„Rudi, ohne dich ist alles doof“

(rk) Sein Typus: Pott-Junge und Fußball-Macher. Sein Markenzeichen: Davidoff Grand Cru No.3. Sein Motto: „Wenn der Schnee schmilzt, sieht man, wo die Kacke liegt.“ Rudi ist von uns gegangen. Ohne ihn ist alles doof.

Als wir unsere letzte Ausgabe des SCHALKE UNSER vor den Toren der Arena verteilt haben, ging die Nachricht wie ein Lauffeuer durch die Schalker Fangemeinde: Rudi Assauer ist gestorben. Auch mir lief es bei dieser Nachricht kalt den Rücken runter, obgleich doch klar war, dass dies positiv betrachtet auch das Ende seines Leidens bedeutete. Rudi Assauer bedeutete für unseren Verein viel, so viel wie man es kaum in Worten ausdrücken kann. Wir versuchen uns hier trotzdem mal daran, auch in dem Wissen, dass es uns nicht perfekt gelingen kann.

Am 30. April hätte Rudi seinen 75. Geburtstag gefeiert. Rudi Assauer ist mit seiner zehn Minuten jüngeren Zwillingsschwester Karin in Sulzbach-Altenwald geboren. Mutter Elsbeth sucht in ihrer Heimat im Saarland Schutz vor den Bombenangriffen der Alliierten im Ruhrgebiet, Vater Franz ist zu der Zeit Soldat und gerät in russische Gefangenschaft. Doch schon nach zwei Wochen zieht es die Mutter mit den beiden Neugeborenen und ihren 13 Jahre älteren Bruder Lothar zurück nach Herten. Rudi Assauer verlässt schon mit 14 Jahren die Schule. Das ist damals nicht unüblich, gerade in Arbeiterkreisen ist es eigentlich normal, dass Kinder schon früh in die Lehre gehen. Rudi macht eine Lehre als Stahlbauschlosser. Doch im Kopf hat er die ganze Zeit nur eins: Fußball.

Wie Rudi selbst in einem WDR-Bericht sagte: „Um ein Uhr von der Schule gekommen, da haben wir die Klamotten in die Ecke geschmissen und es ging zum Fußball. Augustastraße ge-gen Herner Straße. Und dann ging’s weiter … Abends biste tot ins Bett gefallen, Schularbeiten nicht gemacht, alles scheißegal. Von meiner Zwillingsschwester hab ich immer alles abgeschrieben. So bist du groß geworden und da brauchtest du kein Training. Wir haben gekickt von morgens bis abends. Ich komme aus kleinen, ärmlichen Verhältnissen, das einzige, was wir hatten, war die Pocke. Meine ersten Fußballschuhe habe ich gekriegt, da war ich 14 Jahre alt.“

Nach seiner Ausbildung arbeitet er auch noch für ein halbes Jahr auf der Zeche Ewald in Herten. Aber der Fußball hat ihn gepackt und nicht wieder losgelassen. Sein Heimatverein ist die Spielvereinigung Herten, dort beginnt er mit acht Jahren, er spielt dort bis zur ersten Mannschaft. 1962 unterzeichnet er mit 18 Jahren seinen ersten Vertrag bei den Hertenern, die damals in der Regionalliga spielen. In Unna absolviert er für 18 Monate seinen Wehrdienst, in dieser Zeit tritt er auch für die Bundeswehrnationalmannschaft an.

Cover SCHALKE UNSER 98
SCHALKE UNSER 98

Und dann klopft der BxB an, bei dem er 1964 seinen ersten Profivertrag unterzeichnet, den er mit einer parallelen Lehre zum Bankkaufmann koppeln kann. Offenbar will er auch parallel zum Fußball hier schon Managementqualität aufbauen. Sein damaliger Trainer: der Alt-Schalker Hermann Eppenhoff. Der BxB hat in diesen Tagen eine überragende Mannschaft zusammengestellt. Hans Tilkowski im Tor, Aki Schmidt und „Hoppi“ Kurrat im Mittelfeld und im Sturm die herausragenden Siggi Held, Lothar Emmerich, Timo Konietzka und später auch Reinhard „Stan“ Libuda. Schon in Assauers erster Saison gewinnt der BxB den DFB-Pokal im Finale gegen Alemannia Aachen mit 2:0, wobei er allerdings nicht eingesetzt wird.

