort auf einer Mitgliederversammlung abstimmen.

Unter den „echten“ TeBe-Anhänger machte sich Ohnmacht breit. Juso-Chef und TeBe-Fan Kevin Kühnert twitterte: „Mit Tennis Borussia wird heute ein Traditionsclub nach allen Regeln der Kunst gekapert.“ Eine Farce. „Fassungslos“ war auch der Tenor in den Reaktionen an den Tagen danach. Dennis Wingerter berichtet weiter gegenüber der „taz“: „Die Stimmung ist miserabel, gestern Abend herrschte Schockstarre. Unter dem aktuellen Vorstand wird sich das nach gestern auch nicht mehr ändern.“

Die aktive TeBe-Fanszene suchte anschließend nach einem Ausweg. Nicht mehr mit uns, dachten große Teile von TBAF. Die aktiven Fans schalteten eine Annonce in der „Fußball-Woche“ und boten an, doch einmal bei anderen Klubs vorbeizuschauen. Und es gab einige Antworten darauf. Seitdem zieht die Ex-TeBe-Fan-Truppe unter dem Motto „Caravan of Love“ durch die unteren Berliner Ligen und unterstützt befreundete Vereine, darunter bislang Blau-Weiß Friedrichshain, TuS Makkabi Berlin, DFC Kreuzberg und Polar Pinguin.

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