Mit Martin Max in Oberschlesien

(svs) „Die Unbedingtheit des Fußballs“ – dieses Zitat von Ini-Kollegin Susanne fasst den Geist unserer – selbstmurmelnd privat finanzierten – Studien- und Begegnungsreise ins schöne Oberschlesien bestens zusammen. Die guten Beziehungen zu unseren östlichen Nachbarn haben eine lange Tradition bei der Schalker Fan-Initiative. Und tatsächlich haben wir auch dieses Mal wieder viel gelernt, sind aber vor allem auch emotional und freundschaftlich mit den Menschen von „nebenan“ in Kontakt gekommen.

Garant dafür war das reichhaltige Programm, das uns Mac, höchstselbst Oberschlesier, zusammengestellt hatte. Und wenn das noch nicht „unbedingt“ genug war, dann spätestens die Erfahrungen rund um die „Familienzusammenführung“ mit Martin Max, ebenfalls ein gebürtiger Oberschlesier. So was erlebst du wahrlich nicht alle Tage.

Doch der Reihe nach: Los ging es an einem Freitag im September. Schon auf dem Flughafen Kattowice mussten wir feststellen, dass wir nicht alles über die Gesetzeslage in Polen wussten. Denn wie wir da so mit den ersten Dosen erfrischenden polnischen Biers vor dem Flughafengebäude standen, sahen wir in der Ferne bereits unseren Reiseleiter Maciej („Mac“) anrücken: kopfschüttelnd und mit wedelnden Armen. Warum wohl? „Bier weg!“ war die Antwort. Des Rätsels Lösung: In Polen ist es verboten, in der Öffentlichkeit Bier zu trinken. Kostenpunkt: rund 60 Euro. Da hatten wir aber Glück, dass der obligatorische Polizeiwagen zu diesem Zeitpunkt woanders unterwegs war.

Fan-Ini in Oberschlesien

Sogleich ging es getreu dem Motto „Keine Atempause, Reiseprogramm wird gemacht“ mit dem Auto nach Gliwice. Und zwar zum „Haus der Erinnerung an Juden aus Oberschlesien“, untergebracht in einer ehemaligen jüdischen Trauerhalle, die 1903 von dem bekannten Wiener Architekten Max Fleischer erbaut, und 2007 von der Stadt Gliwice restauriert und zu einem Museum umgebaut wurde. Nach einer spannenden und kompetenten Führung durch die Ausstellung zur Geschichte der Juden Oberschlesiens fand ein besonders inspirierendes Treffen statt: Extra für uns war der Leiter der Jüdischen Gemeinde von Katowice angereist. Sein Plädoyer: Lasst uns neben der Würdigung der Opfer des NS-Rassenwahns doch endlich mal das Vermächtnis und die großen Leistungen der deutschen Juden Oberschlesiens in den Blick nehmen. Denn dieses Vermächtnis sei in Gefahr, da sich niemand so richtig seiner Pflege annehme: Auch die nach der Vertreibung der deutschen Schlesier angesiedelten wenigen polnischen oder ukrainischen Juden hätten wenig Bezug zum Erbe der jüdischen Deutschen aus Oberschlesien. Dieses Treffen hat unseren Horizont noch einmal erweitert, indem wir einen ganz neuen Blick auf die Erinnerungskultur rund um die Shoah bekommen haben: Natürlich ist das Erinnern an die Verbrechen wichtig, aber genauso wichtig ist der Blick auf das Vermächtnis und das Erbe, das uns großartige jüdische Köpfe hinterlassen haben, um darauf stolz zu sein und es in unsere gemeinsame Zukunft mitzunehmen.

Tief beeindruckt ging es gleich weiter zum Radiosender Gleiwitz. Die imposante Holzkonstruktion ging in den letzten Tagen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in die Geschichte ein, weil die SS hier einen Überfall von „Polen“ auf eben diesen Sender inszeniert hatte. In Wirklichkeit handelte es sich um Deutsche in polnischen Uniformen. Hitler wollte damit einen „Grund“ für seinen eigentlich nicht zu rechtfertigenden Angriffskrieg auf Polen schaffen. Ging in die Hose, da die SS-Dilettanten glaubten, dass die Ansprache der vermeintlichen polnischen Angreifer bis Berlin zu hören sein würde. Waren sie aber nicht.

Knall auf Fall zum nächsten Programmpunkt: Besuch des alten Stadions von Polonia Bytom. Sollte abgerissen und neu gebaut werden. Allein, hat nicht geklappt. Und so verfällt die halb abgerissene Ruine weiter vor sich hin. Nur der Rasen war immer noch bestens gepflegt. Wir haben – natürlich völlig legal – einige blaue Sitze eingesackt, die nun ihren Platz im Fan-Laden gefunden haben.