Privat stellen sich das erste Mal Vaterfreuden ein, Töchterchen Bettina wird am 3. Juli 1965 geboren. Die Mutter ist Rudis Jugendliebe Sonya Gottschalg, eine Parfümerie-Fachverkäuferin, mit der er fünf Jahre lang zusammen ist. „Damals war man ja erst mit 21 volljährig. Vorher musste man die Eltern fragen, wenn man heiraten wollte, doch Rudis Vater Franz war dagegen“, erinnert sich Bettina in dem Buch „Wie ausgewechselt“.

Als Rudi und Sonya volljährig sind, wollten sie nicht mehr heiraten, auch wenn ihre Verhältnis immer gut zueinander war: „Sonya war meine erste Liebe. Ein sehr hübsches Mädel, ein Schuss, wie man bei uns sagte. Sie hat sich liebevoll um mich gekümmert […] Wir sehen uns noch heute ab und zu, haben ein ganz normales Verhältnis“, so Rudi Assauer in dem Buch weiter.

Sportlich läuft es weiter rund, vor allem international. Der BxB schafft es bis ins Finale des Europapokals der Pokalsieger, der Gegner ist kein Geringerer als der FC Liverpool mit seinem legendären Trainer Bill Shankly. Nach Toren von Siggi Held und Roger Hunt geht es im Hampden Park von Glasgow in die Verlängerung. Dort trifft Stan Libuda mit einer sensationellen Bogenlampe zum 2:1-Siegtreffer. Die ganze Zeit mit auf dem Platz: Rudi Assauer.

Ende der 60er Jahre kommt Rudi mit seiner späteren Frau Inge zusammen. Im Dezember 1969 wird geheiratet, Tochter Katy kommt Anfang Mai auf die Welt und nach sechs Jahren und 119 Bundesligaspielen für den BxB wechselt Rudi an die Weser. Mitglied im Verein BxB ist Rudi Assauer allerdings bis zu seinem Tode geblieben.

In Bremen wird er sofort Stammspieler. In seiner Zeit als Spieler ist Rudi Assauer bei Werder lange Zeit Libero und auch Kapitän. Er erlebt den Pfostenbruch am Bökelberg – danach werden die Tore nicht mehr aus Holz, sondern aus Aluminium gefertigt. Insgesamt 188 Partien bestreitet er für Werder. Danach wechselt er im Mai 1976 im Alter von erst 32 Jahren nahezu nahtlos vom Rasen an den Schreibtisch und wird der erste hauptamtliche Bundesliga-Manager bei Werder Bremen. Er erlebt dabei gleich zu Beginn sportlich und finanziell turbulente Zeiten und in der zweiten Hälfte der Saison 1977/1978 muss er sogar für 15 Spiele als Trainer einspringen. Er führt die Mannschaft mit einem starken Endspurt auf Rang 15 und damit zum Ligaverbleib. Am Ende seiner Tätigkeit für die Grün-Weißen verpflichtet Assauer im April 1981 Trainer Otto Rehhagel.

Noch im Mai 1981 nimmt Rudi Assauer das Angebot des FC Schalke 04 an, dort Manager zu werden. Doch es ist zunächst ein Himmelfahrtskommando. „Auf Schalke gehen die Lichter aus“, ist nicht nur einmal zu lesen. Wegen der finanziellen Schwierigkeiten müssen Rolf Rüssmann und Rüdiger Abramczik an Borussia Dxxxmund verkauft werden. Assauer betreut die Mannschaft in den letzten drei Spielen der Saison, kann aber den Abstieg in die 2. Liga nicht mehr verhindern. Schalke versinkt in Tränen und Assauer muss Managerqualitäten zeigen. Es gelingt der direkte Wiederaufstieg. Die Freude ist von kurzer Dauer, in der Saison 1982/83 muss Schalke am Ende in die Relegation und verliert gegen Bayer 05 Uerdingen. In dieser Zeit debütiert der 17-jährige Olaf Thon im Mittelfeld der Schalker Knappen.

„Entweder schaffe ich Schalke oder Schalke schafft mich.“ Diese Worte bei seinem ersten Amtsantritt bleiben im Gedächtnis. Fünf Jahre später muss er erkennen, dass Schalke ihn geschafft hat ­- noch nicht endgültig, wie wir alle wissen, aber erst einmal reicht es ihm. Auslöser für die Entlassung Assauers ist 1986 die Verpflichtung von Trainer Rolf Schafstall. Vereinspräsident Dr. Fenne ist offenbar nicht mehr zufrieden mit der Arbeit von Diethelm Ferner. Doch ist es nur seine Arbeit? Dr. Fenne, Unternehmer aus Gladbeck, vermisst beim unauffälligen Ferner das aus seiner Sicht erforderliche „Charisma“ ­- ein „auf Schalke“ bis dahin noch nicht allzu häufig benutzter Begriff. „Bis dahin“, so Assauer, „hat die Zusammenarbeit mit uns ja nicht schlecht geklappt. Aber das Problem war, dass Dr. Fenne über Nacht plötzlich der Meinung war, irgendjemand habe ihm Fußballverstand eingeimpft.“ Das kann nicht gut gehen, und so geraten die beiden aneinander. Ohne Absprache mit Assauer beginnt Dr. Fenne die Verhandlungen mit Rolf Schafstall und gibt sodann dessen Verpflichtung bekannt. Assauer fühlt sich zu Recht übergangen: „Dann wollte ich die Vertragsverhandlungen mit Schafstall aufnehmen, da höre ich, dass das auch schon alles geregelt ist.“

Rudi Assauer, der schon immer einen guten Draht zu seinen Spielern hatte, merkt schnell, dass dies eine Verpflichtung mit fatalen Folgen sein würde. Schafstall und Assauer -­ das passt überhaupt nicht zueinander. Einem guten Saisonstart folgen katastrophale Leistungen auf dem Platz. Nach einer Serie von sieben Spieltagen ohne Sieg kriselt es in der Führungsriege gewaltig. Fenne, Manager Assauer und Trainer Schafstall schließen auf der Fahrt zum Freundschaftsspiel nach Rostock noch einmal Frieden, der jedoch unter dem Zwang ausbleibender Erfolge nur ein Waffenstillstand ist. Am 28. November verbannt Rolf Schafstall den Manager aus dem Trainingslager. In einer Marathonsitzung des Vorstandes und des Verwaltungsrates bis nach Mitternacht wird Rudi Assauer als Manager gegen den Willen des Verwaltungsrates vom Vorstand entlassen. Zur großen Überraschung aber erklärt Präsident Dr. Fenne am 6. Dezember vor dem Schlagerspiel gegen Bayern München selbst seinen Rücktritt ­aus persönlichen Gründen. Das Chaos ist perfekt und Schalke drückt eine Schuldenlast von 5,2 Millionen Mark. Heute wäre diese Summe nicht der Rede wert, damals machen sich die Schalker Vereinsmitglieder große Sorgen.

Assauer trifft die Entlassung tief, er will erstmal nichts mehr mit dem Profi-Fußball zu tun haben. Er geht zurück nach Bremen und versucht sich als Immobilienmakler. Es bleibt bei dem Versuch, denn das Geschäft liegt ihm nicht. Er hat Pech, einige Geschäfte gehen schief und schon steckt er in einer persönlichen Finanzkrise. Auch privat läuft es nicht, er trennt sich von seiner Frau Inge. Die beiden bleiben aber noch lange (bis 2007) verheiratet. Doch dann kommt ein Angebot des gerade in die 2. Liga aufgestiegenen VfB Oldenburg, vermittelt über Klaus Baumgart, der einen Hälfte des Gesangsduos „Klaus und Klaus“. Assauer fängt im Juli 1990 in Oldenburg an und erschrickt beim Betreten seines neuen Büros: ein Kabuff von ein paar Quadratmetern, immerhin mit einem Fenster. Aber Rudi Assauer ist ein Malocher, er krempelt die Ärmel hoch und packt an. Am Ende der Saison 1991/92 verfehlt seine Mannschaft denkbar knapp den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Der verpasste Aufstieg ist dennoch ein Wendepunkt – von da an geht’s bergab.

Im März 1993 ruft Schalke-Präsident Günter Eichberg den VfB Oldenburg-Manager an, er kommt schnell zum Punkt: „Herr Assauer, wir brauchen Sie. Es gibt Schwierigkeiten.“ Schalke steht das Wasser bis zum Hals, hat 20 Millionen DM Schulden. Der Lizenzentzug droht, weil der DFB die Auflösung des Eichberg’schen Konstrukts der Marketing GmbH fordert, die diese Schulden angehäuft hat. Rudi Assauer sagt am Telefon sofort zu.