Nach dem Check-In in unserem Bytomer/Beuthener Hotel besuchten wir noch die Arbeitsstätte von Macs Mutter: den Kreisfußballverband Beuthen. Hier kümmerte man sich rührend um uns. Gipfel der Gastfreundschaft war die besondere Ehre, die Susanne widerfuhr: Sie durfte das Pokalviertelfinale auslosen
– ordentlich protokolliert und auf Film festgehalten. Abends war dann endlich etwas Entspannung auf dem Bytomer Rynek (Marktplatz) angesagt.

Am Samstagmorgen begaben wir uns dann auf den „Spuren des Zweiten Weltkriegs“ durch Bytom. Natürlich ging es da auch um deutsche Geschichte, was an vielen Stellen im Stadtbild immer noch präsent ist. Aber Schlesien ist von vielen Völkern und Kulturen geprägt: Tschechen, Polen, Deutsche. Genau das macht auch das Besondere von Oberschlesien aus: eine ganz eigene Identität. Zum Abschluss der Stadtführung besichtigten wir noch den Luftschutzbunker der Nazis inmitten der Stadt: Bodenplatte aufgeschlossen und hinabgestiegen. Unser polnischer Stadtführer, ein Lehrer mit ganz besonderem militärhistorischem Interesse und Engagement, hatte den Bunker in Eigenleistung zu einem Museum zu den polnischen Kämpfern auf Seiten der Briten umgebaut. Der mit heftigen Ton- und Lichteffekten simulierte Einsatz von Fallschirmspringern im gegnerischen Flak-Feuer sollte gewiss der Höhepunkt sein, überforderte aber einige Mitglieder unserer Gruppe physisch und psychisch. Das Ambiente brachte gepaart mit entsprechenden Filmsequenzen den ganzen Wahnsinn von Krieg noch einmal ins Bewusstsein: Unwillkürlich versetzt man sich in die Lage derer, die ohne Wahl im geballten Flugabwehrfeuer abspringen mussten während die Flugzeuge um sie herum abgeschossen wurden, nur um einer höchst ungewissen nahen Zukunft des eigenen Lebens auf dem Boden entgegen zu sehen – sofern man nicht schon in der Luft von irgendwelchen Geschossen zerfetzt wurde. Wir konnten erahnen, was für eine brutale Zumutung der Krieg für Körper und Seele eines Menschen darstellt.

Und wo wir schon mal historisch unterwegs waren, konnte gleich die nächste Lektion kommen. Und zwar in Form des Museums der Schlesischen Aufstände in Świętochłowice. Diese Aufstände der polnischen Schlesier fanden im Anschluss an den 1. Weltkrieg statt. Oberschlesien sollte gemäß dem Friedensvertrag von Versailles zwischen Polen und dem Deutschen Reich geteilt werden. Während die Aufstände in Deutschland höchstens Historikern bekannt sein dürften, gehören sie in Schlesien zum nationalen Selbstverständnis. Auch dieser „andere“ Blick auf eine „andere“ Sichtweise auf unsere – letztlich gemeinsame – Geschichte ließ uns über den Tellerrand des eigenen Ge-
schichtsverständnisses blicken.

Fan-Ini in Oberschlesien

Nach so viel Historie brauchten wir alle mal ein bisschen Fußball. Selbstverständlich hatte Mac in unser Programm einige Groundhopping-Points eingeplant. Die ersten sammelten wir beim Spiel zwischen LGKS 38 Podlesianka und MKS Siemianowiczanka (3:2), wo Jacek anlässlich seines Geburtstags Whisky-Cola in einer Plastikflasche mitbringt (wie war das mit Alkohol und Öffentlichkeit?) und Frauen keinen Eintritt zahlen dürfen. Im Ernst: Unsere weiblichen Mitreisenden wollten, durften aber nicht.

Für den Sonntag war prominenter Zuwachs für unsere Reisegruppe angekündigt: Am Erdhügel der Befreiung, der tatsächlich aus der Erde der Schlachtfelder der schlesischen Aufstände besteht und einen fantastischen Panoramablick über Oberschlesien bietet, trafen wir Martin Max in Begleitung von Mitja, Mitarbeiter der Abteilung Fanbelange von S04.

Was macht Martin Max in Oberschlesien? Nun, er wurde da geboren und war nun auf Heimatbesuch. Doch dazu später mehr. Zunächst ging es in Macs Heimatstadt Piekary Slaskie, wo eigentlich ein großes Fußballturnier im Gedenken an den verstorbenen Vater von Mac und ehemaligem 2. Vorsitzenden des Schlesischen Fußballverbands, Krzysztof Seweryn, alljährlich stattindet. Leider fiel ein Großteil des Turniers buchstäblich ins Wasser, aber die jüngeren Kicker aus der Umgebung konnten ihre Spiele nach dem Regen noch austragen. Motiviert vom großen Vorbild Martin Max.