Oldenburg ist zunächst überrascht und will Assauer nicht ohne Weiteres ziehen lassen. Man einigt sich darauf, dass Assauer eine zeitlang beide Vereine als Manager betreut: eine halbe Woche Oldenburg, eine halbe Woche Schalke. Rudi Assauer ist von seiner neuen Aufgabe begeistert und lässt sogar das Angebot des DFB für ein Programm „Aufbau Ost“ sausen. Er will es nochmal allen zeigen, vor allem den Kritikern aus seiner ersten Amtszeit. Und er will die Fehler von damals nicht wiederholen. Noch einmal Schalke – von dieser Chance hat er immer geträumt.

Aber der Berg an Arbeit ist riesig – und der Berg an Schulden noch höher. Es muss kräftig ausgemistet werden. Die Topverdiener Mihajlovic, Christensen und Borodjuk müssen gehen, es kommen Nemec, Mulder und Rückkehrer Olaf Thon, ein Jahr später der zweite Tscheche Radek Latal. Und es kommt mit Jörg Berger ein neuer Trainer. “Feuerwehrmann” Jörg Berger, der bereits den 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt aus dem Keller geführt hat, gelingt dies tatsächlich auch mit Schalke.

Assauer beweist ein goldenes Händchen, alles gelingt. 1996 wird Schalke Dritter und qualifiziert sich nach 19 Jahren wieder für den UEFA-Pokal. Dies ist noch drei Jahre zuvor bei dem Chaos in diesem Verein nicht vorhersehbar gewesen. Doch Assauer ordnet auch das Chaos, das Günter Eichberg und Helmut Kremers hinterlassen haben. Der Verein gibt sich eine neue Satzung, eine neue Gremienstruktur und die Lizenzen gibt es ohne Auflagen. Die Saison 1996/97 wird kein Schalker je vergessen, nie hat der Verein einen solchen Entwicklungsschritt gemacht. Doch zunächst deutet da nicht wirklich etwas darauf hin. Überraschend wechselt Rudi Assauer im Oktober den Trainer aus. Jörg Bergers Verhältnis zur Mannschaft ist nicht mehr intakt und das ist für Rudi Assauer das Zeichen für einen Wechsel. Auf der Suche nach einem neuen Trainer erinnert sich Assauer an Huub Stevens, Trainer bei Roda Kerkrade, dem Gegner in der ersten Runde des UEFA-Pokals. Rudi spricht ihm auf den Anrufbeantworter: „Ruf mich an, wenn du Interesse hast, Trainer auf Schalke zu werden. Tschüs!“ Huub Stevens hat Interesse, er ruft zurück und sie vereinbaren ein Treffen. Huub will das alles ziemlich geheim halten, damit es nicht auffliegt. Rudi soll in einem unauffälligen Auto kommen. Und was macht der? Kommt in seinem Dienstwagen, hinten drauf ein großer Schalke-Aufkleber. Huub Stevens ist trotzdem überzeugt, ein paar Jahre später wird er zum Jahrhunderttrainer gewählt.

Die Saison ist natürlich vom UEFA-Cup geprägt und da besonders vom Finalrückspiel in Mailand. Ganz Schalke ist elektrisiert. David gegen Goliath. Über 20.000 Schalker im Guiseppe-Meazza-Stadion, viele davon ohne Karte angereist, aber mit gefälschten Ticket-Fotokopien, die vor dem Stadion gehandelt werden, mit dabei. Egal, das Spiel heute müssen alle sehen und es beschwert sich auch niemand, dass es mal etwas enger wird. Das ist das Spiel der Spiele. Und dass Schalke hier in diesem Finale steht, und das auch noch gewinnt, ist vor allem Rudi Assauers Verdienst. Das weiß jeder im Stadion.

Für den FC Schalke 04 ist dieser Sieg ein Meilenstein in der eigenen Vereinsgeschichte. Rudi Assauer, der Architekt des Erfolgs, will nun auch „Architekt“ eines neuen Stadions werden. Eine neue Arena auf Schalke, davon spricht man schon lange, bestimmt seit 1991. Aber umgesetzt hat’s bislang keiner. Jetzt hat Schalke den notwendigen sportlichen Erfolg, die Vereinsstrukturen und Rudi Assauer als Manager – jetzt geht’s los! Am 21. November 1998 wird der Grundstein gelegt.

Der Umzug in die neue Arena ist für den Beginn der Saison 2001/02 geplant. Doch davor soll es noch eine denkwürdige Saison geben. Schalke wird „Meister der Herzen“. Und wieder hat Assauer ein goldenes Händchen. Er verpflichtet Ebbe Sand und Emile Mpenza, geht dabei ein hohes finanzielles Risiko ein, und holt „Heulsuse“ Möller an den Schalker Markt. Ein absolutes No-go für viele Schalker – auch für uns als SCHALKE UNSER. Wir erinnern uns da etwa an unser Titelbild „Brot statt Möller“. Der Möller-Transfer hat uns wirklich ganz schön zugesetzt. Das ist eine echte Bombe. Und Rudi hat uns dafür nach allen Regeln der Kunst auch „fertig gemacht“.

Wir schaffen es sogar in den DSF-Doppelpass, wo Rudi dann meint, dass wir ja überhaupt keine Ahnung hätten. Aber was Rudis Wort unter den Fans zählt, haben wir dann auch zu spüren bekommen: Das ist wohl bis heute das am schlechtesten verkaufte Heft für uns. Und sportlich ist der Möller-Transfer ein Volltreffer. Das letzte Saisonspiel – und zugleich das letzte Spiel überhaupt im Parkstadion ist an vielen anderen Stellen schon beschrieben worden. Es hätte der absolute Triumph werden können, so ist es aber nun der tragischste Moment der Vereinsgeschichte. Schalke tröstet sich mit dem Gewinn des DFB-Pokals eine Woche später gegen Union Berlin und wiederholt den Pokalgewinn im Jahr darauf gegen Bayer Leverkusen.

Bei den Feierlichkeiten gleitet der DFB-Pokal aus den Händen von Rudi Assauer, fällt vom Lkw-Anhänger auf die Straße. Zwar will Assauer die Schuld noch irgendwie Gerald „Blondie“ Asamoah in die Schuhe schieben, aber es ist wie es ist: Der Pokal hat einen Knicks, sieht aus wie der schiefe Turm von Pisa, Edelsteine sind herausgebrochen. Die Reparatur kostet später 34.000 Euro.

In den folgenden Jahren werden keine Titel mehr gewonnen. Schalke investiert viel. Zuviel? Neues Geld muss aufgenommen werden, das Ganze wird über eine riskante Schechter-Anleihe finanziert. Und Assauer liegt mit seiner Trainerverpflichtung Frank Neubarth ziemlich daneben. Der introvierte frühere Werder-Spieler passt nicht in die großen Fußstapfen, die Huub Stevens hinterlässt. Assauer holt den Grandseigneur der deutschen Trainergilde: Jupp Heynckes. Doch auch das hält nur ein gutes Jahr.

Andreas Müller, 2004 noch Team-Manager und rechte Hand von Rudi Assauer, hat den Einfall, Rangnick als Nachfolger von Jupp Heynckes zu verpflichten. Der Manager ist skeptisch, lässt sich aber überzeugen. Doch schon die Präsentation des neuen Trainers gerät zur Farce, als Assauer ihn mit „Rolf Rangnick“ vorstellt. Rangnick katapultiert das Schalker Team zu ungeahnten Höhenflügen, innerhalb weniger Wochen führt er das Team von einem Abstiegsplatz bis an die Tabellenspitze. Schalke avanciert zum ernsthaften Meisterschaftskandidaten, jedoch ist die Mannschaft in der Rückrunde zu ausgepowert, um den Bayern bis zum Schluss Paroli bieten zu können.

Dennoch winkt die Champions League mit sehr viel Geld. Die Vorrunde 2005/06 verläuft jedoch unbefriedigend, obwohl Schalke in der Liga solide Ergebnisse erzielt. Im Pokal unterliegt man 0:6 in Frankfurt und scheidet auch in der Champions League früh aus. Kurz vor der Winterpause beschließt der Vorstand, sich mit sofortiger Wirkung von Rangnick zu trennen, nachdem dieser schon angekündigt hat, seinen 2006 auslaufenden Vertrag bei Schalke 04 nicht zu verlängern.