Nach dem Turnier stand dann unter anderem eine Visite im Kirchenmuseum von Piekary auf dem Programm. Langsam merkten wir, dass das Programm an die physische Substanz ging. Doch wir bewahrten die Contenance – zumal uns Mac ermahnt hatte, uns vor allem in dieser Örtlichkeit zu benehmen und nach Möglichkeit sowohl politischen wie weltanschaulichen Widerspruch für uns zu behalten. Die Katholische Kirche spielt in Polen bekanntlich eine ganz andere Rolle als in Deutschland: Während bei uns der kirchliche Einfluss immer weiter schwindet, gehört der Katholizismus für viele Polen quasi zum nationalen Selbstverständnis. Erklären lässt sich dies unter anderem durch die Rolle der Kirche im Widerstand gegen den Sowjet-Kommunismus, der nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland vielfach als zweite aufgezwungene Okkupation empfunden wurde. Aus säkularer deutscher Sicht irritiert die katholische Frömmigkeit zuweilen, zumal die Kollaboration weiter Teile der Kirche mit den Rechtsnationalisten in Polen nicht zu übersehen ist. Sodann ging es mit Martin Max im Gepäck in sein Heimatdorf Gorniki. Und siehe da: Trotz der langen Abwesenheit erkannte er einiges wieder und führte uns zu einem Friedhof, auf dem seine Oma begraben sein sollte. Und so begaben wir uns gemeinsam, allerdings erfolglos auf die Suche nach dem Grab der Oma von Martin Max. Und ja, das war so, wie es sich anhört: berührend, aber irgendwie auch skurril.

Cover SCHALKE UNSER 100

Weiter ging es ins Dorf hinein, zum Elternhaus von Martin. Schon hier hielten die ersten Autos und Passanten an, die Martin wiedererkannten. Sodann machten wir weitere Groundhopping-Points. Für uns waren die neu, für Martin Max nicht. Denn es handelte sich um seinen allerersten Fußballverein, quasi seinen Stammclub: Rodlo Gorniki. Auf dem etwas hügeligen Acker mit etwas Grasbewuchs fand gerade das Spiel zwischen der 1. Mannschaft und LKS Zgoda Repty statt. Die totale Kreisliga-Romantik. Schnell war Martin von Bekannten und Verwandten umringt, Fotos und Bilder wurden herbeigebracht. Und die deutsch-polnische Reisegruppe wurde sogleich mit frisch Gezapftem aus dem Vereinsheim versorgt. Standesgemäß gewann „unser“ Team das Spiel. Zu Ehren der besonderen Gäste wurde sogleich der Grill angeworfen und weiteres Bier herangeschafft. Die ganze Mannschaft ließ sich mit Martin ablichten und auch sonst musste gefühlt wirklich jede und jeder ein Selfie mit ihm haben. Passend dazu gab es auch einen kleinen Schrein im Vereinsheim, der mit Autogrammkarten und Zeitungsausschnitten des berühm-
testen ehemaligen Spielers von Rodlo Gorniki gefüllt ist.

Tja, wie kann man diesen Abend beschreiben? Er war legendär. Und hier zeigte sie sich dann in ihrer ganzen emotionalen und epischen Bedeutung: die Unbedingtheit des Fußballs. Wir haben viele tolle Gespräche geführt und eine gute Visitenkarte der Schalke-Fans abgegeben – Völkerverständigung at its best.

Besonders emotional war es natürlich für Martin, der nach knapp 20 Jahren erstmals wieder in seiner alten Heimat zu Besuch war. Ergreifend auch seine tränenerstickte Feststellung, dass er hier jetzt nicht weg könne und dem gebuchten Hotel die Nacht bei der Verwandtschaft in Gorniki vorziehen müsse. Unter „Martin Max“- und „Schalke 04“-Rufen verabschiedeten wir uns dann ohne Martin in unser Hotel. Diesen Abend kann man leider nicht adäquat in Worte fassen – man musste schon dabei gewesen sein.

Am folgenden Montag, unserem letzten Tag der Reise, trafen wir Martin Max in Tarnowskie Gory (Tarnowitz) wieder. Wohlbehalten, aber immer noch emotional sehr berührt. Nach weiteren kleinen Programmpunkten und einem ordentlifhen Regenguss fuhren wir zurück zum Flughafen und nahmen Abschied vom schönen Oberschlesien, dem Ruhrgebiet Polens. Schön war’s, spannend und inspirierend.

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