Trotz der besten Punktebilanz aller auf Schalke tätigen Trainer bis dahin – ein Schnitt von 2,04 im ersten und 1,94 im zweiten Jahr – und dem Gewinn der Vizemeisterschaft wird Assauer nie warm mit dem intellektuellen Fußballlehrer. Für ihn passt der Schwabe nicht zu seiner Vorstellung vom volksnahen Ruhrpottklub. Mit einer Ehrenrunde verabschiedet sich Ralf Rangnick im Dezember 2005 von den Fans.

Bereits Ende 2004 gibt es bei Rudi Assauer die ersten Anzeichen seiner Alzheimer-Krankheit. Er vergisst schon mal Kleinigkeiten, wird tüddelig, bringt Dinge durcheinander. Im Verein schiebt man diese Aussetzer auf Assauers Alkoholkonsum. Es ist bekannt, dass er gerne ein Glas – oder auch mehrere Gläser – Veltins trinkt und daher auch als Werbe-ikone authentisch wirkt. Und Assauer ist das auch lieber, dass man denkt, es läge am Alkohol. Eine böse Ahnung hat er aber bereits, denn schließlich waren seine Mutter und sein Bruder bereits an Alzheimer erkrankt.

Über den Rangnick-Nachfolger brodelt nun die Gerüchteküche. Matthias Sammer und Ottmar Hitzfeld werden ins Gespräch gebracht und natürlich darf auch Christoph Daum nicht fehlen. Doch über den echten Nachfolger sind dann alle erstaunt, auch der Nachfolger selbst. Es wird im Januar 2006 der bisherige Co-Trainer Mirko Slomka. Und die Entscheidung darüber hat schon nicht mehr Rudi Assauer, sondern der Team-Manager Andy Müller getroffen.

Um Rudi Assauer wird es im Verein immer einsamer, er soll Informationen über die wirtschaftlich prekäre Lage des Vereins an den “Focus” weitergegeben haben. Private Darlehen sollen bei der Finanzierung von Transfers und bei der Überbrückung von Engpässen geholfen haben. Jedenfalls vermutet man ihn in Vorstands- und Aufsichtratskreisen als den „Maulwurf“. Man nimmt ihn in die Mangel und bekommt heraus, dass er sich tatsächlich mit Focus-Journalisten getroffen hat, diese aber schon das Zahlenmaterial vorliegen hatten und ihn damit lediglich konfrontierten. Entlastet wird Assauer dabei von Michael Huber, dem Generalbevollmächtigten der Veltins-Brauerei, der bei dem Treffen dabei gewesen ist.

„Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich niemals für solche Dinge hergeben würde. Solche Unterstellungen enttäuschen mich zutiefst“, sagt Assauer nach einer mehrstündigen Vorstandssitzung am 15. Mai 2006 mit Gerhard Rehberg (Vorsitzender), Josef Schnusenberg (Finanzvorstand), Geschäftsführer Peter Peters und Teammanager Andreas Müller. Der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies wütet: „Das ist ein dramatischer Vertrauensverlust, wenn Assauer zusammen mit Huber den Verein verraten hat. Man muss in den Gremien prüfen, ob eine weitere Zusammenarbeit noch möglich ist.“

Da sind die Würfel aber bereits gefallen. In Rheda kommt der Aufsichtsrat zusammen. Die Abstimmung endet 10:0. Keine einzige Stimme für Assauer, obwohl auch langjährige Wegbegleiter wie Olaf Thon und Rolf Rojek mit dabei sind. „Es haben sich einige Dinge summiert. Rudi Assauer hat mehrmals Vereinbarungen gebrochen, die wir vorher mit ihm getroffen hatten. Das ist kein Umgang. Dazu kamen die Alkoholprobleme. Das sind die Gründe, die den Aufsichtsrat an einer weiteren fruchtbaren Zusammenarbeit zweifeln ließen“, sagt Clemens Tönnies der „Recklinghäuser Zeitung“. „Der Verein leidet darunter. Wir brauchen eine top-professionelle Führung.” Die top-professionelle – und insbesondere nachhaltige – Führung des Vereins sucht Tönnies seitdem vergeblich.

Tönnies spricht aber auch davon, dass Assauer alle für ihn gebauten Brücken ausgeschlagen habe. Hiermit ist wohl die Nachfolge von Gerd Rehberg auf dem Präsidentenposten gemeint. Möglicherweise spielt Assauer vielleicht sogar wirklich mit diesem Gedanken, am Tag drauf aber kommt er auf der Pressekonferenz seiner Abberufung zuvor: „Ich lasse mich nicht zum Grüßaugust oder Frühstücksdirektor degradieren.“ Das ist das bittere Ende von Rudi Assauer auf Schalke. Noch im gleichen Jahr erhält Rudi Assauer die Diagnose seiner Krankheit. Er kann damit schlecht umgehen, verdrängt sie und vertraut sich auch niemandem an. Er ist noch bis 2009 mit der Schauspielerin Simone Thomalla zusammen.

2012 wird die Biographie von Rudi Assauer angekündigt und so fragen wir vom SCHALKE UNSER freundlich bei seinem Büro für ein Interview an. Klar könne man sich in Kürze treffen, heißt es, allerdings sei aktuell noch sehr viel für die Veröffentlichung der Biographie zu tun. Wir verabreden uns für zwei bis drei Wochen später.

Doch schon zwei Tage später platzt die große Bombe. Rudi hat Alzheimer. Unser erster Gedanke: Ach, du Scheiße! Das kann alles nicht wahr sein. Aber es ist wahr, und so schwierig und traurig es ist, man muss doch lernen, mit so einer Krankheit umzugehen. Unsere Verabredung jedenfalls hat Rudi nicht platzen lassen: Wir treffen uns mit ihm Anfang März 2012 in dem Gladbecker Brauhaus, das seine Tochter Bettina Michel führt und sprechen mit ihr, seiner Sekretärin Sabine Söldner und natürlich auch mit unserem früheren Manager Rudi Assauer, auch wenn sich das immer schwieriger gestaltet.

Bettina Michel nimmt ihren Vater bei sich auf, pflegt und betreut ihn. Sie bewohnt ein kleines Reihenhaus in Herten, Rudi wohnt auf der ersten Etage. Die Betreuung wird allerdings mit der Zeit immer schwieriger, die Krankheit schreitet massiv voran. Es gibt gute Tage und schlechte Tage. Die öffentlichen Auftritte werden immer rarer.

Bei der Veranstaltung „90 Minuten mit Huub Stevens“ nimmt Bettina ihren Vater noch einmal mit ins Medienzentrum in der Arena. In den Tagen zuvor geht es Rudi Assauer erstaunlich gut, an dem Tag aber ist er schlecht drauf. Bettina nimmt ihn trotzdem mit. Alle nochmal sehen. Huub Stevens, Mike Büskens, Hubert Neu, am Telefon Youri Mulder zugeschaltet. Aber das Publikum merkt auch, dass Rudi das alles nicht mehr einordnen kann.

Parallel plant Bettina, das Leben ihres Vaters zu verfilmen. Und das soll – genau wie das Leben von Rudi – etwas ganz Großes werden. Das Größte überhaupt. Es soll ein Weltrekord werden. Vier Jahre dauern die Dreharbeiten, am 4. Mai 2018 ist es endlich soweit: Der Film „Rudi Assauer – Macher. Mensch. Legende“ wird in der Arena uraufgeführt und es kommen 25.000 Zuschauer. Der Weltrekord einer Filmpremiere wird allerdings deutlich verfehlt (43.000 im Jahr 2015 in Mexiko). Doch immer wieder erheben sich die Zuschauer von den Sitzen und spenden langanhaltenden Applaus.

Am 6. Februar 2019 stirbt Rudi Assauer. Es ging ihm schon seit einigen Tagen nicht mehr gut, vermutlich wollte er auch nicht mehr leben. Rudi Assauer hat sich immer eine Beerdigung ohne viel Schnickschnack gewünscht. Am liebsten im engsten Familienkreis und anonym. So ist er dann auch im Hertener Friedwald beerdigt worden.

Dass der Verein eine große Trauerfeier veranstaltet, das war auch Rudi Assauer klar. Er hatte da nichts gegen, es war ihm aber auch nicht wirklich wichtig. Er wollte da einfach kein großes Brimborium um seine Person. Auf der Trauerfeier sind viele Weggefährten anwesend. Auch Christian Heidel ist dabei und er spürt an diesem Tag bestimmt die volle Wucht des Formats von Rudi Assauer.

Mag er selbst vieles vergessen haben zum Ende seines Lebens, er selbst bleibt unvergessen.

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